Headhunter, Unternehmen und Recruiter kontaktieren dich, melden sich aber nie wieder. Ganz verschwunden sind sie nicht: Sie liken plötzlich fleißig deine LinkedIn-Posts oder schauen sich deine Beiträge an. „Orbiting“ nennt sich der verwirrende Trend aus der Dating-Welt.

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Orbiting: Wer hat den Begriff erfunden?

Im Jahr 2018 soll die US-amerikanische Journalistin und Bloggerin „Anna Rose lovine“ von einem neuen Dating-Trend berichtet haben, welcher dem klassischen Ghosting ähnelt. Sie taufte diesen Trend „Orbiting“. Heute schwappt er auf die Arbeitswelt über – zum Bedauern von Arbeitnehmern und Jobsuchenden.

Aber: Gehen wir zunächst einen Schritt zurück, und zwar zum Ghosting.

Wenn dein Date den Kontakt urplötzlich und ohne Ankündigung abbricht, auf keine Nachrichten reagiert oder dich gar blockiert, wirst du geghostet. Ghosting ist heute ein bekanntes Phänomen und fast jeder war schon Opfer (oder eben „Täter“).

Auch wenn sie sicherlich schwer beschäftigt sind oder einfach kein Interesse haben: Personalverantwortliche schrecken heute ebenfalls nicht davor zurück, Bewerber zu ghosten. Die Dynamik der digitalen Welt hat diesen Trend befeuert – denn der persönliche Kontakt nimmt ab, während schnelle Onlineprozesse zunehmen.

Orbiter gehen noch weiter:

  • Der Begriff „Orbit“ beschreibt hier die Umlaufbahn; den persönlichen Orbit. Der Ort des Geschehens sind die sozialen Medien.
  • Wer Orbiting betreibt, meldet sich zwar nicht mehr persönlich bei dir. Die Person hält sich dennoch virtuell in deiner Nähe auf.
  • Sie schleichen um dich herum, wahrscheinlich ohne ernsthafte Absicht, indem sie dir auf den sozialen Medien folgen, deine Beiträge ansehen, liken und auch kommentieren. Heißt: Orbiter halten dich oberflächlich warm.

Kurz: Im „echten“ Leben suchen sie keinen Kontakt (mehr) zu dir. Paradoxerweise senden sie dir in der Onlinewelt ambivalente, oberflächliche Signale.

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Werde ich warmgehalten, weil sie mich wollen – oder nicht?

Wer aktuell arbeitssuchend ist oder seinen Job wechseln möchte, weil es zum Beispiel Probleme mit den Arbeitskollegen oder Vorgesetzten gibt, hat es nicht einfach. Sorgen um die Zukunft und Ungewissheit sind omnipräsent. Die negativen Gedanken können durch die Dynamik der heutigen Onlineprozesse verstärkt werden. Wer lediglich geliked wird, aber kein Feedback zur Bewerbung erhält, bekommt keine faire Chance, abzuschließen.

Und doch ist es heute bittere Realität: Auch wenn wir unser Profil aufpolieren, unsere Laufbahn detailliert darstellen und uns Mühe geben – Bewerber warten manchmal wochenlang auf eine Rückmeldung.

Wir fragen uns deshalb: Was will jemand von dir, der direkten Kontakt meidet, dich aber nicht gänzlich gehen lassen möchte? Unsere Deutungen zum Orbiting:

1. Orbiter finden dich interessant – aber nicht interessant genug

Es könnte wie beim Dating sein: Dein Gegenüber hat zwar Interesse. Es ist aber nur minimal und reicht nicht für mehr. Dieses „Minimale“ ist jedoch gut genug, um dir weiterhin zu folgen; sich für das eigene Unternehmen von deinen Beiträgen inspirieren zu lassen.

Klar ist aber: Tiefgründiger wird es nicht. Und deshalb bleibt es beim Orbiting.

2. Orbiter wollen sich ihr Image bewahren

Von großen Unternehmen kennen wir es: Fleißige Social-Media-Teams kommentieren, liken und posten. Sie sind aktiv in der Onlinewelt unterwegs und tragen zu einem guten Image und zur Kundenbindung bei. Nicht nur die Abteilung Marketing ist online „sichtbar“.

Recruiter und Personalverantwortliche sind ebenfalls aktiv auf der Suche nach Talenten im Netz. Wenn sie auf deinem Unternehmensprofil unterwegs sind oder zweideutige Signale senden, ohne sich zu positionieren, könnte es zur Aufrechterhaltung des eigenen Images sein.

Denn: Wer fleißig liked, freundliche Kommentare hinterlässt oder Interesse signalisiert, auch wenn es vielleicht nicht echt ist, könnte genau diesen Eindruck erwecken. Es ist aber ein riskantes Spiel. Mit dieser Taktik riskieren Arbeitgeber negatives Feedback von potenziellen Jobkandidaten und Bewerbern, die ihre Erfahrung mit anderen teilen.

3. Orbiter können sich nicht entscheiden

Die dritte Erklärung ist simpel: Vielleicht kann dein potenzieller Arbeitgeber nicht entscheiden, ob du zum Unternehmen oder zu einer offenen Position passt. Dieser kennt dein Potenzial, hat aber noch keine Entscheidung getroffen.

Das ist nicht per se schlecht. Denn möglicherweise findet ihr zusammen. Ein zu langes Hinhalten ist dir gegenüber aber keinesfalls fair.

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Ist Orbiting ein Phänomen des Zeitalters Social Media?

Ganz klar: Orbiting in der Dating-Welt wird zwar durch das Internet befeuert. Aber das Phänomen ist uralt – so das Statement des Psychologen Dr. Christian Rupp. Lediglich die Hemmschwelle sei über das Internet etwas niedriger, da wir weniger Scham empfinden würden.

Wichtig: Eine ähnliche Taktik zum Hinhalten, die nicht unbedingt über die sozialen Medien stattfinden muss, ist auch als „Benching“ bekannt; es also auf die „lange Bank“ schieben. Diese zeigt sich ebenfalls in der Dating- und Arbeitswelt. Beim Benching wird Betroffenen nicht mitgeteilt, ob es passt oder nicht – weil insgeheim gehofft wird, dass jemand noch Besseres kommt.

Es nervt: Was kann ich tun, wenn ich von einem Orbiter „verfolgt“ werde?

Abgrenzen oder direkt nachfragen – das sind die zwei Möglichkeiten, wenn du nicht einfach nur abwarten möchtest, welche seltsame Aktion dein Orbiter als Nächstes bringt. Vor allem Menschen, die sich selbst gerade in einer kritischen Phase im Berufsleben befinden, können auf Unklarheiten und nervenaufreibende Kommunikationsrätsel verzichten.

Deshalb gilt: Gehe aktiv auf die Verantwortlichen zu und frage nach. Sollte auch dieser letzte Versuch ins Leere laufen, hilft es, sich eindeutig zu distanzieren – vor allem emotional – sowie Hoffnungen und Mühe auf die potenziellen Arbeitgeber zu lenken, die dir Wertschätzung entgegenbringen.

Sorge dafür, dass es dir gut geht. Orbiting findet über die sozialen Medien statt. Sofern es möglich ist, Kontakte sperren. Denn für solche nervigen Fälle haben viele großen Plattformen den Button „Blockieren“ installiert, den wir jetzt guten Gewissens nutzen dürfen.

Tipp: Dir liegt besonders viel an einem bestimmtem Unternehmen? Direkte Kommunikation ist das Mittel der Wahl. Nicht nur über Social Media. Greife im Zweifelsfall zum Hörer und frage höflich nach dem aktuellen Status, wenn du dich bereits beworben hast und etwa drei bis vier Wochen vergangen sind und nur widersprüchliche Signale kommen.

Denke zugleich daran, dass du dich nicht unter deinem Wert verkaufst. Gerade in Zeiten, in denen viele Fachkräfte gesucht werden, musst du dir als potenzieller Jobkandidat nicht alles gefallen lassen. Worauf du achten solltest:

  • Klare Kommunikation: Orbiting, Ghosting, Benching – was in der Dating-Welt selbstverständlich ist, hat leider auch die Arbeitswelt schon erreicht. Achte deshalb selbst auf eine klare, transparente Kommunikation. So signalisierst du deinem Gegenüber, wie du es bevorzugst.
  • Kurze Wege: Manchmal tut es ein Telefonat eher als eine Nachricht über Social Media oder per Mail. So vermeidest du unnötige E-Mail-Ketten und trittst aus der „Social-Media-Blase“ aus, indem du potenzielle Geschäftspartner oder Arbeitgeber direkt kontaktierst.

Personalwesen in der Verantwortung: Persönliches Feedback statt Orbiting

Vor allem Personalverantwortliche sind es, die meist am längeren Hebel sitzen, wenn es um die Suche nach Jobkandidaten geht. In einer dynamischen Onlinewelt ist ein fairer Prozess rar, aber umso wichtiger. Statt Orbiting zu betreiben, gilt deshalb: Feedback geben, eine persönliche Rückmeldung formulieren, eine klare Anfrage versenden, Nachrichten zeitnah beantworten. Das ist gefragt, angebracht und vor allem fair – in einer Onlinewelt, die sich immer mehr von Oberflächlichkeit nährt.

Bildnachweis: skynesher/istockphoto.com

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