Der Dialekt ist ein Stück Heimat und gehört zu manchen Menschen wie andere Persönlichkeitsmerkmale. Im Job allerdings ist ein starker Dialekt oft eher hinderlich.

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Natürlich hängt es davon ab, was für eine Arbeit Sie machen – und in welchem Teil Deutschlands Sie arbeiten. Mitarbeiter mit eindeutig sächsischer oder bayerischer Sprachfärbung dürften es in einer Hamburger Bank schwer haben, vor allem wenn es um die Vermögensberatung der hanseatischen Kundschaft geht.

Es existieren viele Vorurteile im Hinblick auf den Dialekt eines Menschen. Wer schwäbelt oder berlinert, wird von manchen Gesprächspartnern nicht recht ernst genommen. Sie gehen davon aus, ihr Gegenüber habe es versäumt, „anständiges“ Hochdeutsch zu lernen. Dieses gehört für viele zur Etikette in der Berufswelt – ebenso wie ein gepflegtes Outfit. Breite Dialekte wirken leicht lässig bis nachlässig. Wer das nicht so ganz glauben möchte, könnte ja auch seinen nächsten Flyer oder seine Homepage im Dialekt verfassen.

Echte Gesprächskompetenz oder nur vordergründige Kriterien?

Nach Ansicht von Karriereexperten sind es häufig die wahrnehmbaren Äußerlichkeiten, nach denen beispielsweise bei einer Bewerbung vorsortiert wird. Kommt also ein Bewerber in die engere Wahl, weil er erstklassige Referenzen hat, könnte das Vorstellungsgespräch trotzdem ein Flop werden. Denn viele Personalentscheider handeln viel unbewusster, als sie einräumen würden. Fühlen sie sich von einem ausgeprägten Dialekt unangenehm berührt oder verbinden sie damit negative Assoziationen, entwickeln sie eine instinktive Abneigung gegen den Bewerber. Sie orientieren sich an Fragen wie: Kann ich den Bewerber verstehen? Mag ich ihm zuhören? Wirkt er vertrauenswürdig auf mich?

Spitzenjobs und Dialekt passen nicht zusammen

In der Politik gibt es zwei Beispiele: Helmut Kohl und Helmut Schmidt, beide Altbundeskanzler. Während der Erstgenannte immer etwas behäbig und provinziell wirkte und seine Pfälzer Mundart Zielscheibe vieler Parodien war, kam der Hamburger mit seiner gestochenen Aussprache souverän-weltmännisch rüber. Würden sie heute in einem TV-Duell gegeneinander antreten, hätte Schmidt damit einen unschätzbaren Vorteil.

Auch Karrierecoachs sind der Ansicht, dass sich Menschen, die repräsentieren, keinen Dialekt leisten können. (Für Finanzminister scheint dies nicht zu gelten; Anmerkung der Autorin). Damit sind nicht nur Politiker in Spitzenfunktionen oder Top-Manager gemeint, sondern auch Personen mit Berufen wie Pressesprecher, Key-Account-Manager oder Kundenberater, die ihr Unternehmen überregional vertreten oder international repräsentieren.

Auch Popstars gewinnen nicht die Herzen der Fans, wenn sie sich aufgrund ihres Dialekts regional zu sehr festlegen. Unterschwellig distanzieren sich viele, weil es sich um jemanden handelt, der nicht „für alle“ da ist. Wer Mundart spricht, unterstreicht seine Andersartigkeit, und dies löst bei vielen Menschen Animositäten aus. Mancher „kann“ einfach nicht auf einen bestimmt Dialekt – ob es typisch hessisches Babbeln oder die auf Anhieb erkennbaren Dialekte aus dem deutschen Osten sind.

Diejenigen, die einen Dialekt sprechenden Menschen unbewusst ablehnen, sind oft der Meinung, der Betreffende dürfe sich gern mehr Mühe geben. Es kann aber auch sein, dass die Sprache nur vorgeschoben wird und die Gründe für die Ablehnung woanders verankert sind: großes Selbstbewusstsein, Hang zur Kritik, unterdrückte Rivalität.

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Nicht jeder Dialekt stößt auf Ablehnung

Bei Österreichern oder Schweizern finden viele Deutsche den Dialekt sehr sympathisch. Einen ausländischen Akzent mögen sie auch, skandinavisch, niederländisch, französisch, italienisch und spanisch darf er gern sein. Schlagersängerinnen aus Dänemark, Norwegen und Schweden waren über Jahrzehnte besonders beliebte Interpretinnen. Einige südeuropäische Künstler singen hörbar ohne echtes Textverständnis Deutsch und kultivieren dabei ihre mediterranen Akzente. Selbst die Beatles haben in deutscher Sprache gesungen, ebenso zahlreiche amerikanische Künstler. Bei anderen Muttersprachen scheiden sich die Geister.

Kieler Sprachwissenschaftler haben herausgefunden, dass derselbe Dialekt sowohl positiv als auch negativ aufgenommen wird. In den Hitlisten der beliebtesten Dialekte tauchen beispielweise Bayerisch und Sächsisch sowohl auf den vordersten als auch auf den hintersten Plätzen auf.
Und nicht zu vergessen: Ein gemeinsamer Dialekt wirkt durchaus vertrauensbildend. In Berufen wie Verkäufer, Anwalt oder Therapeut kann er förderlich sein, weil sich Kunde, Mandant oder Klient aus derselben Region aufgehoben und angenommen fühlt. Die Mundart ist ja eigentlich nur eine Frage der Aussprache, selbst Goethe soll man seine Frankfurter Herkunft deutlich angehört haben.

Heute sollen möglichst alle Bewerber, die eine Karriere anstreben, mindestens eine Fremdsprache beherrschen. Wer zudem auf den Dialekt seiner Heimat oder seines Wohnortes zurückgreifen und nach Belieben damit spielen kann, hat in bestimmten Aufgabenfeldern einen Vorteil. Alle, die viel mit Kunden, Lieferanten und Handwerkern zu tun haben, liegen mit Dialekt vorn.

Ihre Meinung ist gefragt: Welchen Dialekt finden Sie gut oder furchtbar?