Kürzlich erschien auf SPIEGEL Online ein spannender Bericht zum Informatikunterricht. Welcher Stellenwert diesem in deutschen und ausländischen Schulen zugeschrieben wird, schildert Autor Hilmar Schmundt sehr anschaulich. Wir geben hier auf einige Aspekte seines Artikels wieder.

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In den USA, in Indien oder Südkorea beispielsweise wurde Informatik als Unterrichtsfach längst landesweit in den Schulbetrieb integriert – in Deutschland hat sie es erst in drei Bundesländern zum Pflichtfach gebracht. Während viele Experten davon überzeugt sind, Computerstunden gehörten zur Allgemeinbildung, stemmen sich andere dagegen und halten Informatik für ein „Modefach mit begrenzter Haltbarkeit“.

So wird in dem Artikel Josef Kraus, Präsident des DL (Deutscher Lehrerverband), zitiert: „Was den computerisierten Unterricht angeht, hat sich die Euphorie bei Eltern und Lehrern auf ein vernünftiges Maß reduziert.” Er fügt hinzu: „Die Schüler müssen ja auch nicht wissen, wie eine Schreibmaschine funktioniert. Hauptsache, sie können sie bedienen.” Lehrer Josef Kraus wird im August 64 Jahre alt und bekleidet sein Amt seit 1987. Der DL ist neben der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft), die zum DGB gehört, die größte Lehrerorganisation in Deutschland. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 170.000 Pädagogen dem DL angeschlossen sind.

Muss Allgemeinbildung neu definiert werden?

In Großbritannien sind die Fachleute davon überzeugt. Dementsprechend ist man dabei, das Schulfach Informatik komplett umzukrempeln. Denn der Report der „Royal Society“ (Akademie der Wissenschaften des Vereinigten Königreiches) von 2012 enthielt alarmierende Zahlen: 15 Prozent der Bevölkerung der Britischen Inseln sind „digital ausgeschlossen“, mehr als neun Millionen Menschen. Deshalb sind die Experten dort in der Ansicht, „wer Informatik nicht zur Allgemeinbildung zähle, versündige sich an der Chancengleichheit“. Der Anteil der Jungen im Abi-Leistungskurs Informatik lag im Jahr 2011 bei 92,5 Prozent. Damit sich nicht die „Geschlechterrollen verfestigen“, spricht sich die „Royal Society“ dafür aus, bereits Grundschülern das Programmieren mit einfacher Software (z. B. Scratch) beizubringen.

In anderen Ländern ist dies schon Normalität, neben den USA, Indien und Südkorea ebenfalls in Israel und Neuseeland. In Estland programmieren bereits Abc-Schützen. In Deutschland hingegen wird gemäß unserem föderalistischen System in jedem Bundesland an einem anderen Ansatz gebastelt. Hilmar Schmundt schreibt, dies geschehe in den meisten Fällen ohne „systematische Begleitforschung“.

Informatik als Pflichtfach ist bisher lediglich für einige Jahrgangsstufen in Bayern, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern vorgeschrieben. In anderen Bundesländern wird auf „anwenderorientierte Einführungskurse in Word und Web“ gesetzt. Oder es gibt Unterricht in „fächerübergreifender Medienkunde“, indem etwa Google Maps in der Geografiestunde zum Einsatz kommen. Notebook-Klassen und Smartboards haben zwar Einzug in deutsche Schulen gehalten, und nicht überall steht noch die Kreidetafel im Mittelpunkt des Geschehens. Dennoch warnt Steffen Friedrich, Professor für Didaktik der Informatik, von der TU Dresden davor, in Deutschland einen „dringenden Umbau der Allgemeinbildung“ zu verpassen.

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Hü und Hott an der Elbe

In der Hansestadt probt man gerade „eine Rolle rückwärts“, kritisiert Erziehungswissenschaftler Norbert Breier von der Uni Hamburg. An den Stadtteilschulen galt die Informatik bisher in der 7. bis 10. Klasse als gleichberechtigtes Unterrichtsfach neben Physik, Chemie und Biologie. Aber seit dem 28. Mai ist das anders.

Da haben nämlich die Deputierten der Behörde für Schule und Berufsbildung gegen den Willen von Schüler- und Lehrerkammer den Vorschlag zur Gesetzesänderung angenommen. Das bedeutet, die Informatik wird in den Wahlpflichtbereich zurückgestuft. Angeblich geschieht dies „aufgrund zahlreicher berechtigter Einwände von Eltern, Schulleitern und Fachleuten”. Vergeblich hat die Gesellschaft für Informatik eine Petition gegen die „schwerwiegende Fehlentscheidung“ von Schulsenator Ties Rabe gestartet, an der sich die Gemüter erhitzen.

Bernhard Rohleder vom Hightech-Verband Bitkom lässt in einer Pressemittelung keinen Zweifel aufkommen: „Die Entscheidung in Hamburg, Informatik aus dem Kanon der naturwissenschaftlichen Pflichtfächer herauszunehmen, ist grundfalsch. Informatik ist kein Orchideenfach für ganz besonders Interessierte, Informatik muss als Teil der Allgemeinbildung begriffen werden. Der Bitkom fordert deshalb die Einführung von Informatik als Pflichtfach in der Sekundarstufe I.”

Der Wandel der Gesellschaft erfordert auch einen Wandel der Schulfächer. Norbert Breier kommentiert das so: „Es ist genau wie vor hundert Jahren. Damals galt das Gymnasium als Altsprachenschule, der bildungsbürgerliche Kanon fußte vor allem auf Latein und Griechisch.” Anno dazumal rümpfte man noch die Nase über Mathe und Biologie. „Der Druck der Industrie“ brachte den Durchbruch, das sieht der Erziehungswissenschaftler ganz klar.

Allerdings gibt es allerlei praktische Probleme wie die Schulzeitverkürzung auf 12 Jahre bis zum Abi und den Mangel an Lehrkräften, die Informatikunterricht erteilen. Der Teufelskreis besteht darin, dass sich nur wenige Lehramtsstudenten darauf spezialisieren, weil eben nicht ausreichend Schüler an die Computerwissenschaft herangeführt werden.

Beschreibung der Welt der Information: Das ist Informatik

Diese Wissenschaft widmet sich der Berechnung, der Verteilung und der Speicherung von Informationen. Und von Information und Kommunikation ist ständig und überall die Rede. Das Bundesland Bayern habe „das Problem als Chance begriffen“ laut Peter Hubwieser, Professor für Didaktik der Informatik an der TU München. Anfang 2000 mussten die Lehrpläne für Gymnasien neu geschrieben werden, damals führte man das Pflichtfach Informatik ein. Nach zehn Jahren werden Erfolge sichtbar: Es gibt deutlich mehr Informatikstudenten, und an den bayerischen Gymnasien unterrichten inzwischen mehr als 600 studierte Lehrkräfte – allerdings sind es noch immer 500 zu wenig.

Peter Hubwieser sagt: „Das vielleicht größte Problem des Informatikunterrichts ist allerdings hausgemacht.” Damit meint er die „babylonische Begriffsverwirrung, was Informatik-Allgemeinbildung überhaupt sein soll“. Denn die Fachlehrer betrachten dies aus unterschiedlichen Blickwinkeln. 25 Prozent konzentrieren sich in ihrem Unterricht auf Bürosoftware, knapp ein Fünftel will vor allem zum Programmieren anleiten, während mehr als 10 Prozent dies ablehnen. Knapp die Hälfte der Informatiklehrkräfte entscheidet sich für eine Mischung. Dies ergab eine Befragung unter rund 1.000 Fachlehrern. Als weitere Ergebnisse führt der Wissenschaftler an: Lehrer müssten sich neben dem Unterrichten auch um die Wartung der Computer kümmern, insgesamt genießt das Fach wenig Ansehen und erfordert von den Pädagogen diverse Überstunden.

Pro und kontra Informatik an Schulen

Als vorbildlich gilt der Informatikunterricht am Kreuzgymnasium in Dresden. Hier lernen Schüler ab der fünften Klasse den Umgang mit Computern. Es ist ein ganz normales Fach wie Mathe oder Bio. Hier begreifen die Kinder, „wie informatisches Denken die bekannte Welt in neuem Licht erscheinen lässt“, schreibt der Autor. „Informatik stellt Werkzeuge fürs Denken bereit, ähnlich wie Bruchrechnen oder das Auseinanderhalten von direkter und indirekter Rede.“

Kritiker des Informatikunterrichts argumentieren, Bürosoftware und Programmiersprachen würden schnell veralten. Die Befürworter halten dagegen, die Grundlagen blieben erhalten – selbst wenn sich die Art der Anwendungen verändert. Vermittelt werde das „Gedankenwerkzeug, um qualifiziert über Copyright, Kreativität und Gerechtigkeit in einer digitalisierten Welt mitdiskutieren zu können“.

Es existieren bereits gut ausgearbeitete Konzepte nach dem sogenannten „Darmstädter Modell“, die weltweit akzeptiert werden. Doch ihre Umsetzung erfolgt durch Bund und Länder nur sehr gebremst. Viele Schüler sind auf Selbsthilfe angewiesen, wenn sie sich mit Informatik beschäftigen wollen.

Über eine Million Autodidakten drücken z. B. für interaktive Kurse die virtuelle Schulbank. Codeacademy ist ein New Yorker Start-up-Unternehmen, das Programmiersprachen wie Python und Ruby vermittelt. Einer der Schüler der Codeacademy ist Michael Bloomberg, millionenschwerer Bürgermeister von New York City.

Den Allgemeinbildungsauftrag der Schulen kann aber eine solche Initiative nicht ersetzen, weil sie meist nur eine sogenannte Elite erreicht. So lautet das Fazit von Hilmar Schmundts Artikel.