Für welchen Beruf entscheide ich mich? Was, wenn die Wahl die falsche war? Fragen dieser Art beschäftigen junge Menschen weltweit. Es ist die Angst vor der Fehlentscheidung, die dazu führt, dass jeder Schritt erst zigmal hinterfragt wird, ehe man ihn geht. Diese Besonnenheit und Vorsicht sorgt auch dafür, dass sich immer mehr Abiturienten, Studierende und Berufseinsteiger für ein sogenanntes Gap Year entscheiden. Was in den angelsächsischen Ländern seit Jahrzehnten Gang und Gäbe ist, setzt sich hier in Deutschland gerade erst allmählich durch. Höchste Zeit also, sich das „Lückenjahr“ einmal genauer anzuschauen.

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Inhalt
1. Eine Auszeit, die gar keine Auszeit ist
2. Was ist das Gap Year?
3. Welche Ziele verfolgt ein Gap Year?
4. Welcher Zeitpunkt eignet sich für ein Gap Year?
5. Der bewusste Bruch im Lebenslauf
6. Immer mehr Unternehmen begrüßen das Gap Year
7. Wie gebe ich ein Gap Year im Lebenslauf an?
8. Das Gap Year als Eintritt in die Selbstständigkeit

Eine Auszeit, die gar keine Auszeit ist

Ins Deutsche übersetzt bedeutet Gap Year Lücken-Jahr. Der Begriff erweckt den Anschein, dass es sich hierbei um eine inhaltslose Zeit handelt, die genutzt wird, um eine entspannende Auszeit einzulegen. Diese Deutung ist jedoch nicht ganz richtig.

Ja, das Gap Year kann als Auszeit (vom herkömmlichen Karriereweg) bezeichnet werden. Es handelt sich hierbei jedoch keinesfalls um einen Lebensabschnitt, in dem die betroffene Person faulenzt und antriebslos in den Tag hineinlebt. Ein Gap Year wird dazu genutzt, um neue Erfahrungen zu sammeln, (sprachliche) Kenntnisse zu erweitern und – ganz wichtig – sich beruflich zu orientieren. Von Lücke kann hier also eigentlich gar keine Rede sein.

Was ist das Gap Year?

Das Gap Year bezeichnet einen bestimmten Zeitraum zwischen zwei wichtigen Abschnitten im Leben von jungen Menschen. Es muss sich bei diesem Zeitraum nicht zwangsläufig exakt um ein Jahr handeln. Manche Gap Years dauern weniger als 12 Monate, andere gehen über die Ein-Jahr-Grenze hinaus. Wichtig ist, dass die Zeit genutzt wird, um sich persönlich, fachlich und auch emotional weiterzuentwickeln.

Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, sein Gap Year praktisch umzusetzen. Zu den klassischen Wegen gehören:

  • Praktika: „Hineinschnuppern“ in die Berufswelt und Ausprobieren verschiedener Jobs mit dem Ziel, eine Richtung zu finden, die zu den persönlichen Vorstellungen von Arbeit passen.
  • Studium Generale: „Light Version“ eines echten Studiums, Teilnehmer besuchen Vorlesungen und Seminare und kommen mit Studierenden ins Gespräch, die von ihrem Uni-Alltag berichten, eine Einschreibung an einer Hochschule ist nicht erforderlich.
  • Freiwilliges soziales/ökologisches Jahr: Möglichkeit, in einen bestimmten beruflichen Bereich zu schnuppern und erste Erfahrungen in diesem zu sammeln, sowohl im In- als auch im Ausland möglich.
  • Sprachreisen: Auslandsaufenthalte mit dem Ziel, eine bestimmte Sprache zu erlernen oder bestehende Kenntnisse zu erweitern.
  • Work and Travel: Reisen in Kombination mit verschiedenen Gelegenheits-Jobs, die den Auslandsaufenthalt finanzieren.
  • Au pair: Aufenthalt in einer (ausländischen) Gastfamilie, Betreuung der Kinder, Unterstützung im Haushalt, kostenlose Übernachtung und Verpflegung, Kennenlernen fremder Kulturkreise, Vertiefung der Sprachkenntnisse.
  • Kombinationen: Sie können sich nicht für einen der vorgeschlagenen Wege entscheiden? Dann kombinieren Sie doch mehrere miteinander. Es gibt keine Regeln bei der Gestaltung eines Gap Years. Das bedeutet, dass Sie allein entscheiden, mit welchen Inhalten es gefüllt wird.

Aus dieser Auflistung gehen verschiedene Erkenntnisse hervor. Zum einen wird klar, dass das Gap Year keine einheitliche Erscheinungsform hat, sondern in vielen verschiedenen Varianten daherkommt. Zum anderen ist es möglich, das Lückenjahr entweder im In- oder im Ausland zu verbringen. Beide Möglichkeiten bringen sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich. So ist ein Auslandsaufenthalt natürlich perfekt, um sich sprachlich weiterzuentwickeln und wichtige Fähigkeiten im Bereich der interkulturellen Kompetenz zu erlangen. Wer sich für ein Gap Year im Ausland entscheidet, muss allerdings mit einem erhöhten Organisationsaufwand und einer größeren finanziellen Belastung rechnen. Im Gegensatz dazu ist das Lückenjahr im Inland meist leichter zu organisieren, dafür aber weniger lehrreich.

Info: Immer mehr Anbieter und Programme haben sich darauf spezialisiert, junge Menschen bei der Planung ihres Gap Years zu unterstützen. Das Angebot im Internet ist sehr groß und vielfältig.

Welche Ziele verfolgt ein Gap Year?

Fast jeder, der sich für ein Gap Year entscheidet, tut dies aus einer anderen Motivation heraus. Wie eingangs bereits beschrieben, handelt es sich hierbei keinesfalls um eine Zeit des Nichtstuns. Es geht vielmehr darum, sich auf verschiedenen Ebenen weiterzuentwickeln, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen, neue Menschen kennenzulernen, in verschiedene Berufsfelder zu schnuppern und sich letztlich für den weiteren Lebensweg zu orientieren. Konkrete Ziele des Gap Years sind:

Salopp formuliert kann auch gesagt werden, dass das Gap Year die letzte Möglichkeit für junge Leute ist, um sich die Hörner abzustoßen, ehe der Ernst des Lebens beginnt.

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Welcher Zeitpunkt eignet sich für ein Gap Year?

Es gibt eine Handvoll klassischer Zeitpunkte für ein Gap Year. Welche das sind und welche Vor- und Nachteile diese mit sich bringen, verrät Ihnen die nachfolgende Übersicht.

ZeitpunktVorteileNachteile
nach dem Abi und vor dem Studium / vor der AusbildungEs ist ein guter Zeitpunkt für eine erste Orientierung. Außerdem können sich junge Erwachsene in dieser Zeit von ihren Eltern „abnabeln“.Viele haben zu dieser Zeit noch überhaupt keine Ahnung, wohin die berufliche Reise gehen soll.
nach dem Abbruch eines Studiums / einer AusbildungBetroffene verschwenden nicht noch mehr Zeit mit dem falsch gewählten Weg. Sie können stattdessen testen, welcher andere besser ist.Es besteht die Gefahr, anschließend immer wieder abzubrechen und neu zu beginnen.
zwischen dem Bachelor- und MasterstudiumDie Studierenden legen eine Verschnaufpause ein und können entscheiden, welche Vertiefung im Master die richtige ist.Es ist eine Unterbrechung des „Flows“, der von manchen als störend empfunden wird.
nach dem StudiumDieser Zeitpunkt ist für viele die letzte Gelegenheit eines Gap Years. Dieses kann den letzten „Feinschliff“ der Berufsvorbereitung darstellen.Eventuell sorgt das Gap Year dafür, dass einem eine gute Jobchance entgeht.

 

Insbesondere die Phase zwischen Bachelor- und Masterstudium wird immer wieder als idealer Zeitpunkt für ein Gap Year bezeichnet. Junge Erwachsene haben in diesem Lebensabschnitt bereits erste Erfahrungen gesammelt und eine grobe Vorstellung von ihrem weiteren Karriere-Weg. Das Lückenjahr kann dabei behilflich sein, die Pläne und Ziele zu festigen und noch einmal final zu prüfen. Wenn direkt an den Bachelor ein Master angeschlossen wird, entfällt diese Phase der Orientierung. Mögliche Konsequenzen sind die Wahl des falschen Studienganges oder auch des falschen Jobs.

Der bewusste Bruch im Lebenslauf

Seit der Einführung des Bologna-Prozesses studieren junge Menschen in Rekord-Zeit. Nach drei Jahren Grundstudium (Bachelor) folgen optional zwei Jahre der Vertiefung (Master). Was in erster Linie der Vereinheitlichung des europäischen Hochschulsystems dienen und Auslandsaufenthalte für Studierende vereinfachen sollte, steht nach 15 Jahren „Praxis“ immer wieder in der Kritik. Der wohl größte Vorwurf: Die Studierenden werden durchs Studium gescheucht, haben kaum Zeit und Möglichkeiten, erste Berufserfahrungen zu sammeln und sind den meisten Unternehmen viel zu jung, wenn es darum geht, einen der begehrten Einstiegsjobs zu ergattern. Zwar sind die Young Professionals, die größtenteils zur Generation Y gehören, gut und international ausgebildet, doch fehlt ihnen an einer ganz entscheidende Sache: Die Erfahrung.

Seitdem das Bachelor- und Mastersystem die deutsche Hochschullandschaft prägt, gewinnt das Gap Year auch hier immer mehr an Bedeutung. Statt ohne Pause und Rücksicht auf Verluste durchs Studium zu eilen, entschließen sich immer mehr junge Leute dazu, ein ganz bewusstes Lückenjahr einzulegen – um die Perspektive zu wechseln, um zu sich selbst zu finden, um Neues kennenzulernen und um Erfahrungen (sowohl beruflicher als auch persönlicher Natur) zu sammeln.

Immer mehr Unternehmen begrüßen das Gap Year

Dieses Umdenken sorgt nicht nur bei den Vertretern der Generation Y für Freude. Auch immer mehr Unternehmen erkennen, dass ein Gap Year keine verschwendete Zeit und schon gar keine Lücke im Lebenslauf ist. Ganz im Gegenteil: Mehr und mehr Firmen erkennen den Mehrwert einer solchen Auszeit und suchen ganz gezielt nach Bewerbern, die ein Gap Year eingelegt haben.

Für sie steht außerdem fest: Gap Year-Absolventen bringen nicht nur Erfahrung mit, sondern wissen auch genau, was sie wollen und wohin die (berufliche) Reise gehen soll. Für die Unternehmen bedeutet das, dass sie sich auf die potentiellen Mitarbeiter verlassen können und nicht befürchten müssen, dass diese schon nach kurzer Zeit wieder kündigen.

Wie gebe ich ein Gap Year im Lebenslauf an?

Wer sein Gap Year effektiv nutzt (beispielsweise durch Praktika, Auslandsaufenthalte, etc.), muss sich keinerlei Sorgen um seinen Lebenslauf machen. Es handelt sich hierbei nämlich keinesfalls um eine klassische Lücke, sondern eine riesige Bereicherung. Geben Sie im Lebenslauf ruhig genau an, was Sie in der Zeit des Gap Years gemacht haben und welche Learnings sich daraus ergeben haben.

Bedenken Sie: Dieser bewusste Bruch wird von immer mehr Personalern mit Interesse zur Kenntnis genommen und unterscheidet sie automatisch von den zahlreichen anderen Bewerbern. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen diese Auszeit zum Verhängnis wird, wenn es um den Berufseinstieg geht. Diese kann unter Umständen sogar zur Eintrittskarte für Ihren Traumjob werden.

Das Gap Year als Eintritt in die Selbstständigkeit

Hin und wieder kommt es vor, dass Gap Year-Absolventen ein Ziel verfolgen, das bisher noch gar nicht in diesem Beitrag thematisiert wurde. Sie nutzen die Zeit und den bewussten Karriere-Bruch, um an der eigenen Selbstständigkeit zu arbeiten. Das sogenannte Gründungs-Gap-Year findet vor allem in der jungen Startup-Szene immer mehr Anhänger. Wirklich interessant ist es im Grunde genommen aber nur für die, die schon lange das berufliche Ziel der Selbstständigkeit verfolgen und darauf hinarbeiten.

Das Gap Year bietet unzählige Möglichkeiten der beruflichen und persönlichen Selbstverwirklichung. Es ist vor allem bei der Generation Y sehr beliebt und erlangt hier in Deutschland immer mehr Bedeutung. Der Hauptgrund hierfür ist der oftmals stramme Karriereweg von Akademikern, der durch den Bologna-Prozess verursacht wird. Wer sich für einen bewussten Bruch entscheidet, kann bei immer mehr Unternehmen punkten. Diese schätzen die Erfahrungen und klare Orientierung der Gap Year-Absolventen.

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