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Work-Life-Balance: Ein Paradoxon

Veröffentlicht: 06.01.2009 um 12:33 von Stephan_Siemens

Wer Life-Work-Balance googelt, erzielt gut 100.000 Treffer. Work-Life-Balance dagegen bringt es auf knapp drei Millionen Einträge – merkwürdig: Die Arbeit ist schon da, und dann kommt noch das Leben … Dabei stammt der Begriff Work-Life-Balance ursprünglich aus der Frauenbewegung. Das Problem der Doppelbelastung von Erwerbs- und Hausarbeit soll frau durch sinnvolle Organisation bewältigen. Die Harvard Business School hat dieses Schlagwort aufgegriffen und von seinem Mauerblümchendasein bis ins höchste Management katapultiert. Überdies hat sie den Ausdruck „Hausarbeit“ durch das „Privatleben“ ersetzt. Seitdem ist es in aller Munde. Denn ohne Work-Life-Balance ist Burn-out programmiert – und zwar quer durch alle Berufsgruppen und Gesellschaftsschichten.

Work-Life-Balance zielt darauf ab, Gleichgewicht zwischen Beruf und Privatleben herzustellen. Doch legt man beides auf die Waage, wiegt die Arbeit ungleich schwerer. Denn nicht das Leben ist vorausgesetzt und die Arbeit eine der Lebenstätigkeiten des Menschen, sondern umgekehrt: Die Arbeit ist schon da, um die herum – und als Gegengewicht – das eigene Leben stattfindet. Wobei die Kunst darin besteht, durch was auch immer eine Balance herzustellen.

Angestrebt wird, in der Freizeit die Erschöpfung zu kompensieren, die mit der Arbeit einhergeht. Oft werden unter diesem Titel Managementmethoden für das Privatleben empfohlen: Auch beim Entspannen hat man keine Zeit zu verschwenden! Der Autor eines aktuellen Buches über Burn-out schlägt vor, Yoga, Tai Chi, Qi Gong oder eine andere Entspannungstechnik zu erlernen. Dabei solle man sich Ziele setzen, Maßnahmen überlegen und den Fortschritt mittels Buchführung kontrollieren. So wird das eigene Leben zum Management-Projekt.

Es ist, so scheint es, ein Mangel an Selbstmanagement, wenn man Probleme hat, die zu einem Burn-out-Syndrom führen. Aber Management – auch Selbstmanagement – verhindert nicht Burn-out. Im Gegenteil: Die gegenwärtigen Formen des Managements führen Burn-out explizit herbei. Die Quellen der Belastung sind die Beziehungen zwischen den Menschen in der Arbeit. Bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren die Unternehmen in ihrer Arbeitsorganisation an (berechenbarer) Maschinenarbeit orientiert. Heute sind das organisatorische Rückgrat eines Unternehmens die Kooperationsbeziehungen der im Unternehmen beschäftigten Menschen.


Diese werden indirekt so gesteuert, dass sie von selbst – d.h. ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen – mehr, länger und intensiver arbeiten. Sie setzen sich auch gegenseitig unter Druck, im Sinne des Unternehmens mehr, effektiver und effizienter zu arbeiten. Das Selbst der Beschäftigten wird – vermittelt über die

Kooperationsbeziehungen mit den Kollegen – im Sinne des Unternehmenszwecks beeinflusst und modifiziert. Obwohl es ihre eigene Lebens- und Arbeitstätigkeit ist, verlieren sich viele Beschäftigte in dieser Form der Arbeitsorganisation selbst. Sie müssen nicht lernen, sich selbst besser zu managen, sie müssen lernen, sich mit dem Management, dem sie unterzogen werden, und dem sie sich womöglich auch selbst unterziehen, kritisch auseinanderzusetzen.

Bei Burn-out handelt es sich genau genommen nicht um eine Krankheit, sondern um die Notwendigkeit, sich selbst in seinem Leben wiederzugewinnen. Das ist unverzichtbar, weil die Formen des Managements darauf abzielen, das Selbst der Beschäftigten mit dem Unternehmenszweck zu besetzen. Dagegen hilft kein Selbstmanagement, sondern nur Auseinandersetzung mit dem Management. Die lohnt sich, denn wir Menschen haben nur ein Leben. Und: Meine Zeit ist mein Leben.

Phil. M.A. Stephan Siemens (Jg. 1954) studierte Philosophie, Theologie sowie
Früh- und Urgeschichte. Er lebt und arbeitet in Köln. Als Freier Philosoph in der Erwachsenenbildung bietet er im Bereich Burnout-Prävention Seminare zum
Thema „Meine Zeit ist mein Leben!“ an

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Kategorie: Kategorielos
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