Berufliche Neuorientierung: Ausweg aus der Krise

Den perfekten Job, der immer nur Spaß macht und für welchen Sie jeden Morgen motiviert das Haus verlassen, gibt es wohl nicht. Doch woran erkennen Sie eigentlich, ob es sich bei Ihrer Unzufriedenheit im Job um eine kurzzeitige Krise handelt, oder ob es an der Zeit für eine berufliche Neuorientierung ist?

1. Kündigung – ein Wort, das deutschen Arbeitnehmern Angst macht
2. Gute Kündigungsgründe gibt es viele
3. Materielle und immaterielle Faktoren berücksichtigen
4. Realistisch, aber mutig bleiben
5. Der Mut hat starke Gegenspieler: Zweifel
6. Packen Sie es an,…
7. Die Checkliste zur beruflichen Neuorientierung

Kündigung – ein Wort, das deutschen Arbeitnehmern Angst macht

Kündigen? Für viele Arbeitnehmer in Deutschland wäre das absolut undenkbar. Wer einen Job hat, am besten sogar einen unbefristeten Arbeitsvertrag, käme in unserer Kultur der Sicherheit niemals auf die Idee, dieses Privileg freiwillig aufzugeben. Berufliche Neuorientierung, das ist ein Begriff, der vielen Menschen Angst einflößt. Damit geht schließlich einher, aus der Routine auszubrechen und sich auf neue, unbekannte Wege zu begeben, ohne zu wissen, ob sich der Mut am Ende auszahlen wird. Doch die steigende Zahl der physischen vor allem psychischen Erkrankungen führt derzeit zu einem Umdenken: In der Generation Y ist Sicherheit nicht mehr das höchste berufliche Ziel. Wichtiger als der unbefristete Arbeitsvertrag oder die große Karriere sind für die neuen Arbeitnehmer am Markt immaterielle Werte, zum Beispiel einen Sinn in der Tätigkeit zu sehen oder eine ausgeglichene Work-Life-Balance zu haben. Aus dieser neuen Weltanschauung resultiert eine steigende Kündigungsbereitschaft in Deutschland, vor allem bei den jüngeren Arbeitnehmern.

Gute Kündigungsgründe gibt es viele

Gründe, welche eine arbeitnehmerseitige Kündigung rechtfertigen, gibt es ausreichend: In einer bei Statista veröffentlichten Studie gaben die Befragten aus der Generation Y vor allem zu viele Überstunden, mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten in der Hierarchie, den ausbleibenden finanziellen Aufstieg sowie zu wenig Flexibilität als mögliche Kündigungsgründe an.

Infografik: Junge Deutsche sehen vor allem Überstunden als Problem | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Eine Kündigung bedeutet aber natürlich nicht immer, dass Sie sich anschließend beruflich neu orientieren. Der fortschreitende Fachkräftemangel führt vor allem dazu, dass hochqualifizierte Arbeitnehmer immer mehr Auswahl zwischen verschiedenen attraktiven Stellenangeboten haben. Dennoch sollten Sie, wenn Sie über eine Kündigung nachdenken, die Chance nutzen, um für sich selbst zu prüfen, woher Ihre Unzufriedenheit rührt. Die Frage lautet:

Sind Sie lediglich mit Ihrer aktuellen Stelle oder mit Ihrem Arbeitgeber unglücklich, möchten Ihren Beruf aber weiterhin ausführen? Oder ist es vielleicht an der Zeit für eine komplette berufliche Neuorientierung?

Und auch wenn Sie sich nicht selbst oder freiwillig für diesen Schritt entschieden haben, zum Beispiel bei einer betriebsbedingten Kündigung oder dem Jobverlust durch eine lange Krankheit, ist der Bruch im Lebenslauf die optimale Gelegenheit, um Ihre Berufswahl einmal auf den Prüfstand zu stellen. Doch woran erkennen Sie eigentlich, dass eine berufliche Neuorientierung eventuell die für Sie beste Entscheidung sein könnte?

Materielle und immaterielle Faktoren berücksichtigen

Es ist eine Entscheidung, die Sie im Endeffekt nur selbst treffen können. Stellen Sie sich daher die Frage: Welche Anforderungen muss Ihr Traumberuf eigentlich erfüllen und inwiefern deckt sich dieser mit Ihrer aktuellen Tätigkeit? Viele Menschen würden jetzt wie folgt antworten:

  • gute Bezahlung
  • kurze Arbeitswege
  • hierarchische Aufstiegsmöglichkeiten
  • angenehme Arbeitsatmosphäre
  • freundliche Teamkollegen
  • flexible Arbeitszeiten
  • u.v.m.

Doch es sind nicht nur die äußeren Rahmenbedingungen, die stimmen müssen, damit Sie langfristig in Ihrem Beruf glücklich sowie erfolgreich sein können. Für Ihre psychische und physische Gesundheit ist es nämlich außerdem von Bedeutung, dass Ihr Traumberuf folgende Faktoren erfüllt:

  • Sinnhaftigkeit
  • ausgeglichene Work-Life-Balance
  • Anerkennung und Wertschätzung
  • ausgewogener Leistungsdruck zwischen Förderung und Herausforderung
  • o.ä.

Sie müssen nicht jeden Morgen jubelnd aus dem Bett springen und sich darauf freuen, endlich zur Arbeit gehen zu dürfen. Dennoch sollten Sie Ihren Job gerne ausüben und vor allem auch in der alltäglichen Arbeit Spaß finden. Wenn Sie hingegen jeden Morgen bereits mit Bauchschmerzen aufwachen oder es Ihnen schon am Abend vor dem nächsten Arbeitstag graut, wird es Zeit für eine berufliche Veränderung. Auffallend ist, dass vor allem Berufseinsteiger immer wieder die Neuorientierung wählen. Das liegt laut Experten vor allem daran, dass sich viele Menschen bei Ihrer Berufswahl von dem Ausblick auf Macht, Geld oder Prestige leiten lassen, anschließend aber merken, dass sie sich in der alltäglichen Routine ihres gewählten Berufes gar nicht wohlfühlen. Das erklärt auch, warum sich jedes Jahr mehr Menschen für eine berufliche Neuorientierung entscheiden, die in Jobs mit guter Bezahlung oder einem hohen Ansehen arbeiten, – und damit eigentlich gar keinen Grund zur „Klage“ hätten – als beispielsweise jene in den sozialen Branchen.

Dass heutzutage jeder deutsche Arbeitnehmer in seinem Beruf die absolute Selbstverwirklichung finden kann, halten Experten aber für utopisch. Bezüglich ihrer Unzufriedenheit mit dem Job, fühlen sich daher viele Arbeitnehmer in der Zwickmühle zwischen Wunschdenken und Realität gefangen. Ab wann sollten Sie Ihre Träume also ad acta legen und wann wird es wirklich Zeit für die berufliche Neuorientierung?

Realistisch, aber mutig bleiben

Auf die Frage nach ihrem absoluten Traumjob würden die meisten Menschen mit Sportler, Sänger, Schauspieler oder auch Zirkusartist antworten. Dennoch gilt es natürlich, bei der Berufswahl stets realistisch zu bleiben. Es könnte zudem durchaus sein, dass selbst das Leben als Sportler oder Schauspieler in der Realität für Sie enttäuschend und nicht zufriedenstellend wäre. Experten warnen deshalb davor, bei jedem Zweifel sofort eine berufliche Neuorientierung anzustreben und unrealistischen Traumvorstellungen nachzuhängen. Auf der anderen Seite sollten Sie sich aber auch nicht von Selbstzweifeln oder aus Angst davor, was Ihre Mitmenschen von Ihnen denken könnten, von Ihrem Vorhaben abbringen lassen. Die Devise heißt: Mutig sein, aber realistisch bleiben! Wenn Sie Ihre Berufswahl aktuell auf den Prüfstand stellen, gehen Sie deshalb wie folgt vor:

  1. Warten Sie erst einmal einige Wochen, vielleicht auch zwei, drei oder vier Monate ab, um zu prüfen, ob Ihre Unzufriedenheit nicht nur eine vorübergehende Phase ist.
  2. Manchmal merken Sie auf Anhieb gar nicht, dass Sie sich in einer Krise befinden. Gefangen im Hamsterrad, arbeiten viele Menschen nämlich einfach immer weiter und ignorieren Alarmsignale. Achten Sie deshalb bewusst auf Anzeichen, wie Niedergeschlagenheit, bleierne Müdigkeit, depressive Verstimmungen, Stimmungsschwankungen, Übelkeit und Magen-Darm-Beschwerden, Energielosigkeit, Motivationslosigkeit, Ohnmachtsgefühle, Schwindel, o.ä.
  3. Halten diese oder ähnliche Symptome aber auch nach einigen Wochen noch an oder sind sogar schlimmer geworden und eine Änderung der Umstände ist nicht in Sicht, sollten Sie unbedingt die Ursachen für die Krise herausfinden. Wichtig ist nämlich, dass Sie zwischen privaten und beruflichen Krisen zu unterscheiden lernen. Sie sollten daher niemals überstürzt kündigen, ohne sicher zu sein, dass die berufliche Neuorientierung tatsächlich die richtige Lösung ist. Nehmen Sie daher erst einmal sowohl Ihre berufliche als auch Ihre private Situation unter die Lupe und holen Sie sich gegebenenfalls professionelle Hilfe, zum Beispiel durch einen Psychotherapeuten.
  4. Fragen Sie sich nun, ob und wie Sie die Gründe für Ihre Unzufriedenheit aus dem Weg räumen können. Wäre eine interne Versetzung denkbar? Könnten Sie Konflikte mithilfe eines Mediators lösen? Hilft ein Arbeitgeberwechsel? Wäre eine Teilzeitbeschäftigung eine sinnvolle Alternative?
  5. Sind diese Lösungsvorschläge nicht zufriedenstellend und Sie sind sich sicher, dass die berufliche Neuorientierung der einzige oder auch der beste Weg aus der Krise ist? Dann tun Sie Ihrer Gesundheit einen Gefallen und setzen Sie Ihre Pläne in die Tat um.

Der Mut hat starke Gegenspieler: Zweifel

In die Tat umsetzen, das ist allerdings für viele Menschen leichter gesagt als getan. Eine berufliche Neuorientierung birgt nämlich zahlreiche Herausforderungen und Hindernisse. In den meisten Fällen stehen sich die Betroffenen schlichtweg selbst im Weg. Die berufliche Neuorientierung ist ein mutiger Schritt und nicht selten machen Ihnen Selbstzweifel einen Strich durch die Rechnung:

  • Kann ich die Herausforderung meistern?
  • Werden die Finanzen dafür ausreichen?
  • Könnte ich im neuen Beruf tatsächlich glücklicher werden?
  • Bin ich nicht zu alt für eine berufliche Neuorientierung?
  • Gehe ich ein zu hohes Risiko ein?
  • Wird mein/e Lebens- oder Ehepartner/in das mitmachen?
  • Habe ich unrealistische Vorstellungen von dem anderen Beruf?
  • Werde ich dann nicht vom Regen in die Traufe kommen?
  • Was werden meine Freunde und Bekannten von mir denken?
  • Was, wenn es die falsche Entscheidung ist, und ich dann nicht mehr zurück in den alten Beruf kann?
  • Wer würde mich dann noch einstellen?
  • Bin ich bereit, alles aufzugeben, was ich mir so hart erarbeitet habe?

Solche Zweifel sind absolut normal, sollten Sie aber nicht von dem richtigen Weg abbringen. Experten raten daher, jeden Zweifel niederzuschreiben und ausgiebig sowie objektiv zu prüfen. Werden Sie sich darüber klar, ob es sich um eine unbegründete Angst handelt, oder ob der Zweifel seine Daseinsberechtigung hat. Wenn zum Beispiel eine realistische Kalkulation ergibt, dass Ihre Finanzen eine berufliche Neuorientierung derzeit nicht erlauben, sollten Sie das Problem ernst nehmen. Das bedeutet nun aber nicht, dass Sie Ihre berufliche Neuorientierung sofort aufgeben müssen. Informieren Sie sich stattdessen zum Beispiel über die Möglichkeit von Kleinkrediten oder berufsbegleitenden Umschulungen. Lautet Ihr Zweifel hingegen: „Im neuen Job bin ich bestimmt auch nicht glücklicher”, so haben Sie dafür keinerlei objektiven Anhaltspunkt. In diesem Fall können Sie zum Beispiel ein kurzes Praktikum absolvieren, um sich ein realistisches Bild vom Arbeitsalltag in dem neuen Beruf Ihrer Wahl machen zu können. Unser Rat lautet daher: Nehmen Sie Ihre Zweifel zwar ernst, aber lassen Sie sich davon nicht entmutigen!

Packen Sie es an,…

…bevor Ihnen die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung macht. Auch wenn der unbefristete Arbeitsvertrag Ihnen nämlich ein Gefühl der Sicherheit gibt, wird die berufliche Unzufriedenheit früher oder später zur echten Belastung für die geistige und körperliche Gesundheit. Warten Sie also nicht so lange, bis Ihnen Ihr Körper oder Ihre Psyche ein unmissverständliches Zeichen geben, dass es Zeit für eine Veränderung wird. Viele Menschen wagen nämlich erst dann den Schritt zur beruflichen Neuorientierung, wenn Sie durch Ihre Lebensumstände dazu ermutigt oder sogar gezwungen werden. Dies kann zum Beispiel durch eine Krankheit sein, durch eine Scheidung, eine neue Beziehung, einen Umzug, einen Unfall o.ä. Zögern Sie nicht länger, bis es zu spät ist, sondern packen Sie es jetzt an! Nehmen Sie folgende Checkliste als kleine Orientierungshilfe…

Die Checkliste zur beruflichen Neuorientierung

  • Lernen Sie, Ihre aktuelle Befindlichkeit wahrzunehmen.
  • Sie sind unzufrieden? Dann suchen Sie nach den Ursachen.
  • Nehmen Sie erst einmal kleine Veränderungen in Ihrem beruflichen oder persönlichen Umfeld vor.
  • Finden Sie heraus, was Sie wirklich von Ihrem Beruf wollen.
  • Finden Sie Ihren Traumberuf.
  • Prüfen Sie, ob Sie alle Voraussetzungen für diesen Traumberuf erfüllen.
  • Machen Sie sich ein realistisches Bild von dem Beruf, zum Beispiel durch ein Praktikum.
  • Halten Sie sich, wenn möglich, erst einmal den Rückweg offen.
  • Setzen Sie sich hohe, aber dennoch realistische Zwischenziele.
  • Sobald Sie merken, dass Ihre Vision machbar ist, wagen Sie den Absprung.
  • Vertrauen Sie auf sich selbst und Ihre Fähigkeiten.
  • Konzentrieren Sie sich nun voll und ganz auf Ihre neuen Zielen.
  • Lassen Sie sich bei Ihrer beruflichen Neuorientierung professionell unterstützen:
    – Berufsberater der Arbeitsagentur
    – Volkshochschulen
    – Berufswahltests und Berufsinformationen im Internet
    – private Berufs- oder Karriereberater (Deutscher Verband für Bildungs- und Berufsberatung e.V., Deutsche Gesellschaft für Karriereberatung e.V.)

1 Kommentar

  1. Ich habe es getan!… Und bin mega zufrieden und glücklich mit der neuen Tätigkeit. Ich habe mich selbstständig gemacht und kann endlich so arbeiten wie ich es mir vorstelle! Habt Mut den Schritt zur Veränderung zu wagen!

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