Der Anteil von Frauen in Führungspositionen betrug laut Statista im Oktober 2018 etwa 22,6 %. Und liegt damit weit unter der von der Politik geforderten Frauenquote. Warum leitende Positionen auch heute noch mit nur scheinbar geeigneten männlichen Bewerbern besetzt werden, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Männliche Führungskraft ohne Führungsqualitäten
Bildnachweis: Thomas Andre Fure/Shutterstock.com

Mangelnde Führungskompetenz richtet großen Schaden an


Nicht alle männlichen Führungskräfte haben die Führungsqualitäten, die sie für ihren Job benötigen. Zu diesem ernüchternden Ergebnis kommt der Arbeitspsychologe Markus Dobler. Manche von ihnen hatten diese Position erhalten, obwohl ihnen das Führen schlichtweg nicht liegt. Andere hielten sich diesbezüglich für geeignet, wollen führen, schaffen es aber nicht.

Was Fehlbesetzungen auf Führungspositionen anrichten können, zeigt die im Jahr 2019 durchgeführte Gallup-Umfrage: Rund sechs Millionen Beschäftigte können sich nach eigener Auskunft nicht mehr mit ihrer Firma identifizieren. Die Mehrzahl von ihnen macht nur noch Dienst nach Vorschrift. 650.000 suchen schon aktiv nach einem anderen Arbeitgeber. Lediglich 15 % der Befragten fühlten sich ihrer Firma emotional stark verbunden. Demnach haben satte 85 Prozent der Arbeitnehmer keine oder nur eine geringe Bindung an ihr Unternehmen.

Die erschreckende Bilanz: Der Volkswirtschaft entstehen auf diese Weise Schäden von bis zu 122 Milliarden Euro pro Jahr. Schuld an der mangelhaften Mitarbeiterbindung sind Vorgesetzte ohne Führungsqualitäten. Die Auswertung der Gallup-Untersuchung ergab außerdem, dass sich unfähige Chefs meist für absolut kompetent halten. Doch wie kommt es, dass viele Führungspositionen mit Bewerbern besetzt werden, die keine Führungsqualitäten besitzen und dass diese meist Männer sind? 3 Ansätze:

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1. Der Dunning-Kruger-Effekt

Als Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet man eine spezielle Art falscher Selbsteinschätzung: Eine Person hält sich für kompetenter als sie tatsächlich ist. Namensgeber des Phänomens sind die beiden Psychologen Dunning und Kruger. Die an der US-amerikanischen Cornell University tätigen Wissenschaftler führten im Jahr 1999 eine Studie durch und entdeckten dabei diesen Effekt. In den Tests ging es um logisches Argumentieren und um Fragen zur Grammatik und Allgemeinbildung. Die Testpersonen sollten außerdem angeben, wie sie ihre Leistung verglichen mit den anderen Studienteilnehmern einschätzten. Dabei stellte sich heraus, dass sich hauptsächlich Menschen mit geringen Kompetenzen für fähiger als andere halten. Ein weiteres Studienergebnis war, dass diese Menschen wegen ihrer Inkompetenz nicht imstande waren, ihre Fähigkeiten realistisch einzuschätzen. Ob es sich dabei meist um Männer handelte, geht aus der Studie allerdings nicht hervor.

Der Organisationspsychologe Tomas Chamorro-Premuzic (University College London und Columbia University New York) geht davon aus, dass insbesondere Männer zu dieser Art Fehleinschätzung neigen. Problematisch ist seiner Einschätzung nach, dass diese Männer oft Karriere machen und ihre Mitarbeiter unter ihrer Inkompetenz leiden. Dank ihrer Selbsttäuschung sind sie besser imstande, andere Menschen von ihren vermeintlichen Fähigkeiten zu überzeugen. Und dass diese sich täuschen lassen, hat einen ganz einfachen Grund: Menschen neigen dazu, Selbstbewusstsein mit Kompetenz gleichzusetzen. Das aber sei im Hinblick auf Führungsqualitäten ein großer Fehler, weil es diesbezüglich kaum Überschneidungen gibt.

2. Charisma ist nicht gleichbedeutend mit Führungsqualität


Doch gibt es noch weitere Gründe, warum inkompetente Männer im Chefsessel landen. Einer von ihnen heißt Chamorro-Premuzic zufolge Charisma. Gemeint sind charismatische Anführer wie man sie reihenweise im TV und Internet findet. Verantwortlich für das Bedürfnis der Menschen nach derartigen Persönlichkeiten sei die schnell voranschreitende Digitalisierung. Doch hat laut Chamorro-Premuzic auch Charisma nichts mit der Fähigkeit zu führen zu tun. Menschen mit echten Führungsqualitäten wirkten eher bescheiden und unauffällig.

3. Auch Narzissten sind als Chefs ungeeignet

Ein weiterer Grund für die folgenschweren Fehlbesetzungen von leitenden Positionen besteht darin, dass Menschen mit narzisstischer Persönlichkeit ebenfalls für geeignet gehalten werden. Denn Narzissten üben eine außergewöhnliche Anziehungskraft auf andere Menschen aus, auch wenn diese nur kurzfristig wirkt. Zu diesem Ergebnis kommt ein Speed-Dating-Experiment mehrerer Grazer Psychologen. Dass auch selbstverliebte Menschen keine guten Vorgesetzten sind, zeigt die Tatsache, dass sie zu wenig Empathie mit anderen Menschen haben und es ihnen an der Fähigkeit zur Selbstkontrolle fehlt. Im Unterschied zu Narzissten respektierten dem Psychologie-Professor zufolge optimal geeignete Führungskräfte ihre Mitarbeiter und achteten auf ein gutes Image, weil es ihnen wichtig ist, von anderen Menschen positiv wahrgenommen zu werden.

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