Slow Work: Lasst uns das Tempo aus der Arbeit nehmen!

„Slow Work“ heißt die neue Bewegung, welche derzeit aus den USA nach Deutschland schwappt und die Einstellung zur Arbeit in der Gesellschaft nachhaltig verändert. „Langsam“ soll diese ab sofort (wieder) sein. Ebenso langsam findet dieser Gedanke aber in Deutschland Akzeptanz. Widerspricht er doch allen Werten der modernen Arbeitswelt. Und trotzdem – oder gerade deshalb – wird die „Slow-Work“-Bewegung auch hierzulande langsam aber sicher ihren Platz finden, da sind sich die Experten einig.

Inhalt
1. Höher, schneller, weiter – Die Grundprinzipien der modernen Arbeitswelt
2. Keine Bewegung ohne Gegenbewegung
3. „Slow Work“ – Eine Lebenseinstellung erobert die Arbeitswelt
4. Faul sein und die Beine hochlegen…
5. …oder wie funktioniert „Slow Work“?
6. „Slow Work“ kann auch eine Umstellung des Arbeitszeitmodells bedeuten
7. Fazit: „Slow Work“ – Realistisch oder Wunschvorstellung?

Höher, schneller, weiter – Die Grundprinzipien der modernen Arbeitswelt

Die Zeit ist in unserer industrialisierten Welt zu einem knappen Gut geworden. Die steigende Komplexität der Arbeitswelt durch die Digitalisierung und die damit verbundene Globalisierung fordern ihren Tribut. Während auf der einen Seite Arbeitsabläufe immer vielschichtiger werden, müssen diese auf der anderen Seite aufgrund ständiger Einsparungs- und Umstrukturierungsmaßnahmen in immer kürzerer Zeit von immer weniger Arbeitenden erledigt werden. Für den Einzelnen bedeutet dies:

In einer Umfrage des Umfragezentrums Bonn (uzbonn) gaben 24 Prozent der Vorgesetzten sowie 20 Prozent der Nicht-Vorgesetzten an, sehr häufig unter Zeitdruck zu stehen. Nur sieben Prozent aller Arbeitnehmer mit 45 oder mehr Wochenstunden fühlen sich nie gehetzt. 36 Prozent hingegen oft.
Statistik: Wie häufig fühlen Sie sich bei der Arbeit gehetzt und stehen unter Zeitdruck? | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Angesichts dieser Zahlen war es nur eine Frage der Zeit, bis zu dieser Entwicklung die entsprechende Gegenbewegung Einzug hält. Und hier ist sie (endlich), unter dem Namen „Slow Work“.

Keine Bewegung ohne Gegenbewegung

Gemäß dem Wechselwirkungsprinzip „Actio und Reactio“ lehrt uns die Geschichte, dass jedes Movement früher oder später eine Gegenbewegung hervorruft. Nach dem ersten Hype um Fitness-Studios ist jetzt wieder Outdoor-Fitness „in“. Nach „Fast Food“ kam „Slow Food“ und ebenso kommt jetzt nach „Fast Work“ die Gegenbewegung „Slow Work“. Eigentlich sollte dies keine Überraschung sein. Dennoch sträuben sich viele Menschen dagegen, sich mit dem Gedanken der langsamen Arbeit anzufreunden. Sie fürchten sinkende Produktivität bis hin zum Arbeitsplatzverlust, denn man könnte ja als „faul“ abgestempelt werden.

Alles Humbug, schimpfen derweil die Experten. „Slow Work“ könne sogar die Produktivität steigern, verteidigen sie das neue Arbeitsmodell. Und das bei gleichermaßen positiven Effekten auf das psychische und physische Wohlbefinden der Arbeitnehmer in einer immer schneller werdenden Geschäftswelt. „Slow Work“ – so heißt aus Sicht der Verfechter der langsamen Arbeit das Wundermittel gegen stressbedingte Erkrankungen in der modernen Gesellschaft, wie das Burnout-Syndrom. Doch was ist dran am Konzept „Slow Work“? Wir nehmen es für Sie genauer unter die Lupe.

„Slow Work“ – Eine Lebenseinstellung erobert die Arbeitswelt

Sie mögen sich nun fragen: „Slow Work“…was soll das eigentlich sein? Prinzipiell handelt es sich dabei um nichts Anderes als die wörtlich übersetzte „langsame Arbeit“. Weiter gefasst ist sie aber nur ein Puzzleteil einer viel größeren Bewegung, unter welche auch das bereits erwähnte „Slow Food“ fällt oder der Trend „Slow Reading“.

Es geht darum, wieder bewusster durch das Leben zu schreiten, sich Zeit für die kleinen Freuden des Alltags zu nehmen und achtsam mit Körper und Geist umzugehen.

Gesundheit und Glück stehen im Fokus der „Slow-Bewegungen“. Sie sind damit Ausdruck einer Zeit des Umdenkens, weg von Materialismus und dem ewigen Streben nach mehr Geld, mehr Erfolg oder mehr Leistung.

Stattdessen rückt die Work-Life-Balance wieder in den Fokus, die Vollzeitarbeit weicht den Teilzeitvereinbarungen und flexible Arbeitszeitmodelle werden zum Mittelpunkt des Employer Brandings. Kurz gesagt: Die jungen Generationen wollen weniger Arbeit und dafür mehr Freizeit, mehr privates Glück und mehr Gesundheit. Die langsame Arbeit, also „Slow Work“, ist gerade für letzteren Punkt die optimale Lösung: Sie nimmt den Stress aus dem Berufsalltag und erhält so langfristig das psychische und physische Wohlbefinden. Burnout ade! Aber ist es wirklich so einfach?

Faul sein und die Beine hochlegen…

fauler Kollege legt die Beine auf den Tisch
Wenn Menschen den Begriff „Slow Work“ hören, denken sie erst einmal an den faulen Kollegen, der jeden Morgen zu spät kommt, oder den nicht ganz so intelligenten Praktikanten, der selbst für einfachste Aufgaben eine gefühlte Ewigkeit braucht. Langsam arbeiten? Nein danke! Das ist etwas für Verlierertypen am untersten Ende der Karriereleiter. Der erfolgreiche Mensch hat keine Zeit für „Slow Work“, er hat ja nicht einmal Zeit zum Schlafen oder Joggen. „Power Nap“, „Power Walk“, „Power Work“ – das ist das Geheimrezept zum Erfolg, oder?

Nein! Auf lange Sicht mache „Slow Work“ nämlich sogar produktiver, behauptet Gail Kinman, Professor of Occupational Health Psychology an der University of Bedfordshire.

Ihre These klingt nachvollziehbar: Durch die Verlangsamung der Arbeit geben Sie Ihrem Körper die Möglichkeit zur Regeneration. Das allgemeine Stresslevel sinkt, während Ihre Konzentration und Kreativität wieder steigen. Sie verfügen langfristig über mehr Energie-Ressourcen und Leistungsfähigkeit. Durch „Slow Work“

  • verringern Sie Ihre Fehlerhäufigkeit
  • steigt Ihre Kreativität und Problemlösungskompetenz
  • bleiben Sie energiegeladener
  • fördern Sie Ihre geistige und körperliche Gesundheit
  • gehen Sie präventiv gegen ein Burnout oder ähnliche stressbedingte Krankheiten vor
  • reduzieren Sie Multitasking mit all seinen negativen Konsequenzen
  • sagen Sie sich von Ihrem eigens gesetzten Leistungsdruck los

Wir könnten diese Liste der Vorteile von „Slow Work“ ewig fortsetzen. Viel wichtiger als die Frage „ob“, ist aber: „Wie“ funktioniert die langsame Arbeit?

…oder wie funktioniert „Slow Work“?

„Slow Work“ bedeutet nicht, dass Sie sich fortan morgens an Ihren Schreibtisch setzen oder an die Maschine stellen und einfach alles ein wenig langsamer machen. Vielmehr gehen Sie die Dinge achtsamer und dadurch auch konzentrierter an – jedoch ohne Zeitdruck oder Hektik. „Slow Work“, das funktioniert so:

  1. Erstellen Sie am Morgen einen kurzen Tagesplan.
  2. Rechnen Sie für jeden Punkt auf dieser To-Do-Liste doppelt so viel Zeit ein, wie Sie eigentlich veranschlagen würden. Diese Grundregel gilt übrigens für alle To-Do-Listen, völlig unabhängig von der langsamen Arbeit.
  3. Nehmen Sie sich regelmäßige Pausen, wie zum Beispiel bei der im Artikel „Produktivität steigern: 3 + 7 Ansätze für mehr Leistung im Job“ geschilderten Pomodoro-Technik.
  4. Nutzen Sie diese kurzen Pausen für ein wenig Smalltalk unter Kollegen oder das Netzwerken via Xing, LinkedIn & Co. Wie Sie im Artikel „Nicht wer leistet, wird befördert. Sondern…?“ gelernt haben, hängt beruflicher Erfolg nämlich zu 60 Prozent von Ihren Kontakten ab, dem berühmten „Vitamin B“. Nur zehn Prozent macht hingegen Ihre Leistung aus. Eine weitere Erklärung dafür, dass „Slow Work“ als neue Karrierestrategie tatsächlich funktionieren kann.
  5. Vermeiden Sie unbedingt jede Art von Multitasking! Sie müssen Ihren Posteingang nur zweimal täglich, nicht aber alle fünf Minuten checken und das ständig klingelnde Smartphone stellt ebenfalls einen subtilen Stressfaktor dar, welcher Ihnen die Konzentration und damit auch die Produktivität raubt.
  6. Bauen Sie aktiv Entspannungszeiträume in Ihren Alltag ein, zum Beispiel ein wenig Yoga am Morgen, einen Power Nap in der Mittagspause oder die Massage nach Feierabend. Und wenn möglich, können Sie bei der Arbeit im Home-Office auch einen „Slow Nap“ einlegen oder sich eine gesunde „Slow Food“ Mahlzeit gönnen – passend zu Ihrem neuen Lebensmotto.
  7. Kontrollieren Sie zum Ende des Arbeitstages noch einmal Ihre To-Do-Liste. So erhalten Sie mit der Zeit ein Gefühl dafür, wie lange Sie mit „Slow Work“ für eine Tätigkeit brauchen. Besonders interessant ist an dieser Stelle natürlich der Vergleich mit Ihrer vorherigen „Fast Work“ To-Do-Liste. Lassen Sie uns Ihr Ergebnis in den Kommentaren wissen, wir sind gespannt.
  8. Beweisen Sie Geduld, denn Sie haben ja bereits gelernt: „Slow Work“ ist als Konzept auf langfristige Erfolge ausgerichtet. Sie dürfen keine Wunder erwarten. Wenn Sie aber mit voller Überzeugung auf den “Slow“-Zug aufspringen, werden Sie in wenigen Jahren Ihre gehetzten Kollegen überholen, während diese mit gesundheitlichen Problemen wie dem Burnout-Syndrom zu kämpfen haben. Ganz gemäß dem biblischen Sprichwort:

„Die Letzten werden die Ersten sein.“

„Slow Work“ kann auch eine Umstellung des Arbeitszeitmodells bedeuten

Wer hingegen nicht in der Hierarchie aufsteigen und die große Karriere anstreben möchte, sondern das Minimalismusprinzip der „Slow“-Bewegung umfassend in sein Leben integrieren will, kann zudem über eine Veränderung im Arbeitszeitmodell nachdenken. „Slow Work“ kann schließlich auch bedeuten, schlichtweg weniger zu arbeiten. Die Möglichkeiten sind vielfältig und stets vom individuellen Job sowie dem Unternehmen abhängig. Wir haben drei Vorschläge für Sie:

Variante 1: Teilzeitarbeit

Ja, die Teilzeitstellen genießen in modernen Unternehmen immer noch einen schlechten Ruf. Sie seien vor allem für Mamas, die neben ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter halt „ein bisschen was dazu verdienen wollen oder müssen“. Die Diskriminierung der Teilzeitarbeitskraft reicht so weit, dass ein hierarchischer Aufstieg ohne Vollzeitarbeitsvertrag in vielen Betrieben quasi unmöglich ist. Doch wenn Sie eben dies ohnehin nicht wünschen, wieso begnügen Sie sich dann nicht mit ein bisschen weniger Geld auf dem Konto und dafür einer Menge Freizeit? Zeit ist schließlich das kostbarste aller Güter in unserer modernen, getriebenen und immer gehetzten Gesellschaft. „Slow“ leben – das ist eine Grundsatzentscheidung.

Variante 2: Homeoffice

Etwas besser kombinieren lassen sich „Slow Work“ und die Karriereleiter mit einem Telearbeitsvertrag. Wieso sollten Sie nicht vom heimischen Schreibtisch aus arbeiten, wenn es Ihr Beruf ermöglicht? So können Sie Berufs- und Privatleben optimal miteinander kombinieren und ernten keine schiefen Blicke, wenn Sie die Arbeit etwas „slower“ angehen. Am besten nutzen Sie dieses Modell in Kombination aus Heim- und Präsenzarbeit. So können Sie an Ihren Tagen im Büro noch die wertvollen Kontakte zu Kollegen und Vorgesetzten pflegen.

Variante 3: Sabbatical

Sie sehnen sich hingegen nach einer kompletten Auszeit von der hektischen Arbeitswelt? Dann prüfen Sie doch einmal, ob in Ihrem Unternehmen ein Sabbatjahr möglich ist. Es muss nicht immer gleich ein ganzes Jahr sein, auch drei, sechs oder neun Monate können auf der lang ersehnten Weltreise oder in der wertvollen Zeit mit der Familie für unvergessliche Erinnerungen sorgen. Und so können Sie zumindest für eine kurze Dauer „slow“ in den Tag starten.

Fazit: „Slow Work“ – Realistisch oder Wunschvorstellung?

Grundsätzlich ist die „Slow Work“-Bewegung als ein durchaus realistisches Modell zu bewerten. Es muss nicht immer höher, schneller, weiter sein. Im Gegenteil: Je mehr Ruhe wir wieder in die moderne Arbeitswelt bringen, umso gesünder und leistungsfähiger wird die Gesellschaft bleiben. Derzeit befinden wir uns nämlich auf dem falschen Weg, wenn wir uns einmal die erschreckend schnell ansteigenden Zahlen stressbedingter Erkrankungen und Todesfälle („Karoshi“) ansehen. „Slow“ ist das Heilmittel für unsere Geschäftswelt. Doch wie jede Revolution – mag sie noch so klein oder groß sein – trifft auch „Slow Work“ erst einmal auf heftigen Widerstand. Wer es langsam angeht, wird schief angesehen oder als faul belächelt. Die sozialen Hürden sind groß und es gehört viel Mut dazu, gegen den Strom zu schwimmen und die Arbeit ab sofort „slow“ zu verrichten.

Eine Lösung könnte es sein, die Arbeit subtil zu entschleunigen und die eigene Arbeitsweise zu überdenken, ohne den neuen Ansatz „Slow Work“ plakativ nach außen zu tragen. Haben Sie Geduld, bis ein Umdenken stattgefunden hat, und finden Sie für sich das richtige Tempo. Was Sie gewinnen, ist mehr Gesundheit, mehr Zufriedenheit und vor allem mehr Zeit – wenn das kein fairer Tauschhandel ist! Auf Dauer überzeugen Sie durch eine konstante Leistung, Konzentration, Kreativität, Produktivität und geringe Krankenstände. Egal, ob Sie auf einen simpleren Lifestyle mit mehr Freizeit oder die Spitze der Karriereleiter abzielen: „Slow Work“ ist in beiden Fällen der Schlüssel zum Erfolg. Wie bereits die Römer wussten:

„Ruhe aus! Ein Feld, das geruht hat, trägt herrlich Ernte.“
(Publius Ovidius Naso)

Was denken Sie zum Thema „Slow Work“? Realistisches Konzept oder träumerisches Chichi? Probieren Sie es aus und teilen Sie Ihre Erfahrungen mit uns. Wir sind gespannt, ob es sich um ein dauerhaftes Umdenken oder einen vorübergehenden Trend handeln wird. Sie auch?

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