Im Jahre 2011 war in Deutschland von insgesamt 6.000 gewalttätigen Angriffen und Übergriffen auf Mitarbeiter in Risikoberufen die Rede.

Daneben gibt es zunehmende Gewalt am Arbeitsplatz oder in der Schule, in Pflegeeinrichtungen, von Lehrern oder Geistlichen gegen Kinder – die Zahlen sind nicht weniger erschreckend. Menschen üben Gewalt am Arbeitsplatz aus, auf der Straße oder zu Hause. Über die Ursachen lässt sich gewiss trefflich streiten, aber eines ist unbestritten: Je mehr Gewalt (in den Medien und im tatsächlichen Leben) Heranwachsende erleben, desto eher üben sie im wirklichen Leben als Erwachsene selbst Gewalt aus, besonders in kritischen Situationen.

Gewalt gegen bestimmte Berufsgruppen

Sie arbeiten in einem Risikoberuf? Dann wissen Sie hoffentlich nicht aus eigener Erfahrung, wovon hier die Rede ist. Unter anderem Berufe wie VerkäuferIn, Krankenschwester oder -Pfleger, PolizistIn, Taxifahrer oder MitarbeiterIn in einem Jobcenter, Wach- und Sicherheitspersonal zählen zu den risikoreichen Berufen. Menschen in ausweglosen oder vermeintlich ausweglosen Situationen sind gewaltbereit, Alkohol und andere Drogen unterstützen die Bereitschaft zum Zuschlagen und der allgemeine Trend zu mehr Rücksichtslosigkeit fördert dieses Verhalten.

Das Beispiel einer Jobcenter-Mitarbeiterin, die 2012 von einem wütenden Mann mit einem Messer attackiert wurde und an den Folgen starb, ist uns wohl in uns allen noch mit Schrecken präsent. Doch auch vor den 15 Kollegen und Kolleginnen, die danach von Notfallseelsorgern und Ärzten betreut werden mussten, machte diese Gewalt nicht Halt – keine dieser Personen gelangt allerdings in die offizielle Statistik! Auch nicht die Krankenschwester, die von einem Patienten der psychiatrischen Station einen Schlag bekam, sodass ihr die Lippe blutete. Laut der gesetzlichen Unfallversicherung werden nur Fälle erfasst, bei denen die Folgen der Gewalt zu einer mindestens dreitägigen Arbeitsunfähigkeit führen – bis hin zu Todesfällen. Wir können also davon ausgehen, dass die 6.000 Übergriffe aus der Statistik nur die Spitze des Eisbergs darstellen.

Gewalt im Unternehmen und zu Hause

Es gibt am Arbeitsplatz und am heimischen Herd verschiedene Formen der Gewalt, von tätlichen Angriffen bis hin zu Belästigungen und gezieltem Machtmissbrauch mittels psychischer Gewalt, gemeinhin als Mobbing bezeichnet.

Rund 20 % der erwachsenen Arbeitnehmer erleben laut einer aktuellen Studie des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2013 (DEGS) Gewalt am Arbeitsplatz und zu Hause in Form von Mobbing, Schikane oder Bedrohung. Bei der häuslichen Gewalt unterscheiden sich Männer und Frauen in nichts – dieses erstaunliche Bild konnte an fast 6.000 Menschen über einen Zeitraum von 3 Jahren gezeichnet werden. Die ca. 9 % der Arbeitnehmer, die in ihrem Berufsleben bereits Gewalt erlebt haben, berichteten über aggressive körperliche Drohungen und Angriffe, Stalking und sexuelle Belästigung.

Dass sich Gewalt am Arbeitsplatz nicht gerade günstig auf die Arbeitsmoral und den Krankenstand auswirkt, liegt auf der Hand. Um so erstaunlicher ist, dass sich viel zu wenige Vorgesetzte mit dieser Thematik auseinandersetzen oder aktiv dagegen vorgehen.

Neben der Gewalt von Mitarbeitern gegen ihre Führungskräfte (Staffing) gibt es wesentlich häufiger auch das Gegenteil – Bossing, also Gewalt von Führungskräften gegenüber ihren Mitarbeitern. Im Ergebnis empfinden gemobbte Mitarbeiter in über 50 % der Fälle Demotivation, Ohnmacht, innere Kündigung – was bei mehr als 20 % von ihnen dann auch in einer Kündigung mündet. Dem voran gegangen ist aber eine lange Leidensphase, während der der betroffene Mitarbeiter (noch häufiger die Mitarbeiterin) ihre Arbeitsaufgaben nur unzureichend wahrnehmen kann.

Gewalt von Lehrern, Altenpflegern und Geistlichen

Es sind Themen, derer sich unsere Gesellschaft ab und zu annimmt, um sie dann wieder zu vergessen: Skandale wie Folterungen alter Menschen durch Pflegepersonal, sexuelle Übergriffe von Geistlichen an den ihnen anvertrauten Kindern oder Machtmissbrauch von Lehrern gegenüber Schülern.

Auch hier ein paar Zahlen: Schätzungen aus Insiderkreisen gehen davon aus, dass jeder 5. Mensch während seines Aufenthaltes im Pflegeheim geschlagen wird, dass über 30.000 Alte oftmals hungern müssen oder nichts zu trinken bekommen, ganz zu schweigen vom Dahindämmern Demenzkranker, die mit Psychopharmaka ruhiggestellt werden.

Das Ausmaß der sexuellen Übergriffe von katholischen Geistlichen an Kindern und Jugendlichen wurde und wird wohl nie ganz bekannt. Im Abschlussbericht von 2010 (Norbert Leygraf u.a.) ist von 78 Geistlichen und 479 Betroffenen die Rede.

Zum Machtmissbrauch von Lehrern an deutschen Schulen finden sich erstaunlicherweise im Internet nur einige Einzelfallbeschreibungen und wenige Studien oder Berichte. Eine ausführliche Zusammenfassung liefert Holger Strom 2007. Im Nachbarland Österreich geht man viel offensiver mit diesem Thema um. Zum Beispiel zeigte eine repräsentative Studie von Volker Krumm und Susanne Weiß aus dem Jahr 2003, dass rund 70 % von über 900 befragten Studenten über verletzendes, kränkendes Verhalten ihrer früheren Lehrer berichteten, das von Vorurteilen, Bloßstellen, Ungerechtigkeit, Lächerlichmachen, Verletzen von Rechten, Unterstellungen bis zu Drohungen reichte.

Wart Ihr schon gewalttätigen Angriffen am Arbeitsplatz ausgesetzt?

1 Kommentar

  1. Ingrid von Koslowski

    Zu den Risikoberufen zählen leider nicht nur die Jobcenter-Mitarbeiterin, auch bereits seit Jahren die Trainer und Dozenten, welche in den Maßnahmen der Agentur für Arbeit und der Job Center arbeiten. Aber ein hervorragender Beitrag der Personal- und Karriereberaterin.

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