Hirndoping: Mit Wunderpillen zur Höchstleistung

Wie werde ich leistungsfähiger und stressresistenter? Eine Frage, die sich anscheinend immer mehr Beschäftigte mit dem Schlucken von bunten Pillen beantworten. Im Job wacher, fitter und aufmerksamer sein – dafür riskieren Menschen ihre Gesundheit. Eine repräsentative Studie der DAK-Gesundheit kam zu dem Ergebnis, dass die Zahl der dopenden Erwerbstätigen in den letzten Jahren gestiegen ist. Eine alarmierende Entwicklung …

Was im Profi-Sport schon für so manch einen Skandal gesorgt hat, scheint jetzt auch an Schreibtisch und Co. angesagt zu sein. Knapp drei Millionen Beschäftigte setzen auf Doping. Hirndoping! Um mehr Leistung zu bringen und Stress besser zu bewältigen, wollen sie sich mit stimmungsaufhellenden und leistungssteigernden Medikamenten in Topform puschen. Doch der Preis den sie dafür zahlen, ist hoch – schließlich setzen sie ihre Gesundheit aufs Spiel.

Wird Hirndoping zum Trend?

Die DAK-Gesundheit hat für eine Studie zum Doping im Job Arzneimitteldaten von 2,6 Millionen erwerbstätigen Beschäftigten unter die Lupe genommen und zusätzlich mehr als 5.000 Beschäftigte im Alter von 20 bis 50 Jahren befragt. Es sollte untersucht werden, ob und wie die Befragten ohne medizinische Notwendigkeit zu verschreibungspflichtigen Medikamenten greifen. Mit einem schockierenden Ergebnis: Die Zahl der dopenden Beschäftigten ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Während im Jahr 2008 noch 4,7 Prozent angaben, dass sie Hirndoping schon einmal praktiziert haben, sind es nun 6,7 Prozent. Eine Million Berufstätige dopen regelmäßig (1,9 Prozent) – die Dunkelziffer liegt höher.

Hirndoping: Typisch Top-Manager?

Von wegen! Das Bild vom ritalinschluckenden Medizinstudenten oder Vorstandsvorsitzenden ist widerlegt. Aus dem DAK-Gesundheitsreport geht hervor, dass Hirndoping – entgegen aller Klischees – kein ausschließliches Problem von Führungskräften oder Studenten sei. Zu den Risikogruppen gehören ebenfalls Beschäftigte mit einfachen Tätigkeiten und unsicheren Jobs. Denn neben Stress und Überbelastung gibt es noch einen Grund für den Medikamentenmissbrauch: Die Arbeitnehmer werden von der Angst getrieben, ihren Job zu verlieren und stehen deshalb unter enormem Leistungsdruck. Angestellte mit einfachen Tätigkeiten dopen zu 8,5 Prozent im Job, bei den Hochqualifizierten sind es 5,1 Prozent.

Dass viele Arbeitnehmer nicht mehr wissen, wie sie es schaffen sollen, die Leistungsanforderungen zu erfüllen, zeigt das Ergebnis einer weiteren Befragung, die im März 2015 veröffentlicht wurde. Die Studie des Gesundheitsmonitors von Bertelsmann Stiftung und BARMER GEK fand heraus, dass immer weiter steigende Zielvorgaben in Unternehmen zu selbstgefährdendem Verhalten bei den Beschäftigten führen. Der steigende Ziel- und Ergebnisdruck sei so hoch, dass die Angestellten dazu verleitet werden mehr zu arbeiten als ihnen eigentlich gut tut. Sie befinden sich ständig an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit, verzichten auf Pausen, kommen krank zur Arbeit, nehmen Medikamente und greifen zu Zigaretten.

Erfolg auf Rezept: Man(n) will mehr!

Der DAK-Gesundheitsreport 2015 fasst zusammen: Vier von zehn Hirndopern missbrauchen die Medikamente bei bestimmten Anlässen – zum Beispiel Präsentationen oder Verhandlungen. Die Gründe für das Doping im Job scheinen bei Männern und Frauen dabei tatsächlich unterschiedlich zu sein. Männer möchten mit Hirndoping berufliche Ziele erreichen und mehr Energie haben – auch für Freizeit und Privates. „Bei Männern sind es meist anregende Mittel. Sie wollen wach bleiben, stark und leistungsfähig sein“, erklärt DAK-Vorstandschef Herbert Rebscher. Die Motive der dopenden Frauen: Sie möchten, dass ihnen die Arbeit leichter fällt und sie emotional stabiler sind. Deshalb schlucken sie Pillen gegen Depressionen – um ihre Stimmung anzuheben und Ängste abzubauen.

Menschen, deren Fehler im Job schwere Konsequenzen haben können, nehmen vor allem leistungssteigernde Medikamente. Wer Kundenkontakt hat, vertraut auf die Wirkung von Stimmungsaufhellern. Nach Informationen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) werden zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit Wirkstoffe wie Methylphenidat (therapeutischer Einsatz bei ADHS) oder Modafinil (therapeutischer Einsatz bei Schlafapnoe-Syndrom) eingenommen, zur Verbesserung des Wohlbefindens Fluoxetin oder Sertralin – beide dienen der Behandlung von Zwangsstörungen.

Zu Risiken und Nebenwirkungen: Warum Hirndoping schädlich ist

Laut der DAK-Studie bekommt mehr als jeder Zweite für Medikamente gegen Depressionen oder Müdigkeit ein Rezept vom Arzt. Jeder Siebte erhält die Pillen von Freunden, Bekannten oder aus der Familie und jeder Zwölfte bestellt sie ohne Rezept im Internet. „Der Bezug aus dem Word Wide Web ist riskant. Dort gibt es viele Medikamentenfälschungen, die ohne Rezept abgegeben werden und der Gesundheit schaden“, warnt Professor Dr. Klaus Lieb, Facharzt und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. Außerdem stellt der Mediziner im DAK-Gesundheitsreport fest:

„Eine Wunderpille gibt es nicht. Oft zeigen die Medikamente nur kurzfristige und minimale Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit. Demgegenüber stehen hohe gesundheitliche Risiken, wie körperliche Nebenwirkungen bis hin zur Persönlichkeitsveränderung und Abhängigkeit.“

Wer die Medikamente missbräuchlich verwendet, kann als Folge unter Schwindel, Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder Herzrhythmusstörungen leiden. Die Informationen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) bestätigen das: Hier wird abgesehen von den unerwünschten Nebenwirkung besonders vor dem hohen Risiko der psychischen Abhängigkeit gewarnt. DAK-Vorstandschef Herbert Rebscher bekräftigt:

„Auch wenn Doping im Job in Deutschland noch kein Massenphänomen ist, sind diese Ergebnisse ein Alarmsignal. Suchtgefahren und Nebenwirkungen des Hirndopings sind nicht zu unterschätzen.“

Stress lass nach – ohne Pillen geht’s auch

Um das selbstgefährdende Verhalten von Arbeitnehmern zu reduzieren, schlagen die
Autoren der BARMER GEK-Studie, Dr. Anja Chevalier von der Deutschen Sporthochschule Köln und Prof. Gert Kaluza vom GKM-Institut in Marburg, vor, dass realistische Zielvereinbarungen getroffen werden sollten und die vereinbarten Ziele auch in der vertraglichen Arbeitszeit erreichbar sein müssen. Neben dem äußeren Druck durch die Unternehmen ist aber auch jeder Arbeitnehmer selbst dafür verantwortlich, ein Gefühl für die eigenen Grenzen zu entwickeln. Der DAK-Gesundheitsreport resümiert zur Doping-Studie, dass die eigene innere Haltung entscheidend für die Anfälligkeit von Hirndoping ist und keine übertriebenen Ansprüche an sich selbst gestellt werden sollten. Hier seien die Beschäftigten schon auf dem richtigen Weg: Viele achten bereits auf gute Organisation im Job, sinnvolle Freizeitgestaltung und ausreichend Schlaf.

4 Kommentare

  1. Es ist schon krank,wenn man unbedingt fitter und wacher sein muß als es der Körper von Natur aus überhaupt kann.Noch kränker ist das,wenn es vermeintlich verlangt wird,obwohl man ganz genau weiß,daß das aber gar nicht erfüllt werden kann

  2. @Frank / Kerstin…richtig! Allerdings, entscheidet das nicht jeder Mensch für sich alleine, was er tut;)? Ich würde da sagen: Stopp, bis hierhin und nicht weiter!!! Oder!?

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