Glaubt man den Prognosen der Experten, so werden Mitte des 21. Jahrhunderts 70 Prozent mehr Nahrungsmittel als heute nötig sein, um die Menschen zu versorgen. Gründe dafür sind die wachsende Weltbevölkerung sowie der steigende Lebensstandard.

Allerdings werden sich die landwirtschaftlichen Nutzflächen nicht wesentlich ausbauen lassen. Immer weniger Bauern erzeugen jedoch immer mehr Lebensmittel. Das ist auch einer der Verdienste der Agrartechnik und damit der Landmaschineningenieure.

F.A.Z. Online brachte im April einen interessanten Hintergrundbericht über die Berufsaussichten und die Aufgaben von Fachleuten in der Agrarindustrie. Daraus geht hervor, dass der Strukturwandel nicht etwa auf das Konto der Politik geht und dass keine Verschwörungstheorie haltbar ist, die meint, die Agrarindustrie würde die Kleinbauern gezielt in den Ruin treiben. Vielmehr liegt es an der Arbeit und dem Erfindungsgeist der Landmaschineningenieure, dass es immer weniger Bauernhöfe gibt.

Diese Spezialisten schaffen immer riesigere und präziser arbeitende Maschinen für die Saat und die Ernte, und diese Entwicklung geht rasant voran. Der Normalbürger bekommt davon gar nicht viel mit, doch auf der weltgrößten Landmaschinenfachmesse „Agritechnica“ in Hannover kann er sich ein Bild davon machen, welche Dimensionen diese Maschinen mittlerweile aufweisen: Kartoffelerntemaschinen mit Ausmaßen, dass sie eine Halle füllen könnten, und gigantische Mähdrescher oder Traktoren mit GPS-Steuerung. Ebenfalls beeindruckend sind die vielen Spezialgeräte, die bei der teilweise automatisierten Ernte von Trauben, Äpfeln, Zuckerrüben oder Baumwolle zum Einsatz kommen. Es gibt quasi für jede Frucht eine Maschine, in der die Arbeit von zahlreichen Ingenieuren steckt.

Der Mittelstand hat die Nase vorn

Mittelständische Firmen in Niedersachsen wie die Amazonen-Werke in Hasbergen oder die Grimme Landmaschinenfabrik in Damme gelten als führend in der Innovation auf diesem Sektor. Das Unternehmer Grimme ist auf die Herstellung von Maschinen für die Kartoffelernte spezialisiert und stellt pro Jahr fünf bis zehn Ingenieure ein. Diese werden vor allem in der Entwicklung gebraucht, auch die Systemtechnik für Software, Hydraulik oder Kabeltechnik gehört zu den Betätigungsfeldern der Fachkräfte.

Wer in einem solchen Betrieb arbeitet, sollte sich für Landwirtschaft interessieren und eine Ahnung von Böden haben. Ist dies nicht der Fall, werden Neulinge auch angelernt, weil es nicht sehr viele Bewerber gibt, die gleichzeitig etwas von Böden, Software und Hydraulik verstehen. Leute, die bei einer Spezialfirma in der Provinz anheuern, bleiben oft über Jahrzehnte dabei. Nicht umsonst wirbt Grimme damit, dass der Ingenieur am Ende „sein“ Werk, nämlich die Erntemaschine, aus der Fabrikhalle rollen sehe. In anderen Branchen sind Maschinenentwickler hingegen oft lediglich für bestimmte Einzelteile zuständig.

Was bedeutet „Precision Farming“?

Präzisionslandwirtschaft ist das Schlagwort für zeitgemäße Maschinen, die im Ackerbau eingesetzt werden. Weltweite Marktführer mit einem breiten Leistungsspektrum sind beispielsweise Firmen wie die Maschinenfabrik Krone in Spelle/Emsland oder Claas in Harsewinkel/Ostwestfalen. An den in diesen Unternehmen entwickelten Maschinen wird deutlich, wie Landtechnik und Informationstechnik zunehmend miteinander verschmelzen. Auch der ökologische Landbau profitiert von wertvollen Innovationen. An der Fachhochschule Osnabrück sind Forscher damit beschäftigt, einen Roboter zum „manuellen“ Unkrautjäten zu bauen.

„Precision Farming“ hat die Aufgabe, die Landmaschinen mithilfe der Computer- und Elektrotechnik effizienter zu machen. So verfügen die meisten der heute in Europa verkauften Traktoren über ein GPS-System zu automatischen Lenkung. Auf diese Weise sparen die „intelligenten“ Fahrzeuge 42 Prozent der Wegstrecke, wie die Universität Hohenheim (Stuttgart) bestätigt. Ein moderner Traktor kann sich dank GPS merken, welche Stellen bereits mit Pestiziden besprüht wurden. Bei einem wiederholten Überfahren stellen sich die Spritzdüsen automatisch ab. Den ersten marktreifen fahrerlosen Traktor haben Ingenieure entworfen, die für die Marke Fendt im Allgäu tätig sind.

Die Technik revolutioniert die Landwirtschaft

Landmaschinen haben teilweise bis zu 1000 PS.
Landmaschinen haben teilweise bis zu 1000 PS

Und damit verändert sich auch die Arbeit der Bauern. Diese können per Satellitenbild sehen, welche Teile ihres Ackers besonders fruchtbar sind. Auch wo Düngung erforderlich ist, lässt sich auf diese Weise ausmachen. Sensoren, die vor Dünge-Spritzdüsen gesteckt werden, erkennen die Menge an Stickstoff-Dünger, welche eine Pflanze braucht.

Als sogenannte interdisziplinäre Entwickler werden Ingenieure von Unternehmen im Agrarmaschinenbau wie Gea in Düsseldorf gesucht. Hier sind die Teams mit der Entwicklung und Herstellung von Anlagen für die Milchviehhaltung beschäftigt. In einer Melkanlage stecke etwa so viel Technik wie in einem Flugzeug, heißt es bei Gea.

Die Spezialisierung lässt sich nicht aufhalten, prophezeit F.A.Z. Online. So gibt es Maschinen speziell für die Kartoffelernte und andere, die die Erdäpfel übers Fließband in die Lagerhallen und wieder andere, die sie hinaus befördern. Einige Landmaschinen nehmen Funktionen wahr, die früher den Fabriken vorbehalten waren. So vermag ein moderner Mähdrescher die erste Bearbeitung des Getreides zu übernehmen

Als Laie kann man nur staunen, wenn man liest, dass Reinigungsladen Rüben aufsammeln, reinigen und in einen Hänger befördern können. Es kommen teilweise Motoren mit bis zu 1.000 PS und Traktorgetriebe mit 30 bis 40 Gängen zum Einsatz. Kein Wunder, dass dieser Bereich des Schwermaschinenbaus als ein Gebiet gilt, in dem die Herausforderungen für auf Hydraulik spezialisierte Fachkräfte oder für Materialwissenschaftler besonders groß sind.

Die Branche sucht dringend Ingenieure

Immer mehr in Deutschland hergestellte Maschinen werden weltweit verkauft. Der Branchenverband VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau) in Frankfurt am Main nennt die deutschen Hersteller von Landmaschinen die mit Abstand größten Produzenten in Europa. Er beziffert den Umsatz der Branche im Jahr 2012 mit 7,5 Milliarden Euro. Angeblich entspricht die Nachfrage dem Bedarf an Nahrungsmitteln, der der wachsenden Weltbevölkerung geschuldet ist. Je mehr die Preise für Agrarrohstoffe wachsen und je größer die Betriebe werden, desto mehr Geld können die Landwirte in Maschinen investieren. Russland gehört zu den wichtigen Wachstumsmärkten, aber auch Brasilien, China und Indien.

Überall auf der Welt ist der fortschreitende Strukturwandel sichtbar. Eine Ausnahme stellt Indien dar: Dort werden Kleinbauern von der Politik gefördert. Allein hierzulande wurden im Jahr 2011 ca. 35.000 Traktoren verkauft. Die Landtechnikbranche definiert ihr Selbstverständnis neu und will mit Ingenieurstechnik gegen die Hungerproblematik auf dieser Welt und gegen die Ressourcenknappheit arbeiten.

Die immer größer werdenden Maschinen könnten den Rückschluss zulassen, die Ingenieure hätten sich dem Größenwachstum verschrieben. Was sie aber vielmehr überwiegend anstreben, sind Verbesserungen. Zunehmend ertragreichere Getreidesorten erfordern schweres Erntegerät in einer Hochleistungslandwirtschaft. Die Tätigkeit eines Agraringenieurs umfasst zudem Aufgaben als Planer, Gutachter oder Vertriebsingenieur. Hinzu kommen Funktionen als Berater oder Software-Entwickler. Er hilft Kunden bei Problemen mit der Technik, hält Vorträge oder bietet Schulungen für Bauern an.

Bei Claas, einem familiengeführten deutschen Konzern mit knapp 10.000 Mitarbeitern, werden aktuell Dutzende Ingenieure als Fachkräfte an diversen internationalen Standorten gesucht. Anja Schladitz, zuständig für die zentrale Personalentwicklung, sagte F.A.Z. Online, es seien insgesamt 300 Stellen ausgeschrieben, davon rund zwei Drittel für Ingenieure. Es sei nicht erforderlich, dass diese direkt von der Universität kämen. Es passiert häufig, dass Entwickler aus der Autobranche in den Landmaschinenbau wechseln.

Es existieren noch Vorurteile gegen die Landtechnik

„Mit dem Bauer-sucht-Frau-Klischee kämpfen wir leider noch“, sagt Anja Schladitz. Ihr Arbeitgeber bietet Möglichkeiten für globale Karrieren – wie z. B. in Auslandsprogrammen für Indien bei der Entwicklung von Maschinen für die Reisernte. Spezifisches Wissen über die Landtechnik werde den Fachkräften im Konzern vermittelt. Meist seien die Kenntnisse über Motoren, Hydraulik und Energieeffizienz aus anderen Branchen übertragbar.

Ingenieure in der Automobilbranche sind im Regelfall für ein bestimmtes Teil zuständig. In der Landtechnik hingegen gibt es viel Teamarbeit, weil die Geräte zusammenpassen müssen. Die Maschinen sollen multifunktional einsetzbar sein. Landwirte werden immer mehr zu „Energiewirten“ und verlangen nach neuen Maschinen. Bei Claas arbeiten Ingenieure an unterschiedlichen Fertigungsstandorten: Mähdrescher werden am Firmensitz Harsewinkel gebaut und Ballenpresswerke im französischen Metz hergestellt. Weitere Standorte in Frankreich sind in Le Mans und in der Nähe von Paris, wo Traktoren entstehen.

Bei Claas Agrosystems in Gütersloh werden vor allem Wirtschaftsingenieure beschäftigt, die über IT-Spezialwissen verfügen. „Die Kunst ist es, dass diese Disziplinen zusammenarbeiten“, betont die Personalentwicklerin. In ihrem Konzern werden regelmäßig Konferenzen für Führungskräfte abgehalten. Landmaschinen müssen derart aufeinander abgestimmt werden, dass sie elektronisch wie mechanisch kompatibel sind. Um dies zu erreichen, gibt es zwischen einzelnen Landmaschinenbaufirmen gewinnbringende Kooperationen, z. B. zwischen Claas und den Amazonen-Werken, deren Sprüh-Aufsetzer auf die bei Claas hergestellten Traktoren passen. Manchmal kommt es sogar vor, dass die Betriebe untereinander Ingenieure austauschen.

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