2016 ist das Jahr, in dem sich in Finnland und der Schweiz entscheiden könnte, ob die Menschen dort ein bedingungsloses Grundeinkommen beziehen werden oder nicht. Das Thema, das meine Kollegin Mirijam Franke auch schon hier auf arbeits-abc.de eingehend beleuchtet hat, polarisiert seit eh und je. Für die einen ist es nicht weiter als eine Spinnerei, nicht mehr als eine Vorstellung, die niemals den Weg in die Realität finden wird. Andere sehen darin den Schlüssel zu mehr sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit und den Befreiungsschlag für Kreative, Akademiker und Existenzgründer. Dass es auch hier in Deutschland viele Menschen gibt, die das bedingungslose Grundeinkommen begrüßen würden, wird deutlich, wenn man sich den Berliner Verein „Mein Grundeinkommen“ anschaut. Was genau es mit dem Sozialprojekt auf sich hat, soll in diesem Beitrag geklärt werden.

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1. Die Idee von „Mein Grundeinkommen“
2. Wie funktioniert „Mein Grundeinkommen“?
4. Diese Menschen beziehen nun ein Grundeinkommen
5. Welches Ziel verfolgt „Mein Grundeinkommen“?

Die Idee von „Mein Grundeinkommen“

Gründer Michael Bohmeyer hatte 2014 eine ebenso einfache wie geniale Idee. Er nutzte das Prinzip vom Crowdfundig, um Spenden zu sammeln. Diese wurden dann in Form eines bedingungslosen Grundeinkommens – ein Jahr lang jeden Monat 1.000 Euro – an eine Person ausgezahlt. Wer der glückliche Empfänger sein sollte, hat der Zufall entschieden. Das Konzept wird seit der ersten Auslosung sehr gut angenommen. Mittlerweile (Stand: Juni 2016) konnten bereits 43 Grundeinkommen finanziert werden. Das 44. wurde schon zur Hälfte gesammelt.

Wie funktioniert „Mein Grundeinkommen“?

Damit noch mehr Menschen ein Jahr lang das bedingungslose Grundeinkommen beziehen können, ist „Mein Grundeinkommen“ natürlich auf das Mitwirken anderer angewiesen. Wenn Sie das Projekt unterstützen wollen, haben Sie verschiedene Möglichkeiten:

  • Werden Sie ein „Crowdhörnchen“ und spenden Sie den monatlichen Mindestbetrag von einem Euro. Diese Spende, für die auch eine Quittung ausgestellt wird, kann jederzeit gestoppt werden. Durch eine regelmäßige Spende nehmen Sie automatisch an der Verlosung teil. Außerdem können Sie selbst bestimmen, wie viel vom Geld für das aktuelle gesammelte Grundeinkommen genutzt wird und welcher Teil dem Verein „Mein Grundeinkommen“ zugutekommt.
  • Spenden Sie einen einmaligen Betrag in der Höhe Ihrer Wahl. Auch hier haben Sie die Option, einen Teil Ihrer Spende dem Verein zur Verfügung zu stellen.
  • Nutzen Sie die Crowdbar, eine Erweiterung Ihrer Internetbrowsers, mit dem Sie „Mein Grundeinkommen“ indirekt unterstützen können. Die Crowdbar funktioniert nach dem Prinzip des Affiliate Marketings. Indem Sie in Online-Shops einkaufen, die mit „Mein Grundeinkommen“ kooperieren, erhält der Verein eine bestimmte Provision. Für Sie werden keine zusätzlichen Kosten fällig. Die Crowdbar verlangt außerdem keine Registrierungs- oder Kontodaten und kann kostenfrei installiert werden.
  • Gehen Sie mit der Crowdcard einkaufen und sammeln Sie anonym Payback-Punkte für „Mein Grundeinkommen“. Das Geld, das auf diese Weise gesammelt wird, wandert direkt in den Topf für das nächste Grundeinkommen. Auch hier entstehen keine weiteren Kosten für Sie.
  • Die Grundeinkommenscola ist die Kooperation von „Mein Grundeinkommen“ mit einem Getränkehersteller. Je 1 Cent pro verkaufter Flasche werden zur Finanzierung des nächsten Grundeinkommens genutzt. Diese Summe entspricht (hochgerechnet auf das ganze Jahr) 26 Sekunden Grundeinkommen.

Egal ob Sie das Projekt selbst durch eine Spende oder eine andere Aktivität unterstützen oder nicht – jeder Mensch hat die Möglichkeit, sich bei „Mein Grundeinkommen“ zu registrieren und der nächste Gewinner zu werden.

Diese Menschen beziehen nun ein Grundeinkommen

Die Liste der Mensch, die per Los ausgewählt wurden, um das „Grundeinkommen auf Probe“ zu erhalten, ist erstaunlich vielseitig. Sie reicht von Christopher, der seinen Callcenter-Job gekündigt hat, um endlich Erzieher zu werden, über Marc, der das bedingungslose Grundeinkommen genutzt hat, um seine Morbus Chron-Erkrankung behandeln zu lassen, bis hin zum 9-jährigen Robin, der sich nun jeden Monat auf ein neues Buch freut. Ja, auch Kinder können das bedingungslose Grundeinkommen gewinnen, weil sie bei „Mein Grundeinkommen“ wie alle anderen Menschen behandelt werden. Die Portraits der einzelnen Gewinner zeigen deutlich, dass der Wunsch nach einem bedingungslosen Grundeinkommen bei den verschiedensten Menschen vorhanden ist.

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Dennoch ist auch auffällig, dass die einzelnen Personen nur wenig von sich Preis geben. Die meisten Gewinner werden nur mit Vornamen präsentiert. Auch die hinterlegten Profile geben meist nur wenig Aufschluss über die Identität und die Hintergründe der glücklichen Losgewinner. Hier wird deutlich, was das „bedingungslos“ in „bedingungsloses Grundeinkommen“ bedeutet. Die Leute, die das Geld gewinnen, sind niemandem eine Rechenschaft schuldig, können damit tun und lassen, was sie wollen und müssen keinerlei Auskünfte geben. Die, die es doch tun, berichten davon, wie sie sich ihre Wünsche erfüllt haben und endlich frei und ohne Druck leben können.

Welches Ziel verfolgt „Mein Grundeinkommen“?

Michael Bohmeyer, der als Webprogrammierer arbeitet und „Mein Grundeinkommen“ nebenher realisiert, spricht von seinem Sozialprojekt immer als Experiment. Es ist ihm seit nunmehr zwei Jahren ein Bedürfnis, die gesellschaftliche Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen voranzutreiben und nicht wieder einschlafen zu lassen. Ein Vorhaben, das aufgeht – denn sucht man im Internet oder anderswo nach Informationen zum BGE, stößt man immer wieder auf seine Plattform als Beispiel für die Realisierung des Gedanken. Inzwischen wurde die Idee des Vereins sogar schon in anderen Ländern, beispielsweise der Schweiz, adaptiert.

Außerdem ist sich Bohmeyer sicher, dass das bedingungslose Grundeinkommen viel in unserer Gesellschaft verändern kann. Seiner Überzeugung nach macht ein monatliches Grundeinkommen ohne Bedingungen freier, kreativer und nimmt den Menschen eine teils schwere Last. Seine Argumentation wird durch zahlreiche Gewinner von „Mein Grundeinkommen“ unterstützt, die angeben, seither viel losgelöster zu leben und sich Träume erfüllen zu können. Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Menschen in der Hängematte liegen und es sich gut gehen lassen. Wie so oft in der Theorie vermutet nutzen die Gewinner das BGE in der Praxis, um sich weiterzubilden, um Ihre Karriere voranzutreiben – und ja, auch um Schulden zu begleichen und sich endlich mal wieder einen Urlaub zu gönnen. Aber ist das etwa verwerflich?

„Ich glaube daran, dass wenn die Existenzangst weg ist, wir zur vollen Größe erwachsen und wirklich das in unsere Arbeit geben können, was wir in diese Welt träumen möchten, was wir beitragen wollen.“, schreibt beispielsweise Jesta, die Gewinnerin des 34. Grundeinkommens im Blog von mein-grundeinkommen.de. Sie hat ihre Chance genutzt, um ein Projekt zu verwirklichen, das dem von Michael Bohmeyer sehr ähnlich ist und bei dem es darum geht, Arbeit auf der Grundlage von Vertrauen und Selbsteinschätzung zu entlohnen.

Wenn es nach Michael Bohmeyer, dem Gründer von „Mein Grundeinkommen“ geht, würde das BGE von der Politik realisiert werden – finanziert aus einer Vermögenssteuer, die (bisher) nicht in Deutschland erhoben wird. Doch auch wenn der Gedanke des bedingungslosen Grundeinkommens seit Jahrhunderten in den Köpfen der Menschen umhergeistert, scheint es wohl auch in Zukunft eine Utopie zu bleiben. Bisher sprechen sich nur wenige Parteien für das bedingungslose Grundeinkommen aus – allen voran die Piratenpartei, aber auch Teile von etablierten Fraktionen wie die Linke und die Grünen.

Ob irgendwann alle Menschen (in Deutschland) in den Genuss eines bedingungslosen Grundeinkommens kommen werden, steht weiterhin in den Sternen. Feststeht auf jeden Fall, dass es dem Verein „Mein Grundeinkommen“ gelungen ist, die Thematik wieder einmal publik zu machen und die Debatte auf ein Neues anzustoßen. Das Sozialprojekt zeigt, dass sowohl Interesse als auch Redebedarf vorhanden sind. Außerdem unterstreicht es die positiven Effekte vom bedingungslosen Grundeinkommen. Nach Aussagen des Vereins habe jeder Gewinner das Geld bisher für sinnvolle Aktivitäten genutzt.

Wie stehen Sie zum bedingungslosen Grundeinkommen und dem Verein „Mein Grundeinkommen“? Ihre Meinungen – formuliert in einem Kommentar – interessieren uns sehr.