Simone Janson
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In Ihrem neuen Buch “Die 110%-Lüge. Wie Sie mit weniger Perfektion mehr erreichen” behauptet die Journalistin, Buchautorin und Bloggerin (www.berufebilder.de) Simone Janson, dass das Streben nach Höchstleistung häufig eher kontraproduktiv für den Erfolg im Job ist. Ein Gespräch über die negativen Konsequenzen von Perfektion, die Strategie, mit weniger Einsatz mehr zu erreichen und einen der größten Karriereirrtümer.

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1. Frau Janson, Sie behaupten, Perfektionismus führt gar nicht zu mehr Leistung, sondern häufig zum Gegenteil. Bitte erklären Sie uns diese These!

Naja, viele Perfektionisten schaffen es nicht, ihre Aufgaben rechtzeitig fertigzustellen, weil sie es immer noch nicht gut genug finden, obwohl sie Tag und Nacht an der Sache sitzen. Manche werden sogar nie fertig. Und was noch schlimmer ist: Solche Menschen haben nicht nur an sich übertriebene Ansprüche, sondern auch an andere; wer jedoch anderen ständig das Gefühl vermittelt, dass sie nicht gut genug sind oder ständig herumkritisiert, macht sich schnell unbeliebt – beim Chef und den Kollegen. Nicht gerade karrierefördernd!

2. Was machen die Perfektionisten denn so grundfalsch?

Perfektionisten handeln häufig nicht aus gesunder, positiver Leistungsbereitschaft, sondern aus Unsicherheit: Sie fühlen sich regelrecht dazu gezwungen, alles besonders gut und richtig zu machen, weil sie negative Konsequenzen befürchten und beängstigende Dinge unter Kontrolle halten wollen. Das bedingt dann viele weitere “Symptome”: Perfektionisten grübeln zum Beispiel viel, schieben Entscheidungen gerne auf, reagieren überempfindlich auf Kritik und Druck oder schaffen es nicht, Nein zu sagen. Allerdings gibt es verschiedene Facetten von Perfektionismus und nicht bei jedem zeigt er sich in gleicher Weise.

3. Sie glauben also, wenn wir schlampig und chaotisch sind, wird alles besser?

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Im Gegenteil: Denn interessanterweise kann übertriebener Perfektionismus auch zum Chaos führen; nämlich wenn man Aufgaben oder Entscheidungen immer wieder aufschiebt, weil alles ganz perfekt sein soll. Wenn ich beispielsweise immer alle Unterlagen in die Ablage lege, weil ich denke “das könnte ich vielleicht nochmal brauchen” um dann irgendwann alles ganz ordentlich zu sortieren, ist das auch eine Form von perfektionistischer Kontrollsucht und Festhalten an Dingen – aber eine, die dazu führt, dass ich bald nicht mehr durchblicke. Wenn ich hingegen loslasse, gleich aufräume und riskiere, auch Dinge wegzuschmeißen, die ich noch brauchen könnte, passiert das nicht.

4. Gleichzeitig finden Sie aber, Perfektionisten dürften es sich nicht zu einfach machen. Wie geht denn das zusammen?

Vereinfachen ist eine tolle Sache, wenn es um einfache Dinge geht wie Aufräumen geht. Ja, selbst bei Handytarifen ist einfacher zwar nicht immer billiger, aber doch meist besser. Problematisch wird es allerdings, wenn wir komplexe Dinge vereinfachen und verallgemeinern – zum Beispiel das Verhalten anderer Menschen: Wenn mich die Kollegin auf dem Flur nicht grüßt, kann ich es mir leicht machen und sagen “Die hat ein Problem mit mir”. Denn die Erklärung erscheint unserem Gehirn am einfachsten, weil es das, was es in bereits bestehende Denkmuster eingliedern kann, viel besser verarbeitet. Wir nehmen also selektiv wahr, was unsere Überzeugung, unseren bisherigen Erfahrungen, Einstellungen und Interessen stützt. Wir beziehen die Unfreundlichkeit der Kollegin auf uns. Natürlich kann es sein, dass sie einen nicht leiden kann. Es kann aber auch sein, dass Sie Ärger mit dem Chef oder in der Familie hatte oder dass sie einfach ihre Kontaktlinsen vergessen hat. Man muss sich vielleicht gar nicht ärgern und Aggressionen aufbauen. Will sagen: Durch Vereinfachung kann man sich viele Optionen verbauen und sich das Leben unnötig schwer machen. Es gibt Leute, die derart festgefahren in ihrer selektiven Wahrnehmung sind, dass sie die Realität gar nicht mehr richtig aufnehmen.

5. Mit weniger Arbeit mehr erreichen -klingt traumhaft. Wie soll das funktionieren?

Untersuchungen zeigen: 80 Prozent bringen in vielen Fällen tatsächlich mehr als das absolute Optimum. Denn niemand schafft es, immer 100 Prozent zu geben – schon aus Zeitgründen nicht. Wer das versucht, ist bald derart gestresst, dass er automatisch Fehler macht und schlampig arbeitet.
Das hat physische Gründe:Wenn man sich aber überfordert, weil man immer 100 Prozent schaffen will, wird Angst zum Antriebsmotor und es entsteht negativer Distress. Der tritt auf, wenn man keinen Ausweg weiß, weil das menschliche Gehirn aufgrund fehlender Erfahrungen auf die Schnelle keine Lösung für ein Problem parat hat. Schweizer Forscher haben herausgefunden, dass Distress sogar unser Gedächtnis blockiert. Daher ist bei negativem Stress klares Denken schwierig, die Motivation leidet und man absolviert oft nur noch ein Pflichtprogramm. Es ist also überhaupt nicht produktiv, sich derart zu überfordern.

6. Das erklärt aber noch nicht, warum weniger mehr sein soll!

Auch das lässt sich gut belegen: Wenn wir uns machbare Herausforderungen suchen, indem wir nur 80 Prozent vom Optimum anstreben, gehen wir von vornerein optimistisch an die Sache heran: Wir denken vorwärtsgerichtet, sind motiviert und glauben, dass wir die Aufgabe gut bewältigen können. Wir haben dann zwar auch Stress, allerdings positiven Eustress. Dadurch werden Glückshormone ausgeschüttet, die wie eine Belohnung für die vorherige Anstrengung wirken – ein sogenanntes Flow-Erlebnis. Auch das Gehirn arbeitet besser.
Dadurch, dass wir uns etwas weniger vornehmen, sind wir also viel produktiver. Wenn wir dann unser Ziel erreicht haben, macht das Lust auf mehr, wir sind motiviert, neue Aufgaben anzugehen. Und auf diese Weise arbeiten wir im Endeffekt oft sogar besser und schaffen mehr, als wenn wir immer 100 Prozent erreichen wollen.

7. Glauben Sie nicht, dass die Qualität der Arbeit leidet, wenn man sich weniger anstrengt?

Das ist ja genau der große Irrtum: Die Qualität muss nicht zwangsläufig leiden, nur weil man weniger tut. Wichtig ist viel mehr, dass man das Richtige tut. Einige Perfektionisten machen leider das genaue Gegenteil: Sie schützen in blindem Aktionismus Geschäftigkeit vor, während sie Aufgaben, die eigentlich Priorität haben, immer weiter hinausschieben, weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen. Tatsächlich haben Managementberater festgestellt, dass mancher erschöpfte, hart arbeitende Workaholic bis zu 80 Prozent seiner Arbeitszeit mit eher unnötigen Tätigkeiten füllt: Telefonate, unnötige Meetings, Herumtragen von Unterlagen oder das Herumspielen am Computer gehören zu den bevorzugten Ablenkungsmanövern.Meist überprüft niemand, wie effizient ein Perfektionist wirklich arbeitet und auch diesem selbst ist der fehlende Sinn hinter vielen seiner Handlungen oft gar nicht klar.

8. Warum meinen Sie, dass Perfektionismus gar nicht so gut für die Karriere ist, wie viele denken?

Naja, natürlich kann der Wunsch alles richtig machen zu wollen, erstmal gut für die Karriere sein: Man gilt dann als Leistungsbereit, zuverlässig und verlässlich. Und sicherlich schätzen Chefs solche Züge auch. Allerdings zeigen Untersuchungen, dass Menschen mit typisch perfektionistischen Verhaltensweisen, also der nervöse Typ, der ständig gestresst versucht, alles auf die Reihe zu kriegen, vor allem auf der mittleren Managementetage anzutreffen ist. In Top-Positionen finden sich eher gelassenere Naturen.
Das ist auch ganz logisch, wenn man sich anschaut, warum Menschen unbedingt perfekt sein wollen: Meist sind diese Leute nämlich relativ unsicher und erbringen nicht aus Freude an der Arbeit Höchstleistungen, sondern aus Angst vor den Konsequenzen. Und da sie selbst nie ganz mit sich zufrieden sind, verkaufen Sie sich auch entsprechend schlecht. Das wirkt aber alles andere als souverän.

9. Vielleicht sieht der Chef aber trotzdem, dass da jemand ist der sich anstrengt?

Genau hier liegt ja der Hund begraben: Chefs denken nicht “Super, der ist so strebsam, den befördere ich zur Belohnung”, wie der Perfektionist im Stillen hofft, sondern: “Den kann ich nicht befördern, der glaubt ja selbst nicht an sich” oder “Das ist ja praktisch, dass der so viel leistet und so wenig fordert, der bleibt mal schön wo er ist.” Wenn der Chef dann die Unsicherheit noch ein wenig schürt, indem er statt des erwarteten Lobes Kritik übt, hat er das perfekte Arbeitstier.
Das ist natürlich sehr plakativ ausgedrückt: Nur machen sich offenbar viele Leute, die in so einem Hamsterrad hängen, nicht bewusst, wie diese feinen Manipulationsmechanismen funktionieren – oft auch unbewusst, weil es sich als Verhaltensmuster so eingeschlichen hat. Und da kann man auch nur selbst etwas dagegen tun, weil der Chef das von sich aus kaum ändern wird.

10. Was hat Sie eigentlich bewogen, sich mit dem Thema überhaupt auseinanderzusetzen?

Meine eigene Erfahrung als Selbständige. Als Angestellter kann man für Unzufriedenheit und Stress seinen Chef verantwortlich machen. Als Selbständiger ist man hingegen für seine Zeiteinteilung und seine Arbeitsweise selbst verantwortlich. Das kann am Anfang auch sehr verunsichernd sein. Dabei habe ich erst gemerkt, wie sehr ich mir durch den Druck, den ich mir mit meinen zu hohen Ansprüchen selbst aufbaute, die Freude an meiner Arbeit vermieste. Nicht umsonst heißt ja auch ein Unterkapitel in meinem Buch “Perfektionisten – ihr eigener schlimmster Chef”. Dadurch, dass ich mir das allmählich klar gemacht habe, arbeite ich heute mit mehr Freude und – nach der Auftragslage und dem Kundenfeedback zu schließen – auch besser.

Vielen Dank für das Interview.