Was viele Bewerber vergessen, ist: Ein Vorstellungsgespräch dient nicht nur dem Zweck, dass der Personaler den Bewerber näher kennenlernen und besser einschätzen kann, sondern auch der Bewerber soll einen Eindruck des potenziellen zukünftigen Arbeitgebers und Arbeitsplatzes erhalten. Nur mit einem möglichst realistischen Bild kannst du als Jobsuchender nämlich entscheiden, ob diese Stelle für dich die richtige ist oder eher nicht. Damit du dich nicht bald erneut in den Bewerbungsprozess stürzen musst, solltest du im Bewerbungsgespräch oder nach der Jobzusage diese sechs Fragen stellen, bevor du den Arbeitsvertrag unterschreibst.

Vorstellungsgespräch: Muss sich auch der Arbeitgeber „bewerben“?

Viele Bewerber fühlen sich bei der Jobsuche in der schlechteren Verhandlungsposition. Sie sind froh, wenn sie „überhaupt“ zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden oder eine Jobzusage erhalten. Dabei hat sich dieser Mechanismus bereits in vielen Branchen gewandelt und der Fachkräftemangel sorgt dafür, dass in mehr und mehr Bereichen die „vielen“ Arbeitgeber um „wenige“ qualifizierte Kandidaten buhlen.

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Plötzlich sind es also die Arbeitgeber, welche sich „bewerben“ müssen und die Arbeitnehmer, die hinsichtlich ihres Arbeitsplatzes immer wählerischer werden können. Doch selbst, wenn du von dieser Entwicklung (noch) nicht betroffen bist, solltest du nicht einfach jeden Job annehmen. Denn eine Arbeitsstelle, die nicht zu dir passt, wird dich auf Dauer unglücklich und krank machen.

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Bevor du dir also nach wenigen Wochen oder Monaten erneut einen Job suchen musst oder sogar gesundheitliche Schwierigkeiten bekommst, prüfe lieber vorab, wie gut die angebotene Stelle wirklich zu dir passt. Stelle dafür im Vorstellungsgespräch oder nach der verbindlichen Jobzusage durch den Arbeitgeber diese sechs Fragen – und entscheiden dich erst anschließend:

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Frage #1: Wie sind die Arbeitszeiten geregelt?

Zu viele Überstunden sind für die Fachkräfte von heute aus der sogenannten Generation Y der häufigste Kündigungsgrund. Dementsprechend wäre es doch interessant, vorab über die Arbeitszeiten im Unternehmen Bescheid zu wissen. Gibt es beispielsweise ein Gleitzeitmodell? Oder Vertrauensarbeitszeit? Hast du die Möglichkeit zum Homeoffice? Und wie sind die Kernzeiten im Unternehmen gestaltet?

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Zudem solltest du konkret nach den zu erwartenden Überstunden fragen. Denn bei einer Wochenstundenzahl von ohnehin 35, 40, 45 oder mehr, stellt jede Überstunde eine weitere Belastung für Körper und Geist dar. Bereits wenige Überstunden können sich negativ auf die Gesundheit auswirken, so das Ergebnis des Arbeitszeitreports. Bevor du also schlussendlich eine herbe Enttäuschung erlebst, deine Gesundheit ruinierst und dir eine neue Stelle suchen musst, kläre die Sache mit den Überstunden lieber vorher ab.

Frage #2: Wie steht es um Überstundenabbau, Sonderurlaub und Urlaubsregelung?

Wenn du Überstunden aufbauen solltest, lautet eine weitere spannende Frage, wie du diese wieder abbauen kannst. Werden diese ausbezahlt oder kannst du sie als Freizeit nehmen? Zwar sind solche Sachen gesetzlich oder tariflich geregelt, doch herrscht in jedem Unternehmen eine andere Kultur und wenn sich hier beispielsweise alle Mitarbeiter ihre Überstunden ausbezahlen lassen, wirst du dich dem Gruppenzwang beugen müssen und vorbei ist es mit deiner ersehnten Freizeit. Auch hinsichtlich der Regelung von Urlaubs- und Sonderurlaubstagen sind die Gewohnheiten je nach Betrieb unterschiedlich.

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Selbst, wenn du gesetzlich beispielsweise Anspruch auf Sonderurlaub bei einer Hochzeit oder Beerdigung hättest, ist es fraglich, ob du diesen „einklagen“ wirst, wenn er dir nicht gewährt wird. Werde dir deshalb darüber klar, welche Arbeits- und Freizeitregelung dir wichtig ist und zu dir passt und gleiche die Gegebenheiten der potenziellen neuen Stelle mit deinen Wünschen ab.

Frage #3: Ist eine ständige Erreichbarkeit gewünscht?

Aufgrund der Digitalisierung verschwimmen in immer mehr Unternehmen die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Mittels Smartphone, Tablet & Co wird eine ständige Erreichbarkeit vorausgesetzt. Und wenn du nun denkst, der kurze Anruf des Chefs nach Feierabend oder die piependen E-Mails am Wochenende wird dich nicht weiter stören, hast du dich mächtig geirrt. Ständige Erreichbarkeit führt nämlich dazu, dass du niemals gedanklich von der Arbeit abschalten kannst. Dadurch bleibt der Stresspegel auf einem konstant hohen Niveau und es fehlt an den notwendigen Entspannungszeiträumen.

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Ganze 71 Prozent der Deutschen sind im Sommerurlaub für Chef und Kollegen erreichbar. Gleichzeitig nennen laut einer auf Statista veröffentlichten Umfrage 30 Prozent der Deutschen die ständige Erreichbarkeit als einen der höchsten Belastungsfaktoren im Berufsalltag. Werde dir also darüber bewusst, ob und wann du außerhalb der Arbeitszeiten für berufliche Belange erreichbar sein möchtest und kläre, inwiefern deine Vorstellungen zur Realität in der angepeilten Stelle passen. Eventuell kannst du auch noch eine entsprechende Klausel im Arbeitsvertrag aushandeln, wenn du dich – wie eingangs geschildert – in einer guten Verhandlungsposition befindest.

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Frage #4: Mit wem werde ich zusammenarbeiten?

Nachdem du die äußeren Rahmenbedingungen genauer unter die Lupe genommen hast, solltest du die Arbeitsinhalte klären. Ein wichtiger Wohlfühlfaktor am Arbeitsplatz ist ein gutes Arbeitsklima. Je besser du dich mit Kollegen, Vorgesetzten und auch Kunden verstehst, umso gesünder, motivierter und glücklicher wirst du sein – und desto geringer ist die Chance, dass du dir (bald) eine neue Stelle suchen wirst.

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Am besten ist es natürlich, wenn du die betreffenden Personen gleich kennenlernst. Dein Vorgesetzter sitzt in der Regel mit im Vorstellungsgespräch und auch eine „Führung“ durch die eventuelle zukünftige Abteilung ist alles andere als ungewöhnlich. Sollte dies nicht ohnehin im Programm stehen, frage beim Bewerbungsgespräch gerne, ob du den Arbeitsplatz beziehungsweise die Abteilung kurz sehen darfst.

Frage #5: Welche Kunden werde ich betreuen?

Nicht nur deine Kollegen und Vorgesetzten sind jedoch für dein soziales Wohlbefinden am Arbeitsplatz verantwortlich. Je nach Branche, Tätigkeit und Position hast du auch mehr oder weniger Kundenkontakt. Es kann in diesem Sinne durchaus interessant sein, vorab zu erfahren, für welche Kunden du „verantwortlich“ wärst. Informieren dich zudem über die konkreten Arbeitsbereiche und Aufgaben, welche dich in der Anstellung erwarten würden. Je besser du dein soziales Umfeld sowie deinen potenziellen Tagesablauf abstecken kannst, umso einfacher kannst du auch einschätzen, inwiefern dieser Job zu dir passt – oder eben nicht.

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Frage #6: Welche, denkst du, wird meine größte Herausforderung sein?

In jedem Job gibt es Höhen und Tiefen, Erfolge und Niederlagen, Aufgaben, die leicht fallen, und Herausforderungen. Letztere sind wichtig, damit du dich auf Dauer nicht langweilen und beruflich sowie persönlich weiterentwickelst. Dennoch sollest du natürlich gefordert, nicht aber überfordert sein. Daher ist es spannend, vorab zu wissen, was die Vorgesetzten beziehungsweise Personaler als größte Herausforderung in der vakanten Stelle betrachten. So kannst du abschätzen, ob deine „Entwicklung“ in die richtige Richtung gehen wird und du diese Herausforderung überhaupt meistern kannst. Die Devise lautet hier: Mut, aber kein Übermut!

Achtung: Fragen können zu Missverständnissen führen

Natürlich hinterlässt es nicht gerade einen guten Eindruck, direkt im Vorstellungsgespräch nach Urlaub, Freizeit oder Geld zu fragen. Warte deshalb erst einmal ab, ob der Personaler das Thema von selbst anschneidet. Wenn nicht, wäge ab, ob du die Frage am Ende des Bewerbungsgespräches stellen möchtest oder erst, wenn das Unternehmen eventuell mit der Jobzusage anruft. Überhaupt nicht zu fragen, wäre leider die falsche Strategie, denn dann wirst unter Umständen ins kalte Wasser geworfen, bist unzufrieden und musst bald erneut den Job wechseln – und das möchtest sowohl du als auch die Personaler verhindern.

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Allzu übel nehmen diese dir solche Fragen deshalb in der Regel nicht. Schließlich ist es auch in deren Interesse, dass du und die vakante Stelle optimal zusammenpassen. Eine weitere Möglichkeit ist es, solche Informationen über Dritte einzuholen, beispielsweise über Foren im Internet oder einen Bekannten, der im Unternehmen angestellt ist und dementsprechend über „Insider-Informationen“ verfügt. Schlussendlich gilt: Je höher der Fachkräftemangel in Ihrem Beruf, umso besser ist deine Verhandlungsposition und desto mutiger kannst im Vorstellungsgespräch Fragen stellen oder Klauseln im Arbeitsvertrag verhandeln.

Welche weiteren Fragen kann und sollte der Bewerber im Vorstellungsgespräch stellen? Wie kommen solche „pikanten“ Themen deiner Erfahrung nach beim Personaler an? Könnten diese dich den Job kosten? Wir sind gespannt auf deine Beiträge in den Kommentaren!

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Bildnachweis: Anna Shvets/Pexels.com