Burn-out hat oft auch damit zu tun, dass sich Mitarbeiter im Berufsalltag nicht durchboxen oder zur Wehr setzen, sondern sich den Machtspielchen ihrer Vorgesetzten und Kollegen wehrlos ausgesetzt fühlen. Dem lässt sich vorbeugen.

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Der bekannte Aggressionsforscher Jens Weidner ist seit 1995 Professor für Kriminologie und Erziehungswissenschaften an der Fakultät Wirtschaft und Soziales der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Seit 1994 arbeitet er außerdem als Dozent am Gottlieb-Duttweiler-Institut für Wirtschaft & Gesellschaft in Zürich. Sein Spezialgebiet sind Seminare zur Förderung der Durchsetzungsstärke bei Führungskräften. Er ist u. a. Miteigentümer des IKD (Deutsches Institut für Konfrontative Pädagogik), das seinen Hauptsitz in Hamburg hat. Jens Weidner verfasste den Wirtschaftsbestseller “Die Peperoni-Strategie: So setzen Sie Ihre natürliche Aggression konstruktiv ein” 2005.

In einem Interview mit der „F.A.Z.“ erläuterte der Ratgeberautor und Kriminologie-Professor seine mittlerweile recht populären Thesen, wieso „Bissigkeit vor Burn-out“ schütze.

Wer Karriere machen will, begibt sich auf ein Minenfeld

Jens Weidner sagt, wer Erfolg im Job suche, solle seine natürliche Aggression einsetzen, um sich nicht ins Bockshorn jagen zu lassen und nicht auf die alltäglichen Machtspiele am Arbeitsplatz hereinzufallen. Dort haben die ohnehin schon durchsetzungsstarken Gewinnertypen das Sagen und beherrschen das Spielfeld. Wenn aber alle die Regeln der Machtspiele kennen, bleibt für diese nicht so viel Raum – das wirkt sich positiv auf die Konzentration aus, mit der die Kernarbeit im Unternehmen erledigt wird.

Es gehört nach eigenem Bekunden zu den Aufgaben des Aggressionsforschers, „neue Spieler auf das Spielfeld zu bringen“. Jens Weidner schaut sich die Leute genau an, analysiert ihre Schwächen und bringt ihnen bei, dass „sie zu 80 Prozent ein guter Menschen sein können, aber zu 20 Prozent bissig agieren müssen.“ Er ist davon überzeugt, „dieses Mischungsverhältnis schützt vor Burn-out und davor, übervorteilt zu werden“ und außerdem davor, für zu harmlos gehalten zu werden. Das ist der Kern seiner „Peperoni-Strategie“.

Was sollen Kandidaten ohne natürliches Aggressionspotenzial tun?

Der Professor meint, dies gäbe es theoretisch nicht, faktisch jedoch würde er immer wieder Personen treffen, denen er sagen muss: „Lass es, damit machst du dich unglaubwürdig.“ Er hielte dies allerdings nicht für tragisch, sondern empfiehlt ihnen, sich einen „Leutnant“ zu besorgen, einen Kollegen, der die unangenehme Arbeit übernimmt. Im Gegenzug werde dieser in Bereichen entlastet, die dem eher Friedfertigen besser liegen.

Jens Weidner verfügt über einen reichen Erfahrungsschatz und erzählt, wie er einst einer Gruppe von angehenden Akademikerinnen in der Schweiz die Augen darüber öffnen sollte, „was es für eine Hinterfotzigkeit geben kann.“ Er konnte dies nicht vermitteln, weil die Zuhörerinnen meinten, aufgrund ihrer Qualifikation unangreifbar zu sein. Das ist nach Auffassung des Experten ein Trugschluss:

Wenn ich in meinem Unternehmen aufsteigen will, und dann taucht auf einmal eine 30-Jährige auf, werde ich doch versuchen, die abzuschießen, solange sie noch im Wachstum ist.

Wer aus Schaden klug werden will, kommt zu Weidner

Jedenfalls bezeichnet er die Leute, die bei ihm Rat suchen, als solche, die „schon einmal auf die Nase gefallen sind.“ Oder als Menschen, die sich wundern, warum sie in ihrer Firma schon wieder übergangen worden sind. Manche sind nach den ersten Misserfolgen bereit, sich auf Jens Weidners Strategien einzulassen. Er beschreibt sich selbst als „Schäfchentyp“, bis er 34 Jahre alt war. Damals verstand er nicht, warum es nicht weiterging. Dann erkannte er, dass er nicht gefördert wurde, „weil man froh war, dass man mich da hatte, wo ich war. Ich habe mich quasi durch meinen Fleiß um meine Beförderung gebracht.“

Wer es anders machen will und sich „machtstrategisch intelligent aufstellen möchte“, benötigt ein stabiles Netzwerk. Dieses gilt es in Zeiten aufzubauen, in denen es einem gut geht. Steht der Betroffene erst einmal unter Beschuss, wird ihm dies nicht mehr gelingen.

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Die schlimmsten Fehler und Karrierebremsen

Am nachteiligsten sei es, kein Ziel zu besitzen, behauptet Jens Weidner. Wer keines habe, brauche auch nicht zu kämpfen, sondern gleite durch den Alltag und überließe es anderen, die Ziele zu bestimmen. Außerdem hält er Naivität für einen schweren Fehler – in dem Sinne, denen zu glauben, die einem sympathisch sind. Wer uns nicht so liegt, dem begegnen wir meistens mit einer gewissen Skepsis. Zum Problem werden aber die, die wir mögen. Der Aggressionsforscher geht so weit, Karrieretypen zu raten, mit einem pessimistischen Menschenbild einzusteigen, „um sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen“.

Die Gefahr, dass mancher es mit seinem Biss auch übertreiben könnte, sieht er zwar besonders am Anfang, doch er hängt sie nicht so hoch. Schließlich gebe es ja „etwas Schönes, um wieder zurückzurudern: Man entschuldigt sich.“ Nach einer klaren Entschuldigung liegen einem rund 90 Prozent der Mitarbeiter zu Füßen, schätzt Jens Weidner. Damit beweise man wahre Größe und werde mit Lob überschüttet. Eigentlich findet er das „kurios“, betont jedoch, „wenn man dagegen das Ziel von vornherein aus vorauseilendem Gehorsam unterläuft, heißt es gleich: Der hat es nicht drauf.“

Karriere machen ist nicht leicht

Fazit: Lieber ein bisschen mehr Gas geben als zu wenig. Besser richtig loslegen und „dann zurückrudern, als gar nicht am Ziel ankommen.“ Karriere machen hält Jens Weidner für schwierig, aber noch schwieriger sei es, sich oben zu halten. Er fragt: „Schauen Sie doch mal, wer sich über 25 Jahre an der Spitze hält, und wer schafft dann eigentlich noch einen Abgang in Würde?“

Der interviewende Journalist kommt zu dem Resultat, dass sich das alles anstrengend anhöre, und Jens Weidner kann ihm nur zustimmen:

Man muss schon einiges anstellen, um eine Karriere zu halten. Man muss sich fragen: Wo macht man sich angreifbar? Woraus können mir Eierzähler einen Strick drehen?

Abschließend gibt der Experte zu bedenken, dass dies alles auch stets einem „Moralcheck“ gleichkäme. Er findet es bemerkenswert, was sich dabei alles finden ließe.

Was meint Ihr dazu: Heiligt der Zweck gewissermaßen die Mittel? Haltet Ihr die Peperoni-Strategie für zu hart oder genau für richtig?

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2 Kommentare

  1. Sabine Axmann

    Ich habe absolut keine Lust auf Machtspiele. Habe daher schon mal eine gute Stelle aufgegeben. Der/Die Mitarbeiter haben es nötig? Nicht mehr mit mir. Da ist mir meine Gesundheit mehr wert, denn diese leidet mehr/weniger darunter, und auch das Leistungsspektrum, sowie Teamfähigkeit und Motivation.

  2. Liane Hartmann

    Wenn sich alle mehr auf Inhalte statt auf Egos und Befindlichkeiten konzentrieren würden, wären Machtspielchen nicht nötig. Ich stimme Sabine Axmann zu, dass darunter Teamarbeit, Motivation und letztlich auch die Leistung leidet und am Ende untergraben diese Personen damit auch Ihre eigene Leistung, denn das Ergebnis eines Projektes oder einer Arbeitsperiode fällt auch auf sie zurück. Biss ist notwendig, aber nur um das (gemeinsame) Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und eine gewisse Disziplin sollte man auch mitbringen.
    Respekt gewinnt man aber durch Gegen-Respekt und Macht braucht nur der, der vor allem sein Ego befriedigen muss. Wirklich erfolgreiche Menschen handeln mit emotionaler, sozialer und intellektueller Intelligenz im Einklang.
    Leider ist dieses machtbasierende Führungsverhalten, mit dem gewissen Arschloch-Faktor, in vielen Unternehmen mit alten und eingefahren Strukturen noch weit verbreitet und leider zum Teil auch notwendig für die, die dort eine Karriere anstreben. So mancher kommt da irgendwann an den Punkt, wo man herausfinden muss, ob das mit seiner Wertvorstellung vereinbar ist, nur leider siegt dann oft das Materielle und man muss erleben wie kluge Menschen mit emotionaler Intelligenz und sozialer Kompetenz sich diesem Spiel unterwerfen. Aber so langsam passiert ein Wandel in der Gesellschaft, es gibt schon hier und da die neue Generation von Führungskräften und ich hoffe sie werden sich in Zukunft durchsetzen und die Unternehmen revolutionieren.

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