Der Trend zu neuen Bewerbungsmodellen lässt mutmaßen, die Tage des klassischen Lebenslaufs als Bestandteil einer ordentlichen Bewerbungsmappe seien gezählt. Doch die Anstrengung, maximal kreativ zu wirken, ist vielen Selbstvermarktungsstrategien anzumerken. Einen bemühten, möglicherweise sogar selbstverliebten Eindruck sollten Bewerber mit einer individuellen Lebenslauf-Variante unbedingt vermeiden. 

Beeindrucken und auffallen – aber bitte positiv!

Um auf sich und ihre Qualifikationen aufmerksam zu machen, sind Bewerber längst nicht mehr auf ein bis zwei DIN-A4-Blätter angewiesen. Landete eine Bewerbung früher auf dem Schreibtisch des Personalchefs, ist es heute oft umgekehrt: Der Entscheider soll beim Bewerber anklopfen. Das kann über eine eigene Website und/oder Plattformen wie XING, Facebook, YouTube, Pinterest, Google und eBay funktionieren. Es gibt viele Positivbeispiele für gelungene, außergewöhnliche Lebensläufe, die exakt zur Branche passen und darum das erreichen, was beabsichtigt ist: Sie erzeugen zunächst einmal die gewünschte Aufmerksamkeit. Darüber hinaus – und das ist das Entscheidende! – wird echtes Interesse an dem Kandidaten und an einem persönlichen Kennenlernen geweckt. Doch Vorsicht, es kann auch anders ausgehen, nämlich dann, wenn sich der Kandidat maßlos überschätzt und in den Vordergrund drängt, statt zum Kern der Sache zu kommen. Und das sind immer noch die Aussagen des Lebenslaufs.

Die Gestaltung eines CV orientiert sich an der Funktion

Der bekannte Gestaltungsleitsatz „form follows function“, kurz FFF, lässt sich uneingeschränkt auf die Form des Lebenslaufs übertragen. An erster Stelle steht folglich der Nutzungszweck, dem sich die Gestaltung unterordnen sollte. Das heißt schlicht, dass die Bewerbung zur Ausbildung, zum Beruf, zum Unternehmen und zur angestrebten Position passen muss. Kreativität im Lebenslauf ist nur dann zweckdienlich, wenn die persönliche Note hilft, sich zu positionieren – beispielsweise indem sie den sicheren Umgang mit Neuen Medien, besondere Kompetenzen oder persönliche Qualifikationen optisch unterstreicht. Aus dem Rahmen fallende neue Formen des Lebenslaufs treffen vor allem den Nerv von Agenturen, bei denen die Position eines Art Directors oder Creative Directors zu besetzen ist. Auch wenn fähige Entwickler, Programmierer oder Designer gesucht werden, dürfen Bewerbung und Lebenslauf unkonventionell aufgebaut sein.

Multimediale neue Bewerbungswelt: Online-Lebenslauf, QR-Code & Social Media

Beispiele für witzige, außergewöhnliche und auf die gesuchte Stelle optimierte Lebensläufe und Bewerbungen gibt es online wie offline. Fast schon etabliert ist die eigene Bewerbungs-Website. Auch die Kombination von klassischer Bewerbungsmappe und Online-Lebenslauf ist mit einer modernen Variation der in die Jahre gekommenen „dritten Seite“ möglich. So lassen sich mithilfe eines QR-Codes Vorstellungen per Video oder digitale Alben mit den wichtigsten beruflichen Stationen und einem grafisch umgesetzten Qualifikations-Profil integrieren. Wie das aussehen kann, zeigt der Franzose Victor Petit eindrucksvoll.

Soziale Netze wie XING und Facebook sind ebenfalls ein Tummelplatz für Jobsuchende und Personaler der multimedialen Generation. Ob der berufliche Werdegang per Timeline oder Referenzen und Zertifikate im Fotoalbum: denk- und machbar ist fast alles. Brandon Kleinmann z. B. nutzte sein Facebook Fotoalbum als kreativen Lebenslauf.

Facebook Fotoalbum als Lebenslauf
Originelle Idee: Der Facebook Fotoalbum Lebenslauf von Brandon Kleinman

Die neue Bewerbungswelt verführt allerdings dazu, die Prioritäten falsch zu setzen. Denn der Hauptdarsteller in einem Video oder Fotoalbum ist nicht der Bewerber, sondern dessen berufliches Profil. Doch die eigene Person bei einer kreativen Bewerbung nicht aufdringlich ins Rampenlicht zu rücken, will gekonnt sein.

Schnell und strukturiert zu den Fakten kommen

Falls nicht explizit etwas anderes verlangt wird, ersetzt seit Langem bei klassischen Bewerbungen der tabellarische den ausformulierten Lebenslauf. Warum das so ist, dürfte den meisten klar sein: Die Tabellenform ist knapper, damit übersichtlicher und schneller bearbeitet. Diesen Vorteil sollten auch kreative Lebensläufe bieten. Personalchefs werden sich ebenso wenig begeistert durch minutenlange Intros, redundantes Fotomaterial und unprofessionelle Layouts wühlen wie durch planlosen Fließtext in Schriftform. So erfahren die Entscheider vielleicht gar nicht, ob der Kandidat tatsächlich dem Anforderungsprofil entspricht, weil sie bis zu dieser versteckten Kernaussage nicht durchgedrungen sind. Welche Form der Bewerbung auch gewählt wird, im Unternehmen urteilt jemand, der sofort erfahren möchte:

  • Wer bewirbt sich? (Persönliche Daten, Foto)
  • Welche Berufserfahrung ist vorhanden?
  • Was hat der Bewerber gelernt? (Berufsausbildung)
  • Warum bewirbt sich die Person? (Motivation)

Antworten auf diese relevanten W-Fragen muss jede Bewerbung sofort liefern – egal ob es sich um eine klassische Bewerbung, eine Bewerbung im Social-Media-Style oder eine Video-Bewerbung handelt. Ein Video-Dreh sollte als höchstens zweiminütige Kurzpräsentation professionell inszeniert werden.

Individualität von der Stange mit Tools & Design-Inspirationen

Kreative Bewerbungen sind immer originell und individuell? Falsch. Personalchefs, die regelmäßig mit diversen Formen der Kreativbewerbung zu tun haben, erkennen mit einem Blick, was wirklich „selfmade“ ist. Viele Bewerber greifen auf Tools wie about.me zurück, was auf jeden Fall besser ankommt als eine schlechte handgestrickte Seite. Selten geht jemand so weit wie der Web Product Manager Philippe Dubost, der auf einer selbst programmierten Seite für sich wirbt, die dem offiziellen Amazon-Verkaufsportal täuschend echt nachempfunden ist. Anscheinend mit Erfolg, denn wie die Seite zeigt, ist Dubost „currently unavailable“.

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2 Kommentare

  1. Quirin White

    Aus eigener Erfahrung: die GEWOLLT witzigen und kreativen Bewerbungen sind meistens – aus meiner Erfahrung – von Dampfplauderern, die sonst nicht punkten können. Dazu muss ich aber auch sagen, dass ich NICHT für die Kreativbranche rekrutiere sondern bisher in einer stockkonservativen Branche zugange war und jetzt auch nicht unbedingt im Werbungssektor tätig bin. Kreativ ist schön und gut – so lange es zu Stelle / Position und zu dem Kandidaten passt…

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