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#1
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| Aus gegebenem Anlass, da hier immer wieder deutlich wird, wie verzerrt das Bild ist von denen, die am Ende die Bewerbungen empfangen, lesen, bewerten und die Gespräche führen, habe ich mir schon seit ein paar Tagen gedanken über die Erstellung dieses Threads gemacht. Aus datenschutzrechtlichen Gründen werde ich sämtliche Zahlen, Namen, Regionen etc. abändern. Die Geschichten sind inhaltlich allerdings nach wahren Begebenheiten beschrieben. Um jedweden Wiedererkennungswert auf Null zu setzen werde ich allerdings zeitlich freie Folgen wählen und auch die Berufsgruppen und Branchen teils verändern. __________________________________________________ ________ Montag in aller Frühe, es ist knapp 8.30 Uhr und ich kämpfe gegen die allmorgendliche Begeisterung über die Wiederkehr an meinen Schreibtisch. Immerhin geht es den Kollegen nicht besser, die Zustände reichen von angeschlagen bis komatös. Guter Durchschnitt für einen Montag. Vor 11.00 Uhr nimmt niemand einen Telefonhörer in die Hand, der nicht zeitkritisches zu klären hat. Montag Morgen hat ohnehin niemand Zeit. Die Emails und der Posteingang vom Wochenende will bearbeitet sein und die Wochenenden sind Ballungsräume berufstätiger Bewerbungsschreiber. Also widme auch ich mich in geübter Routine meinem berstenden Posteingang. Die 15 freundlichen Antwortmails auf Absagen, die mir beteuern, dass das Interesse an einer Zusammenarbeit ungebrochen ist und man gerne bei anderer Gelegenheit wieder aufeinander zurückkommen würde, nehme ich wohlwollend zur Kenntnis. Mehr nicht. Dann landen sie im Papierkorb. Ich schreibe in arbeitsarmen Wochen 30-40 Absagen mindestens. Unmöglich, sich hier zu merken wer besonders freundlich noch einmal sein Interesse bekundet hat. 2 weitere Reaktionen auf Absagen sind dabei. Beide nachfragend, woran es denn gelegen habe. Allerdings liegt der Tonfall jeweils auf unterschiedlichen Planeten. Da wäre Herr Müller: "Sehr geehrte Frau ...., schade, dass es nicht geklappt hat [...] um mich persönlich und beruflich weiterentwickeln zu können ist es mir wichtig zu verstehen, in welchen Punkten ich meine Kompetenzen erweitern sollte..[...] bitte Sie daher um ein kurzes Feedback zu meiner Bewerbung." Verstehen kann ich ja das Bedürfnis nach einem konkreten Feedback um es besser machen zu können und wer so nett fragt, dem soll geholfen werden. Also prügle ich mich gedanklich mehrere Minuten lang gedanklich mit dem AGG und kann mich nicht entscheiden ob "zu hemdsärmlig für diese Stelle" eine bedenkliche Aussage im Sinne des AGG sein könnte. Ich entscheide mich am Ende für eine diplomatische aber durchaus zutreffende Formulierung: ".. wollen mit anderen Bewerbern fortfahren, die aufgrund des insgesamten Werdeganges noch besser zur offenen Stelle passen. [..] hatte nichts mit Ihrer fachlichen Qualifikation im direkten Sinne zu tun." Mehr kann ich für ihn nicht tun. Der Gesetzgeber hat dafür gesorgt, dass ich Kriterien, nach denen wir uns Partner, Freunde und eben auch Kollegen und Mitarbeiter aussuchen nicht mehr beim Namen nennen darf in der wirren Vorstellung, sie würden dann nicht mehr ins Gewicht fallen. Stattdessen lehne ich nun eben den zu jungen Bewerber ab, weil "andere besser qualifiziert sind" und zu alte Bewerber weil "andere besser qualifiziert sind" und norddeutsche Bewerber die in ein schwäbisches Unternehmen nicht passen mit "andere besser qualifiziert sind." Denn einstellen weil man muss ist nicht und Ehrlichkeit ist auch nicht mehr. Spaß macht das nicht. Grade den netten, wirklich interessierten Bewerbern würde ich lieber stichhaltiges Feedback geben. Aber ich darf nicht. Herr Meier, die zweite "Feedbackanfrage" schlägt einen anderen, nicht minder bekannten Ton an:"[...]eindeutig um eine Fehlentscheidung handeln[...] erfülle alle Anforderungen der Stellenausschreibung[...] wie Sie bei genauer Prüfung meiner Unterlagen sicherlich feststellen werden[...] werde mich telefonisch mit Ihnen in Verbindung setzen." Mein Kollege grinst schon breit. Er kennt diesen Blick. Wieder mal einer, der meine Kompetenz in Frage stellt, die Entscheidung für oder gegen ihn zu treffen. Im nächsten Schritt wird er nach dem Entscheider verlangen, also dem operativen Vorgesetzten. Gut seine faktischen Chancen nach diesem Ereignis jemals im Unternehmen zu arbeiten sinken auf -10%, allein schon aufgrund der demonstrierten Professionalität. Aber immerhin hat er mal auf den Tisch gehaun. Ich schreibe pflichtbewusst eine Email, erwähne, dass der Bewerbungseingang leider massiv war und lobe die fachliche Qualifikation des Bewerbers. Wenn es ein ganz nerviger ist, erwähne ich vielleicht noch, er wäre überqualifiziert. Dann ist in der Regel Ruhe. Danach drücke ich einen kleinen Knopf in meinem System, in dem die Bewerbungen abgespeichert werden. Dieser Knopf wird dafür sorgen, dass dieser Bewerber auch bei späteren offenen Stellen nichts von uns hören wird, auch wenn ich diese Stelle nicht bearbeite. "Akzeptiert Absage nicht" steht kurz und knapp drin im Datensatz. Es ist inzwischen 10.30 und mein Telefon klingelt. Also brennt es entweder irgendwo, oder irgendjemand weiß nicht von der "Montags vor 11 hat keiner Zeit"-Regel. Es meldet sich ein etwas unsicher wirkender Mann mittleren Alters. Er habe da eine Stellenausschreibung gesehen und hätte da noch ein paar Fragen. Gut, bei Fragen helfe ich gerne, immerhin sparen wir uns beide Zeit, wenn wir in 3 Minuten Telefonat feststellen, dass die Stelle nichts für den Bewerber ist. Allerdings frage ich mich, woher er meine Nummer hat. Immerhin steht die nicht in der Anzeige. Er habe sich durchgefragt. Von der Zentrale aus. Na denen werd ich helfen, einfach meine Durchwahl rauszugeben... Welches Produkt genau es denn sei. Kenntnisse in CAD habe er ja weitreichend aber Projektleitung habe er noch nicht gemacht. Inoffiziell auch nicht, frage ich. Doch, da schon. Na, da haben wir es doch. Er soll mir seine Unterlagen schicken. Klingt gar nicht übel. Der Bewerber ist zufrieden. Ich auch. Dieses Gespräch hat sich gelohnt. Manche Bewerber können ihr wirkliches KnowHow einfach selbst schwer einschätzen. Da ist ein solches Telefonat Gold wert und bringt vielleicht genau den Richtigen, der sich ansonsten nie beworben hätte. Zudem sind diese Bewerber dann in der Regel günstiger als der Schnitt und haben damit sehr gute Chancen auf den Job. Kaum habe ich aufgelegt klingelt das Telefon erneut. Ein anderer Bewerber. Er habe da eine Stellenanzeige gesehen... (Ich muss ein ernstes Wort mit der Zentrale reden, ich habe keine Zeit für 30 nachfragende Anrufe täglich..) Und dann folgt ein bekanntes Spiel. Das wäre eine Projektleitung? ... ja... Ja und im Metallbereich steht da ja,... Mhm.. Also er hat ja die letzten drei Jahre FAST sowas ähnliches gemacht... Achso.. Nach zehn Minuten lege ich auf und rolle mit den Augen. Ein klassischer "ich rufe an um angerufen zu haben"-Anrufer. Völlig unnötig und zudem gänzlich effektfrei. Die Unterlagen des Mannes landen in einem Pool mit 50 anderen, die sich auf diesen Job bewerben. Seinen Namen werde ich längst vergessen haben, bis ich mir die Unterlagen ansehe - sofern ich ihn überhaupt verstanden habe. Zeiträuber. Jetzt fehlen mir 10 Minuten, die ich später werde einsparen müssen beim Durchsehen von eingegangenen Bewerbungen. To be continued
__________________ All mankind is divided into three classes. Those that are immovable, those that are movable, and those that move. |
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#2
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| Dienstag Vormittag, der Emaileingang ist erledigt, die dringendsten Telefonate ebenfalls. Es ist etwas Ruhe eingekehrt, also wird es Zeit eine der Kernaufgaben zu erledigen, für die ich bezahlt werde: Bewerberunterlagen sichten, bewerten und kategorisieren. Es gibt grundsätzlich 4 Kategorien, von denen eine von den Bewerbern selbst erfunden wurde: A-Kandidaten: Also Kandidaten die offensichtlich fachlich sehr gut auf die zu besetzende Stelle passen. B-Kandidaten: Also Kandidaten die teilweise fachlich sehr gut auf die zu besetzenden Stellen passen oder "eigentlich" gut passen, es gibt aber Ungereimtheiten in den Unterlagen. C-Kandidaten: Also Kandidaten die fachlich nicht wirklich passen. Und dann gibt es noch die H-Kandidaten. H für "Häh?!" Und eben einen solchen habe ich prompt in der Hand resp. auf dem Bildschirm. Als ich die PDF-Datei öffne, schlägt mir ein so vollende designtes Stück Dokument entgegen, dass mancher Marketing-Spezialist stolz auf diese Bewerbung wäre. Wenn ich keinen Elektrotechniker suchen würde, wäre ich vermutlich begeistert. So schaut es sich zwar schön an, wichtig aber ist für mich nur, ob er kann, was gebraucht wird. Also blättere ich mich durch. Über ein Deckblatt, das ich nicht weiter beachte. Über eine Inhaltsangabe, die mich böses ahnen lässt - denn unter 10 Seiten braucht es in der Regel keine Orientierungshilfe. Was kann ein Mensch unter 40 getan haben in seinem Leben, dass seine Bewerbung 10 Seiten umfasst?! Die Erklärung kommt prompt: Da wäre zunächst eine Seite mit Laienphilosophie... "Was mich bewegt", ... "was mich antreibt"... Und zwei Zitate großer Denker. Na herzig. Vollkommen uninteressant an dieser Stelle. In einem Interview würde er garantiert auch nicht anfangen Cicero zu zitieren - wieso dann hier? Dann folgt ein Stichwortzettel all dessen, was er kann - oder glaubt zu können. Allerdings ist seine subjektive Sicht auf das, was er kann - zudem in willkürlicher Reihenfolge - für mich nicht hilfreich. Was er wie lange und wo genau in welchem Umfeld gemacht hat, DAS wäre hilfreich. Nochmal blättern. Ahja, da kommt der Lebenslauf... oder etwas Ähnliches. Dass ich ein höchst unwilliges Geräusch von mir gegeben haben muss fällt mir nur auf, weil mein Kollege mich verdutzt anstarrt. Nicht nur dass dieser Bewerber seinen aktuellen Arbeitgeber nicht benannt hat - was mich nicht weiter bringt, denn am Ende handelt es sich um einen Zulieferer oder - noch schlimmer - Kunden und es ist aus politischen Gründen gar nicht möglich den Mann einzustellen... Zudem hat er andrerseits wichtige Daten nicht eingebracht, die, wenn er schon den Namen der Firma nicht preisgibt, zwingend wären. Größe des Unternehmens? Produktportfolio? Internationale Ausrichtung? Unternehmensmentalität? Entgegen anderslautender Meinungen ist ein langjähriger Mitarbeiter eines Weltkonzerns nicht automatisch geeignet für eine Mitarbeit in einem kleinen Familienunternehmen... Aber es wird noch besser. Zwar hat er alle möglichen Tätigkeiten angeführt, über die Software resp. die Tools mit denen er gearbeitet hat, schweigt er sich aber aus. Ich brauche jemanden, der mit EPlan umgehen kann. Was, wenn der Mann aber mit Ruplan arbeitet? Vom Lebenslauf abgesehen - der mir nicht wirklich weiterhilft - folgen lediglich noch 5 Zeugnisse und ein Diplomzeugnis. Moment, 5 Zeugnisse?! Der Mann ist knapp 30, wie oft hat der seit Studienende gewechselt?! ... aber es klärt sich. Es sind nur 2 wirkliche Zeugnisse, eines davon 2-seitig, der Rest sind Bescheinigungen über Weiterbildungen. Papierverschwendung, als postalische Bewerbungen noch up to date waren. Heutzutage dank Email zum Glück nur ärgerlich, weil sie Speicherkapazität fressen. Ernsthaft - wieso sollte ich einem Bewerber, der mir mitteilt, er habe eine Weilerbildung in Business Englisch absolviert unterstellen, er habe sich das ausgedacht und einen Beweis dafür haben wollen? Diplomzeugnisse - gut und schön. Oder auch Weiterbildungszertifikate aus Bereichen, die tatsächlich zu etwas ermächtigen - zum Beispiel dazu bestimmte Maschinen zu bedienen. Ein Gaplerführerschein meinetwegen im entsprechenden Segment. Aber was interessiert mit "mit Erfolg teilgenommen" an einem VHS-Kurs?! Der Mann endet in der Kategorie BH. H, weil ich nur erahnen kann, was er bislang gemacht hat und was er kann und B, weil er vielleicht sogar passt - aber wirklich wissen kann ich es nach dieser Bewerbung beileibe nicht. Ich werde ihn anrufen müssen. Werde nachfragen müssen. Das kostet Zeit. In meinem Postfach sind noch 20 andere Bewerbungen für diese Stelle und ich brauche am Ende nur einen. Die drei oder vier besten, um sie zu einem Gespräch einzuladen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich diese 3-4 Bewerber in den übrigen Unterlagen finde und die nicht anrufen muss, um den Lebenslauf nochmal telefonisch mit Ihnen durchzugehn, ist sehr groß. Damit fällt der BH-Bewerber durch´s Raster. Er bekommt eine Absage. Vielleicht wäre er im Ranking auf Platz 1 oder 2 gewesen, wenn ich wirklich hätte ersehen können, was er kann. Aber so... die Zeit habe ich nicht und wir besetzen hier keine Geschäftsleitungsposition. Da wäre es so kritisch, den wirklich Richtigen zu finden, dass ich mir die Zeit nehmen müsste. Aber Elektrotechniker gibt es viele und solange er den Job kann und ins Team passt... Se la vie.
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Holger (24.05.2011) | ||
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#3
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| Apropos Raster. Die Annahme, dass es ein einziges festes, unveränderlicher Raster gibt, in dem Kandidaten hängenbleiben oder durchfallen ist ein Trugschluss. Tatsächlich verändert sich das Raster ständig mit jedem Kandidaten, mit dem ich mich näher beschäftigt. "rein/raus"-Raster gibt es an Stellen, die nur die absoluten "Geht gar nicht" aussortieren oder am Ende zum Thema einstellen oder nicht nichts zu sagen haben. Das ist aber nicht mein Job. Ich bin eine von denen die durchaus maßgeblich daran beteiligt sind, ob ein Kandidat den Job nun bekommt oder nicht. Es gibt immer wieder Kandidaten, die das so nicht sehen. Die glauben, die Personaler hätten vom Fach ja ohnehin keine Ahnung, verwalten nur die eingehenden Dokumente und schreiben am Ende nach vorgefertigten Schablonen Absagen oder Einladungen. Ich will nicht abstreiten, dass es grade in großen Unternehmen sicherlich solche Personalsachbearbeiter gibt, die letztlich nur eine gröbste Sondierung vornehmen und am Ende an einen Recruiter weiterleiten, der entscheidet, wer in die engste Wahl kommt. Aber das weiß der Bewerber nicht. Niemals. Spätestens wenn zwei oder mehr fachlich und persönlich vergleichbare Kandidaten vorliegen und man sich schwertut mit der Entscheidung, spätestens dann wird das Geschrei nach der Personalabteilung groß und dann sind es sogar solche Kollegen die Daumen rauf oder Daumen runter machen. Unser Einfluß wird unterschätzt. Das hat schon manchen Bewerber einen Job gekostet und manchen schon die Chance auf einen Job. Die wenigsten sind so einzigartig in Qualifikation und KnowHow, dass sie es sich leisten könnten, einen der Entscheider - und das bin ich - gegen sich aufzubringen. ______________________ Heute ist Mittwoch. Ein guter Tag. Mittwoche sind immer gute Tage. Der geballte Stress, der sich über´s Wochenende aufgebaut hat ist bewältigt, der Zeitdruck, diverses noch vor dem Wochenende erledigen zu müssen, setzt erst Donnerstag Nachmittag ein. Mittwochs fließt alles. Und ich terminiere Gespräche. Soll heißen, ich lade Bewerber zu persönlichen Treffen ein, die sich nach Durchsicht der Bewerbungsunterlagen, vielleicht einem Telefongespräch vorab oder auch einem ersten Interview durchgesetzt haben und jetzt in der engsten Auswahl sind. Der erst hat sein erstes Gespräch hinter sich und überzeugt, wenn auch nicht auf ganzer Linie, aber ausreichend. Fachlich kann er sogar etwas mehr als das, was gebraucht wird. Nur an der Persönlichkeit bestehen leise Zweifel. Er ist etwas in sich gekehrt, wirkt manchmal desorientiert und tut sich schwer, auf den Punkt zu kommen. Aber fachlich wirklich gut. Also rufe ich an. Vielleicht ist es vermessen eine gewisse Freude zu erwarten, wenn ein Anruf kommt, dessen Inhalt grob in Richtung: Kommen Sie doch nochmal vorbei, wir möchten gern die Vertragsdetails besprechen! geht.. Stattdessen schlägt mir verhaltenes entgegen. Ja, nun, äh.. das ist schlecht. Schlecht? Was ist schlecht? Ja der kurzfristige Termin, den ich im Auge habe. Gut, kurzfristig ist Definitionssache, vier Tage Vorlaufzeit, der Bewerber ist ohne Job, entsprechend sollte er ja relativ flexibel sein können. Aber gut, wenn es gar nicht geht, kann man ja... Nein, das geht nicht, da feiert seine Tante ihren Geburtstag und da hat er fest zugesagt.. Ähm. Einen runden? 100 oder so? Nein, nein, aber er hat fest zugesagt und er hält sich an Zusagen. Man erlebt viel in meinem Beruf, aber irgendwann lernt man, dass es immernoch Dinge gibt, die man für kaum möglich gehalten hätte. Er will also ein Vertragsgespräch, das mit größter Wahrscheinlichkeit zu einem neuen Job in unbefristeter Anstellung führt platzen lassen, weil seine Tante Geburtstag hat? So wie - mit Verlaub - jedes Jahr?! Ja, nein, er kann nicht an dem Tag. Natürlich habe ich Ausweichtermine. Könnte ja sein, dass er einen fest gebuchten Termin im Ausland hat und ihm horrende Unkosten entstehen würden, wenn er den Platzen ließe. Ich habe schon Bewerber erlebt, die im Nachhinein gestanden haben wichtige Arzttermine abgesagt oder monatelang geplante Reisen verschoben zu haben um einen solchen Termin wahrzunehmen. Und seine Tante feiert Geburtstag. Ich bedanke mich für die Information, bitte um etwas Zeit um noch einmal mit dem Fachbereich Rücksprache halten zu können. Das folgende Telefonat mit dem operativen Vorgesetzten dauert ganze drei Minuten. Der Bewerber ist raus. Die Kombination aus Zweifeln an seiner Persönlichkeit und dieser Aktion hat ihn den Job gekostet. Na ob das die Tante gut geheißen hätte...
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Holger (24.05.2011) | ||
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#4
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| Donnerstag. Ein eigenartiger Wochenabschnitt, der nicht Fisch nicht Fleisch ist. Die "ach um Himmels willen lasst mich doch in Ruhe ich wähle nächstes mal die Linke!"-Laune vom Montag ist durch, die Freitagsvorfreude auf´s Wochenende hat sich noch nicht eingestellt aber der Zeitdruck winkt so langsam mit all den Dingen, die diese Woche noch erledigt sein wollen. Auf dem Plan steht das Übliche: Bewerbungen sichten und abarbeiten, Dann muss ich mich noch um ein bisschen nebensächlichen Papierkram kümmern, der nur der Administration dient und danach gehe ich noch proaktiv auf ein paar Bewerber zu. Das klingt jetzt entspannt, erledigt sich allerdings mit der ersten gesichteten Bewerbung prompt wieder. Ausgeschrieben war ein berufserfahrener Projektleiter. Beworben hat sich ein Herr, den ich - wie grundsätzlich - erst einmal im System suche. Vielleicht hatten wir den ja schonmal. Und siehe da... ein Serientäter. Sicher.. man kann es ja mal versuchen. Allerdings sollte man die Wellen im Auge behalten, die das eigene Handeln schlagen kann. Der Mann hat sich im Laufe von 2 Jahren auf 15 (!) unterschiedliche Stellen im Unternehmen beworben. Gut, er hält uns offenbar für unfähig, für uns interessante Bewerbungen aufzuheben und später auf die Leute zurück zu kommen.. das wäre ja kein Genickbruch. Aber dass diese 15 Stellen in 6 verschiedenen Bereichen sind und seine Qualifikation und Erfahrung mit bestenfalls einem dieser Bereiche entfernt zu tun hat, DAS ist ein Genickbruch. Für die meisten Bewerber ist es schwer, die eigene Situation und Passigkeit auf eine Stelle einzuschätzen. "Ich kann mich da schnell einarbeiten" und ähnliches hört man da häufig. Allerdings formuliere ich es genau so in meine Anzeigen, wenn ich auch jemanden in Erwägung ziehen kann, der sich "schnell einarbeiten kann". Steht das da nicht, dann ist es eben auch nicht so. Bewerber überschätzen mitunter was sie können und - wichtiger - was sie in welcher Zeit lernen könnten und in welchem Ausmaß. Wenn ich einen Menschen mit mehrjähriger Erfahrung in einem Bereich suche, dann kann ich mit jemandem der aus einem andren Bereich kommt der kaum Berührung mit dem hatte, was ich brauche, nichts anfangen. Da kann er sich noch so "schnell einarbeiten". Und es zeichnet ein Bild vom Selbstbild des Bewerbers. Zu wissen, was man tatsächlich kann, ist gut. Zu wissen, was man nicht kann, ist manchmal noch wichtiger. Soll ich einen solchen Bewerber einstellen, der tatsächlich glaubt er "kriegt das schon irgendwie hin" und dann warten, bis irgendeine millionenteure Anlage den Geist aufgibt, weil er "es halt versuchen" wollte, statt jemanden zu fragen und um Hilfe zu bitten? Es ist einfach unrealistisch. Und wenn solche Bewerbungen wiederholt vorkommen, dann disqualifiziert genau das den betroffenen Bewerber. Das Wissen darum, dass derjenige eben NICHT weiss, was er nicht kann. Absage. Der administrative Kram erledigt sich halbwegs im Wachkoma wunderlicher Weise selbst und als ich wieder zu mir komme, stehen die Bewerber auf dem Plan, die ich proaktiv ansprechen möchte. Es gibt manigfaltige Möglichkeiten die auf solche Kontakte ausgelegt sind. Xing und Monster, Experteer, Stepstone und wie sie alle heißen. Alle diese Plattformen haben Kontaktfunktionen. Und sie haben halbwegs gut zu beurteilende Profile bzw. teils auch ganze Lebensläufe, die Bewerber dort einstellen. Ich kann also in aller Ruhe erst einmal schaun, wer fachlich in Betracht kommt und den- oder diejenige dezent ansprechen. Das ist allerdings eher langweilig, weil ich frühstens am Folgetag Antworten erhalte. Zum Glück kommt das Spontanmeeting um 17.00 Uhr. Sonst wäre mir bis zum Feierabend noch langweilig geworden.
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Holger (24.05.2011) | ||
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#5
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| Freitag. Bekannter Maßen macht Freitags ab eins jeder seins.. es sei denn, er arbeitet im Personalwesen. Da werden ab Freitag Mittag nämlich die Bewerber wach. Immer wieder schön zu beobachten, dass manche Leute scheint´s wirklich glauben, ich würde diese lustige Personalkiste hobbymäßig betreiben. Zumindest kann ich mir nur so die Anfragen nach Interviewterminen um 20.00 Uhr abends oder am Wochenende erklären. Ja, ich weiß, dass ein solcher Termin koordiniert werden muss, wenn man einen Job hat und daher normalerweise eben nicht tagsüber verfügbar ist. Dann muss man eben einen halben Tag Urlaub nehmen. Bei 80% aller Bewerber klappt das ja auch problemlos. Diejenigen, die dann mit diesen grandiosen "Wie wäre Samstag Mittag um 16.00 Uhr?"-Ideen kommen, die haben irgendwas falsch verstanden. Ich verkaufe keine Versicherungen, die kein Mensch braucht. Der Mensch könnte einen wichtigen, geldwerten Karrieresprung machen, einen sicheren, besser bezahlten, zukunftsträchtigen Job haben, wenn wir fertig sind. Manchmal könnte man meinen ICH hätte da mehr von als der Bewerber. Man spricht ja immer von Augenhöhe, auf der sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer bewegen sollten - auch und grade im Bewerbungsprozess. Ist das Augenhöhe? Ich fühl mich nicht geaugenhöht, wenn mir aufgedrückt wird, ich könne mich ja abends ab ca. 20.00 Uhr melden. Zudem - man muss ja weiter denken. 20.00 Uhr, das bedeutet ja nicht "nach Feierabend". Das wäre ab 17.30 Uhr oder meinetwegen ab 18.00 Uhr. Ab 20.00 Uhr bedeutet: "Rufen Sie doch an, wenn ich zu Hause bin, gegessen habe, Fußball geschaut und nichts besseres mehr zu tun ist." Es ist immer wieder verblüffend mit welcher Zielsicherheit sich Leute ins berufliche Aus schießen. Sehr gegensätzlich zum "ab 20.00 Uhr"-Kasper gibt´s dann zum Beispiel noch diejenigen, die sich nichts, aber auch gar nichts zutrauen und nicht einmal in Erwägung ziehen, was Neues zu probieren, sich weiterzuentwickeln oder dergleichen. Da werden dann Jobs abgelehnt, weil ".. man Software X leider erst zweimal benutzt hat und sich daher nicht qualifiziert fühlt"... Dass Software X niemanden über die Maßen interessiert und es überhaupt nur in der Stellenanzeige steht, weil - steht auch so drin - es IDEAL wäre aber nicht Voraussetzung... Da geht´s dann gar nicht mehr um fachliche Kompetenz. Da geht´s um Verbohrtheit. Wenn nicht einmal in Erwägung gezogen wird, sich in eine Software einzuarbeiten, wenn man sie ohnehin schon ein oder zweimal benutzt hat - das ist Verbohrtheit. Wenn diese Einstellung zu einem Menschen gehört, der seit über einem Jahr - verzweifelt - arbeitssuchend ist, dann ist sie symptomatisch. Aber hey - man kann nicht alle retten.
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Holger (24.05.2011) | ||
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#6
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| Aus gegebenem Anlass: Wenn ich den Kasper erwische, der diese "man sollte unbedingt anrufen!"-Nummer in Umlauf gebracht hat, gibt es Tote. ___________________________________ Tag Vier. Und mir reicht es. Ich nehme die Anzeigen aus dem Netz. Mag der perfekte Bewerber sie noch nicht gelesen haben, sich noch nicht beworben haben und noch da draußen sein - es ist mir egal! Vier Tage. So lange stehen die Anzeigen im Netz. Vierzig Bewerbungen kamen bisher. Die Trefferquote lag bei nicht einmal 50%. Im Klartext: Nicht einmal die Hälfte aller Bewerber brachte auch nur die Hälfte der geforderten Kenntnisse und Fähigkeiten mit. Was bis hierhin noch der normale Wahnsinn wäre. Jetzt kommt das Aber. Aber, scheinbar wirkt die Krise immernoch deutlich nach auf dem Arbeitsmarkt, denn in zuverlässigen Abständen von maximal 20 Minuten klingelt mein Telefon. Memo an mich: Nie wieder geb ich meine Durchwahl an. Ich bin ein durch und durch professioneller und höflicher Mensch, aber nach Bewerber Nr. 17 der mir "noch ein paar Fragen zur Stelle" stellen will, die sich im Nachhinein doch alle aus der Anzeige lesen lassen oder so diskret zu behandeln sind, dass ich sie sicherlich nicht am Telefon einem wildfremden beantworte, da werde auch ich irgendwann ungemütlich. Oder - noch besser - er/sie wollte mir mal kurz seinen/ihren Werdegang schildern, dann könne ich ja direkt sagen, ob das passt oder nicht. Kann ich in 80% der Fälle. Stimmt. Will und werde ich aber in 90% der Fälle nicht. Aus zwei Gründen: 1. es ist ein Telefonat mit einem Wildfremden und das AGG sitzt mir im Nacken. Jede Aussage die über "leider erfüllen Sie nicht alle notwendigen Anforderungen" hinausgeht, kann mich ruckzug in einen Gerichtssaal befördern. 2. wer allen Ernstes glaubt, ich hätte nichts anderes zu tun als telefonisch der Schilderung des Lebenslaufes zu folgen, um dann doch darauf verweisen zu müssen, man möge mir das bitte zuschicken, in einer Zeitspanne, in der ich sonst 4 schriftliche Bewerbungen bearbeiten kann, der hat einfach den Schlag nicht gehört. Das ist unfair gegenüber anderen Bewerbern, denn irgendwo muss ich diese Zeit abknapsen. Es ist unfair mir gegenüber, denn dieselben Bewerber sind es nachher, die sich über unpersönliche Absagen und lange Wartezeiten beschweren. Und es ist einfach kurzsichtig. Diese Idee, sich telefonisch schon einmal positiv von der Menge abzuheben muss irgendjemandem gekommen sein, der in seinem Leben noch nie mit Bewerbermanagement zu tun hatte. Wenn nämlich sämtliche Bewerber auf - bleiben wir mal moderat - 5 ausgeschriebene Stellen anrufen, dann braucht es einen Mitarbeiter, allein um diese Anrufe zu beantworten. Vorwärts geht dann gar nichts, denn ohne Bewerbungsunterlagen lässt es sich ohnehin in der Regel nicht beurteilen. Da kann mir der Bewerber so sympathisch kommen wie er will, wenn er den Job nicht machen kann, hilft ihm das nicht. Also bitte. BITTE. Wenn tatsächlich Fragen offen sind, die geklärt werden müssen um zu entscheiden, ob die Stelle in Frage kommt oder nicht - passt. Anrufen, fragen, das ist ein kurzer Dialog und alle sind zufrieden. Aber anrufen um des Anrufens willen? Ich mag es nicht beschwören, ich habe viele Bewerbungen gesehn in meinen Leben, aber wenn ich mich recht erinnere, kam es bisher nur einmal vor, dass ein Anrufender den Job nachher bekam. Und der rief an, weil er eine Absage erhalten hatte und sich wunderte. Im Dialog stellte sich heraus, dass sein Lebenslauf nicht vollständig war, er hatte maßgebliche Dinge einfach nicht hineingeschrieben. Nachdem ich die erfahren hatte, war klar, er kann den Job machen. Und er bekam ihn am Ende auch. Aber auch das wäre gar nicht nötig gewesen, wenn er einen aussagekräftigen, klar strukturierten und inhaltsreichen Lebenslauf vorgelegt hätte. Damit hebt man sich positiv ab. Nicht mit Anrufen um des Anrufens Willen.
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Holger (24.05.2011) | ||
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