Dein Arbeitgeber will dich subtil aus dem Unternehmen schubsen? Dann halte dich gut fest: Quiet Firing nennt sich dieser passiv-aggressive Trend, der für Diskussionsstoff sorgt.

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„Quiet Firing“, das „leise Feuern“, macht in den Medien die Runde. Und bereitet immer mehr Beschäftigten Kummer, weil sie das Muster kennen: Arbeitgeber sorgen indirekt dafür, dass Arbeitnehmer freiwillig das Unternehmen verlassen. Vorgesetzte schlüpfen in eine passive Rolle, weil sie nicht den aktiven Schritt gehen möchten, einen Mitarbeiter zu entlassen. Lieber setzen sie alles daran, diesen fast unauffällig zu vergraulen.

Warnsignale: Wie erkenne ich, dass ich „leise“ gefeuert werde?

Da das Verhaltensmuster oft subtil ist, wird nicht sofort deutlich, ob Unternehmen bestimmte Beschäftigte „loswerden“ wollen – oder einfach ein internes Problem in der Firma haben, welches für intransparente, zweideutige Strukturen sorgt.

Kommen mehrere dieser Warnsignale zusammen, ist es wahrscheinlich, dass Arbeitnehmer leise gefeuert werden:

  1. Wenig Geld: Eine Gehaltssteigerung wird seit vielen Jahren verwehrt.
  2. Sinnlose Beschäftigung: Er oder sie wird lediglich mit „busy work“ beschäftigt – also Aufgaben, die nicht notwendig sind, aber zeitliche Lücken füllen.
  3. Andauernde Terminverschiebungen: Gespräche mit dem Betroffenen werden häufiger verlegt und nicht ernst genommen.
  4. Wenig Teilnahmemöglichkeiten: Die Chance, an wichtigen und prestigeträchtigen Arbeitsprojekten teilzunehmen, wird diesem bestimmten Mitarbeiter nicht gegeben.
  5. Wenig Wertschätzung: Die Anerkennung fehlt; es gibt auch keine Option, aufzusteigen.
  6. Distanz: Vorgesetzte wirken dem Betroffenen gegenüber unverbindlich.

Seit wann gibt es Quiet Firing?

Ob das Verhalten neu ist? Eher nicht. Seit etlichen Jahren gibt es dieses Muster, welches Beschäftigten in der Arbeitspraxis Kummer bereitet. Um ein Trendthema handelt es sich aber, weil ein neues Bewusstsein für die Problematik entwickelt wird. Angestellte in einem Unternehmen können besser einschätzen, was da passiert, weil heute in der breiten Öffentlichkeit ein Licht auf diese passiv-aggressive Verhaltenspraxis geworfen wird.

Gut zu wissen: Zunächst ging das sogenannte „Quiet Quitting“ viral, das ähnlich klingt, aber anders ist. Von „leiser Kündigung“ ist hier die Sprache, wenn Beschäftigte eine innere Haltung annehmen, die ihr eigenes Wohlbefinden und die mentale Gesundheit über den Job stellt. Sie erledigen ihre Aufgaben innerhalb ihrer Arbeitszeit – und das war es schon. Keine Überstunden, keine zusätzlichen To-dos nach Feierabend, keine Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit. Die eigene Arbeitsleistung wird heruntergeschraubt, indem nur das erledigt wird, was wirklich notwendig ist.

Während quiet quitting also dafür sorgt, deine mentale Gesundheit zu schützen, kann quiet firing Beschäftigte eher in Kummer, Schmerz und Wahnsinn treiben. Umso wichtiger, gut aufzupassen – und subtile Signale vom Arbeitgeber richtig zu deuten.

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Quiet Firing: Warum passiert es?

Denkbar sind zwei mögliche Motive seitens der Arbeitgeber, die ihre Mitarbeiter bis in die Kündigung treiben, diese also „leise feuern“:

Motiv 1: Das Unternehmen möchte keine Abfindung zahlen

Geld zu sparen, ist fast immer ein Motiv, um krumme Wege zu gehen. Wenn das Unternehmen einen Mitarbeiter loswerden möchte, aber nicht einsieht, hierfür finanziell aufzukommen, bleibt nur das leise Feuern.

Zwar gibt es heute keinen Rechtsanspruch auf eine Abfindungszahlung. Aber möglicherweise ist diese bei dir vertraglich geregelt. In solchen Fällen möchten Unternehmen es vermeiden, diese zahlen zu müssen – und setzen auf quiet firing.

Motiv 2: Der Boss hat dem Unternehmen selbst innerlich schon den Rücken gekehrt

Ein direkter Vorgesetzter hat selbst „leise“ gekündigt und geht seiner derzeitigen Aufgabe als Manager nur halbherzig nach. Führung findet nicht mehr richtig statt, sodass Arbeitnehmer schnell das Gefühl bekommen, keine Anerkennung, Aufmerksamkeit oder Entwicklungschancen zu erhalten.

Wenn Vorgesetzte leise kündigen, äußert sich diese innere Einstellung genauso wie bei Angestellten. Wer zum leisen „Quitter“ wird, führt nur noch die notwendigsten Aufgaben durch, macht pünktlich auf die Minute Feierabend und verschwendet keine Zeit mehr, um Extras zu erledigen. Arbeit findet auf Sparflamme statt – und die hierdurch gewonnene Energie wird in die mentale Gesundheit und das Privatleben investiert.

Motiv 3: Vorgesetzte meiden das Kündigungsgespräch, weil sie Konflikte verdrängen

Jemanden leise zu kündigen, ist ein äußerst passives Verhalten. Manchmal steckt hinter diesem Verhalten die Angst vor dem Konflikt. Wer als Chef die Verantwortung nicht übernehmen möchte, um eine Kündigung auszusprechen, wählt den einfachen Weg. Mitarbeiter werden subtil so weit ins Abseits getrieben, dass sie selbst gehen wollen – und schließlich kündigen. Diese Aufgabe muss der Boss nun nicht mehr übernehmen und ist fein raus.

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Motiv 4: Vorgesetzte besitzen nicht die Fähigkeit, durchzugreifen

Dieser Punkt ist eng verwandt mit der Angst vor dem Konfliktgespräch. Einige Chefs bringen es nur schwer übers Herz, Klartext zu reden und Mitarbeitern ehrlich mitzuteilen, was nicht funktioniert und dass die Arbeitsleistung vielleicht nicht stimmt. Wer nicht durchgreifen kann, weil die Fähigkeit dazu fehlt, wählt ebenfalls den passiven Weg.

Was kann ich dagegen tun?

Du bist selbst davon betroffen und merkst, dass dich dein Unternehmen vielleicht aus dem Betrieb haben will? In zwei Schritten findest du heraus, ob du mit deinen Gedanken richtig liegst.

Schritt 1: Führe ein vertrauensvolles Gespräch mit anderen Mitarbeitern

Geht es deinen Kollegen ähnlich wie dir? Wenn eine größere Gruppe feststellt, dass die Führungskräfte sich seltsam verhalten, kann es schlicht und ergreifend an einer toxischen Arbeitskultur liegen. Dann ist es nicht unbedingt leises Feuern.

Wenn du dich den anderen jedoch anvertraust und merkst, dass nur du betroffen bist, könntest du mit deiner Vermutung richtig liegen: Möglicherweise stimmt etwas nicht und dein Arbeitgeber versucht dich aus dem Unternehmen zu bekommen. Das ist zwar bitter. Zugleich bekommst du etwas Gewissheit und kannst einschätzen, woran du bist.

Schritt 2: Suche das Gespräch mit deinen Vorgesetzten

Du kommst nicht drumherum: Wenn du ganz sicher sein möchtest, solltest du mit deinem Chef sprechen. Die offene Kommunikation verhindert Missverständnisse.

Bleibe professionell. Aber rede auch nicht „um den heißen Brei“. So brichst du endgültig das passive Schweigen, welches zwischen euch steht. Wenn du das Gefühl hast, ungerecht behandelt zu werden, bei Beförderungen nicht berücksichtigt zu werden, Aufgaben zu bekommen, die dich unterfordern, hast du das Recht, die Gründe zu erfahren. Im schlimmsten Fall bewahrheiten sich deine Befürchtungen.

Aber im besten Fall stellst du fest, dass es sich vielleicht um ein strukturelles Problem handelt, welches wenig mit dir zu tun hat. Und auch das hat seine Vorteile. Denn für Unternehmen wird es spätestens jetzt höchste Zeit, etwas zu verändern.

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Wichtig ist, sich willkommen zu fühlen

Für Arbeitnehmer lohnt es sich nicht immer, um ihren Arbeitsplatz zu kämpfen, wenn sie nicht willkommen sind. Denn die allgemeine Arbeitsatmosphäre und das Verhältnis zum Chef sind wichtige Faktoren, um motiviert zu bleiben. Stimmen diese Faktoren nicht, sind es mögliche Gründe, den Job zugunsten einer anderen Stelle aufzugeben.

Wenn du tatsächlich subtil aus dem Unternehmen gedrängt wirst, solltest du dir deshalb gut überlegen, ob du bleiben oder gehen möchtest. Wie auch immer du dich entscheidest – es gibt ausreichend Arbeitgeber und Unternehmen mit gesunden Arbeitskulturen, die deine Arbeitskraft, gerade weil so viele Fachkräfte fehlen, zu schätzen wissen und mit offenen Armen begrüßen.

Bildnachweis: SeventyFour/istockphoto.com