6-Stunden-Arbeitstag – Märchen oder bald auch in Deutschland?

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Zwei Stunden weniger pro Tag arbeiten und das bei vollem Lohn? Was für uns beinahe wie ein Märchen klingt, ist in Schweden bereits Realität. Zumindest startete das skandinavische Land vergangenen Herbst einen ersten Test. Doch wussten Sie eigentlich, dass es sich bei dem 6-Stunden-Arbeitstag um keine neue Erfindung handelt? Wieso aber konnte sich das System bislang nicht durchsetzen? Und wie läuft das Experiment in Schweden bis dato? Wir sehen heute einmal genauer hin…

1. Ist der 6-Stunden-Arbeitstag eine neue Erfindung?
2. Was spricht für den 6-Stunden-Arbeitstag?
3. Erfahrungsberichte zum 6-Stunden-Arbeitstag
4. Das Problem ist nicht der 6-Stunden-Arbeitstag
5. Also ist der 6-Stunden-Arbeitstag ein Konzept für die Zukunft?

Ist der 6-Stunden-Arbeitstag eine neue Erfindung?

Der 8-Stunden-Arbeitstag, wie wir ihn heute die Regel nennen, wurde in Deutschland im Jahr 1918 eingeführt. Allerdings schätzen Experten, dass in der Realität die deutschen Arbeitnehmer durchschnittlich 41,5 Wochenstunden arbeiten. Je nach Branche sogar deutlich mehr: Demnach gaben in einer im Jahr 2014 durchgeführten Umfrage 65 Prozent der Beschäftigen in Kommunikationsagenturen an, über 50 Stunden pro Woche zu arbeiten.

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Sechs Stunden am Tag und dann nach Hause gehen? Angesichts dieser Zahlen klingt das für viele Arbeitnehmer nach einem echten Märchen. Ein Märchen, das aber schon lange in den Köpfen der Politiker herum zu geistern scheint: Bereits im Jahr 1932 schrieb der Philosoph Bertrand Russel, dass aufgrund des technologischen Fortschritts die wöchentliche Arbeitszeit in der Industrie schon bald auf 20 Stunden gesenkt werden könne, unter der Voraussetzung einer guten Organisation und Kommunikation. Die deutsche Familienministerin Schwesig forderte bei ihrem Amtsantritt eine Familien-Vollzeit bei 32 Wochenstunden mit gleichbleibender Bezahlung. Und auch Österreich sollte der 6-Stunden-Arbeitstag bereits bekannt sein, schließlich wurde er hier bereits lange Zeit in Spitälern praktiziert.

Was spricht für den 6-Stunden-Arbeitstag?

Doch irgendwie scheint die Politik für solche Ideen kein Ohr zu haben. Dabei gäbe es durch die flächendeckende Einführung des 6-Stunden-Arbeitstages doch so viele offensichtliche Vorteile –nicht nur für die Arbeitnehmer:

  • ausgeglichenere Work-Life-Balance
  • höher Konzentrationsfähigkeit
  • Schonung der Gesundheit
  • Steigerung der Motivation
  • bessere Leistungsfähigkeit
  • uvm.

Sind die Nachteile des 6-Stunden-Arbeitstages also so viel größer als die Vorteile? Oder haben die europäischen Länder einfach Angst, durch „noch strengere“ Arbeitszeitenregelungen irgendwann mit Brasilien, China, Indien & Co nicht mehr mithalten zu können? Wie sehen die ersten Erfahrungen mit dem 6-Stunden-Arbeitstag aus?

Erfahrungsberichte zum 6-Stunden-Arbeitstag

Trotz der fehlenden zwei Stunden Arbeitszeit pro Tag, scheint das Experiment in Schweden derzeit zu einem vollen Erfolg zu werden: Arbeitgeber und auch Sie seien weniger ausgebrannt, wenn sie das Büro verlassen, und hätten noch Energiereserven für eine ausgewogene Work-Life-Balance übrig. Der CEO des schwedischen Unternehmens „Filimundus“, Linus Feldt, lässt in einem Interview verlauten, dass er seit der Umstellung auf den 6-Stunden-Arbeitstag im Jahr 2014 keine Veränderungen hinsichtlich der Produktivität in seinem Unternehmen feststellen könne. Im Gegenteil: Er erlebe die Mitarbeiter fokussierter und produktiver, so Feldt weiter. Seiner Meinung nach kann das Konzept 6-Stunden-Arbeitstag durchaus funktionieren, wenn die Arbeitnehmer sich dementsprechend in ihren Gewohnheiten umstellen. Denn, mal ehrlich, sind Sie acht Stunden lang hoch produktiv? Viele Mitarbeiter erreichen irgendwann im Laufe des Arbeitstages ihre Energiegrenze und beschäftigen sich dann mit Kaffeetrinken oder dem Surfen auf Facebook – und das ist vollkommen menschlich.

Das Problem ist nicht der 6-Stunden-Arbeitstag

Laut Experten liegt das eigentliche Problem des 6-Stunden-Arbeitstages deshalb auch ganz woanders: Die Komplexität und Schnelligkeit der Anforderungen an einen Mitarbeiter führen das Gehirn an seine Grenzen. E-Mails checken, Meetings absitzen, Telefonate führen, Dokumente durch Hierarchien reichen…hierin enthalten sind zahlreiche, eigentlich unnötige Aufgaben, die viel Zeit brauchen. Mehr Zeit eben, als sechs Stunden pro Tag. Finden hier keine Reduzierung der Aufgaben und damit eine Fokussierung auf wirklich wichtigen Tätigkeiten statt, bringe der 6-Stunden-Arbeitstag die Mitarbeiter im Gegenteil sogar noch mehr unter Stress, so der Wiener Neurologe Dr. Lalouschek. Seiner Meinung nach liegt das eigentliche Problem unserer modernen Arbeitswelt in der Absurdität des Systems und dem andauernden Multitasking. Dies sei der wahre Grund, weshalb die Arbeitnehmer am Abend so unglaublich erschöpft die Arbeitsstelle verlassen und langfristig psychisch wie körperlich unter dem Stress leiden.

„Multitasking widerspricht den Gesetzen unseres Gehirns. Wir sind sehr gut darin, fokussiert eine Tätigkeit auszuüben“, so Lalouschek und deckt sich an dieser Stelle wieder mit der Meinung von Feldt.

Das Fazit lautet also: Würden wir es schaffen, die Komplexität der Arbeitswelt und das Multitasking zu reduzieren und uns stattdessen wieder fokussiert auf die wirklich wichtigen Tätigkeiten konzentrieren, wäre der 6-Stunden-Arbeitstag ein durchaus funktionierendes Konzept.

Also ist der 6-Stunden-Arbeitstag ein Konzept für die Zukunft?

In der Theorie ist der 6-Stunden-Arbeitstag umsetzbar. In der Praxis jedoch, erscheint er bislang noch utopisch. Die notwendigen Veränderungen in den Prozessen und Strukturen der Unternehmen sowie im routinierten Arbeitsalltag der Mitarbeiter wären momentan noch sehr groß. Stattdessen geht der Trend nämlich vom 8-Stunden-Tag zur ständigen Erreichbarkeit – auch in der Freizeit. Vielleicht schaffen es die Vorreiter aus Schweden ja, europäische Politiker und Arbeitgeber von den zahlreichen Vorteilen des 6-Stunden-Arbeitstages zu überzeugen und es findet ein Umdenken statt. Spannend bleibt es allemal…

Beitrag von

Mirijam Franke

Mirijam Franke ist freiberufliche Texterin und Autorin. Die studierte Medienwirtschaftlerin aus Friedrichshafen am schönen Bodensee stieg nach ihrem Abitur bereits im zarten Alter von 18 Jahren als Lektorin in der Industrie ein. Seit Oktober 2014 unterstützt sie unser Team von Arbeits ABC mit Textbeiträgen und Ratgebern rund um die Arbeitswelt.

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