Der Arbeitsplatz ist der Spiegel unserer Seele – das wäre eine einfache Hypothese, die uns manchmal helfen könnte, den einen oder anderen Kollegen besser zu verstehen.

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Da findet man den ordnungsliebenden Buchhalter, der den Schreibtisch so akkurat und sauber aufgeräumt hat wie seine Belege und alle Abrechnungen neben dem kreativen Chaoten, der neue Produkte zu entwickeln hat, die Vorgesetzten wie Kunden schlicht den Atem rauben. Doch wie so häufig im Leben gilt auch hier: Ganz so einfach ist es nicht.

Tatsächlich mag der Arbeitsplatz durchaus Anhaltspunkte darüber geben, ob ein Mitarbeiter ordnungsliebend ist oder ob er das kreative Chaos bevorzugt. Doch die Thematik ist bei näherem Hinsehen deutlich vielschichtiger, als man auf den ersten Blick vermutet.

Aufgeräumter Schreibtisch, ordentlicher Kollege?

Ein aufgeräumter Schreibtisch spricht sicher dafür, dass der Kollege ordnungsliebend ist, dass er seine Arbeit im Griff hat, dass er zu delegieren weiß und dass er im Zweifel auch ein größeres Chaos und einen heftigen Ansturm von Arbeit schnell unter Kontrolle hat. Solange dieser Kollege seine Ordnungsliebe auf den eigenen Schreibtisch beschränkt und andere Mitstreiter im kreativen Chaos lässt, wird kaum jemand etwas gegen einen sauberen und aufgeräumten Schreibtisch haben.

Psychologen gehen dann auch meist davon aus, dass man an einem ordentlichen Arbeitsplatz schneller und effizienter arbeitet, weil nichts stört und ablenkt. Selbst persönliche Gegenstände dürfen auf solchen Tischen zu finden sein, ein Bild der Familie strahlt etwas Individuelles aus und erleichtert vielleicht das Arbeiten. Solange sich Kollegen nicht gestört fühlen und solange die Arbeitssicherheit nicht gefährdet ist, spricht nichts gegen das eine oder andere persönliche Accessoire auf dem Schreibtisch. Wie aber sieht es bei den scheinbar unordentlichen Kollegen der Zunft aus?

Chaotischer Schreibtisch, überforderter Mitarbeiter?

Das Genie beherrscht das Chaos, so könnte man bei vielen anderen Kollegen meinen, deren Schreibtisch verdächtig danach aussieht, als hätte gerade eine Bombe eingeschlagen. Stapel von Papier, Unterlagen, die mehrere Monate alt und überholt sind und im schlimmsten Fall Abfälle und Nahrungsmittel, die längst in den Müll gehören, tummeln sich auf solchen Tischen. Ständiges Suchen nach wichtigen Unterlagen ist ein elementarer Bestandteil der täglichen Arbeit, das kostet Zeit und Nerven. Zwar lieben die Kollegen ihr Chaos, doch es hinterlässt auch den Eindruck, als sei hier jemand leicht überfordert mit seiner Arbeit. Arbeitspsychologen finden hier ein echtes Paradies für ihre Tätigkeit, sie werden darauf abzielen, den Schreibtisch zumindest etwas aufzuräumen und ein gewisses Maß an Struktur in die tägliche Arbeit dieses Mitarbeiters zu bringen.

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Die Arbeitswelt wäre aber nicht so bunt und unterhaltsam, wie sie nun einmal ist, würde nicht noch eine weitere Komponente eine große Rolle spielen bei der Beurteilung des Schreibtischs. Denn in vielen Unternehmen macht sich noch immer die Ansicht breit, Kollegen mit einem aufgeräumten Arbeitsplatz haben nichts zu tun – sie sind nicht ausgelastet.

Vortäuschen falscher Tatsachen?

Wohl jeder Mitarbeiter, der von seinem Vorgesetzten schon einmal mit einem leicht süffisanten Unterton gefragt wurde, ob er denn angesichts seines ordentlichen Arbeitsumfelds nicht genug zu tun hat, wird zukünftig darauf achten, immer einen Stapel Unterlagen vor sich liegen zu haben. Schließlich möchte niemand den Eindruck erwecken, nicht ausgelastet oder unterfordert zu sein, nur weil der Schreibtisch abends sauber und aufgeräumt hinterlassen wird. Schnell schleicht sich dann der Versuch ein, zukünftig eben auch einen chaotischen Platz zu hinterlassen, damit eine solche ebenso unzutreffende wie ungerechte Einschätzung nicht mehr zu hören ist. Allerdings wird sich dieser Kollege ob der Vortäuschung falscher Tatsachen in seinem Büro wohl kaum wohlfühlen, vielmehr bleibt das unbehagliche Gefühl, dem Vorgesetzten auf ambivalentem Weg etwas vortäuschen zu müssen.

Leben und leben lassen

Was bleibt, ist der Ansatz, jedem Kollegen den Schreibtisch zu lassen, der ihm gebührt. Arbeitspsychologen sind sich darüber einig, dass ein aufgeräumter Schreibtisch eine positive Wirkung auf den Mitarbeiter hat. Und tatsächlich dürfte ein Mitarbeiter mit einem ordentlichen Schreibtisch einen insgesamt aufgeräumten Eindruck hinterlassen, der sich auf sein Privatleben, seine Psyche und sein Seelenleben übertragen lässt. Wer sich aber an einem chaotischen Schreibtisch wohlfühlt und dort zielführend und effizient arbeitet, darf das gerne tun, solange die Arbeitssicherheit keine Einwände hat und solange sich Kollegen oder Kunden nicht gestört fühlen.

In jedem Fall steht ein unaufgeräumter Schreibtisch nicht für einen Mitarbeiter, der top-motiviert und höchst effizient seiner Arbeit nachgeht und einfach permanente Höchstleistung bringt – dieser hartnäckige Mythos darf gerne seinen Glanz verlieren.


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