Geringfügig Beschäftigte und Geringverdiener, handelt es sich dabei nicht um einunddieselbe Form eines Arbeitsverhältnisses? Sind Minijobber nicht zwangsläufig Geringverdiener?

12.6. Geringverdiener

12.6.1. Geringverdiener im allgemeinen Sprachgebrauch

Wir müssen in der Tat den Begriff eines Geringverdieners verschiedenen Betrachtungsweisen unterziehen. Eine Zahl: Im allgmeinen, politischen oder auch im Sprachgebrauch zahlreicher sozialer Institutionen umschreibt der Begriff des Geringverdieners alle typischen Arbeitsverhältnisse, deren Arbeitsentgelt mit weniger als ca. 9,00 € pro Stunde entsprechend niedrig ausfällt. In den Medien werden dann gerne die Löhne von Frisören oder Arbeitnehmern im Hotel- und Gaststättengewerbe, teilweise dem Einzelhandel oder dem Wachgewerbe angeführt.

Sie erinnern sich sicherlich an den ersten Beitrag des Online-Seminars Lohn und Gehalt, der Ihnen exklusiv erste Lohnabrechnungen zum Mindestlohn präsentierte, ein Mindestlohn, im genannten Sinn gleichbedeutend mit Niedriglohn, der den zu diesem Entgelt in Vollzeit arbeitenden Menschen ein über dem Existenzminimum liegendes Einkommen gewährleisten soll. Verdienen Sie weniger als etwa zwei Drittel des mittleren, eigentlich üblichen, z. B. tariflichen Lohns der Branche, wird man sie ebenfalls zu den Geringverdienern zählen, so eine andere Definition, wobei nicht klar und einheitlich vereinbart ist, ob nun der Brutto-, Netto- oder Tariflohn eigentlich die Grundlage für das bildet, was als Niedriglohn bezeichnet wird.

Etwa 20 % der Beschäftigten gelten in Deutschland als Geringverdiener, zu denen nicht nur Ungelernte oder einfache Tätigkeiten verrichtende Arbeitnehmer zählen. Als typisch für Geringverdiener wird angesehen, dass sie häufig trotz erfolgreich abgeschlossener Ausbildung weiter auf einem niedrigen Lohnniveau verharren und es ihne selten gelingt, beruflich aufzusteigen und höhere Einkommen zu erzielen.

12.6.2. Geringverdiener im Sozialversicherungsrecht

Im kostenlosen Online-Seminar Lohn und Gehalt interessieren wir uns weniger für relativ unververbindliche Definitionen, sondern dafür, ob es im Bereich des Sozialversicherungs- oder Steuerrechts einen handhabbaren Begriff des Geringverdieners gibt und welche Bedeutung dieser dann für konkrete Lohn- und Gehaltsabrechnungen besitzt. In § 20 des SGB IV werden wir fündig und lesen dort u. a.:

… (3) Der Arbeitgeber trägt abweichend von den besonderen Vorschriften für Beschäftigte für die einzelnen Versicherungszweige den Gesamtsozialversicherungsbeitrag allein, wenn

1. Versicherte, die zu ihrer Berufsausbildung beschäftigt sind, ein Arbeitsentgelt erzielen, das auf den Monat bezogen 325 Euro nicht übersteigt, oder
2. 2. Versicherte ein freiwilliges soziales Jahr oder ein freiwilliges ökologisches Jahr im Sinne des Jugendfreiwilligendienstegesetzes oder einen Bundesfreiwilligendienst nach dem Bundesfreiwilligendienstgesetz leisten.

Wird infolge einmalig gezahlten Arbeitsentgelts die in Satz 1 genannte Grenze überschritten, tragen die Versicherten und die Arbeitgeber den Gesamtsozialversicherungsbeitrag von dem diese Grenze übersteigenden Teil des Arbeitsentgelts jeweils zur Hälfte; in der gesetzlichen Krankenversicherung gilt dies nur für den um den Beitragsanteil, der allein vom Arbeitnehmer zu tragen ist, reduzierten Beitrag.

(Auf die an dieser Stelle nicht zitierten Ausführungen werden wir später noch zurückkommen.)

Auch bei geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen entfallen auf den Arbeitgeber Beiträge zur Sozialversicherung, aus denen sich aber in der Regel keine oder nur geringe Ansprüche für den Arbeitnehmer ergeben. (Kein Krankenversicherungsschutz, kein Krankengeld nach Wegfall der Entgeltfortzahlung wegen Krankheit durch den Arbeitgeber, keine Ansprüche aus der Pflegeversicherung, Rentenansprüche bei Aufstockung usw.)

Anders ist die Situation bei den Geringverdienern. Sie erwerben vollwertige Ansprüche in allen Zweigen der Sozialversicherung, deren gesamten Beiträge einschließlich des Zusatzbeitrags für Arbeitnehmer in der gesetzlichen Krankenversicherung als auch ggf. der Zusatzbeitrag für Kinderlose über 23 Jahre bis zur Entgeltgrenze von 325,00 € pro Monat allein vom Arbeitgeber aufgebracht werden!

Extra für das Online-Seminar Lohn und Gehalt haben wir aus unserer Auszubildenden Eva-Maria Müller eine Geringverdienerin gemacht, um Ihnen auch das entsprechende Lohnjournal zeigen zu können, aus dem die abzuführenden Beiträge von Arbeitnehmer und Arbeitgeber u. a. zur Sozialversicherung ersichtlich sind. In den Peronalstammdaten mussten wir dazu eine Änderung vornehmen: Für Auszubildende, deren Arbeitsentgelt die Geringverdienergrenze von 325,00 € pro Monat nicht übersteigt, gilt für Meldezeiträume zur Sozialversicherung seit dem 01.01.2012 die Personengruppe 121. Der Personengruppenschlüssel 121 ist auch dann anzuwenden, wenn die Geringverdienergrenze infolge einmalig gezahlten Arbeitsentgelts überschritten wird. Sie wissen mit diesen Schlüsselzahlen noch nichts oder nichts mehr anzufangen? Dann sollten Sie sich Kap. 5.4.2. erneut in Erinnerung rufen, denn dort stellten wir Ihnen diese Einstellungen im Rahmen einer kleinen Einführung in die EDV-gestützte Lohn- und Gehaltsabrechnung vor. (Die Eingabemasken variiren in ihrem Aussehen von Programm zu Programm, die Schlüsselzahlen sind jedoch einheitlich.)

Personengruppenschlüssel in den Personalstammdaten

 

Und so sieht dann Eva-Maria Müllers Abrechnung ihrer Ausbildungsvergütung für Januar 2015 aus:

Eva-Maria Müllers Ausbildungsvergütung ist grundsätzlich jeweils zu 100 % steuer- und sozialversicherungspflichtig, sie muss selbst aber keine Beiträge aufbringen. Im Übrigen wird anhand der Abrechnung auch ganz nebenbei die eingangs gestellte Frage nach der Beurteilung im Steuerrecht beantwortet: Mit einem Jahresverdienst von 3.900, € fällt Frau Müller unter das steuerfreie Existenzminimum! Rechnen Sie jetzt noch die Eurobeträge des Lohnjournals der Arbeitgeberanteile auf die Ausbildungsvergütung um, entsprechen 60,78 € RV-Anteil genau 18,70 % und 50,38 € einem KV-Anteil von 15,50 %, einschließlich des Zusatzbeitrages!

weiter: Beschäftigungsverhältnisse mit Anwendung der Gleitzonenregelung

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