Arbeit kann unter Umständen krank machen – eine Aussage, die sicherlich für die wenigsten neu ist und nur einen mäßigen Überraschungseffekt mit sich bringt. Nicht nur typische Berufskrankheiten, sondern auch die „Volkskrankheit“ Burnout machen deutlich, dass die körperliche und geistige Belastung an vielen Arbeitsplätzen so hoch ist, dass die Menschen langfristig darunter leiden. Die Initiative Gesundheit und Arbeit – kurz: iga – hat nun einen neuen Report veröffentlicht, in welchem sich die Autorin Hiltraut Paridon und ihre Mitarbeiterin Jasmin Mühlbach speziell mit dem Thema „Psychische Belastung in der Arbeitswelt“ auseinandersetzen. Wir haben uns den Report für Sie einmal genauer angeschaut und im folgenden Beitrag zusammengefasst.

Inhalt
1. Was ist die Initiative Gesundheit und Arbeit?
2. Was ist psychische Belastung am Arbeitsplatz?
3. Auf welche Weise wurde die psychische Belastung in der Arbeitswelt im iga.Report analysiert?
4. Zu welchen Ergebnissen kam der iga.Report 32?
5. Ergebnisse zu den körperlichen Erkrankungen und Beschwerden
6. Ergebnisse zu den psychischen Erkrankungen und Beschwerden
7. Ergebnisse zu Motivation und Affekt
8. Ergebnisse zum Gesundheitsverhalten
9. Ergebnisse zur beruflichen Performanz
10. Ergebnisse zu Familie und Freizeit
11. Ergebnisse zum Arbeitsausfall
12. Ergebnisse zur Sicherheit am Arbeitsplatz
13. Ergebnisse zum sozialen Verhalten am Arbeitsplatz
14. Faktoren, die die Gesundheit im besonderen Maße gefährden
15. Fazit: Eine aktive Auseinandersetzung ist erforderlich

Was ist die Initiative Gesundheit und Arbeit?

Herausgeber vom iga.Report 32 ist die Initiative Gesundheit und Arbeit. Es handelt sich hierbei um eine Kooperation gesetzlicher Kranken- und Unfallversicherungen, die arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren vorbeugen wollen. Hierfür setzt die Initiative vor allem auf Aufklärung und Prävention. Darüber hinaus liegt der iga viel daran, bereits bestehende und bekannte Methoden so weiterzuentwickeln, dass sie auch in der Praxis anwendbar sind. Die Träger der Initiative Gesundheit und Arbeit sind der BKK Dachverband, die Deutsche gesetzliche Unfallversicherung, der AOK-Bundesverband und der Verband der Ersatzkassen e.V.

Was ist psychische Belastung am Arbeitsplatz?

Das Thema „psychische Belastung (bei der Arbeit)“ wurde in den vergangenen Jahren immer öfter mit psychischen Erkrankungen gleichgesetzt. Tatsächlich handelt es sich hierbei jedoch um zwei völlig verschiedene Paar Schuhe, worauf die Autorin Hiltraut Paridon gleich zu Beginn ihres Reports ausdrücklich hinweist. Auch ist es falsch, zu sagen, dass psychische Erkrankungen das Resultat psychischer Belastung sind. Ziel des ausführlichen Reports ist es, die Belastung am Arbeitsplatz differenziert und genau zu beleuchten.

Im iga.Report 32 können Sie die folgende Definition von psychischer Belastung am Arbeitsplatz nachlesen:

„Psychische Belastung bezeichnet nach dem sogenannten ‚Belastungs-Beanspruchungs-Modell‘ neutral die Anforderungen, die sich aus einer Arbeitssituation ergeben. […] Experten und Expertinnen haben sich inzwischen darauf verständigt, dass vor allem vier Kategorien psychischer Belastungen bei der Arbeit relevant sind. Hierbei handelt es sich um

  1. die Arbeitsaufgabe bzw. den Arbeitsinhalt
  2. die Arbeitsorganisation bzw. den Arbeitsablauf
  3. die Arbeitsumgebung und die Arbeitsmittel und
  4. die sozialen Beziehungen.“

(Quelle: Paridon, H. (2016): iga.Report 32)

Auf welche Weise wurde die psychische Belastung in der Arbeitswelt im iga.Report analysiert?

Wenn man es genau nimmt, handelt es sich beim iga.Report 32 nicht um eine eigenständige Studie, sondern um eine Zusammenfassung bereits bestehender wissenschaftlicher Erkenntnisse. Die Grundlage des Reportes bildet eine umfassende Literaturrecherche, die alle relevanten Arbeiten zum Thema „Folgen psychischer Belastung in der Arbeitswelt“ gesammelt hat. Der Publikationszeitraum wurde vom 1. Januar 2000 bis zum 30. April 2014 eingeschränkt. Außerdem beschränkte sich die Literaturrecherche auf deutsche und englische Publikationen. Nach mehreren Ausschlussverfahren, die der Qualität des Reports dienten, blieben 164 Studien übrig, die der Weiterverarbeitung dienten. Der nächste Schritt sah vor, die einzelnen Studien in Oberkategorien zu unterteilen. Dabei handelte es sich um:

  • Körperliche Erkrankungen und Beschwerden
  • Psychische Erkrankungen und Beschwerden
  • Motivation und Affekt
  • Gesundheitsverhalten
  • Berufliche Performanz
  • Familie und Freizeit
  • Arbeitsausfall
  • Sicherheit am Arbeitsplatz
  • Soziales Verhalten am Arbeitsplatz

Nachdem die einzelnen Studien genauer betrachtet wurden, kam es zu einer Unterkategorisierung. Hierbei wurden die beiden größten Oberkategorien – körperliche und geistige Erkrankungen und Beschwerden – beispielsweise folgendermaßen unterteilt:

Körperliche Erkrankungen und BeschwerdenPsychische Erkrankungen und Beschwerden
Kardiovaskuläre BeschwerdenBurnout
Gemischte physische Beschwerdengemischte psychische Beschwerden
Muskulo-skelettale BeschwerdenDepression
SchwangerschaftSuizidalität
BiomarkerTrauma
Immunsystem
Krebsrisiko
Diabetes

 

Die detaillierte Aufschlüsselung aller gesammelten Daten ergab, dass nicht jede Belastungsfolge im gleichen Maße in der Literatur berücksichtigt wurde. Um dieses Ungleichgewicht zu beseitigen, entschieden sich die Autorinnen des iga.Reports, zwei bis vier Studien pro Unterkategorie genauer unter die Lupe zu nehmen. Auf diese Weise gelang es dem Institut Gesundheit und Arbeit schrittweise, von der großen allgemeinen Informationsflut hin zu einer Handvoll exemplarischer Studien zu gelangen, die die Basis für den weiteren Report bilden sollten.

Zu welchen Ergebnissen kam der iga.Report 32?

Kommen wir nun zum Wesentlichen: Den Ergebnissen des hier vorgestellten Reports. In Anbetracht dessen, dass eine riesige Flut an Daten und Informationen verarbeitet wurden, ist es nicht verwunderlich, dass diese sehr umfangreich ausgefallen sind. Wir wollen dennoch versuchen, die wichtigsten Erkenntnisse stichpunktartig zusammenzufassen, um Ihnen einen Überblick zu bieten.

Ergebnisse zu den körperlichen Erkrankungen und Beschwerden

  • Hohe Arbeitsbelastung ruft kardiovaskuläre Beschwerden wie Bluthochdruck und eine Schwächung des Immunsystems hervor
  • Auch Schlaganfall, Angina Pectoris und eine allgemeine Verschlechterung des Gesundheitszustandes können durch hohe Arbeitsbelastung hervorgerufen werden
  • Beschwerden der Muskeln und des Skeletts gehen insbesondere auf monotone Arbeit zurück
  • Kurze Phasen hoher Arbeitsbelastung werden meist gut vom Körper weggesteckt
  • Allerdings nur, wenn sie selten sind und es zu sozialer Unterstützung durch Kollegen, Familie, etc. kommt
  • Das Risiko einer Frühgeburt steigt durch Schichtarbeit und lange Arbeitszeiten geringfügig
  • Zusammenhänge zwischen der Arbeitsbelastung und einer Schwächung des Immunsystems sind wahrscheinlich, konnten aber noch nicht vollständig nachgewiesen werden
  • Es gibt keine Anzeichen auf einen Zusammenhang zwischen Arbeitsstress und Krebs
  • Frauen reagieren auf Arbeitsstress mit einem größeren Diabetes-Risiko als Männer

Ergebnisse zu den psychischen Erkrankungen und Beschwerden

  • Psychische Fehlbelastung am Arbeitsplatz ruft ein erhöhtes Burnout-Risiko hervor
  • Hohe Anforderungen am Arbeitsplatz in Kombination mit geringen Handlungsspielräumen erhöhen das Risiko von Depressionen, Angststörungen und affektiven Störungen
  • Psychische Fehlbelastungen am Arbeitsplatz in Kombination mit Depressionen haben vermutlich einen Einfluss auf die Selbstmordrate

Ergebnisse zu Motivation und Affekt

  • Die Arbeitszufriedenheit sinkt durch Konflikte, Streit, Stress, das (negative) Verhalten von Kollegen und fehlende Wertschätzung durch den Vorgesetzten
  • Auch die Art des Arbeitsvertrages hat Einfluss auf die Arbeitszufriedenheit
  • Herausforderungen steigern die Motivation

Ergebnisse zum Gesundheitsverhalten

  • Psychische Fehlbelastung am Arbeitsplatz wirkt sich negativ auf das sportliche Verhalten in der Freizeit aus
  • Ein Zusammenhang zwischen Stress an der Arbeit und Übergewicht konnte bisher nicht ausreichend bewiesen werden
  • Aber lange Arbeitszeiten können einen indirekten Einfluss auf das Gewicht haben
  • Hohe Arbeitsanforderungen haben einen ungünstigen Einfluss auf das Raucherverhalten
  • Hohe Arbeitsanforderungen gehen mit schlechtem Schlaf, viele Spielräume mit gutem Schlaf einher

Ergebnisse zur beruflichen Performanz

  • Überlastung verringert die Arbeitsleistung
  • Herausforderungen können die Leistung positiv beeinflussen
  • Es gibt Laborstudien, die vermuten lassen, dass es einen Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen und Kreativität gibt
  • Geringe Handlungsspielräume sorgen für einen besseren Gruppenzusammenhalt und eine verbesserte Gruppenleistung

Ergebnisse zu Familie und Freizeit

  • Psychische Fehlbelastungen rufen in geringem Maße Familie-Arbeit-Konflikte hervor
  • Psychische Fehlbelastung der Eltern wirkt sich negativ auf das Wohlbefinden der Kinder aus
  • Psychische Fehlbelastung am Arbeitsplatz sorgt dafür, dass es schwerer fällt, nach Feierabend abzuschalten

Ergebnisse zum Arbeitsausfall

  • Arbeitnehmer, die keine ausreichende soziale Unterstützung erfahren, neigen eher zu Fehlzeiten, die nicht auf Krankheit zurückzuführen sind (Absentismus)
  • Arbeitsunzufriedenheit erhöht Kündigungsabsichten
  • Psychische Fehlbelastungen wie lange Arbeitszeiten, monotone Arbeit und Zeitdruck erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Frühberentung

Ergebnisse zur Sicherheit am Arbeitsplatz

  • Komplexe Aufgaben stehen in Verbindung zu Unfällen und unsicherem Verhalten
  • Bedrohungen am Arbeitsplatz verringern die Wahrscheinlichkeit, sich an Sicherheitsvorschriften zu halten

Ergebnisse zum sozialen Verhalten am Arbeitsplatz

  • Aggressionen werden durch personenbezogene Faktoren und Fehlbelastung am Arbeitsplatz hervorgerufen
  • Eine steigende Komplexität der Aufgaben steigert das Gruppengefühl
  • Digitale Zusammenarbeit wirkt sich eher negativ auf das Gruppengefühl aus

Ganz allgemein kann festgehalten werden, dass zu vielen Unterkategorien unterstützende Langzeitstudien fehlen. Die meisten Ergebnisse sind aufgrund der mangelhaften Erforschung also eher mit Vorsicht zu genießen. Dennoch bietet der iga.Report einen informativen Überblick, der das Thema „Psychische Belastung in der Arbeitswelt“ umfassend und facettenreich beleuchtet. Wenn Sie sich näher damit auseinandersetzen wollen, empfehlen wir Ihnen die Lektüre des gesamten iga.Reports 32. Diesen können Sie hier kostenlos herunterladen.

Faktoren, die die Gesundheit im besonderen Maße gefährden

Auch wenn im Report 32 der Initiative Gesundheit und Arbeit hunderte von Studien gesichtet und genauer analysiert wurden, kann eines zusammenfassend festgehalten werden: Es gibt bestimmte Faktoren am Arbeitsplatz, die die Gesundheit im besonderen Maße gefährden. Hierzu gehören:

  • Hohe Intensität der Arbeit
  • Geringe Handlungsspielräume
  • Eine Kombination der ersten beiden Faktoren, genannt job stain
  • Geringe soziale Unterstützung
  • job stain in Kombination mit geringer sozialer Unterstützung
  • Ungleichgewicht von Einsatz und Belohnung
  • Überstunden
  • Schichtarbeit
  • Rollenstress
  • Aggressives Verhalten am Arbeitsplatz
  • Arbeitsplatzunsicherheit

(Quelle: Rau, R. (2015): iga.Report 31. Risikobereiche für psychische Belastungen)

Fazit: Eine aktive Auseinandersetzung ist erforderlich

Psychische Belastung in der Arbeitswelt darf nicht nur auf psychische Erkrankungen wie Burnout oder Depression reduziert werden. Es handelt sich hierbei um ein komplexes Feld mit mannigfaltigen Folgen, das dementsprechend auch ernstgenommen werden sollte. Vor allem Arbeitgeber stehen in der Pflicht, sich aktiv mit der psychischen Belastung auseinanderzusetzen und mögliche Risikofaktoren zu reduzieren – nicht zuletzt auch, weil eine Verringerung der Belastung die Arbeitsleistung der Mitarbeiter positiv beeinflusst. Die Durchführung von Präventivmaßnahmen sollte hierbei stets im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Eines ist (leider) Fakt: Arbeit kann unter Umständen und durch Einfluss der falschen Faktoren sowohl körperlich als auch geistig krank machen.

Wie stehen Sie zu dem Thema „Psychische Belastung auf dem Arbeitsmarkt“? Haben Sie vielleicht schon Erfahrungen gesammelt, die Sie hier mit uns teilen wollen? Können Sie Tipps geben, wie man eine psychische Fehlbelastung vermeidet? Haben Sie weitere Fragen zu dem iga.Report 32? Wir freuen uns sehr auf einen lebhaften Austausch mit unseren Lesern.

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