Sie steht seit Jahren in der Kritik wie kaum eine andere Branche: die Finanzbranche. Große wie kleine Skandale sind an der Tagesordnung, doch sie sind nichts gegen die wirtschaftlichen und konjunkturellen Auswirkungen, die eine Finanz- und Bankenkrise nach sich ziehen kann.
Was also versteht man eigentlich unter dem Begriff „Finanzbranche“? Welche Jobs gehören dazu, und wie sieht es mit den Verdienstmöglichkeiten aus? Und schließlich: Wie ist es um die Vorurteile und die negativen Schlagzeilen bestellt, mit denen die Branche kämpft?
Eine Branche mit vielen Facetten
Wohl nur wenige Branchen decken ein so heterogenes Geschäftsfeld ab wie die Finanzbranche. Im engeren Sinn versteht man unter der Finanzbranche das, was in den Banken geschieht: die Abwicklung des Zahlungsverkehrs und die Vergabe von Krediten. Doch etwas weiter gefasst, fällt auch die weite Welt der Versicherungen darunter, und auch das breite Spektrum der Geldanlagen und Fonds wird durch die Finanzbranche abgedeckt. Und schließlich gehören sogar die Börse mit ihren nationalen und internationalen Transaktionen sowie die Vermögensverwaltung hinzu. Treffend fasst man all diese Geschäftsfelder unter dem Begriff „Finanzdienstleistungen“ zusammen. Die Marktteilnehmer wiederum könnten nicht unterschiedlicher sein. Auf der einen Seite findet man eine Bankenlandschaft, die aus den großen Häusern besteht, die durch private Banken und Filial- und Direktbanken ergänzt werden. Auf der anderen Seite steht der Verbraucher, der sich neben den Banken einer ebenso vielfältig gestalteten Welt von Versicherungsgesellschaften gegenüber sieht. Die globalen Börsen, internationale Vermögensverwalter und Fondinitiatoren komplettieren das variantenreiche Bild.
Vielfältige Berufsbilder mit heterogenen Anforderungen
Schon die Vielfalt der Marktteilnehmer macht deutlich: In der Finanzbranche sind unterschiedlichste Unternehmen am Werk, und nicht minder divers sind die jeweiligen Berufsbilder. Da findet man auf der einen Seite den klassischen Bankkaufmann. Auf der anderen Seite gibt es Vermittler für Versicherungen, Fonds, Geldanlagen und Kredite, die bis vor kurzer Zeit noch keinerlei fachliche Qualifikationen mitbringen mussten. Ihnen stehen heute Fachwirte gegenüber, die eine von der Industrie- und Handelskammer abgenommene und sehr hochwertige Ausbildung absolviert haben. Selbst an den Universitäten hat eine akademische Ausbildung Einzug gehalten, die in Abhängigkeit von der Universität oder Hochschule international ausgerichtet sein kann. Somit findet man in der Finanzbranche Ausbildungsberufe mit unterschiedlichem Niveau, und entsprechend vielfältig ist das Spektrum der Fachkräfte. Ein Blick auf die Visitenkarte und den vordergründig beeindruckenden Titel lohnt sich, damit man weiß, mit wem man es zu tun hat und den Gesprächspartner anhand seiner Qualifikation besser einschätzen oder hinterfragen kann.
Der weite Weg vom schwarzen Schaf…
Die Finanzbranche kämpft ihrem Ruf wie kaum eine andere Branche, und das hat mehrere gute Gründe. Allein die Vielfalt der Qualifikation macht deutlich, wie unterschiedlich die Fachkenntnisse der Menschen sind, die mit dem Geld anderer Leute umgehen. Geht man davon aus, dass ein Vermittler von Versicherungen früher nicht einmal eine Ausbildung nachweisen musste um einem Kunden eine Versicherung zu verkaufen, wird klar, woher der schlechte Ruf der Branche kommt. Tatsächlich war der Beruf des Vermittlers oder Beraters in Sachen Versicherungen, Krediten und Geldanlagen in Deutschland nicht geschützt, so dass man sich unabhängig von der tatsächlich vorhandenen Qualifikation „Vermittler“ oder “Finanzkaufmann” nennen durfte. Wer allerdings mit dem Geld anderer Leute umgeht, wer Versicherungen verkauft und Geldanlagen und Kredite vermittelt, ohne dafür die erforderliche Sachkunde nachzuweisen, macht unbeabsichtigt oder gar beabsichtigt Fehler, die den Kunden teuer zu stehen kommen. Schnell hat ein Anleger durch eine Falschberatung Geld verloren oder ein Kreditnehmer einen Vertrag unterschrieben, der zu unnötig hohen Kosten oder unflexiblen Kreditkonditionen führt. In der Vergangenheit sind unzählige Kunden mit herben Verlusten geschädigt worden, nicht selten wusste mancher Anleger oder Kreditnehmer nur noch den Ausweg in den Selbstmord, weil man finanziell am Ende war. Hinzu kamen immer wieder Skandale um Versicherungen, die durch hohe Provisionszahlungen auf Kundenfang gingen und auf Vermittler stießen, die diese hohen Provisionen nur zu gerne angenommen haben. Selbst von ausschweifenden Luxusreisen war wiederholt die Rede, und auch spekulative Geldanlagen und Immobiliengeschäfte im großen und im kleinen Stil rundeten das bunte Portfolio an Vorfällen ab, die der Finanzbranche insgesamt das Image des schwarzen Schafes einbrachten.
… zur Branche mit Saubermann-Potenzial
Ob es die Finanzbranche in unserem Land jemals zum Saubermann-Image bringen wird, darf man in den nächsten Jahren gespannt beobachten. Die internationale Bankenwelt dürfte Basel III zum Trotz weiterhin in spekulativen Geschäften verwickelt sein, die den Beteiligten Verluste in Milliardenhöhe eintragen werden. Auch die immer wieder angeprangerten Lustreisen der Versicherungen mit ihren Führungsetagen werden wohl weiter erhalten bleiben, man wird sie allenfalls besser verschleiern. Doch im kleineren Kreis ist tatsächlich eine Veränderung zum Positiven zu bemerken. So müssen die Vermittler von Versicherungen seit einigen Jahren eine einschlägige Sachkunde vorweisen, sie sind im Vermittlerregister der Industrie- und Handelskammer eingetragen, und sie müssen eine Vermögensschadenhaftpflicht abschließen, aus der Kunden im Schadensfall zu befriedigen sind. Im Beratungsgespräch unterliegen sie umfangreichen Dokumentationspflichten, die der Kunde als Basis für eine Beschwerde heranziehen kann. In der Vermittlung von Geldanlagen und Fonds werden zukünftig ähnliche Richtlinien greifen, so dass dem Anlegerschutz dann weitaus besser Genüge getan werden sollte. Damit sollte die Ausbildung in Deutschland den internationalen Standards angeglichen werden, was dem Ruf der Branche ganz sicher zuträglich sein wird.
Von Gehältern, Provisionen und Beratungshonoraren
Immer wieder fanden Angaben über scheinbar horrende Provisionszahlungen an Vermittler den Weg in die Presse, doch bei der Betrachtung der Einkommen in der Finanzbranche muss man ähnlich differenzieren wie bei der Beurteilung der Qualifikationen. Ein Bankangestellter wird meist entsprechend seiner Position und des geltenden Tarifvertrags bezahlt. Hinzu kommen können freiwillige Gratifikationen. Versicherungsvermittler und Versicherungsmakler sind häufig selbständig tätig, sie werden meist mit einer Provisionszahlung entlohnt, die zwischen der Gesellschaft und dem Makler verhandelt wird. Geht es nach Bestrebungen der Bundesregierung, werden solche Zahlungen zukünftig gedeckelt. Ein interessantes Modell ist die Honorarbezahlung, die heute noch viel zu wenig genutzt wird. Die Beratung ist dann unabhängig von einer Provisionszahlung, vielmehr wird schon vor der Beratung ein Honorar zwischen dem Kunden und dem Berater vereinbart. Die Zahlung erfolgt also nicht erfolgsabhängig, der Kunde kann sicher sein, dass der Berater nicht provisionsgetrieben agieren wird. Insgesamt mag die Finanzbranche also auf einem guten Weg sein, ihr Negativimage in den Griff zu bekommen, doch heute dürfte noch eine ganze Menge Handlungsbedarf bestehen.














