Telekom: Der „automatische“ Vorruhestand hat ausgedient

Ein Beispiel, das in anderen Großkonzernen bald Schule macht? Wie die „F.A.Z“ kürzlich berichtete, hat die Personalchefin Marion Schick der Deutschen Telekom ein neues Konzept verpasst. In Zeiten des Fachkräftemangels setzt der Konzernvorstand verstärkt auf Talentförderung in den eigenen Reihen.

Daraus ergibt sich, dass die Frühverrentung vieler Mitarbeiter Schnee von gestern ist. Ältere Mitarbeiter, die sich auf den Vorruhestand gefreut haben, werden nicht mehr automatisch in die Rente geschickt. Jetzt gelten neue Perspektiven hinsichtlich der Beschäftigung in Europas größtem Telekommunikationsunternehmen mit seinen insgesamt 232.342 Mitarbeitern, davon rund 120.000 in Deutschland. Die Deutsche Telekom war 1995 privatisiert worden und hat ihren Firmensitz in der früheren Bundeshauptstadt Bonn.

Das Ruder wird herumgerissen

Gegenüber der „F.A.Z.“ formulierte Telekom-Personalvorstand Marion Schick die neue Marschrichtung wie folgt: „Wenn wir den Netzausbau so angehen können, wie wir uns das vorstellen, werden Alt und Jung gebraucht. Viele ältere Kollegen werden länger an Bord bleiben, den Vorruhestand können wir dann zurückfahren.“ Bei der Telekom war über Jahre Personal im großen Stil verknappt worden. Jetzt mangelt es an qualifizierten Fachkräften im Unternehmen.

Von nun ab heißt das Motto vielmehr: Weiterbildung statt Vorruhestand. Und damit sind die Zeiten passé, als das Arbeitsleben vieler Beschäftigter der Telekom mit 55 Jahren endete. Dazu noch einmal Marion Schick (54), die vor einem Jahr die Nachfolge von Thomas Sattelberger im Konzernvorstand antrat: „Wir müssen auch die älteren Kollegen qualifizieren, damit sie weiterhin ihren Beitrag für das Unternehmen leisten können. Ein Talent ist jeder, der Potenzial hat – ob er nun 30 oder 50 Jahre alt ist.“

Wird aus der Not eine Tugend gemacht?

Die Personalchefin vertritt den Standpunkt, die Deutsche Telekom müsse „Demografie als Chance verstehen und nicht als Bedrohung empfinden“. Dennoch erfordert das neue Konzept viel Überzeugungsarbeit sowie ein Umdenken auf beiden Seiten. Der Altersdurchschnitt der Telekom-Mitarbeiter in Deutschland liegt bei 44 Jahren, bei den knapp 40.000 Beamten liegt der Mittelwert sogar bei 49 Jahren. Außerdem existieren noch Tarifverträge, die besagen, Beschäftigten, die älter als 55 Jahre sind, sei eine Weiterqualifizierung nicht mehr zuzumuten. Da spiegele sich „die alte Welt der Telekom wider“, kommentiert Marion Schick.

Sie warnt aber auch vor falschen Erwartungen. Denn es ist damit zu rechnen, dass es der technologische Wandel erforderlich macht, dass der Konzern auch zukünftig seine Belegschaft reduziert. Schon aus diesem Grund wird am Vorruhestand als einem geeigneten Instrument festgehalten. Insgesamt verringert sich aber der Druck, sodass sich der Stellenabbau insgesamt verlangsamen dürfte – mit dem Ergebnis, dass auch die Telekom-Bilanzen eine Entlastung erfahren.

Mehr als eine Milliarde Euro hat es das Unternehmen allein im Jahr 2012 gekostet, um seine Mitarbeiter „sozialverträglich“ loszuwerden, entweder über Vorruhestandregelungen oder Abfindungen in beachtlicher Höhe. Laut Marion Schick sichern die geplanten Investitionen Beschäftigung und ermöglichen die Förderung von Nachwuchskräften. Bis zum Jahr 2015 sollen etwa 5.800 Neueinsteiger angeheuert werden.

Frauen in Telekom-Führungspositionen

Von Marion Schicks Vorgänger Thomas Sattelberger ging die Initiative aus, mehr Frauen als Führungskräfte bei der Telekom zu engagieren. Knapp 15 Prozent beträgt der derzeitige Frauenanteil in Deutschland, im Ausland beschäftigt der Konzern bereits 24 Prozent weibliche Mitarbeiter. Die Personalchefin und ehemalige Kultusministerin von Baden-Württemberg sieht ihr Unternehmen damit auf einem guten Weg. Sie betont, dass es gelingen werde, bis zum Jahr 2015 das selbst gesteckte Ziel zu erreichen, dass 30 Prozent Frauen bei der Telekom arbeiten. Überall im Unternehmen sei die Frauenförderung längst „zu einem festen Bestandteil der Telekom-Kultur geworden“.

Trotzdem gelte es achtsam zu sein, damit der Schwung nicht verloren geht. Daher betrachtet es Marion Schick, Mutter von zwei Kindern, als „nächste große Aufgabe“, die Arbeitszeiten bei der Telekom so familienfreundlich wie möglich zu gestalten. Sie macht sich Gedanken, ob es sinnvoll ist einen Familienbeauftragten einzusetzen, um dieses Vorhaben umzusetzen. Denn nach ihrer Einschätzung ist „die klassische Teilzeit nur ein Anfang“. Sie sieht die Notwendigkeit von Flexi-Zeit-Modellen, dank derer die Mitarbeiter über das Jahr hinweg ihre Arbeitszeit „atmend“ gestalten können.

Längere Auszeiten, die sich über mehrere Monate erstrecken, hält die Personalchefin ebenfalls für machbar. Außerdem will sie sich für ein garantiertes Rückkehrrecht stark machen, das es Teilzeitkräften ermöglicht, wieder einen Vollzeitjob zu übernehmen. In diesem Punkt wurde bereits ein Anfang gemacht: Die Telekom will in einem Pilotvorhaben für Neuverträge entsprechende Garantien testen. Wenn sich diese bewähren, soll das Modell auf große Bereiche im Konzern ausgedehnt werden.

Stellenabbau geht weiter

Wie die meisten Personalchefs wird Marion Schick ebenfalls mit der harten Aufgabe konfrontiert, Stellen abzubauen. Allein in der Bonner Zentrale sollen bis 2015 ca. 1.200 Arbeitsplätze verschwinden, auch für die Verwaltung der Deutschland-Sparte ist mit einem Kahlschlag ähnlichen Ausmaßes zu rechnen. Dort wird in den Abteilungen Marketing, Buchhaltung und Personalwesen voraussichtlich jede zehnte Stelle gestrichen. Bis zum Juni werde die neue Verwaltungsstruktur der Deutschland-Gesellschaft stehen, kündigt Marion Schick an.

Im kommenden Jahr wird die Telekom zudem ein neues „Anreizsystem für die Vergütung von Führungskräften einführen“. Dann werde die individuelle Leistung stärker zu Buche schlagen und sich dementsprechend auf das Einkommen auswirken. Natürlich hagelt es bei all den Neuigkeiten bereits Kritik am Führungsstil der Personalchefin. Sie nimmt es gelassen und sagt: „Ich habe vielfältige Veränderungsprozesse angestoßen. Da wird sich dann auch öffentlich beschwert und geklagt. Wenn man dicke Bretter bohren will, muss man das hinnehmen.“

1 Kommentar

  1. Mich hat das Bild zum Beitrag auf diese Seite gelockt. Das gibt es doch ganz erstaunliche Ähnlichkeiten zu dem Bild auf meinem Blog und zum Titelbild meines Buches “Gedanken eines Privatiers”.

    Nunja – warum auch nicht. Die Themen sind ähnlich und da kommt man schon mal auf ähnliche Gedanken.

    Aber jetzt zum Beitrag. Da heisst es:
    “Denn es ist damit zu rechnen, dass es der technologische Wandel erforderlich macht, dass der Konzern auch zukünftig seine Belegschaft reduziert. Schon aus diesem Grund wird am Vorruhestand als einem geeigneten Instrument festgehalten. ”

    Es wird also weiter Reduzierungen der Belegschaft geben. Für ältere Arbeitnehmer kann das auch eine Chance sein, dem Arbeitstrott ein paar Jahre eher zu entkommen. Was man alles beachten muss, habe ich selber erfahren und in meinem Buch beschrieben. Ich kann nur empfehlen, sich rechtzeitig zu informieren!

    Gruß, Peter Ranning

Ihr Kommentar zum Thema