Die Frage wird manchen verwundern, gilt die Bevölkerung hierzulande doch aus internationaler und ebenso aus nationaler Sicht als besonders strebsam.

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Jedoch klaffen traditionelles Image und Realität ziemlich weit auseinander. Diese Feststellung machen nicht nur ausländische Kollegen, die in deutschen Firmen tätig sind, sondern auch Tausende deutsche Arbeitnehmer selbst. Ein Artikel, der kürzlich im „Tagesspiegel“ erschien, beleuchtet das Thema von verschiedenen Seiten.

Fleiß und Pünktlichkeit – typisch deutsche Tugenden?

Einem Standort der Hochtechnologie wie Deutschland würden eben diese Tugenden gut anstehen, meinen viele – und vermissen gleichzeitig zunehmend eben diese Eigenschaften in unserem Land.

Gilt überhaupt der Joint-Venture-Song noch immer, in dem es heißt:

Er backt das beste Brot
Er braut das beste Bier
Er baut die besten Autos
Weil er schuftet wie ein Tier

Hierzu stellt sich die Frage, ob das Qualitätssiegel „Made in Germany“, immer noch das Symbol deutscher Wertarbeit, nach wie vor auf der Devise „Schuften bis zum Umfallen“ beruht?

Im Ausland hat sich das Bild vom ackernden Deutschen festgesetzt. Dies ergab eine Umfrage des US-PEW-Research-Centers, die im Sommer 2012 in diversen europäischen Ländern durchgeführt wurde. Italiener, Briten, Spanier, Franzosen, Tschechen und Polen haben ein bestimmtes Bild von den Deutschen und wählten uns zum „emsigsten Volk“.

Wer allerdings hierzulande arbeitet, revidiert nicht selten sein Urteil. So erinnert sich ein Serbe, der 1991 nach Berlin kam, an seinen ersten Job auf dem Bau. Er hielt damals das Wort „Dienstbeginn“ für das, was es besagt – wurde aber eines Besseren belehrt. Während er eine halbe Stunde früher kam, um sich umzuziehen, erschienen seine Kollegen zwar zum Arbeitsbeginn, verschwanden aber erst einmal mit der Zeitung unterm Arm auf der Toilette. Heute ist er selbst Bauunternehmer und meint: „Ich würde keinen Deutschen einstellen.“ Dies sagt er offenbar nur halbwegs im Scherz. Er zollt zwar der Qualität hiesiger Produkte Anerkennung, vertritt aber den Standpunkt, dass deutsche Arbeitnehmer durchweg Dienst nach Vorschrift schieben und sich schnell krankschreiben lassen.

Auch Menschen aus anderen Regionen der Welt, z. B. aus Brasilien, der Ukraine oder aus Spanien, werden im „Tagesspiegel“ zitiert. Sie arbeiten in unterschiedlichen Branchen, z. B. als Tanzlehrer, Juristin oder Umwelttechnikerin. Statt der sprichwörtlichen deutschen Pünktlichkeit haben sie die Erfahrung mit unzuverlässigen Deutschen gemacht, die allerdings von sich behaupten, zu den Pünktlichen im Lande zu gehören. Forderungen wie die 30-Stunden-Woche stoßen auf Unverständnis, die Rechte der deutschen Arbeitnehmer werden als grundsätzlich gut angesehen – dennoch würden viele Beschäftigte diese nur ausnutzen.

Ist der gute Ruf ernstlich in Gefahr?

Manche meinen gar, dieser gute Ruf beruhe ohnehin auf einem überholten Mythos. Die Deutschen verdienten es nämlich schon längst nicht mehr, als überdurchschnittlich strebsam zu gelten. Dazu passt der Image-Schaden, der durch aberkannte Doktortitel prominenter Persönlichkeiten oder durch Bauprojekte, die aus dem Ruder laufen, mithilfe der Medien gepusht wird. Politiker aller Parteien reagieren darauf zunehmend mit Irritationen – so meinte kürzlich der „grüne“ baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann: „Wir ruinieren doch mit solchen Desastern allmählich unseren Ruf als Ingenieurnation.“ Er hat eines der Beispiele vor der Tür: den Stuttgarter Bahnhof 21, aber auch der Flughafen Berlin oder die Elbphilharomie in Hamburg sind weitere Großprojekte mit Tücken.

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Dessen ungeachtet bleibt das Bild vom „fleißigen Deutschen“ in der weltweiten Wahrnehmung fest verankert. Nach Ansicht eines Berliner Historikers hat sich dieses Selbstbild unserer Nation im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelt. Der Fleiß wurde zum Ideal erhoben, und dafür waren verschiedene Faktoren ausschlaggebend.

Rückblick in die Geschichte

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann – ausgehend von England – das Zeitalter der Industrialisierung. Diese führte in Deutschland innerhalb der Arbeiterschaft zu heftigen Protesten. Doch setzte sich die maschinelle Produktion und damit eine verstärkte Strukturierung und Taktung der Arbeitsabläufe mehr und mehr durch. Galten die Deutschen noch gegen Mitte des 19. Jahrhunderts als Hersteller von billiger Massenware, schwangen sie sich nach und nach zu einer führenden Wirtschaftsnation auf. Der zuvor als „Brandmarkung“ eingeführte Stempel „Made in Germany“ mutierte zum Qualitätssiegel – und nun reklamierten auch die Arbeiter ihren Anteil am wirtschaftlichen Erfolg.

Insofern wird verständlich, dass vor allem deren harte Arbeit in den Vordergrund rückte. Wissenschaftlich ausgedrückt: Wird Erfolg in erster Linie durch Fleiß erklärt, lässt sich der eigene Anteil sich selbst zuschreiben, und möglicherweise wichtige Rahmenbedingungen können ausgeklammert werden. Zeitgleich wurde das Ansehen von Fleiß und Leistungsfähigkeit durch den Imperialismus (von lat. imperare = herrschen, imperium = Weltreich; gemeint sind der Aufbau und die Aufrechterhaltung einer wirtschaftlich, kulturell und territorial ungleichen Beziehung eines Staatswesens zu anderen Ländern oder Völkern) befördert. Beide genannten Eigenschaften galten als „Gradmesser für Zivilisation“ und hatten sich kurz vor der Jahrhundertwende in der deutschen Selbstwahrnehmung dermaßen festgesetzt, dass diese auch nach außen wirkte. Die kontinuierlich wachsende Wirtschaftsmacht Deutschland sorgte in Kombination mit einem vor sich her getragenen Selbstbewusstsein dafür, dass aus dem Selbstbild ein Fremdbild wurde.

Wie repräsentativ ist die Meinung über die eher „faulen Deutschen“?

Im „Tagesspiegel“ werden zu dieser Frage verschiedene Untersuchungen angeführt, so die knapp vier Jahre alte, aber groß angelegte Sinus-Studie. Dort hieß es im Demoskopendeutsch: „In der Migrantenpopulation deutlich stärker ausgeprägt als in der autochthonen deutschen Bevölkerung ist die Bereitschaft zur Leistung und der Wille zum gesellschaftlichen Aufstieg.“ Demnach waren 69 Prozent der hier lebenden Migranten der Meinung, jeder könne sich hocharbeiten, der sich genügend anstrenge. Auf die Gesamtbevölkerung Deutschlands bezogen lag der Wert nur bei 57 Prozent. Eurostat, das Statistische Amt der Europäischen Union, ermittelte lediglich Mittelwerte für die in Deutschland absolvierte Arbeitszeit. In Großbritannien, Österreich oder Polen wird entschieden länger gearbeitet.

Im vergangenen Herbst gab die Oettinger-Brauerei eine Studie in Auftrag. Deren Ergebnis lässt gar auf „eine gespaltene Persönlichkeit“ der Deutschen schließen. Denn 90 Prozent der Befragten äußerten, dass Zuverlässigkeit, Fleiß und Ordnung „typisch deutsch“ seien, doch 66 Prozent gaben zu Protokoll, sie würden sich selbst nicht als deutsch empfinden. Genau so hoch war der Prozentsatz jener, die sich zu dem Satz bekannten: „Die Deutschen sind gar nicht alle so ehrlich, pünktlich und gewissenhaft, wie man immer denkt.”

Schlussfolgern wir daraus, dass wir Deutsche tatsächlich faul sind? Aus Sicht des Historikers kann diese Frage mit Ja und mit Nein beantwortet werden. So sei vor allem bei den Jüngeren feststellbar, dass sie „das klassische Idealbild“ nicht mehr hochhielten und zudem seltener die Bereitschaft aufbrächten, Opfer zu bringen, „damit es ihre Kinder einmal besser haben“. Diese Einstellung ließe sich aber nicht zwangsläufig mit Faulheit gleichsetzen, sondern sei ein Teil der typischen Entwicklungen in einer postindustriellen Gesellschaft.

Denn geringere materielle Not vermindere den Druck, die Dinge zu verbessern – wie noch in der Nachkriegszeit und in der Ära des Wirtschaftswunders in den 1950er-Jahren. Zudem habe sich die Arbeitswelt wesentlich verändert. Wurde diese früher stark räumlich und zeitlich definiert, ist die Realität inzwischen eine andere. Heute erfordere sie weit weniger den „klassischen Rhythmus, der landläufig mit Fleiß gleichgesetzt wird“. Stattdessen seien zunehmend „Kreativität und Innovationskraft“ gefragt – zwei Eigenschaften, die „sich nun einmal nicht am Fließband erzwingen lassen“.

Muss Fleiß neu definiert werden?

Es ist offensichtlich, dass wir Deutsche nicht mehr dem Klischee entsprechen, das im Ausland über uns existiert. „Faul und schlau!“ titelte kürzlich die „Zeit“ und beschrieb in einem Artikel die Generation derjenigen, die nach 1980 geboren würden. Diese sogenannte Generation Y legt mehr Wert auf Freizeit und Familienleben als frühere Jahrgänge, aber vom „deutschen“ Qualitätsdenken hat auch sie sich noch nicht gelöst.

Nachdenklich macht ebenfalls eine Studie aus Frankreich: Die Franzosen arbeiten nicht so lange wie die Deutschen, sind aber produktiver – so vermeldet das staatliche Statistikamt unseres Nachbarlandes. Ein französischer Industriearbeiter erwirtschaftete demnach im Jahr 2011 in einer Stunde 45,40 Euro, der deutsche Kollege brachte es nur auf 42,30 Euro.

Also lautet die abschließende Frage wohl weniger, wie fleißig wir sind, sondern: Ist unsere bisherige Definition von Fleiß noch zeitgemäß? Und brauchen wir überhaupt noch so etwas wie Selbstaufopferung bei der Erfüllung unserer Pflichten, um die Produktion unserer nach wie vor weltweit gefragten Qualitätsarbeit sicherzustellen?

Was sagt Ihr: Ist Fleiß wirklich eine typisch deutsche Tugend? Oder ist der deutsche Fleiß lediglich ein Mythos?