Sehr häufig lesen Sie auf dieser Seite von den Veränderungen der Arbeitswelt, die gern auch unter dem Titel „Arbeiten 4.0“ zusammengefasst werden. Entwicklungen wie Digitalisierung, Globalisierung, demografischer Wandel und Migration beeinflussen schon heute den Arbeitsmarkt von morgen. Es wäre absolut fatal, wenn die Bundesregierung hiervor die Augen verschließen würde. Tut sie zum Glück auch nicht. Ganz im Gegenteil. In der vergangenen Woche hat Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles das sogenannte Weißbuch vorgestellt. Hierbei handelt es sich um eine Fortführung des Grünbuchs, das im April 2015 veröffentlicht wurde und damals viele Fragen rund um die Zukunft der Arbeit aufgeworfen hat. In ihrem neuen Dokument greift Nahles die bisherigen Diskussionen auf und liefert erste konkrete Antworten und Lösungsansätze für unterschiedliche Probleme. Wir wollen Ihnen das Weißbuch und seine Inhalte gern noch etwas genauer vorstellen.

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Inhalt
1. Die Treiber des Wandels
2. Zentrale Fragen
3. Arbeit 4.0 ist nicht das Ende der Arbeit
4. Die Auswirkungen der Digitalisierung
5. Weiterbildungen werden immer wichtiger
6. Persönliches Erwerbstätigenkonto als Alternative zum bedingungslosen Grundeinkommen
7. Selbstständige sollen in die gesetzliche Rentenversicherung

Die Treiber des Wandels

Immer wieder wird behauptet, dass sich die Arbeitswelt im Wandel befindet. Im Weißbuch Arbeiten 4.0 werden konkret die folgenden Faktoren genannt und als „Treiber des Wandels“ bezeichnet:

  • Digitalisierung
  • Globalisierung
  • demografischer Wandel
  • Bildung
  • Migration

Info: Das komplette Weißbuch Arbeiten 4.0 finden Sie hier zum Nachlesen als interaktives PDF.

Zentrale Fragen

Um den vorangegangenen Diskurs, der durch das Grünbuch ausgelöst wurde, noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, werden im Weißbuch weiterhin die sechs zentralen Fragen wiederholt, mit denen sich das Bundesministerium für Arbeit und Soziales in den vergangenen anderthalb Jahren beschäftigt hat. Diese sind:

  • Wird die Digitalisierung ermöglichen, dass auch in Zukunft möglichst alle Menschen Arbeit haben? Und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?
  • Wie wirken sich neue Geschäftsmodelle wie „digitale Plattformen“ auf die Arbeit der Zukunft aus?
  • Wenn die Sammlung und Nutzung von Daten immer bedeutsamer wird, wie kann der berechtigte Anspruch der Beschäftigten auf Datenschutz sichergestellt werden?
  • Wenn in Zukunft Mensch und Maschine noch enger zusammenarbeiten, auf welche Weise können Maschinen dabei zur Unterstützung und Befähigung des Menschen im Arbeitsprozess beitragen?
  • Die Arbeitswelt der Zukunft wird flexibler werden. Aber wie können Lösungen aussehen, die zeitliche und räumliche Flexibilität auch für Beschäftigte verbessern?
  • Wie sieht das moderne Unternehmen der Zukunft aus, das vielleicht nicht mehr in allen Fällen dem Bild des klassischen Unternehmens entspricht, aber dennoch Teilhabe und soziale Sicherheit ermöglicht?

Arbeit 4.0 ist nicht das Ende der Arbeit

Während der Präsentation des Weißbuchs betonte Andrea Nahles, dass die bevorstehenden und bereits eingesetzten Veränderungen keinesfalls das Ende der Arbeit bedeuten würde. Der Einsatz von Arbeitsrobotern dürfe keinesfalls als Gefahr betrachtet, sondern müsse als Chance verstanden werden.

Statt vom Ende der Arbeit zu sprechen, sollten sich Erwerbstätige eher auf die Veränderung einzelner Berufsbilder vorbereitet. Diese Entwicklung ist nämlich unausweichlich. In welcher Intensität sie eintreten wird und ob wirklich zahlreiche Berufe „aussterben“ werden, kann an dieser Stelle nicht vorausgesagt werden.

Die Auswirkungen der Digitalisierung

Digitalisierung bedeutet, dass immer mehr Aufgaben und Arbeitsschritte digital – also nicht mehr analog – durchgeführt werden. Was allgemein als riesige Bereicherung für den Arbeitsmarkt verstanden wird, bringt jedoch auch einige Herausforderungen mit sich, mit denen sich auch das Weißbuch befasst.

Allen voran wäre da natürlich der wachsende Wunsch nach mehr Flexibilität von Seiten der Arbeitnehmer. Arbeiten wann und wo man will – diese Vorstellung ist in immer mehr Unternehmen keine Zukunftsmelodie mehr, sondern Realität. Um diese Freiheit auch gesetzlich zu verankern, schlägt Bundesministerin Nahles in ihrem Dokument ein „Wahlarbeitszeitgesetz“ vor, das probehalber auf zwei Jahre begrenzt werden soll. Das Gesetz würde – falls es tatsächlich in Kraft tritt – für mehr Selbstbestimmung sorgen und den Arbeitnehmern einen flexiblen Alltag ermöglichen. Vor allem Frauen, die sich neben dem Beruf auch noch um ihre Kinder kümmern, würden im hohen Maße davon profitieren, die Arbeitszeit flexibel an die Freizeit anzupassen.

Ein weiteres Thema, das von Nahles und ihrem Expertenteam im Weißbuch angesprochen wird, ist die permanente Erreichbarkeit von Arbeitnehmern. Nahles‘ Forderung: Ein „Schutz vor Entgrenzung“. Arbeitgeber müssen in Zukunft lernen, die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben zu akzeptieren – auch wenn der Angestellte theoretisch jederzeit und an jedem Ort erreichbar und bereit zum Arbeiten ist. In diesem Zusammenhang spricht die Ministerin auch eine notwendige Aktualisierung vom Arbeitsschutzgesetz an, die verstärkt auf das Thema Digitalisierung eingehen wird.

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Last but not least wird es zukünftig auch wichtig sein, im Hinblick auf den Datenschutz der Beschäftigten diverse Änderungen und Anpassungen vorzunehmen. Auch dieser Punkt wird im Weißbuch angesprochen und beleuchtet.

Weiterbildungen werden immer wichtiger

Dass sich die Arbeitswelt gerade rasant verändert, löst nicht in jedem von uns Begeisterung auf. Viele Menschen haben schlicht und ergreifend Angst, den Anschluss zu verpassen und auf der Strecke zu bleiben. Da uns auch in (naher) Zukunft zahlreiche Veränderungen (v.a. technischer Natur) erwarten werden, wächst die Bedeutung von Weiterbildungen gerade enorm. Im Weißbuch Arbeiten 4.0 ist daher auch die Rede von einem „Recht auf Weiterbildung“. Arbeitgeber sollen zukünftig noch mehr gefördert werden und die Möglichkeit erhalten, sich individuell weiterzubilden. Nur so kann erreicht werden, dass auch wirklich alle von den Entwicklungen der Arbeitswelt profitieren.

Persönliches Erwerbstätigenkonto als Alternative zum bedingungslosen Grundeinkommen

Weiterbildungen sind wichtig, doch nicht jeder kann sie sich leisten. Oftmals sind Schulungen, Coachings und Co. mit einem Verdienstausfall verknüpft und reißen große Löcher in die Haushaltskasse. Gleiches gilt für die Arbeit in Teilzeit, Sabbaticals oder auch die Existenzgründung. Um Erwerbstätigen in Zukunft einen Anreiz zu geben, ihre persönlichen Träume zu erfüllen, schlägt Andrea Nahles in ihrem Weißbuch ein sogenanntes persönliches Erwerbstätigenkonto mit einem gewissen Startguthaben vor. Dieses soll jedem Erwerbstätigen zur freien Verfügung gestellt und kann als Alternative zum bedingungslosen Grundeinkommen verstanden werden. Woher das Geld für das persönliche Erwerbstätigenkonto kommen soll, dazu äußerte sich Nahles bisher allerdings nicht.

Selbstständige sollen in die gesetzliche Rentenversicherung

Nicht nur der Arbeitsmarkt im Allgemeinen, sondern auch die Selbstständigkeit im Speziellen unterliegt gerade einem großen Wandel. Vor allem die Online-Plattformen, die derzeit wie Pilze aus dem Boden sprießen, verleihen dem Unternehmertum ein völlig neues Gesicht. Aus dem Diskussionsentwurf von Andrea Nahles geht hervor, dass die Bundesregierung auch auf diese Entwicklung reagieren müsse. So wird im Weißbuch vorgeschlagen, Selbstständige – und insbesondere Solo-Selbstständige – in die gesetzliche Rentenvorsorge aufzunehmen. Die Begründung hierfür: Die Grenzen zwischen abhängiger Beschäftigung und selbstständiger Arbeit verschwimmen; dies wird in der digitalen Arbeitswelt noch mehr der Fall sein.“

Welche Vorschläge von Nahles und ihrem Team wirklich umgesetzt werden, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gesagt werden. Ihr Diskussionsentwurf wird in der kommenden Zeit intensiv im Bundestag behandelt. Die Bundesarbeitsministerin appellierte bereits an die Ministerien für Wirtschaft und Familie, dass auch dort ein Fokus auf die Arbeit 4.0 gelegt werden müsse. Fakt ist, dass die Debatte längst nicht am Ende angekommen ist. Immer wieder erblicken neue Trends und Entwicklungen das Licht der Welt, die allesamt beachtet und eingeordnet werden wollen. Ein vereinheitlichendes Gesetz zur Arbeit 4.0 und der voranschreitenden Digitalisierung soll im Übrigen nicht kommen. Angesichts der vielen unterschiedlichen Formen und Modelle von moderner Arbeit würde dieses auch nur wenig Sinn ergeben. Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Thema.

(Bildernachweis © davis – Ftolia.com)