Die Digitalisierung ist nicht mehr aufzuhalten – so viel ist klar. Dennoch hat natürlich jede Medaille zwei Seiten und so bringt sie nicht nur Nachteile für die Gesundheit sowie den Berufsalltag deutscher Arbeitnehmer mit sich, sondern auch für deren Familienleben, so eine aktuelle Studie der Bild am Sonntag in Kooperation mit der BARMER GEK. Es ist eben doch nicht alles Gold, was glänzt – oder besser gesagt: leuchtet!
Die Digitalisierung wirkt sich nachteilig auf die Familie aus

Digitalisierung in Deutschland nur „mittelmäßig“ – aber mit großen Auswirkungen

Gerade einmal 39,8 Prozent der Deutschen besaßen im Jahr 2013 eines der flimmernden Smartphones. Im Gegensatz zu 73,8 Prozent in den Vereinigten Arabischen Emiraten, 73 Prozent in Südkorea oder 72,8 Prozent in Saudi Arabien ist das nur „Mittelmaß“.

Infografik: Deutschland bei Smartphone-Verbreitung nur Mittelmaß | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Doch die Tendenz ist eindeutig: Bis zum Jahr 2019 soll sich der Smartphone-Traffic weltweit verzehnfachen – und damit auch die negativen Auswirkungen der Digitalisierung auf das Privat- und Familienleben der Deutschen.
Infografik: Smartphone-Traffic verzehnfacht sich bis 2019 | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Während die Digitalisierung nämlich vielerorts hoch gelobt wird, bringt sie leider auch zahlreiche Nachteile für deutsche Arbeitnehmer mit sich. Ganz oben auf der Liste steht die zunehmende psychische Belastung durch die ständige Erreichbarkeit.

Lese-Tipp:Ständige Erreichbarkeit im Job – Fluch oder Segen?

Dieser dauerhaft erhöhte Stresspegel wirkt sich wiederum nachteilig auf die Gesundheit der Betroffenen aus. So lässt sich durchaus ein Zusammenhang zwischen der ständigen Erreichbarkeit durch die fortschreitende Digitalisierung sowie der simultanen Zunahme der Anzahl diagnostizierter „Burnout-Syndrome“ ausmachen, wie wir bereits im Artikel „Burnout: Wie krank macht ständige Erreichbarkeit?“ erläutert haben. Eine aktuelle Studie der Universität St. Gallen im Auftrag der BARMER GEK in Kooperation mit der „Bild am Sonntag“ entlarvt nun eine weitere negative Konsequenz der Digitalisierung im Beruf: Sie belastet das Familienleben!

Digitalisierung revolutioniert nicht nur Berufs-, sondern auch das Privatleben

Experten aus aller Welt spekulieren derzeit darüber, wie die Digitalisierung die Geschäftswelt verändern wird und wie wohl das „Unternehmen von morgen“ aussehen könnte. Es wird über flexible Arbeitszeitmodelle, den Einsatz intelligenter Technologien und die Industrie 4.0 diskutiert. Auch die gesundheitlichen Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitnehmer finden dabei noch ein wenig Berücksichtigung und im privaten Bereich interessiert sich der E-Commerce für das veränderte Konsumentenverhalten.

Alles schön und gut – aber was ist eigentlich mit dem Familienleben? Inwiefern hält die digitale Revolution auch hier Einzug und welche Konsequenzen hat die fortschreitende Digitalisierung im Beruf auf das Privatleben der Arbeitnehmer? Das sind völlig neue Fragen – mit welchen sich die Studie mit dem Titel „Auswirkungen der Digitalisierung der Arbeit auf die Gesundheit von Beschäftigten“ im Auftrag der BARMER GEK und Bild am Sonntag endlich auseinandergesetzt hat. Diese wurde an der Universität St. Gallen mittels Befragung von mehr als 8.000 deutschen Arbeitnehmern durchgeführt. Die Ergebnisse sind leider nur wenig erfreulich:

  • Die Digitalisierung ist nicht nur im Berufs-, sondern auch im Privatleben deutscher Arbeitnehmer angekommen.
  • Allerdings hat sich das betriebliche Gesundheitsmanagement in vielen Branchen noch nicht angepasst. Aus diesem Grund sind nachteilige Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesundheit deutscher Arbeitnehmer festzustellen.
  • Besonders häufig werden in der Studie Kopf- und Rückenschmerzen, Einschlafschwierigkeiten sowie eine tiefe emotionale Erschöpfung bis hin zu einem „Ausgebranntsein“ genannt.
  • Auch Ängste vor dem Arbeitsplatzverlust spielen hierbei eine große Rolle. 27 Prozent der 18- bis 29-Jährigen haben die Befürchtung, früher oder später durch digitale Technologien oder Roboter „ersetzt“ zu werden.

Lese-Tipp:Industrie 4.0 – Mein Arbeitskollege, der Roboter

Ob indirekt, durch die zunehmende gesundheitliche und psychische Belastung aufgrund der Digitalisierung, oder direkt: 18 Prozent der Konflikte zwischen Familie und Arbeit gehen laut Studienerkenntnissen auf die Kappe der Digitalisierung. Studienleiter Prof. Dr. Stephan Böhm spezifiziert:

„Flexible Arbeitszeiten und Arbeitsorte, Sport, Verzicht auf Diensthandy und Dienstcomputer in der Freizeit und eine gute Beziehung zur Führungskraft gehen einher mit verringerten Arbeits- und Familienkonflikten sowie weniger emotionaler Erschöpfung.“

Ein dringendes Problem der Digitalisierung im Beruf scheint also zu sein, dass sie ihre Möglichkeiten einer besseren Vereinbarkeit von Arbeit und Familie noch nicht (vollends) ausschöpft und dadurch zum Stand heute mehr Nachteile als Vorteile für das Familienleben deutscher Arbeitnehmer mit sich bringt. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich dieser Zustand nicht in Zukunft ändern könnte – und sollte! Aber wie?

Familienleben: Vorteile der Digitalisierung sind noch nicht flächendeckend angekommen

Auf diese Frage gibt eine weitere Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit dem Titel „Digitalisierung – Chancen und Herausforderungen für die partnerschaftliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ spannende Antworten:

  • Demnach schätzen 94 Prozent der Befragten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch die Nutzung der Telearbeit als „viel leichter“ ein.
  • 17 Prozent gaben zudem an, durch das Homeoffice zehn oder mehr Stunden pro Woche einzusparen – welche sie stattdessen in ihr Familienleben „investieren“ können. Der Hauptgrund hierfür liegt in den wegfallenden Arbeitswegen.
  • Gerade dieser Zeitfaktor sei aus Sicht der Befragten förderlich für die Partnerschaftlichkeit sowie ihr Familienleben.

Demgegenüber fand die Studie allerdings auch heraus, dass gerade einmal zwölf Prozent der deutschen Unternehmen momentan überhaupt über solche Angebote für flexible Arbeitszeiten und Homeoffice-Regelungen verfügen. Ihre Gründe für die Nichtnutzung der neuen Möglichkeiten der Digitalisierung lauten:

  • 88 Prozent: Die permanente Anwesenheit der Beschäftigten sei erforderlich.
  • 75 Prozent: Die notwendigen Ressourcen seien nicht verfügbar.
  • 66 Prozent: Angestellte seien nicht jederzeit ansprechbar.

Zumindest letzteres Argument ist eindeutig als „falsch“ anzusehen. Während nämlich die Vorteile der Digitalisierung hinsichtlich flexiblerer Arbeitsmodelle nur zögerlich genutzt werden, haben die meisten Unternehmen keine Scheu davor, die simultan einhergehenden Vorzüge der ständigen Erreichbarkeit ihrer Arbeitnehmer in vollen Zügen auszunutzen.

„Wenn Sie einen Scheißprozess digitalisieren, dann haben Sie einen scheiß digitalen Prozess!“
(Thorsten Dirks)

Der Leidtragende ist schlussendlich der Beschäftigte: Ihm bleiben die positiven Effekt auf sein Partnerschafts- und Familienleben verwehrt, während er die negativen Auswirkungen der Digitalisierung – zum Beispiel in Form der ständigen Erreichbarkeit – in vollem Ausmaß zu spüren bekommt.

Fazit: Arbeitgeber müssen aufgeschlossener und weniger „egoistisch“ werden

Kein Wunder, dass unter Betrachtung dieser beiden Studienergebnisse die Arbeitnehmer noch nicht von der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch die Digitalisierung profitieren. Leider sitzen sie aber momentan noch am kürzeren Hebel. Dies könnte sich durch den fortschreitenden Fachkräftemangel bereits in wenigen Jahren ändern. Bis dahin liegt es allerdings an den Arbeitgebern, nicht nur ihre eigenen Vorteile aus der Digitalisierung zu ziehen, sondern auch dem Arbeitnehmer die Chance zu geben, trotz – oder gerade durch – technologische Fortschritte im Beruf auch sein Familienleben zu verbessern.

Oder was denken Sie? Wie bewerten Sie die Studienresultate aus Arbeitgeber- beziehungsweise Arbeitnehmerperspektive? Welche Veränderungen würden Sie sich in Zukunft für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie wünschen? Und halten Sie diese für realistisch?
Die Familie ist und bleibt das Wichtigste!

Kommentieren