Endlich halten Sie voller Stolz Ihren Schulabschluss in den Händen. Lange haben Sie auf diesen Moment hingefiebert. Doch jetzt, da sich der Tunnelblick lichtet, stehen Sie vor einer großen Herausforderung: der Berufswahl. Aber wie finden Sie ihn eigentlich, den „Traumjob“? Eine besonders spannende Antwort auf diese Frage bietet Lena Felixberger, Gründerin der Plattform „Descape“. Was es damit auf sich hat, verrät sie uns im Interview im Rahmen der XING New Work Experience (NWX 2017).

Inhalt
1. Traumjob finden: Wenn Beruf von „Berufung“ kommt
2. Dilemma: Nach dem Abschluss folgt…die Ratlosigkeit
3. Trendprognose: Berufliche Neuorientierung und Patchwork-Karrieren
4. Der Weg zum Traumberuf: „Probieren geht über Studieren“
5. Interview: Über Lena Felixberger, Descape und Kurztrips in Traumberufe
6. Fazit: Der Traumberuf ist temporär – und ein schmaler Grat

Traumjob finden: Wenn Beruf von „Berufung“ kommt

Den Traumjob finden – das ist in der Regel leichter gesagt als getan. Wer nach dem perfekten Beruf sucht, wird vermutlich niemals fündig werden. Denn im Leben ist ja bekanntlich nichts perfekt und so gibt es vermutlich auch keinen Job, der Sie jeden Morgen mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen und voller Vorfreude aus dem Bett springen lässt. Dennoch sind 67 Prozent der Deutschen mit ihrer Berufswahl voll und ganz zufrieden. Weitere 27 Prozent haben zumindest keine akuten Zweifel an ihrer Wahl.

Statistik: Sind Sie mit Ihrer Berufswahl zufrieden? | Statista
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Den richtigen Beruf finden, das bedeutet vor allem, auf Dauer zufrieden und gesund zu bleiben. Viele Menschen – vor allem die Generation Y – suchen zudem nach einem tieferen Sinn in ihrer Tätigkeit, zum Beispiel

  • kranken Menschen helfen.
  • aus Kindern „gute“ Menschen machen.
  • die Welt durch technologischen Fortschritt voranbringen.
  • ihre Talente durch Kunst zum Ausdruck bringen.
  • Bildung verbreiten.

Wir könnten diese Liste ewig weiterführen. Fakt ist einfach: Das Wort „Beruf“ steckt in „Berufung“ und tatsächlich sind vor allem jene Menschen langfristig glücklich, zufrieden und gesund in ihrem Job, die sich in irgendeiner Art und Weise zu ihrer Tätigkeit „berufen“ fühlen. Doch diese Berufung erst einmal zu finden, das kann ein schwieriges Unterfangen werden.

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Dilemma: Nach dem Abschluss folgt…die Ratlosigkeit

Natürlich gibt es diese Menschen, die schon als Kind ganz genau wussten, dass sie einmal Arzt, Tierpfleger oder Pilot werden möchten und das dann im Erwachsenenalter auch tatsächlich voller Begeisterung durchziehen. Leider stellen sie aber eher die Ausnahme dar. Viel häufiger ackern die Schülerinnen und Schüler jahrelang auf ihren Schulabschluss oder das Abitur hin, nur, um dann vor einer großen Ratlosigkeit zu stehen: Wie geht es jetzt weiter?

„Ein verfehlter Beruf verfolgt uns durch das ganze Leben.“
(Honoré de Balzac)

Nicht selten folgt dann erst einmal eine Art „Selbstfindungstrip“, sei es in Form einer Weltreise, eines Freiwilligen Sozialen Jahres oder des Wehrdienstes. Doch handelt es sich dabei häufig um eine Auszeit, die vor allem der Ablenkung von den Zukunftssorgen dient als der gezielten Suche nach dem „Traumberuf“. Das Resultat: Nach dem „Selbstfindungstrip“ sind Sie ebenso rat- und planlos wie zuvor. Aber irgendwann machen ja die Eltern oder auch das Bankkonto Druck. Wie also geht es weiter? Nebenjobs, Praktika oder abgebrochene Ausbildungen beziehungsweise Studiengänge schmücken den Lebenslauf vieler deutscher Berufseinsteiger. Nicht ohne Grund wird die Generation Y auch gerne als „Generation Praktikum“ betitelt.

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Das liegt zwar nicht nur an den Arbeitnehmern, sondern auch an den Arbeitgebern, doch soll dies heute nicht unser Thema sein. Fakt ist einfach: Viele junge Deutsche haben schlichtweg keine Ahnung, welcher eigentlich ihr Traumberuf ist.

Trendprognose: Berufliche Neuorientierung und Patchwork-Karrieren

Wenn Sie das nun aber als jugendlichen Leichtsinn abwinken, müssen wir Sie leider enttäuschen. Natürlich entscheiden sich die meisten Menschen früher oder später für einen Beruf. Schließlich gehören Langzeitstudenten aufgrund strengerer Regelungen mittlerweile der Vergangenheit an und ein blankes Bankkonto – sowie der gesellschaftliche Druck – zwingt irgendwann zum Berufseinstieg. Doch handelt es sich eben nur bei 67 Prozent der Deutschen dabei um ihren „Traumberuf“. Die anderen finden sich entweder mit dem akzeptablen, wenn auch nicht erfüllenden, Job ab und finden ihre Berufung in ihrer Freizeit, Familie oder auf andere Art und Weise. Aber ein falsch gewählter Beruf kann auch ein weniger schönes Ende nehmen: Burnout, Depressionen, stressbedingte psychische oder physische Krankheiten – so äußert sich eine falsche Berufs- oder Jobwahl bei vielen Deutschen.

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Die Zahl dieser stressbedingten psychischen sowie physischen Erkrankungen steigt in Deutschland derzeit in erschreckendem Tempo an. Gleichzeitig wächst aber auch das Bewusstsein in der Gesellschaft, dass der Beruf eben mehr ist als eine reine Geldmaschinerie. Die richtige – oder falsche – Berufswahl kann über Glück oder Unglück im Leben sowie Ihren Gesundheitszustand, ja vielleicht sogar Ihren Todeszeitpunkt bestimmen.

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Das neue Bewusstsein um vor allem psychische Erkrankungen wie das Burnout-Syndrom zieht in der deutschen Gesellschaft mehr Achtsamkeit nach sich. Diese Entwicklung ist durchaus als positiv zu bewerten. Wer merkt, dass er am Arbeitsplatz dauerhaft unglücklich ist, oder wer sogar bereits erste gesundheitliche Zipperlein wahrnimmt, wechselt heutzutage viel schneller den Job als noch vor einigen Jahrzehnten. Wieso? Weil es der Fachkräftemangel erlaubt und auch, weil ein Jobwechsel mittlerweile gesellschaftlich viel akzeptierter ist. Die Patchwork-Karriere ist heutzutage beinahe zum Trend geworden.

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Immer häufiger wird aber nicht nur der Arbeitsplatz, sondern gleich der Beruf gewechselt. „Berufliche Neuorientierung“ nennt sich das Ganze. Und auch dann stehen die Betroffenen meistens vor der Frage: Wenn mein aktueller Beruf nicht der richtige ist, welcher ist stattdessen mein „Traumberuf“?

Der Weg zum Traumberuf: „Probieren geht über Studieren“

Wie Sie einen zu sich passenden Beruf finden können, haben wir Ihnen bereits im Artikel „When I grow up: So finden Sie den Beruf Ihrer Träume“ erläutert – zumindest in der Theorie. Doch in Schritt 8 heißt es auch hier: Testen Sie Ihren Traumberuf unbedingt praktisch, bevor Sie sich für oder gegen diese berufliche Laufbahn entscheiden. Wir Menschen neigen nämlich dazu, unrealistische Vorstellungen von einer Sache zu hegen – eben auch von einem Beruf. Jede Medaille hat schließlich zwei Seiten und so „perfekt“ Sie sich einen Beruf in Ihrer Fantasie auch ausmalen mögen, in der Realität wird auch dieser seine Nachteile mit sich bringen – garantiert!

Statistik: Haben Sie einen Traumberuf, etwas, das Sie am liebsten werden würden, wenn Sie es sich frei aussuchen könnten? | Statista
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Das „Ausprobieren“ eines Berufs, zum Beispiel in Form eines Praktikums, kann allerdings nicht nur ein Testlauf sein, sondern auch eine Form der Weiterbildung oder schlichtweg Vergnügen, verrät uns Lena Felixberger im Gespräch, Gründerin des Unternehmens „Descape“. Auf der Plattform können Interessierte, Suchende oder einfach Urlauber nämlich Kurztrips in andere Berufe unternehmen, vom exotischen Wildlife Ranger in Costa Rica bis zum klassischen Schreiner im schweizerischen Bettwil. Wie sie auf diese Idee kam, warum solche Ausflüge nicht nur bei der Berufswahl helfen können und was sie ganz persönlich vom Thema „Traumberuf“ hält – diese und mehr Fragen haben wir Lena Felixberger im Interview gestellt.

Interview: Über Lena Felixberger, Descape und Kurztrips in Traumberufe

Arbeits-Abc: Liebe Frau Felixberger, wie lief denn Ihre persönliche „Berufsfindung“ ab, sodass Sie schlussendlich ein eigenes Unternehmen gründeten?

Lena Felixberger: „Das Arbeitsleben ist eine Reise“: nach diesem Motto lebe und arbeite ich. Ausgebildet im Handwerk als Friseurin, sattelte ich später ein Studium in Kommunikationsdesign in München darauf – um danach als Texterin für Agenturen in Hamburg, Frankfurt, Amsterdam und London zu arbeiten. 2014 habe ich Descape gegründet, um meiner Neugier auf die Vielfalt der Berufswelt eine Plattform zu geben und, um selbst einen neuen Beruf für mich zu entdecken: Unternehmerin.

Arbeits-Abc: Wie genau ist die Idee zu Descape entstanden und welche Überzeugung steckt dahinter?

Lena Felixberger: Meine Mitgründer/innen und ich waren vorher als Freiberufler/innen in Design und Werbung unterwegs und haben uns dabei schon oft gefragt, wie man seine Zeit nutzen könnte, um andere berufliche Perspektiven zu erkunden. Es gibt ja viel zu viele spannende Berufe, als dass man sein Leben nur in einem einzigen verbringen sollte! Als dann immer mehr Shareconomy Services à la Airbnb aufkamen, war es für uns der nächste logische Schritt, dieses Modell auch auf Berufe anzuwenden. Nach und nach merkten wir: Das ist für unsere Kunden oft mehr als ein „Freizeitvergnügen“. Seit Kurzem bieten wir Descape deshalb nun auch aktiv als Weiterbildungsinstrument an.

Arbeits-Abc: Was stellt Descape für Ihre Kunden am ehesten dar: Spaß, berufliche (Neu-) Orientierung oder eine Art Weiterbildung?

Lena Felixberger: Ein Descape ist vor allem ein Perspektivenwechsel – und der ist in vielen Lebensphasen sehr wertvoll. Herauszutreten aus der eigenen Situation und von außen auf die eigene Arbeitsweise mit all ihren Stärken und Schwächen zu blicken, das kann für eine Neuorientierung hilfreich sein. Aber auch bei der ganz persönlichen Weiterentwicklung – etwa, wenn es um Soft Skills wie Führung, Kommunikation und Achtsamkeit geht.

Lese-Tipp:Soft Skills vs. Hard Skills – Welche sind wichtiger?

Arbeits-Abc: In welchen Berufen haben oder hätten Sie sich selbst gerne ausprobiert?

Lena Felixberger: Mich interessiert eine Vielzahl an Berufen, vor allem „altes“ Handwerk. Ich glaube, dort gibt es für uns Wissensarbeiter viel zu lernen. Zum Beispiel, wie klar und einfach man in einer Werkstatt kommuniziert, was man an einem Tag mit seinen beiden Händen schaffen kann und manchmal auch einfach, dass die E-Mail warten kann.

Arbeits-Abc: Was bringt so eine Erfahrung hinsichtlich der Berufswahl für junge Leute oder auch Menschen, die eine berufliche Neuorientierung anstreben?

Lena Felixberger: Descape ermöglicht einen authentischen Blick hinter die Kulissen eines Berufs. Menschen nutzen das ganz klar auch, um den eigenen vermeintlichen Traumjob dem Realitäts-Check zu unterziehen. Eine Kundin hat zum Beispiel mal eine Woche in einem Bed&Breakfast mitgearbeitet, weil sie selbst eines eröffnen wollte. Aber in der Lebensphase unserer Kunden, die oft mitten im (Berufs-) Leben stehen, kommt ein Praktikum meistens nicht mehr in Frage. Und wo sonst kann man unverbindlich mal in einen fremden Beruf schnuppern?

Arbeits-Abc: Welche weiteren Tipps können Sie diesen Menschen für die Wahl ihres „Traumberufs“ mitgeben?

Lena Felixberger: Das eigene Arbeitsleben mehr als Reise zu begreifen: Heute muss sich doch nach dem Abitur niemand mehr für den Job oder Arbeitgeber auf Lebenszeit entscheiden. Was heute zu mir und meinen Interessen passt, kann in zehn Jahren anders geworden sein. Dann sollte man die innere Freiheit haben, sich neu zu orientieren. Wir arbeiten schließlich die längste Zeit unseres Lebens. Unser Motto lautet daher:

„Do more of what makes you happy!“

Arbeits-Abc: Was bedeutet der Begriff „Traumjob“ für Sie ganz persönlich?

Lena Felixberger: Mein Traumjob ist eher eine Arbeitsweise. Ich habe für mich entdeckt, dass mir selbstständiges, unternehmerisches Arbeiten Freude und Erfüllung bringt. Als Mama einer kleinen Tochter bringt einen das aber auch manchmal an die Grenzen der Flexibilität. Daher würde ich nicht ausschließen, dass ich meinen Traumberuf irgendwann noch einmal in einem ganz anderen Bereich finde.

Arbeits-Abc: Was möchten Sie uns sonst noch mit auf den Weg geben?

Lena Felixberger: Ich würde gerne jedem ein Gedankenspiel mit auf den Weg geben:

Was können Sie für Ihren Beruf von einem Winzer/Imker/Landwirt/Koch lernen? Es ist mehr, als Sie vielleicht denken!

Fazit: Der Traumberuf ist temporär – und ein schmaler Grat

Ja, es gibt sie also, diese bereits erwähnten Menschen, die schon als Kind wissen, welcher ihr Traumberuf ist – und die bis zum Ende Ihres (Berufs-) Lebens mit dieser Wahl glücklich sind. Doch gehören sie heutzutage eher zur Ausnahme als zur Regel. Der Arbeitnehmer von heute hat die Qual der Wahl. Ihm stehen alle Türen offen und manchmal sieht er dann sprichwörtlich vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.

Lese-Tipp:Generation Maybe: Wenn aus „Vielleicht“ niemals wird

Kritiker bemängeln: Wir haben die Zufriedenheit verlernt. Gerade die jungen Arbeitnehmer aus der Generation Y sind immer auf der Suche – nach einem besseren Job, einer schöneren Partnerin oder einem schnelleren Auto – und erfahren daher nie das Gefühl, einfach „angekommen“ und zufrieden zu sein. Tatsächlich ist es alles andere als ratsam, mit völlig überzogenen Erwartungen in Ihr Berufsleben zu starten und dann, wenn die Realität Einzug hält und sich die ersten Nachteile offenbaren, die Berufswahl direkt wieder an den Nagel zu hängen und sich auf die Suche nach einem neuen „Traumberuf“ zu begeben.

„Wenn wir uns von unseren Träumen leiten lassen,
wird der Erfolg all unsere Erwartungen übertreffen.“
(Henry David Thoreau)

Auf der anderen Seite sollten Sie aber auch nicht in einem Beruf „sesshaft“ werden, der Sie unglücklich und auf Dauer sogar psychisch oder physisch krank macht. Die unzähligen Möglichkeiten des Arbeitsmarktes sind daher Fluch und Segen zugleich – und die Suche nach dem Traumberuf ein schmaler Grat zwischen Realismus und Achtsamkeit. Lena Felixberger verrät deshalb: Den Traumberuf gibt es zwar, doch kann sich dieser im Laufe eines (Berufs-) Lebens eben auch wandeln – und dann ist die Neuorientierung nicht nur möglich, sondern sogar wünschenswert. Ganz gemäß dem Motto:

„Man lebt nur einmal!“

Wir bedanken uns bei Lena Felixberger für das freundliche und offene Interview im Rahmen der XING New Work Experience am 30. März 2017 und fragen jetzt auch Sie, unsere Leser/innen:

Und was ist mit Ihnen? Haben Sie Ihren ganz persönlichen Traumberuf gefunden – oder auch schon mehrmals gewechselt? Wäre Descape für Sie eine realistische Option zum „Austesten“ eines Berufs als Alternative zum klassischen Praktikum? Wir freuen uns auf Ihren Beitrag zum Thema in den Kommentaren!

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