Arbeitsstress: die wahren Gründe der Überbelastung

Schlagwörter wie Termindruck und Arbeitspensum tauchen immer wieder auf, wenn die Stressfaktoren im Job unter die Lupe genommen werden. Doch was führt wirklich zu berufsbedingten psychischen Erkrankungen?

In einem Interview fand die Psychologin Andrea Lohmann-Haislah, Autorin des „Stressreport Deutschland 2012“, einige Antworten. Lesen Sie ihre Erklärungen, wie im Arbeitsalltag Stress entsteht und wie wir uns selbst entlasten können. Sie erfahren auch, worauf Arbeitsgeber zukünftig achten müssen, damit ihre Mitarbeiter nicht krank werden. Schon deshalb sollten alle Beteiligten die Gründe für Überbelastung kennen und ernst nehmen.

Bisher konnte die Wissenschaft noch keine hinreichende Antwort darauf geben, was Stress eigentlich ist – und was dazu führt, dass wir ihn spüren und er uns bis zur Krankheit belastet. Andrea Lohmann-Haislah definiert „psychisch belastende Arbeit“ folgendermaßen:

Wenn mehr von uns gefordert wird, als wir meinen, leisten zu können, entsteht Stress. Allein hohe Anforderungen oder hohe Belastung führen nicht automatisch zu emotionaler oder körperlicher Erschöpfung.

Um zu erklären, warum die Seele in bestimmten Arbeitssituationen nicht mehr mitspielt, weist die Psychologin auf die Stressforschung hin. Diese beschäftigt sich mit der Balance zwischen Anforderungen und Ressourcen.

Als eine dieser Ressourcen gilt der Handlungsspielraum, über den der einzelne Arbeitnehmer verfügt – ob er beispielsweise sein Aufgabenpensum selbst einteilen und Pausen selbst festlegen kann. Die Stressforschung konzentriert sich auch auf die soziale Unterstützung, die am Arbeitsplatz seitens der Kollegen zur Verfügung steht. Die Kommunikation mit den Vorgesetzten spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Entsteht jedoch zwischen den Ressourcen und den Anforderungen ein Ungleichgewicht, empfinden wir Stress.

Daraus folgt, dass anstrengende Jobs mit zahlreichen Herausforderungen möglicherweise weniger belastend sind als eine einfache, aber stark reglementierte Arbeit. Aus der eingangs erwähnten Studie geht deutlich hervor, dass Ingenieure und Naturwissenschaftler psychisch besonders stark belastet sind. Die Ursachen dafür liegen in dem hohen Leistungs- und Termindruck und der Anforderung, verschiedene Dinge parallel erledigen zu müssen. Doch eben diese Berufsgruppe gibt im „Stressreport“ am wenigsten gesundheitliche Beschwerden an.

Demgegenüber klagen Mitarbeiter, die nur einfache Tätigkeiten ausüben, stark über Belastungen wie Zeitdruck oder Multitasking. Dies kommt besonders bei Jobs mit geringem Handlungsspielraum und kaum spürbarer sozialer Unterstützung zum Tragen.

Die Psychologin erläutert, dass ein gutes Arbeitsklima bei der Bewältigung von Stresssituationen entspannend wirken kann. Dennoch könne niemand „ohne Ende draufpacken“. Erholung sei ein wichtiger Faktor, um seelischer und physischer Erschöpfung vorzubeugen.

Im Hinblick auf die Verantwortung der Arbeitgeber, arbeitsbedingten psychischen Belastungen entgegenzuwirken, empfiehlt Andrea Lohmann-Haislah den Unternehmen, eine Gefährdungsbeurteilung vorzunehmen. Diese fordert auch der Gesetzgeber in § 5 des Arbeitsschutzgesetzes, indem er ausdrücklich die psychischen Belastungen mit einbezieht. Im Klartext heißt das, der Vielzahl von Aufgaben und Anforderungen im Job-Alltag Rechnung zu tragen.

Das ist nicht ganz einfach, weil sich die Tätigkeiten und Branchen stark voneinander unterscheiden. Deshalb muss jedes Unternehmen bei sich beginnen und schauen, welche körperlichen und seelischen Gefährdungen es bei ihm vor Ort gibt. Und daran schließt sich die Frage an: Was können wir dagegen tun? Wie hoch der Termindruck in der Firma ist, gehört zum Beispiel auf den Prüfstand – ebenso die Länge der Arbeitszeiten. Das Unternehmen sollte sich ebenfalls fragen, ob die einzelnen Arbeitsabläufe auf eine menschengerechte Art gestaltet sind.

Für Stress gibt es kein Thermometer

So richtig befriedigend sind die Darlegungen der Expertin eigentlich nicht, oder? Der Interviewer nennt sie sogar „sehr schwammig“. Darauf entgegnet Andrea Lohmann-Haislah: „Wir haben leider kein Fieberthermometer für Stress. Prävention von der Stange gibt es nicht. Es ist natürlich viel einfacher, körperliche Belastungen zu erfassen. Aber die Arbeit wandelt sich. Die geistig seelischen Anforderungen nehmen in fast allen Bereichen zu, in unterschiedlicher Form. Viele Termine, E-Mails und Anrufe, aber auch umständliche Organisationsstrukturen machen die Arbeit stressiger. Umso mehr, wenn die Mitarbeiter keine Chance sehen, sich konstruktiv einzubringen.“

Auf die viel zitierte „Sinnhaftigkeit“ der Arbeit angesprochen, sagt die Psychologin, Sinn in seiner Tätigkeit zu sehen, sei natürlich eine Quelle, auf die man zurückgreifen könne, um die eigene Seele im Lot zu halten. So sei es schließlich kein Zufall, dass in Deutschland am stärksten Menschen ohne Job von psychischen Krankheiten betroffen sind. Schon dies sei ein Beweis dafür, wie „sinnstiftend und selbstwertbildend Arbeit wirken“ könne.

Wir fragen euch: Welche Faktoren im Job sorgen denn bei euch für den meisten Stress? Gehört ihr zu den Beschäftigten, bei denen bereits berufsbedingte Krankheiten diagnostiziert wurden?

10 Kommentare

  1. Angelika V Neumann on

    Unfähigkeit mancher Kolleg(inn)en, ordentlich im Team zu arbeiten, stockender oder/und mangelnder Informationsfluß, um Kolleg(inn)en eins “auszuwischen”, falsche Einschätzung von Kompetenzen, Aufschieberitis im Arbeitsablauf… etc.

  2. Das alles immer rucki zucki gemacht werden muss damit die kunden fertige ware kaufen können ( Bäckerei )
    Man muss halt viele dinge gleichzeitig machen

  3. Folko Stank on

    In der Regel kommt es immer wieder auf den selben Nenner. Franz von Assisi nannte es Erwartungen. Er sagte ungefähr folgendes: Habe Hoffnung und keine Erwartungen, dann kannst Du viele Wunder erleben und keine Enttäuschungen. Erwartungen führen zu Enttäuschungen und Enttäuschungen führen zu Stress – oder?

  4. Dona Elisabel on

    Die Erwartung, daß man alles aufeinmal machen muß..keine Fehler, keine pausen, ewiger Druck vom Chef. .aber immer freundlich bleiben und lächeln. .

  5. Der größte Stressfaktor sind Möchtegern-Führungskräfte, welche an Legasthenie leiden und antisozal gestört sind. Gibt genug von diesen Mogelpackungen 😉

  6. Esther Reindel on

    Darüber könnte ich ein Buch schreiben, als Artikel in meinem Blog erst mal angefangen: http://bluelotus.myblog.de. Ich steig jetzt aus nach 27 Jahren, weil ich es nicht mehr ertragen kann. Bore-out, Mobbing, Bossing, Missmanagement – das Peter-Prinzip in Reinkultur!, Outsourcing als moderne Sklaverei u. v. m. – ich bin physisch und psychisch am Ende und möchte nicht warten, bis mich der Krebs noch heimsucht!

  7. Goßner Martha on

    Guten Morgen Frau Reindel,
    Ihr Kommentar, auch zwischen den Zeilen, ist genau die Situation in der ich mich zur Zeit befinde.
    Bossing, Bore-out, Mobbing, Krankeiten die von der Psyche hervor gerufen sind etc. Würde mich gerne, per E-Mail, mit Ihnen über so einiges unterhalten. Wenn Sie das auch wollen schreiben Sie mir.

    Vielen Dank
    Martha Goßner

  8. Esther Reindel on

    Liebe Frau Goßner,

    gern können Sie mich anschreiben, wenn Sie den Austausch möchten, und entschuldigung, dass ich erst so spät geantwortet habe
    Liebe Grüße

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