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| Es herrscht Katzenjammer in Frankreich, Angst macht sich breit und Pessimismus. Einer neuen Studie zufolge sind die Franzosen derzeit die größten Schwarzseher weltweit. Und sie haben Grund dazu: Die Wirtschaft wächst nur mäßig, die Schuldenlast dagegen kräftig und die Zahl der Arbeitslosen ist seit Jahrzehnten chronisch hoch. Doch nun haben Politik, Wirtschaft und Medien plötzlich ein Vorbild: Nachbar Deutschland soll Frankreich den Weg aus der Misere vorzeigen. „Von Deutschland lernen“, titelte die auflagenstärkste Zeitung „Le Parisien“, nachdem bereits „Le Monde“ und das Wochenmagazin „Le Point“ große Geschichten über das „modèle allemand“ und seinen Wettbewerbsvorsprung gegenüber Frankreich gebracht hatten. Einst kritisierte die Pariser Finanzministerin Christine Lagarde (Foto oben, rechts) die deutsche Wirtschaftspolitik. Neuerdings lobt sie ihren Kollegen Wolfgang Schäuble. Vorbei scheint die Zeit, als die Deutschen mit ihren Ausfuhrüberschüssen noch als Sündenbock für Frankreichs Misere herhalten mussten. Auch bei der Regierung vergeht kaum ein Tag, wo der Vergleich mit dem Nachbarland nicht im Mittelpunkt steht. "Das Land geht den Bach runter" „Wenn es Frankreich schlecht geht, fängt es an, wie besessen nach Deutschland zu schauen“, erklärt Nicolas Baverez. Der Ökonom, Historiker und Anwalt ist ein profunder Kenner Deutschlands und Frankreichs und hatte vor einigen Jahren in seinem Buch „Frankreich im Niedergang“ eine schonungslose Analyse seines Landes vorgenommen. „Dass die Franzosen pessimistischer sind, als etwa die Iraker oder die Afghanen ist unglaublich, aber verständlich“, sagt Baverez. „Das Land geht den Bach runter, die Bürger sehen keinen Ausweg.“ Ein einfacher Zahlenvergleich verdeutlicht die Kluft: So lag das Haushaltsdefizit jenseits des Rheins im vergangenen Jahr bei 7,7 Prozent (Deutschland 3,5 Prozent) die Verschuldung der öffentlichen Haushalte bei 81,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (75,4 Prozent). Das Wirtschaftswachstum in Frankreich fiel 2010 daher nur verhalten aus und lag bei 1,5 Prozent, während Musterknabe Deutschland wieder stolze 3,6 Prozent erreichte. Zudem kann Deutschland auf eine stabile Struktur des Mittelstandes verweisen, während es in Frankreich deutlich weniger solcher Betriebe mit 50, 500 oder 5000 Mitarbeitern gibt. In Deutschland löste eine Rede etwas aus Auch deswegen kommt die Arbeitslosigkeit in unserem Nachbarland seit über drei Jahrzehnten praktisch nicht von der Zehn-Prozent- Marke herunter. Frankreichs Anteil am Welthandel sinkt darüber hinaus beständig und betrug zuletzt nur noch drei Prozent. „Die Angst der Franzosen rührt von dem wachsenden Bewusstsein, dass der einzelne Bürger sowie die Nation abgehängt werden und dass auch der in Frankreich allmächtige Staat keine Lösung parat hat“, sagt Baverez. „Die Situation erinnert stark an das Deutschland der 90er Jahre. Erst mit der berühmten Ruck-Rede des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog 1997 hat sich endlich etwas bewegt. Das Ergebnis war einige Jahre später die Agenda 2010 des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Frankreich braucht einen ähnlichen Ruck!“ 40 Prozent Sozialabgaben Gesteuert von Präsident Sarkozy will die Regierung nun diesen Ruck bewirken und zur Aufholjagd ansetzen. In einem ersten Schritt hat das Kabinett beschlossen, eine Schuldenbremse nach deutschem Vorbild auf den Weg zu bringen, um auf längere Sicht den Staatshaushalt zu sanieren. Sarkozy selbst will zudem die Steuerpolitik beider Länder angleichen, während Wirtschaftsminister Besson zunächst auf die Senkung der Arbeitskosten setzt, die sich in Frankreich derzeit auf gut 37 Euro die Stunde belaufen, deutlich mehr als in Deutschland. Die Vorlage dafür liefert ein Bericht des Wirtschaftsforschungsinstituts CEO Rexecode, der ausdrücklich die Hartz-IV-Reformen lobt und Deutschlands Wettbewerbsvorsprung vor allem auf die geringeren Lohnnebenkosten und die Niedriglohnpolitik zurückführt. Für Frankreich fordern die Experten, die Produktionskosten in der Industrie um fünf bis zehn Prozent zu senken. Dies soll vor allem über eine Reduzierung der Sozialabgaben geschehen, die in Frankreich bei über 40 Prozent des Bruttogehalts liegen. Um zu vermeiden, dass die hohen Arbeitskosten zu einem weiteren „Aderlass“ führen, müssten die Abgaben um 10 bis 15 Milliarden Euro reduziert werden, gegenzufinanzieren durch eine Mehrwertsteuer- Erhöhung oder niedrigere öffentlichen Ausgaben. Während nicht alle Ökonomen die Vorschläge teilen, sieht Nicolas Baverez gute Ansatzpunkte. „Natürlich gibt es kein deutsches Patentrezept, um Überschuldung, Arbeitslosigkeit und mangelnde Wettbewerbsfähigkeit zu lösen. Es geht auch nicht darum, Hartz-IV eins zu eins auf Frankreich zu übertragen, dafür sind die Strukturen und Mentalitäten in beiden Ländern zu verschieden. Doch Frankreich muss endlich aufwachen und die Reformen einleiten, die Deutschland längst hinter sich hat, und diese dann „à la française“ umsetzen!“ |
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