Lebenslust vs. Jobfrust: Macht weniger Arbeit glücklich?

In der Schweiz wird derzeit über das bedingungslose Grundeinkommen diskutiert. Die These der Befürworter: Weniger Arbeit macht glücklicher und gesünder. Doch ist das wirklich so?

1. Wie viel wird in der EU gearbeitet?
2. Sind 41,5 Arbeitsstunden pro Woche zu viel?
3. Die Theorie hinter dem Gedanken „Glücklicher durch weniger Arbeit“
4. Ist es wirklich die Arbeit, die so viele Menschen krank macht?
5. Gegenthese: Wir brauchen die Arbeit für ein glückliches Leben
6. Bedingungsloses Grundeinkommen, 15-Stunden-Woche oder Sechs-Stunden-Arbeitstag?
7. Es muss nicht weniger Arbeit sein, aber die richtige

Wie viel wird in der EU gearbeitet?

Mit den umfassenden Regelungen zu den Arbeitszeiten und dem Arbeitnehmerschutz können sich die Menschen in der EU sehr glücklich schätzen. Vor allem in Deutschland geht es uns im gesamteuropäischen Vergleich eigentlich sehr gut. Mit 41,5 Arbeitsstunden pro Woche liegen wir direkt im EU-Durchschnitt. In Griechenland müssen die Arbeitnehmer hingegen 44,2 Stunden pro Woche leisten und 43 Stunden sind es durchschnittlich in Österreich. Luxuriöse 38,8 Wochenstunden zählen die Arbeitnehmer in Dänemark. Wie Sie sehen, sind die Unterschiede zwischen den Ländern in der EU aber verschwindend gering.
Statistik: Durchschnittliche Wochenarbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten in den Ländern der Europäischen Union (EU-28) im Jahr 2014 (in Stunden) | Statista
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Sind 41,5 Arbeitsstunden pro Woche zu viel?

Europa arbeitet also durchschnittlich 41,5 Stunden pro Woche. Kritiker sagen: Das ist zu viel! Niemand könne acht Stunden pro Tag produktiv arbeiten, stattdessen leidet die Work-Life-Balance und dadurch auch die Gesundheit der Arbeitnehmer. Schweden nahm daher im Jahr 2014 die Vorreiterrolle ein und startete einen Testlauf mit dem Sechs-Stunden-Arbeitstag. Das Ergebnis spricht für sich: Bei gleicher Bezahlung arbeiteten die Testpersonen beim Sechs-Stunden-Arbeitstag konzentrierter und motivierter, sodass die Unternehmen durchweg ihre Produktivität steigern konnten. Wären also nicht auch 30 Wochenstunden völlig ausreichend? Oder was würde passieren, wenn der Mensch nur noch freiwillig arbeiten muss? Dieses Modell soll durch das bedingungslose Grundeinkommen möglich werden. Ein Thema, das in der Schweiz derzeit große Wellen schlägt.

Die Theorie hinter dem Gedanken „Glücklicher durch weniger Arbeit“

Wenn dem Mensch der Zwang zur Arbeit genommen wird, indem ihm seine Existenz durch ein bedingungsloses Grundeinkommen garantiert ist, wäre er glücklicher und gesünder, so die Initiatoren und Verfechter des Grundeinkommens in der Schweiz. Repräsentative Umfragen ergeben zudem, dass der Großteil der Schweizer dennoch einer beruflichen Tätigkeit nachgehen würde, nur eben mit geringerer Wochenstundenzahl und eventuell in Verbindung mit dem Wechsel des Arbeitgebers oder sogar des Berufes. Der Autor Rutger Bregman hegt einen ähnlichen Gedanken und schlägt eine 15-Stunden-Arbeitswoche vor mit gleichzeitiger Erhöhung des Rentenalters auf 80 Jahre oder mehr. Er behauptet: Weniger Arbeit fördert die Zufriedenheit und Gesundheit der Menschen bis in hohe Alter. Aber stimmt das?

Ist es wirklich die Arbeit, die so viele Menschen krank macht?

Fakt ist: Immer mehr Menschen begeben sich jedes Jahr mit stressbedingten Erkrankungen in ärztliche Behandlung. Dies können Rückenschmerzen sein, Bluthochdruck, Migräneattacken, Despressionen oder auch das Burnout-Syndrom u. v. m. Häufig werden die Ursachen für die Krankheit (auch) in der Arbeit diagnostiziert. Steigender Leistungsdruck, zunehmende Komplexität der Aufgaben, niedrige Löhne, ständige Erreichbarkeit…Auch, wenn die Arbeit nicht der einzige Grund für die vermehrten stressbedingten Erkrankungen psychischer und physischer Art ist, sie ist zumindest häufig ein wichtiger Faktor. Es sind die Veränderungen in der Berufswelt, die momentan so vielen Menschen zu schaffen machen. Sie haben Angst davor, den Job zu verlieren, den Erwartungen nicht mehr standhalten oder von dem niedrigen Gehalt ihren Lebensunterhalt nicht mehr finanzieren zu können. Hinzu kommt häufig das Fehlen einer ausgewogenen Work-Life-Balance.

Gegenthese: Wir brauchen die Arbeit für ein glückliches Leben

Experten werfen nun aber eine ganz andere These in den Raum: Ein Mensch braucht die Arbeit, um langfristig gesund und glücklich zu bleiben. Die Arbeit gibt uns einen Sinn im Leben und ordnet uns einen fixen Platz in der Gesellschaft zu. Sie ist wichtig für das eigene Selbstwertgefühl. Wer im „Dauerurlaub“ lebt, verspürt häufig früher oder später ein Gefühl der Sinnlosigkeit, rutscht in eine Depression oder Sucht ab – oder sucht sich eben wieder einen neuen Sinn im Leben. Dies können auch Kinder, ein Haustier, ein Ehrenamt, ein Hobby o.ä. sein. Ein Mensch braucht also eine Aufgabe, um dauerhaft gesund und glücklich leben zu können. Das kann – muss aber nicht – die Arbeit sein. Die Frage ist nur: „Wie viel“ Arbeit ist optimal?

Bedingungsloses Grundeinkommen, 15-Stunden-Woche oder Sechs-Stunden-Arbeitstag?

Der Denkfehler, welcher unserer Gesellschaft derzeit zu schaffen macht, ist folgender: Der Acht-Stunden-Arbeitstag wurde am Rhythmus der Maschinen eingeführt, nicht an dem der Menschen. Der Stressreport aus dem Jahr 2012 der Baua (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin) beweist:

Ab einer Arbeitszeit von 48 Stunden pro Woche oder mehr, nehmen Erkrankungen, wie Schlafstörungen, Müdigkeit, Reizbarkeit, Niedergeschlagenheit, Magenbeschwerden, Kreislaufprobleme u. v. m. deutlich zu.

Die Häufigkeit der auftretenden Beschwerden stieg in der Studie parallel zur zunehmenden Wochenstundenzahl. Merklich war der Anstieg aber vor allem ab einem Wert von über 40 Stunden pro Woche. 35 bis 40 Arbeitsstunden seien demnach gesundheitlich unbedenklich, wenn die Arbeitsbedingungen entsprechend stimmen, so das Fazit.

Allerdings beweist das Vorbild Schweden: In sechs Stunden kann ein Arbeitnehmer ebenso viel leisten wie in acht Stunden, wenn nicht sogar mehr. Wieso? Weil er dann auch ohne Pausen produktiver bleibt und die Arbeitszeit schlichtweg effizienter nutzt. Anschließend bleibt mehr Zeit für eine ausgewogene Work-Life-Balance, um wieder Energie aufzutanken und dann hoch konzentriert weiter zu arbeiten. Die Studie der Baua fand aber zudem heraus, dass Menschen, die nur 30 Stunden pro Woche arbeiten, nicht unbedingt gesünder und glücklicher sind. Der wichtigste Faktor liegt stattdessen in der Arbeit selbst: Wie hoch ist der Leistungsdruck? Sieht der Mensch einen Sinn in seiner Arbeit? Wie ist der Arbeitstag gestaltet? Welche Arbeitsatmosphäre herrscht? Auch ein regelmäßiger Rhythmus ist wichtig. Gesundheitliche Probleme treten zum Beispiel vermehrt bei Schichtarbeitern auf. Fakt ist also: 15, 30 oder 40 Stunden pro Woche, das ist im Endeffekt gar nicht so wichtig. Mehr als 40 Stunden allerdings, sollten es zugunsten der Gesundheit nicht sein.

Es muss nicht weniger Arbeit sein, aber die richtige

Schlussendlich müssen also einfach die Rahmenbedingungen passen und Sie müssen eine Arbeit finden, in der Sie einen Sinn sehen. Machen Sie Ihre Berufung zum Beruf und Sie werden glücklicher und gesünder leben. Das ist allerdings einfacher gesagt als getan: Viele Menschen schrecken vor ihrem Traumberuf zurück, weil dieser schlichtweg zu gering bezahlt wird. Das ist vor allem im sozialen Bereich ein großes Problem. Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde daher viele Menschen zu einer beruflichen Neuorientierung veranlassen und dadurch auch gesünder und glücklicher machen. Zudem fiele ein Großteil des äußeren Drucks und der Ängste, zum Beispiel vor dem Jobverlust, weg. Wer weniger arbeitet oder durch ein bedingungsloses Grundeinkommen vom „Zwang zur Arbeit“ befreit wird, wird deshalb nicht unbedingt faul. Denn wir haben ja gelernt: Der Mensch braucht die Arbeit, um glücklich zu sein. Doch er wäre gelassener und dadurch auf Dauer auch gesünder. Weniger Arbeit käme außerdem der Work-Life-Balance zugute und zuletzt – laut Rutger Bregman – auch der Klimabilanz, aufgrund des verringerten Pendlerverkehrs. Wenn das kein durchschlagendes Argument ist…

Was denken Sie: Wären Sie durch weniger Arbeit gesünder und glücklicher? Plädieren Sie für den Sechs-Stunden-Arbeitstag, die 15-Stunden-Woche oder ein bedingungsloses Grundeinkommen? Und wieso (nicht)?

2 Kommentare

  1. Mandy Koebnik on

    Ich denke der Punkt ist nicht das Grundeinkommen, jeder sollte auch für sein Geld arbeiten, sondern vielmehr die Möglichkeit auch in Teilzeit gute Jobs zu bekommen. Warum nicht einen 20-Stunden-Job mit dem man gutes Geld verdient und 10-20 h einen Job mit Herzensangelegenheit? Ob für die eigene Familie, soziale/humanitäre Zwecke, Kunst o.ä. Kann sich doch jeder selbst zusammenbauen, was ihn glücklich macht. Aber heutzutage gibt es noch zu wenige interessante gut bezahlte Teilzeitjobs, obwohl die Arbeitnehmer nachweislich produktiver sind in der kürzeren Zeit. JOB-SHARING wäre ein guter Lösungsansatz, aber leider stecken wir da (gedanklich) noch zu sehr in den Kinderschuhen und haben zu viel Angst vor neuem Terrain und solange der Arbeitgeber genug 40-60 h- Kräfte bekommt, muss er auch nicht umdenken und sich damit auseinandersetzen. Aber das wird kommen.

  2. Vielen Dank für den interessanten Artikel, Frau Franke. Ich stimme Ihnen zu, dass “die richtige Arbeit” nicht krank macht, sondern für das Sinnerleben unverzichtbar ist. Dabei meine ich mit Arbeit nicht nur eine Erwerbstätigkeit, sondern auch Familienarbeit oder eine ehrenamtliche Tätigkeit. Arbeitswochen mit bis zu 60 h kenne ich aus Stoßphasen, als ich noch Teamleiterin in einem Technik-Konzern war. Und ja – dieses Auspowern über lange Zeit ist ungesund und auch nicht mehr effektiv. Als Coach habe ich jedoch von meinen Klienten in den letzten Jahren immer wieder zwei Faktoren gehört. Die erste Frage lese ich auch in Ihrem Artikel “Sieht der Mensch einen Sinn in seiner Arbeit?”. Die zweite Frage ist, wie selbstbestimmt Menschen ihre Tätigkeit gestalten können (Selbstführung) und dürfen (Führung). Diese beiden Faktoren passen zu Antonovskys Salutogenese.

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