Fluide Intelligenz: Wer stetig lernt, bleibt länger schlau

Im Artikel „Kristalline Intelligenz: Altersweisheit ist trainierbar!“ haben wir Ihnen bereits erklärt, dass grundsätzlich zwischen zwei verschiedenen „Arten“ von Intelligenz unterschieden wird. Mit der kristallinen Intelligenz haben wir uns also schon auseinandergesetzt. Nun steht die Frage im Raum: Was hat es mit ihrem Gegenpart, der „fluiden Intelligenz“ auf sich?

Inhalt
1. Definition: „Fluide Intelligenz“ als angeborener IQ
2. Fluide Intelligenz ist die Grundlage der kristallinen Intelligenz
3. Fluide Intelligenz „schrumpft“ ab dem 25. Lebensjahr
4. Fluide Intelligenz trainieren: So bleiben Sie auch im „Alter“ auf Trab!
5. Exkurs: Induktives vs. deduktives Denken
6. Trainingsmöglichkeit #1: Sudoku
7. Trainingsmöglichkeit #2: Kreuzworträtsel
8. Trainingsmöglichkeit #3: Gehirnjogging
9. Fazit: Fluide Intelligenz fördern kann Spaß machen – muss aber nicht sein

Definition: „Fluide Intelligenz“ als angeborener IQ

Der Persönlichkeitspsychologe Raymond Bernard Cattell prägte im Jahr 1971 die sogenannte Zweikomponententheorie. Demnach lässt sich die Intelligenz eines Menschen in zwei Faktoren untergliedern: Die kristalline und die fluide Intelligenz. Letztere beschrieb er als genetisch bedingte – also angeborene – Fähigkeit zur

  • Problemlösung,
  • Intuition,
  • Flexibilität,
  • Schlussfolgerung,
  • Kreativität,
  • Logik,
  • Entwicklung neuer Ideen,
  • Situationsorientierung und
  • Verarbeitungsgeschwindigkeit.

Moderne Studien haben diese Zweikomponententheorie aufgefasst und tiefergehend untersucht. Experten gehen heutzutage davon aus, dass die fluide Intelligenz schon ab einem sehr frühen Lebensalter wieder abnimmt, während die kristalline Intelligenz – die „Altersweisheit“ – erst ab 65 Jahren oder später stagniert beziehungsweise rückläufig ist. Doch nicht nur in diesem Aspekt hängen die beiden „Faktoren“ der Intelligenz zusammen.

Fluide Intelligenz ist die Grundlage der kristallinen Intelligenz

Gemäß Zweikomponententheorie besteht die Intelligenz zwar aus einem angeborenen und einem erlernten Teil, doch lassen sich diese beiden nichts strikt voneinander trennen. Die fluide Intelligenz stellt stattdessen die Grundlage für die Entwicklung der kristallinen Intelligenz dar:

Fluide Intelligenz ist die zwingende Voraussetzung für das Lernvermögen eines Menschen und damit auch für dessen kristalline Intelligenz.

Das bedeutet: Je besser die fluide Intelligenz eines Menschen ist – also seine Problemlösungskompetenzen, sein Kombinationsvermögen, das Erkennen von logischen Zusammenhängen und vieles mehr – umso besser und schneller wird er auch seine kristalline Intelligenz ausbilden. Etwas abstrahiert könnten wir also sagen: Die fluide Intelligenz bestimmt über die Qualität und die kristalline Intelligenz über die Quantität Ihres Wissens. So ergibt sich zwischen kristallinem und fluidem Faktor eine Art geschlossener Kreislauf:

Kristalline Intelligenz bildet sich durch hohe fluide Intelligenz besser und schneller aus

Fluide Intelligenz ist vom physischen Zustand des Arbeitsgedächtnisses abhängig

Um letzteren Aspekt besser verstehen zu können, sehen wir uns einmal kurz die Abbauprozesse des Gehirns und deren Effekte auf die Intelligenz genauer an.

Fluide Intelligenz „schrumpft“ ab dem 25. Lebensjahr

Die prinzipielle Überzeugung der Forschung lautet zum Status Quo: Fluide Intelligenz ist angeboren, kristalline Intelligenz wird hingegen erlernt. Dennoch entwickelt sich die fluide Intelligenz in der Kindheit und Jugend noch einmal je nach Förderung besser oder schlechter. Auch sie ist also zumindest teilweise erlern- beziehungsweise trainierbar.

„Die Jugend ist die Zeit, die Weisheit zu lernen. Das Alter ist die Zeit, sie auszuüben.“
(Jean-Jacques Rousseau)

Fakt ist aber, dass die fluide Intelligenz bereits in einem frühen Lebensalter abzunehmen beginnt. Über den genauen Zeitpunkt sind sich die Forscher uneinig. Vermutlich ist er ohnehin von Person zu Person unterschiedlich. Die verschiedenen Angaben in der Literatur zum Thema bewegen sich jedoch stets zwischen 20 und 30 Jahren. Nehmen wir also einfach den Mittelwert und sagen: Ab etwa dem 25. Lebensjahr ist die fluide Intelligenz rückläufig. Dies hängt vermutlich mit der altersüblichen lokalen Verkümmerung des rechten Kleinhirns zusammen, also der Abnahme der synaptischen Plastizität des Gehirns:

Während das Gehirn also in jungen Jahren noch „plastischer“ ist, nimmt diese synaptische Plastizität in der Regel mit zunehmendem Alter ab. Gerade in jenen Gehirnarealen, in welchen die fluide Intelligenz vermutet wird – dem medialen Temporalcortex und dem präfrontalen Cortex – laufen diese Abbauprozesse besonders schnell ab. Sie können zudem durch äußere Einflüsse, wie zum Beispiel Stress, beschleunigt werden.

Lese-Tipp:Stress lässt Gehirn schrumpfen: Wie Sie gegensteuern

Gleichzeitig ist es aber auch möglich, diesen Abbau der synaptischen Plastizität zu verlangsamen oder, zumindest zeitweise, gänzlich zu stoppen. Wie? Indem gezielt neue Synapsen gebildet werden – und das geschieht durch Lernen. Wer also stetig neue Dinge lernt, seien es eine Fremdsprache, ein Hobby oder soziale Kompetenzen, hält sein Gehirn dadurch in einem physisch besseren Zustand, der wiederum eine höhere fluide Intelligenz zur Folge hat. Sie kann demnach durch gezieltes Training der kristallinen Intelligenz simultan verbessert werden.

Aber: Da die fluide Intelligenz wie bereits erwähnt nicht „nur“ angeboren, sondern eben teilweise auch trainierbar ist, können Sie diese auch gezielt – also nicht nur indirekt mittels kristalliner Intelligenz – über das 25. Lebensjahr hinweg fördern. Wie?

Fluide Intelligenz trainieren: So bleiben Sie auch im „Alter“ auf Trab!

Wie Sie Ihre kristalline Intelligenz – und damit indirekt auch die fluide – trainieren können, haben wir Ihnen bereits im Artikel „Kristalline Intelligenz: Altersweisheit ist trainierbar!“ verraten. Doch neueste Untersuchung ergaben, dass es entgegen der Annahme der Zweikomponententheorie auch möglich ist, die fluide Intelligenz gezielt zu fördern. Empfohlen wird hierfür ein Training auf fünf Ebenen:

Ebene 1PraktikabilitätSuchen Sie sich eine Trainingsmethode aus, welche Sie problemlos in Ihren Alltag integrieren können. Je niedriger der Aufwand ist, umso eher werden Sie langfristig am Ball bleiben. Nutzen Sie zum Beispiel eine App bei der morgendlichen Busfahrt zur Arbeit oder belegen Sie jeden Dienstagabend einen Volkshochschulkurs.
Ebene 2AbwechslungBringen Sie Abwechslung in Ihr „Intelligenztraining“, um Langeweile zu vermeiden. Zudem halten Sie Ihre „grauen Zellen“ besonders in Schwung, wenn sie regelmäßig neue Herausforderungen meistern müssen. Also fangen Sie heute eine neue Sportart an und nächstes Jahr eine neue Fremdsprache. Oder trainieren Sie an einem Tag mittels App und am nächsten via Brettspiel mit Freunden und Bekannten. Hauptsache, Ihnen wird nicht langweilig!
Ebene 3IndividualitätWählen Sie Methoden, zum Beispiel Apps aus, bei welchen Sie die Inhalte gezielt individualisieren können. Sie wissen ja: In jedem Bereich des Lebens erzielen Sie das beste Training im perfekten Mittelmaß zwischen Über- und Unterforderung.
Ebene 4ZieleNur ein zielgerichtetes Training wird Ihnen Erfolgserlebnisse bescheren. Setzen Sie sich daher konkrete Ziele, wie sich besser Namen merken oder schneller Rechenaufgaben lösen zu können. So sehen Sie schnell erste Resultate und bleiben langfristig motiviert.
Ebene 5GanzheitlichkeitDurch Spezialisierung werden Sie zum Experten auf einem Gebiet. Diesen Effekt können Sie im Berufsleben Tag für Tag beobachten. Doch bei dem Intelligenztraining möchten Sie eine ganzheitliche Verbesserung Ihrer geistigen Fähigkeiten erreichen, von der kristallinen bis zur fluiden Intelligenz, vom logischen Denken über Kreativität und von einem großen Wortschatz über eine schnelle Auffassungsgabe bis hin zu einem verbesserten Kurz- oder Langzeitgedächtnis. Achten Sie daher auf ein ganzheitliches Trainingsprogramm mit vielen unterschiedlichen Facetten.

 

Ein wirklich „gutes“ Training der fluiden Intelligenz verknüpft verschiedene Aufgabenstellungen und fördert Sie so gemäß der Ebene 5 „Ganzheitlichkeit“ in mehreren Bereichen gleichzeitig. Erinnern Sie sich an die gute alte Textaufgabe im Mathematikunterricht? Hier mussten Sie nicht nur das Zahlenproblem lösen, sondern erst einmal die mitunter komplexe Problemstellung verstehen und dabei Ihr Sprachverständnis üben. So sieht effizientes Training der fluiden Intelligenz aus! Also, wieso holen Sie nicht einfach wieder einmal Ihre eingestaubten Mathebücher heraus und probieren sich an den einst so verhassten Textaufgaben?

Exkurs: Induktives vs. deduktives Denken

Aber keine Sorge, es gibt noch zahlreiche weitere und auch spaßigere Möglichkeiten, um Ihre fluide Intelligenz vor dem Abbau zu bewahren. Vor allem im Bereich der Computerprogramme und Apps hat sich hier in den letzten Jahren einiges bewegt. So nutzen moderne Programme neuerdings gezielt wissenschaftliche Trainingsmethoden, um sowohl das induktive als auch das deduktive Denken zu fördern. Diese zwei Bestandteile der fluiden Intelligenz können wie folgt definiert werden:

  1. Deduktives Denken verwendet bekannte Zusammenhänge, um daraus logische Schlussfolgerungen zu ziehen. Es wird also Bekanntes auf Unbekanntes übertragen.
  2. Induktives Denken beschreibt eine andere Art des „schlussfolgernden Denkvermögens“. Hierbei kann der Mensch eine Ursache wahrnehmen, bewerten und daraus ihre Wirkung erschließen. Es geht also darum, Unbekanntes auf Bekanntes übertragen.

Das klingt nun alles sehr abstrakt, deshalb möchten wir es Ihnen an einem simplen Beispiel erläutern:

Deduktives Denken: Alle Hunde fressen gerne Fleisch. Ich habe einen Hund. Also frisst auch mein Hund gerne Fleisch.

Induktives Denken: Ich habe einen Hund. Mein Hund frisst gerne Fleisch. Also fressen alle Hunde gerne Fleisch.

Um eben diese zwei Arten des Denkens und damit Ihre fluide Intelligenz zu fördern, stehen Ihnen sowohl klassische Trainingsmöglichkeiten als auch moderne Varianten zur Verfügung:

Trainingsmöglichkeit #1: Sudoku

Die guten alten japanischen Logikrätsel sind eine exzellente Möglichkeit, um Ihre fluide Intelligenz wieder in Schwung zu bringen. Entweder greifen Sie klassisch zu Stift und Papier oder aber Sie holen sich eine der zahlreichen kostenfreien Apps auf das Smartphone oder Tablet:

Trainingsmöglichkeit #2: Kreuzworträtsel

Ebenso wie das japanische Sudoku finden Sie das klassische Kreuzworträtsel in quasi jeder Tageszeitung. Hierbei handelt es sich um ein Training sowohl für Ihre fluide als auch kristalline Intelligenz. Und auch dabei müssen Sie natürlich schon lange nicht mehr zu Papier und Stift greifen, wenn Sie nicht möchten:

Trainingsmöglichkeit #3: Gehirnjogging

Einen wahren Hype erleben gerade Apps für das sogenannte „Gehirnjogging“. Hierbei handelt es sich um Trainingsprogramme mit gezielten Übungen für die fluide (sowie manchmal auch kristalline) Intelligenzförderung. Je nach Programm, können Sie Individualisierungen vornehmen, Ihren Fortschritt tracken oder spielerische Aufgaben mit Spaßfaktor lösen. Probieren Sie es aus!

Fazit: Fluide Intelligenz fördern kann Spaß machen – muss aber nicht sein

Dank modernster Technik wird es immer einfacher, die fluide Intelligenz auch mit steigendem Alter auf Trab zu halten – und das macht zugleich eine Menge Spaß. Doch keine Sorge: Die Abbauprozesse im Gehirn finden viel langsamer statt als häufig vermutet. Gerade die jüngeren Generationen verfügen heutzutage über eine viel bessere Bildung als noch vor einigen Jahrzehnten. Sie starten also bereits mit „mehr“ fluider Intelligenz in den Abbauprozess und haben daher noch viel „Luft“.

Außerdem ist die physische Verfassung eines Menschen mittlerweile in der Regel bis ins hohe Alter deutlich besser – auch jene des Gehirns. Zuletzt stellt die immer komplexer werdende (Berufs-) Welt Sie ohnehin regelmäßig vor neue Herausforderungen und fördert dadurch vollautomatische Ihre fluide Intelligenz. Auch ohne Training werden Sie daher nicht mit Mitte 30, 40 oder 50 plötzlich „verdummen“. Allein aufgrund des Spaßfaktors sind die modernen Gehirnjogging-Apps aber dennoch einen Versuch wert.

Können Sie uns an dieser Stelle beipflichten? Welche Apps oder sonstigen Trainingsmöglichkeiten verwenden Sie und können Sie bereits positive Effekte bemerken? Oder ist das Ihrer Meinung nach ohnehin alles nur „Chichi“? Teilen Sie uns Ihre Meinung und App-Tipps in den Kommentaren mit!

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