Wünschen Sie sich einen Job mit Dienstwagen und Bonuszahlungen? Oder reichen Ihnen ein warmer Händedruck sowie eine gelegentliche freiwillige (!) Gehaltszulage Ihres Chefs?

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In einem Interview mit KarriereSPIEGEL äußerte sich Motivationsforscher Lutz von Rosenstiel zum Thema Motivation und Anreiz und wartete mit einigen Erkenntnissen auf, die manchen überraschen dürften.

Wodurch entsteht Demotivation?

Rosenstiel vertritt die Auffassung, dass sich Lustlosigkeit vor allem dadurch entwickelt, wenn zwei Mitarbeiter die gleiche Arbeit machen, aber ohne weitere Begründung unterschiedlich dafür bezahlt werden. Das Argument, da habe einer eben besser verhandelt als der Kollege, ist kein Trost für den schlechter bezahlten Angestellten. Deshalb rät der Motivationsforscher, bei alteingesessenen Mitarbeitern keine Frustration aufkommen zu lassen, indem ein neuer Arbeitnehmer deutlich mehr Gehalt erhält. Oder aber dafür eine plausible Erklärung zu liefern.

Diese könnte darin bestehen, dass ein Unternehmen einem Familienvater mit drei Kindern mehr zahlt als einem Alleinstehenden. Damit drückt der Arbeitgeber aus, dass er den Mitarbeiter mit Kindern als jemanden betrachtet, der unsere Gesellschaft weiter bestehen lässt. Hier gibt es von Land zu Land große Unterschiede. In den Vereinigten Staaten etwa richtet sich das Gehalt ausschließlich danach, wie viel der Einzelne zum Ganzen bzw. zum Ergebnis beiträgt – ob er Nachwuchs hat oder nicht, ist dabei unerheblich.

Lässt sich Motivation eigentlich beeinflussen?

Viele Beschäftigte sind der Auffassung, sie könnten ihren Einsatz und Arbeitseifer nur aus sich selbst holen. Von Rosenstiel sieht das anders: Vorgesetzte haben einen bedeutenden Einfluss auf die Motivation ihres Teams, meint er. Jedoch gibt es wesentliche Unterschiede, wie einzelne Mitarbeiter anzuspornen sind. Manche suchen nach Herausforderungen und wünschen sich möglichst viel Verantwortung. Wie heißt es so schön? Sie wollen etwas bewegen … Solchen Leuten kommt es angeblich meist nicht so sehr auf die Höhe des Gehalts an, sondern auf spannende Aufgaben.

Dennoch ist und bleibt Geld ein starkes Mittel für die Motivation – das weiß auch Rosenstiel. Allerdings gibt er zu bedenken, dass es einen wichtigen Unterschied ausmacht, welche Bedeutung Geld für den einzelnen Angestellten besitzt. Sieht er es als Tauschmittel für materielle Dinge, die er sich anschaffen will, oder aber betrachtet er Geld als ein Symbol der Wertschätzung, die er bei seinem Chef genießt? Der Motivationsforscher stellt die These auf, dass die Höhe des Gehalts immer dann an Relevanz verliert, wenn jemand seine Arbeit für sinnvoll erachtet und gern macht.

Job gut, Gehalt piepe?

Nun, ganz so einfach geht die Formel sicher nicht auf. Menschen, denen es egal ist, wie viel sie verdienen, weil sie ja ach so happy mit ihrem Job sind, sollen vorkommen, aber sie dürften eindeutig eine Minderheit darstellen. Da lenkt auch Rosenstiel ein, beharrt jedoch darauf, dass es tatsächlich Mitarbeiter gibt, „für die Geld eine vollkommen marginale Rolle spielt.“ Als Beispiel nennt er einige seiner Forschungsassistenten, denen die Mittel seitens der Deutschen Forschungsgemeinschaft ohne Vorwarnung gekürzt wurden und die trotzdem nicht gekündigt haben. Offenbar lag ihnen die Aufgabe mehr am Herzen als das Geld. Als Gegenbeispiel führt der Motivationsforscher die chinesische Mentalität an: Im Reich der Mitte sei es üblich, bereits für zwei oder drei Prozent mehr Lohn die Firma zu wechseln.

Von Gehalts-„Zugaben“ wie Diensthandy oder Dienstwagen hält Rosenstiel wenig. Er schreibt ihnen lediglich eine kurzzeitige Wirkung zu – ähnlich wie dem Firmenparkplatz oder dem Schlüssel zu den Waschräumen der Führungskräfte. Selbst Gehaltsboni ordnet er in diese Kategorie ein. Außerdem betont er, dass jede Extrawurst einen negativen Effekt bei denen auslöst, die leer ausgehen. Häufig liegt es offenbar auch daran, dass nicht gänzlich geklärt ist, welche Kriterien zu einer Bonuszahlung führen und inwieweit die Voraussetzungen dafür tatsächlich als fair erachtet werden.

Haben Freiräume eine motivierende Wirkung?

Ganz klar ja – in den Augen von Rosenstiel. Jedoch werden sie nach seinen Erkenntnissen sehr unterschiedlich genutzt. Während mancher Angestellte bereits von Kindesbeinen an gelernt hat, Freiraum als Chance zu begreifen, tun sich die Mitarbeiter schwerer, die stets stark kontrolliert wurden. Diese könnten unter Umständen sogar das Vertrauen ihres Vorgesetzten ausnutzen und sich auf die faule Haut legen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Nicht jeder sei in der Lage, mit seiner Freiheit umzugehen, merkt der Motivationsforscher an.

Er ist außerdem ein großer Verfechter des Lobens und meint, Chefs sollten mit verbaler Anerkennung großzügiger umgehen. Denn häufig wüssten Mitarbeiter gar nicht, ob ihr Vorgesetzter mit ihnen zufrieden ist. Auch die umstrittenen Jahresgespräche finden längst nicht überall statt – mancher Arbeitnehmer tappt also häufig über Jahre im Dunkeln.

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Nicht besonders viel hält Rosenstiel von öffentlichem Lob. Wer vor seinen Kollegen eine positive Rückmeldung erhält, freut sich und ist kurzfristig sicherlich motiviert. Die anderen aber fragen sich, wieso sie kein Lob kassieren konnten.

Insofern ist ein zu stark angeheizter interner Wettbewerb in Unternehmen nach Rosenstiels Auffassung ebenfalls nicht der richtige Weg. Denn er führt nach seiner Erfahrung dazu, dass sich manche anstrengen, besser zu sein als die anderen, aber einige auch versuchen, ihre Konkurrenten massiv zu behindern. Dadurch werden Arbeitsergebnisse blockiert und Teams behindert.

Deutsche Arbeitgeber sieht Rosenstiel generell im Mittelfeld der Motivations-„Künstler“. Besser schneiden im internationalen Vergleich die skandinavischen Vorgesetzten ab, weil sie einen besseren Kontakt zu ihren Mitarbeitern pflegen. Es wird offener miteinander geredet, weil „die Hierarchien nicht so ausgeprägt sind und eine geringere Machtdistanz herrscht“. Diese sei beispielsweise in Südamerika stark entwickelt, die dortigen Chefs würden den Kontakt mit ihren Angestellten meiden.

Eure Meinung ist gefragt: Welche Bedeutung hat die Höhe des Gehalts als Motivationsspritze – davon abgesehen, dass ihr davon euren Lebensunterhalt bestreitet? Kennt ihr Beispiele dafür, wie Chefs oder Vorgesetzte besonders gut oder schlecht motivieren?