The Working Dead – So reduzieren Sie Überstunden

0

Wie meine Kollegen im Artikel „Im Trend: längere Arbeitszeiten – vor allem bei Selbstständigen“ bereits herausgearbeitet haben, nehmen in Deutschland die Realarbeitszeiten immer weiter zu. Aus 35 Wochenstunden werden 40, dazu zehn Überstunden pro Woche, abends etwas länger bleiben, morgens etwas früher anfangen…Der Arbeitsalltag in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Nicht aber die Gesetzeslage: Der Arbeitnehmerschutz ist immer noch streng geregelt und damit auch die zulässigen Arbeitszeiten. Das Problem: Viele Arbeitnehmer wissen gar nicht mehr, was nun eigentlich erlaubt ist und was nicht. Oder sie trauen sich schlichtweg nicht, ihrem Chef einmal Paroli zu bieten. Wir möchten Ihnen deshalb nützliche Tipps mit auf den Weg geben, wie Sie Ihre Überstunden reduzieren können.

1. Wie viel arbeiten wir Deutschen? – Ein kurzer Vergleich
2. Wieso machen wir eigentlich Überstunden?
3. Arbeitszeitregelung in Deutschland – was Sie dürfen und was nicht
4. 5 nützliche Tipps zur Reduktion von Überstunden

Wie viel arbeiten wir Deutschen? – Ein kurzer Vergleich

Es ist durchaus spannend sich einmal anzusehen wie viel wir Deutschen eigentlich arbeiten und wie das im Vergleich dazu in anderen Ländern aussieht. Schließlich haben wir den Ruf besonders fleißig zu sein. Tatsächlich steht Deutschland im europäischen Vergleich aber nur im Mittelfeld, wenn wir uns einmal die durchschnittlichen Wochenstunden ansehen – es sei aber bemerkt, dass die Produktivität während dieser Stunden natürlich nicht in der Statistik gemessen werden konnte. So ergibt sich bei einer von Statista veröffentlichten Umfrage zu den durchschnittlichen Wochenarbeitsstunden in der Europäischen Union im Jahr 2014 ein doch eher unerwartetes Bild:

  1. An der Spitze steht mit 44,2 Wochenstunden Griechenland – hätten Sie das gedacht?
  2. Auf dem zweiten Platz folgt Österreich mit 43 Stunden pro Woche.
  3. Nur knapp dahinter, mit 42,9 Wochenstunden, befindet sich das Vereinigte Königreich.
  4. Und Deutschland? Mit durchschnittlichen 41,5 Wochenarbeitsstunden liegen wir erst auf dem elften Platz, hinter Portugal, Polen, Zypern, Slowenien, Tschechien, Slowakei und Spanien. Übrigens: Mit diesen 41,5 Stunden pro Woche liegen wir auch direkt auf dem gesamteuropäischen Durchschnittswert.
  5. Am kürzesten arbeiten übrigens die Arbeitnehmer in Dänemark, die in der Umfrage auf rund 38,8 Wochenarbeitsstunden kommen.

Zugegeben: Große Unterschiede sind es nicht zwischen 38,8 und 44,2 Wochenarbeitsstunden. Dennoch, auf dem elften Platz hätten wir Deutschland eher nicht vermutet. Uns interessiert daher noch einmal ein genauerer Blick auf die Wochenarbeitszeit der Deutschen: Welche Berufsgruppen arbeiten eigentlich am meisten? Eine weitere Umfrage gibt uns hierzu Aufschluss: Vor allem die Beschäftigten im Lehrwesen, Baugewerbe und Gastgewerbe machten im Jahr 2011 zehn oder mehr Überstunden pro Woche. Immerhin 23 Prozent sind es zudem in der Informationsbranche und 19 Prozent im Gesundheitswesen.

Statistik: Anteil der Beschäftigten mit zehn oder mehr Überstunden pro Woche nach Wirtschaftszweigen im Jahr 2011 | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Letzteres, das Gesundheitswesen, möchten wir auch hier noch einmal genauer unter die Lupe nehmen, schließlich stehen vor allem Kliniken immer wieder öffentlich in der Kritik, aufgrund der hohen Anzahl an Überstunden und der daraus resultierenden Überarbeitung des Personals – mit nicht immer harmlosen Folgen. Demnach gaben im Jahr 2013 fast die Hälfte der Klinikärzte an, insgesamt 49 bis 59 Stunden pro Woche zu arbeiten. Drei Prozent kommen gar auf unglaubliche 80 Wochenarbeitsstunden:

Statistik: Klinikärzte: Wie hoch ist Ihre tatsächliche Wochenarbeitszeit inkl. Überstunden und Bereitschaftsdienste im Durchschnitt? | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Wieso machen wir eigentlich Überstunden?

Die spannende Frage, die mir an dieser Stelle in den Sinn kommt, ist: Wieso arbeiten wir eigentlich so viel? Was treibt die deutschen Arbeitnehmer an, mehr und mehr Überstunden zu machen? Die Antwort scheint eindeutig zu sein: Der Arbeitgeber erwartet es, davon gehen zumindest 73 Prozent der Befragten im Jahr 2015 aus:

Statistik: Inwieweit trifft die Aussage
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Allerdings steckt hier zum Teil – je nach Branche – auch schlichtweg die Angst vor dem Jobverlust dahinter oder die Hoffnung auf eine große Karriere. Der Arbeitgeber wird sich jedenfalls nicht über Ihre Mehrarbeit beklagen, zumindest so lange sich diese im legalen Bereich bewegt. Überschreiten Sie nämlich die gesetzlichen Grenzen der Arbeitszeitregelung, kommt Ihr Arbeitgeber unter Umständen in Schwierigkeiten und Sie schaden nicht nur Ihrer Gesundheit, sondern durch die geringere Leistungsfähigkeit und die höhere Fehleranfälligkeit eventuell auch Ihrer Karriere.

Arbeitszeitregelung in Deutschland – was Sie dürfen und was nicht

Wenn Sie genauere Informationen zum Arbeitszeitgesetz sowie dessen Hintergründen wünschen, finden Sie unter „Arbeitszeitgesetz: Gesetzliche Regelungen zur Arbeitszeit in Deutschland“ einen spannenden Artikel. Hier sollen kurz die wichtigsten Arbeitszeitregelungen zusammengefasst werden:

  • Die tägliche Arbeitszeit liegt bei höchstens acht, in Ausnahmefällen maximal zehn Stunden.
  • Ab sechs Arbeitsstunden pro Tag müssen Sie mindestens 30 Minuten Pause machen, ab neun Stunden mindestens 45 Minuten.
  • Die Ruhepause zwischen Arbeitsende und -beginn muss mindestens elf Stunden betragen.
  • An Sonn- und Feiertagen dürfen Arbeitnehmer nicht arbeiten – es sei denn auf Sie trifft eine der Sonderregelungen zu.

Diese Gesetze wurden nicht ohne Grund erlassen: Sie sollen in erster Linie die Gesundheit der Arbeitnehmer wahren und diese vor Ausbeutung schützen. Doch wie schaffen Sie es nun eigentlich, Ihre Überstunden zu reduzieren? Vor allem dann, wenn es der Chef erwartet oder durch die Kollegen eine Art „Gruppenzwang“ herrscht?

5 nützliche Tipps zur Reduktion von Überstunden

1. Lernen Sie „Nein“ zu sagen:

Oft sind es nicht die eigentlichen Arbeitsinhalte, die zu viel Zeit in Anspruch nehmen und dafür sorgen, dass der Feierabend immer weiter in die Ferne rückt. Häufig sind es die kleinen Ablenkungen des Alltags, welche die größten Zeitfresser bei der Arbeit darstellen. Sagen Sie daher einfach auch einmal „Nein“ zur Kaffeepause, zum Plausch mit den Kollegen oder zu Arbeitsaufgaben, für welche Sie eigentlich gar nicht zuständig sind. Klar möchten Sie kollegial sein und Ihrem Tischnachbarn unter die Arme greifen – doch wenn dies in ständigen Überstunden resultiert, sind Sie am Ende der/die Leidtragende. Lernen Sie deshalb, Ihre Prioritäten bei der Arbeit richtig zu setzen und auch einmal „Nein“ zu sagen.

2. Den Arbeitstag planen:

Besonders gut funktioniert diese Strategie, wenn Sie Ihren Arbeitstag konkret geplant haben. Nehmen Sie sich jeden Abend, bevor Sie nach Hause gehen, noch einmal fünf bis zehn Minuten Zeit und planen Sie den nächsten Tag. Welche Aufgaben fallen an? Welche Meetings stehen auf dem Plan und welche Telefonate möchten Sie führen? Lassen Sie zudem stets ein wenig Puffer für unerwartete Zeitfresser. So können Sie am nächsten Tag strukturierter und produktiver starten und Ihre Überstunden reduzieren.

3. Apropos Produktivität:

Produktivität auf der Arbeit ist das A und O, wenn Sie Ihre Überstunden reduzieren möchten. Mit den richtigen Kniffen können Sie in den regulären acht Stunden nämlich deutlich mehr schaffen als Sie vielleicht denken würden. Wie? Das lernen Sie im Artikel „Produktivität steigern: 3 + 7 Ansätze für mehr Leistung im Job“.

4. Nutzen Sie Leerzeiten:

Auch Leerzeiten am Arbeitstag wollen sinnvoll genutzt sein. Natürlich dürfen Sie auch einmal eine Pause einlegen oder den neuesten Klatsch und Tratsch mit den Kollegen austauschen. Doch nicht jede Leerzeit muss gleich zur Arbeitspause werden. Im Gegenteil: Nun haben Sie Zeit für Prioritätenlisten, Tagespläne, Organisation des Postfaches, Besprechung mit dem Kollegen oder weitere kleine Tätigkeiten, die Sie schon lange erledigen wollten, die auf der To-Do-Liste aber immer weiter nach unten gerutscht sind. Freizeit haben Sie dann schließlich nach dem pünktlichen Feierabend noch ausreichend.

5. Petzen!

Es mag ein ungewöhnlicher Tipp sein, doch wenn alles nichts hilft, dürfen Sie gerne auch einmal petzen gehen. Wenn Ihr Arbeitgeber ständig Überstunden von Ihnen verlangt und dabei gesetzliche Arbeitszeitregelungen überschreitet, Sie aber nicht kündigen möchten, sollten Sie Hilfe bei einer Kontrollinstanz suchen. Wenden Sie sich hierfür am besten an die zuständigen Gewerkschaften oder im Notfall auch an die Gewerbeaufsichtsbehörde. Achten Sie aber unbedingt darauf, dass Ihre Anonymität gewahrt wird, ansonsten haben Sie bestimmt bald auf der Arbeit größere Probleme als „nur“ viele Überstunden…

Überstunden sind ein schwieriges Thema in Deutschland, denn während ein oder zwei Stunden Mehrarbeit am Tag für viele Arbeitnehmer mit Gleitzeitmodell ein echter Segen sind, leiden gerade jene im Niedriglohnbereich unter der zunehmenden Arbeitsbelastung und der immer weiteren Ausdehnung der gesetzlichen Grauzonen, was zuletzt durch den Mindestlohn noch verschlimmert wurde.

Was denken Sie zum Thema „Überstunden“? Wir warten gespannt auf Ihre Anregungen, Erfahrungen und vielleicht weiteren Tipps und Tricks…

Beitrag von

Mirijam Franke

Mirijam Franke ist freiberufliche Texterin und Autorin. Die studierte Medienwirtschaftlerin aus Friedrichshafen am schönen Bodensee stieg nach ihrem Abitur bereits im zarten Alter von 18 Jahren als Lektorin in der Industrie ein. Seit Oktober 2014 unterstützt sie unser Team von Arbeits ABC mit Textbeiträgen und Ratgebern rund um die Arbeitswelt.

Schreiben Sie einen Kommentar