Wenn junge Menschen ihr Studium beendet haben, dann stecken sie voller Tatendrang. So ist zumindest die allgemeine Annahme. Die Realität sieht oftmals ganz anders aus. Gefühle wie Unsicherheit, Antriebslosigkeit und Zweifel machen sich breit und sorgen letztendlich dafür, dass die Betroffenen unter einer richtigen Krise leiden. Was von der breiten Mehrheit derzeit allenfalls am Rand bemerkt wird, hat in der Populärpsychologie längst einen Namen: Quarterlife Crisis. Was hat es auf sich mit der Sinnkrise der Mittzwanziger?

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Inhalt
1. Was ist die Quarterlife Crisis?
2. Exkurs: Die Generation Y
3. Wodurch zeichnet sich die Quarterlife Crisis aus?
4. Wodurch wird eine Quarterlife Crisis ausgelöst?
5. Exkurs: Das Moratorium nach Erik Erikson
6. Erfordert jede Quarterlife Crisis therapeutische Hilfe?
7. So wenden Sie die Quarterlife Crisis ab
8. Schritt #1: Definieren Sie ein genaues Ziel
9. Schritt #2: Passen Sie Ihr Leben an Ihre Bedürfnisse an
10. Schritt #3: Führen Sie sich Positives vor Augen
11. Keine Angst vor der Quarterlife Crisis haben

Was ist die Quarterlife Crisis?

Würde man den Begriff Quarterlife Crisis ins Deutsche übersetzen, so würde er in etwa so viel wie „Viertelleben-Krise“ bedeuten. Auch wenn diese Übersetzung ein wenig missglückt klingt, macht sie doch in groben Zügen klar, worum es sich bei der Quarterlife Crisis handelt – nämlich um eine Krise, die Menschen nach dem ersten Viertel ihres Lebens ereilt.

Geht man davon aus, dass ein Mensch in der heutigen Zeit 80 bis 90 Jahre alt wird, dann ist das erste Lebensviertel in den „Zwanziger Jahren“ vorbei – also dann, wenn ein Mensch zwischen 21 und 29 Jahren alt ist. Diese Altersspanne wird als typische Betroffenen-Gruppe der Quarterlife Crisis verstanden. Menschen, die sich in diesem Alter befinden, haben meist einen wichtigen Lebensabschnitt beendet. Sie haben entweder ihre berufliche Ausbildung oder das Studium hinter sich und befinden sich in einer Phase des Umbruchs. Diese ist geprägt durch Fragen wie:

  • Wo geht mein weiterer beruflicher Weg hin?
  • Will ich Karriere machen?
  • Wie vereinbare ich den Beruf mit meiner Familienplanung?
  • Was ist, wenn ich erst einmal lieber reisen möchte?
  • Will ich die nächsten X Jahre im selben Betrieb arbeiten?
  • Was will ich wirklich?

Von Menschen, die sich gerade in dieser Phase befinden, wird die Zeit der beruflichen Orientierung auch als das „finale Erwachsenwerden“ verstanden. Das Leben ist nun kein spaßiges Experiment mehr, sondern purer Ernst. Ab jetzt werden die Weichen neu gestellt – und zwar in eine Richtung, die gut durchdacht sein will. Diese folgeschwere Entscheidung übt so viel Druck auf manche aus, dass sie zu einer wahren (Sinn-)Krise wird. Interessant ist, dass vor allem Akademiker von der Quarterlife Crisis betroffen sind. Es ist außerdem festzuhalten, dass die Quarterlife Crisis bei Menschen jeden Alters auftreten kann. Es wurde lediglich festgehalten, dass Menschen zwischen 21 und 29 besonders prädestiniert für diesen Zustand sind.

Entstanden ist der Begriff Quarterlife Crisis in den 1990er Jahren in Anlehnung an die Midlife Crisis – jene schicksalhafte Wendung im Leben der 40- bis 50-jährigen, die ihrerseits auf der Suche nach dem Sinn des (eigenen) Lebens sind. Populär wurde er allerdings erst zu Beginn der 2000er Jahre. Damals – im Jahr 2001 – schrieben zwei US-Amerikanerinnen über ihr nur mäßig glückliches Leben in den „Zwanzigern“ und benutzten in diesem Zusammenhang mehrmals den Terminus Quarterlife Crisis.

Exkurs: Die Generation Y

Wenn heute von der Quarterlife Crisis gesprochen wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch auf die Generation Y aufmerksam gemacht wird. Diese Generation, die aus Menschen besteht, die zwischen 1977 und 1998 geboren wurden, ist nämlich vorrangig von der Sinnkrise betroffen beziehungsweise besonders anfällig für diese. Doch warum ist das so?

Wie keine Generation zuvor zeichnet sich die Generation Y nicht nur durch unzählige Möglichkeiten der Verwirklichung, sondern auch vielfältige Zweifel und Unsicherheiten aus. Auch der permanente Leistungsdruck und die Konkurrenz untereinander (die Menschen dieser Generation werden gern auch als „Generation Praktikum“ bezeichnet) trägt dazu bei, dass die Quarterlife Crisis hier so ein großes Thema ist. Hinzukommt, dass das Leben eines jeden einzelnen durch soziale Medien nicht nur transparenter, sondern auch verzerrter wird. Kaum einer teilt die ungeschminkte Wahrheit mit Gleichgesinnten im Netz. Stattdessen wird alles etwas aufgehübscht und mit einem Filter überzogen, um den Anschein zu wahren, ein makelloses Leben zu führen. Die Folge: Eine nicht reale Wahrheit, die beim Betrachter durchaus eine Krise auslösen kann.

Lesen Sie dazu auch:Wie die Generation Y die Arbeitswelt verändert

Wichtig: Nur weil die Quarterlife Crisis nicht eindeutig und wissenschaftlich definiert ist, bedeutet das nicht, dass es sich bei dem Phänomen um ein Hirngespinst handelt. Viele Psychologen sind sich einig: Hat sich ein Begriff wie dieser erst einmal durchgesetzt, dann hat das auch einen Grund – nämlich, dass sich viele Menschen damit identifizieren können.

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Wodurch zeichnet sich die Quarterlife Crisis aus?

Psychologen, die sich mit der Krise der Mittzwanziger auseinandersetzen, beobachten immer wieder die gleichen oder sehr ähnliche Symptome bei den Betroffenen. Hierzu gehören unter anderem:

  • Unsicherheit (bei Entscheidungen im Beruf und im Privaten)
  • Überforderung
  • Orientierungslosigkeit
  • Frust
  • Unzufriedenheit
  • Depressionen
  • Konflikte
  • Ängste (v.a. Zukunftsängste)
  • Gefühl, „nicht genug“ zu sein
  • Infragestellung verschiedener Aspekte (zum Beispiel berufliche Situation, eigene Identität, Wünsche, Vorstellungen, etc.)
  • Nostalgie (der Wunsch zurück in die „gute alte Zeit“)
  • Einsamkeit

Selbstverständlich äußert sich die Quarterlife Crisis bei jedem Menschen anders. Während einige nur leichte oder gar keine Symptome aufweisen, sind andere stark betroffen. Das gleiche gilt auch für die Gründe, die zu einer Sinnkrise führen. Auch hier gibt es keinen General-Fall.

Wodurch wird eine Quarterlife Crisis ausgelöst?

Im Anbetracht dessen, dass der Begriff Quarterlife Crisis verhältnismäßig neu und in vielen Wortschätzen noch gar nicht angekommen ist, fragt man sich natürlich, wie es zu einer solchen Sinnkrise kommen kann. Handelt es sich hierbei um ein gänzlich neues Phänomen oder ist es eine altbekannte Entwicklung, der einfach nur ein neuer Name gegeben wurde? Antworten auf diese Fragen werden geliefert, wenn wir uns einmal genauer anschauen, was die Auslöser für eine Quarterlife Crisis sind.

  • Ende der Ausbildung / des Studiums
  • Unsicherheit im Job
  • Unzufriedenheit im Job
  • Später Jobeinstieg aufgrund langer Studienzeiten
  • Viele (neue) Karriere-Möglichkeiten
  • Fehlende Orientierung auf dem Arbeitsmarkt
  • Angst vor Verantwortung
  • Flexible Lebensmodelle
  • Gesteigerte Eigenverantwortung
  • Spezielle Charaktereigenschaften wie: hohe Ansprüche an sich selbst, Perfektionismus und Selbstzweifel

Führt man sich Gründe wie den verspäteten Jobeinstieg und die immer vielfältiger werdenden Möglichkeiten vor Augen, wird deutlich, dass die Quarterlife Crisis zwar kein gänzlich neues Phänomen ist, aber durchaus durch die aktuellen Gesellschafts-Entwicklungen beeinflusst wird. Hierzu trägt auch die grundlegende Veränderung der Gesellschaft bei. Junge Menschen werden immer später sesshaft, um eine Familie zu gründen. Dementsprechend haben sie mehr Zeit, ihren eigenen Weg zu finden und diesen zu gehen. Was im ersten Moment wie eine große Freiheit wirkt, überfordert viele zunehmend. Sie studieren erst einmal „irgendwas“ – wohlwissend, dass sie hinterher immer noch die Möglichkeit haben, diese Entscheidung zu korrigieren, indem sie noch ein anderes Studium beginnen.

Exkurs: Das Moratorium nach Erik Erikson

Erik Erikson war ein deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker, der sich unter anderem intensiv mit dem Übergang der Jugend in das Erwachsenenalter befasst hat. Er war es, der den Begriff des Moratoriums geprägt hat. Dieser bezeichnet die genannte Übergangsphase und lässt sich daher in eine direkte Verbindung zur Quarterlife Crisis bringen. Laut Erikson handelt es sich beim Moratorium um eine Zeit des Ausprobierens und Aufschiebens. Mit letzterem sind vor allem die Verpflichtungen und Bindungen Erwachsener gemeint.

Warum es eine solche Übergangsphase überhaupt gibt, erklärt Erikson folgendermaßen: Es besteht eine Diskrepanz zwischen biologischem und sozialem Erwachsensein. Das Moratorium hilft also, diese ungleiche Zeit zu überbrücken, bis der Mensch sowohl als biologischer als auch sozialer Sicht erwachsen ist.

Denkt man den Ansatz von Erik Erikson weiter, so wartet am Ende des Moratoriums die Quarterlife Crisis.

Erfordert jede Quarterlife Crisis therapeutische Hilfe?

Nein. Denn auch wenn die Sinnkrise immer öfter als solche wahrgenommen wird, heißt das noch lange nicht, dass sich Betroffene ihrem „Schicksal“ ergeben. Die Bezeichnung „Krise“ wird von vielen als zu dramatisch eingestuft und dementsprechend auch häufig belächelt. Wer mitbekommt, dass er sich gerade in einer krisenähnlichen Lebensphase befindet, schafft es häufig aus eigener Kraft wieder heraus. Um das zu schaffen, sind zwei Aspekte von besonders großer Bedeutung:

  • Was ist der Grund für meine Situation?
  • Wie schaffe ich es, etwas daran zu ändern?

Wenn diese eigen-initiierte Ursachenforschung nicht hilft, ist es ratsam, nahestehende Personen oder Selbsthilfegruppen in die Krisenüberwindung einzubeziehen. Erst im letzten Schritt sollten Sie sich an einen Psychotherapeuten wenden und mit Ihm über Ihre Probleme sprechen.

Eine psychotherapeutische Behandlung der Quarterlife Crisis setzt sich häufig aus zwei Komponenten zusammen:

Tiefenpsychologische BehandlungVerhaltenstherapie
In diesem Teil der Behandlung geht es darum, die genauen Gründe für die Sinnkrise ausfindig zu machen.Bei der Verhaltenstherapie wird so am Verhalten des Patienten gearbeitet, dass dieser es mit eigener Kraft aus der Krise schafft.

So wenden Sie die Quarterlife Crisis ab

Beim Lesen dieses Beitrages ist Ihnen aufgefallen, dass Sie zur „Zielgruppe“ der Quarterlife Crisis gehören? Keine Sorge, nicht jeder Mensch Mitte zwanzig ist automatisch von der Sinnkrise betroffen. Und auch, wenn Sie bereits erste Anzeichen, beispielsweise Zweifel oder ein ungutes Gefühl im Beruf, bemerken, heißt das noch lange nicht, dass Sie ein Fall für den Psychologen sind. Die Quarterlife Crisis kann nämlich auch abgewendet werden.

Schritt #1: Definieren Sie ein genaues Ziel

Um eine Sinnkrise zu vermeiden, gilt es, dem Leben einen Sinn zu verleihen. Klingt einfach? Ist es im Prinzip auch. Ziel Ihrer Karriere sollte es stets sein, so zu entscheiden, dass Ihr Beruf Sie befriedigt. Wenn Sie an dieser Stelle noch nicht wissen, was ein befriedigender Beruf für Sie ist, dann ist nun der perfekte Moment, um darüber nachzudenken. Denn: Die Erkenntnis beeinflusst maßgeblich, wie Sie sich auf Ihrem Berufsweg verhalten.

Wichtig: Fassen Sie nur Ziele ins Auge, die auch wirklich realistisch sind. Andernfalls drohen Enttäuschung und Frust.

Schritt #2: Passen Sie Ihr Leben an Ihre Bedürfnisse an

Wenn Sie wissen, wohin die Reise gehen soll, wird es Ihnen viel leichter fallen, die Reiseroute zu bestimmen. Mit einem Ziel vor Augen gehen Entscheidungen und auch (notwendige) Umorientierungen viel leichter von der Hand.

Tipp: Dieser Schritt sieht vor, dass Sie eventuell auch Wege gehen, die Sie bis dato gar nicht auf dem Schirm hatten oder kategorisch ausgeschlossen haben. Machen Sie sich frei für neue Sichtweisen und öffnen Sie sich für alle Möglichkeiten, die Ihnen geboten werden.

Schritt #3: Führen Sie sich Positives vor Augen

Ein weiterer wichtiger Schritt weg von der Quarterlife Crisis ist es, sich vor Augen zu führen, was Sie bereits geschafft und erreicht haben. Auch wenn Sie sich vielleicht gerade in einer frustrierenden Arbeitssituation befinden, gibt es garantiert auch immer Aspekte, auf die Sie stolz sein können. Rufen Sie sich diese bewusst ins Gedächtnis und genießen Sie das positive Gefühl, das dadurch hervorgerufen wird.

Keine Angst vor der Quarterlife Crisis haben

Die gute Nachricht zum Schluss: Experten sind sich einig. Wer die Quarterlife Crisis einmal überstanden und gemeistert hat, wird gestärkt aus ihr hervorgehen. Menschen, die diese Phase der Orientierungslosigkeit und des Frusts hinter sich gebracht haben, wissen genau, wo im Leben Sie stehen und wo sie noch hinwollen. Außerdem haben sie gelernt, mit dieser Krisensituation umzugehen, was als wertvolle Kernkompetenz verstanden werden kann. Manche Psychologen gehen sogar soweit, zu sagen, dass eine Entwicklung ohne vorherige Krise überhaupt nicht möglich ist.

Darüber hinaus muss an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich erwähnt werden, dass es vollkommen normal ist, bestimmte Phasen im Leben zu hinterfragen. Jeder Mensch kommt früher oder später an einen Punkt, an dem er Geschehenes reflektiert und Zukünftiges hinterfragt. Dass daraus Unsicherheiten entstehen, ist niemandem zu verübeln. Auf der Suche nach einer eigenen Identität und dem Sinn unseres Lebens läuft nun einmal nicht alles rund.

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