Insgesamt hat die Akzeptanz von homosexuellen Menschen im öffentlichen Leben Deutschlands im vergangenen Jahrzehnt stark zugenommen. Politiker, Künstler, TV-ModeratorInnen haben sich geoutet. Doch wie sieht es im Management aus?

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In den Führungsetagen hierzulande ist Homosexualität nach wie vor ein Tabuthema – auch wenn es immer wieder heißt, „Diversity“ (Vielfalt) sei das Gebot der Stunde. Es gibt nur wenige Ausnahmen wie den Vorstand eines bekannten Unternehmens aus der pharmazeutischen Industrie. Er begründet seine Entscheidung, sich zu seinem Schwulsein zu bekennen, damit, schon im Interesse seines Partners offen und transparent damit umgehen zu wollen. Gleichzeitig betont er, dass es ihm wichtig ist, diese Entscheidung unabhängig von seiner Arbeit und dem Unternehmen zu fällen. Als vorbeugende Maßnahme gegen Vermutungen und Spekulationen betrachtet der Pharmakonzern-Chef sein Coming-out ebenfalls.

Eine derartige selbstbewusste Haltung findet sich nicht oft in der Wirtschaft. Es gibt einen bekannten Finanzinvestor, der seine Homosexualität nicht verschwiegen hat, ansonsten jedoch hört man kaum etwas darüber. Sieben bis zehn Prozent der Bevölkerung ist gleichgeschlechtlich veranlagt – statistisch müsste also etwa ein Dutzend aller Dax-Vorstände so gepolt sein. Doch offenbar greifen statistische Werte nicht in den Chefetagen deutscher Firmen: Die Riege der Dax-Vorstände (183 Männer und zwei Frauen) tritt nach außen wie ein von Schwulen befreiter Herrenclub auf.

Hürde auf dem Weg nach oben

Politiker wie Guido Westerwelle, Klaus Wowereit oder der frühere Hamburger Bürgermeister Ole von Beust machen keinen Hehl aus ihrer Veranlagung, zeigen sich auch in der Öffentlichkeit mit ihren Lebensgefährten. Undenkbar im Top-Management: Dort gelten ungeschriebene Gesetze, die auf konservativen und heterosexuellen Normen beruhen. Insofern weiß jeder, der auf der Karriereleiter ganz nach oben will, dass er sich besser nicht outet, um auf der beruflichen Laufbahn nicht auszurutschen.

Schwule Männer und Frauen haben es im geschlossenen Machtbereich des Top-Managements schwer, weil sie als Außenseiter gelten und die überkommenen Strukturen durcheinanderbringen. Genau so begründet ein Unternehmensberater und Diversity-Fachmann die Lage. Gleichgeschlechtliche Liebe habe auf der Vorstandsebene nichts verloren – wobei das, was sich möglicherweise hinter den Kulissen abspielt, auf einem anderen Blatt steht.

Es mag manchen erstaunen, welches homophobe Klima in den Schaltzentralen des obersten Managements herrscht, zumal doch nahezu alle Unternehmen inzwischen durchgeholt haben, wie sie mit einer Minderheiten gegenüber aufgeschlossenen Politik ökonomisch punkten können. Schließlich belegen die Ergebnisse mehrerer Studien, dass „Diversity“ zu effektiverer Arbeit im Team führen und zudem die Innovationskraft in den Unternehmen erhöhen kann. Außerdem verbessert es das Firmen-Image, wenn die Vielfalt gefördert wird, sowie den Status als begehrte Adresse für begabten Nachwuchs und ehrgeizige Jungmanager.

Diversity ja – Schwule nein

Wegen der vielen Vorzüge, die ein gut durchmischtes Personal bietet, bezeichnen sich zahlreiche deutsche Firmen als Verfechter des Diversity-Managements. Lesbische Frauen und schwule Männer bleiben dabei jedoch ausgespart, eine entsprechende sexuelle Identität ist nicht einmal vorgesehen. Das Schlagwort „Diversity“ beschränkt sich fast ausschließlich auf die Förderung von Frauen, die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund sowie die Rücksicht auf ältere Mitarbeiter und deren Belange – davon ist jedenfalls ein BWL-Professor aus Düsseldorf überzeugt. Dieser Wissenschaftler hat es sich zur Aufgabe gemacht, das in etlichen deutschen Firmen vorherrschende Betriebsklima zu analysieren.

Seine Erkenntnisse: Es muss ja nicht gleich böser Wille dahinter stecken, wenn die Personalpolitik ungleich ausgerichtet ist. Fakt aber ist: Es gibt Diskriminierung, obwohl viele Fragen gesetzlich geregelt wurden. Ein Kölner Psychologe hat herausgefunden, dass jeder zweite Homosexuelle aus Angst vor Unverständnis oder Benachteiligung am Arbeitsplatz seine sexuelle Identität nicht preisgibt. Jeder Vierte unter denen, die sich geoutet haben, ist deswegen beleidigt worden. Fast genau so viele erleben angeblich sogar Psychoterror und Mobbing.

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Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz hat dazu beigetragen, dass Schwule in der Gesellschaft mehr respektiert werden. Doch stellen Experten fest, dass diese Entwicklung auf die Kultur und das Klima in den deutschen Unternehmen kaum Auswirkungen hat. Dabei ist es nicht von der Hand zu weisen, dass die sexuelle Orientierung im Arbeitsalltag durchaus eine Rolle spielt. Wenn auch intime Details üblicherweise kein Thema sind, so dominieren doch die Symbole des heterosexuellen Lebens: Ehering, Kinderbilder, Berichte vom Wochenende bei den Schwiegereltern …

Für den schwulen Kollegen, der Diskriminierung befürchtet und sich deshalb nicht outet, entsteht eine ungemütliche Situation, sobald das soziale Umfeld Gesprächsgegenstand wird: So erfinden manche Manager eine Lebensgefährtin, um sich nicht der Gefahr auszusetzen, den gesellschaftlichen Ansprüchen nicht gerecht werden zu können. Geht es allerdings ans „Vorzeigen“ der Partnerin, kommt es zu Ausflüchten und Ausreden. Sich bloß nicht verraten oder verplappern, ist die Maxime vieler Schwuler – ein kräftezehrender Prozess.

Vorurteile gegen Schwule sind auch abhängig von der Branche

Schwerindustrie und Landwirtschaft zählen zu den Bereichen, in denen sich Homosexuelle kaum trauen, Farbe zu bekennen. Wesentlich einfacher fällt dies den Mitarbeitern in der Werbung oder in den Medien. Bernd Schachtsiek, Vorsitzender des VK (Völklinger Kreis), setzt sich dafür ein, dass die Vorurteile gegen Schwule abgebaut werden. Irrationale Vorstellungen geistern durch manche Köpfe: Wer homosexuell ist, spielt entweder den harten Macker in der Lederkluft oder aber die „Tucke“ mit Perücke und Federboa.

700 Mitglieder gehören zum Bundesverband schwuler Führungskräfte. Dieser definiert sich als berufliches und privates Netzwerk. Regelmäßige Seminare sollen es erleichtern, z. B. „Erfolgreich schwul am Arbeitsplatz“ zu sein. Die Seminarteilnehmer lernen u. a., kritische Situationen im Job zu meistern und offen mit ihrer Homosexualität umzugehen. Angeblich lässt sich diese sogar strategisch vorteilhaft für die Karriere nutzen – wenn etwa typische Kompetenzen mit ins Spiel kommen: So gelten schwule Mitarbeiter häufig als flexibler und anpassungsfähiger sowie als empathische und tolerante Teamplayer.

Damit nicht genug: Viele Schwule lernen es aufgrund ihres Empfindens, zu einer Minderheit zu gehören, oft frühzeitig, sich zu vernetzen und Krisen zu meistern. Wer offen zu seiner Homosexualität steht, kann zudem eine bessere und authentische Führungskraft werden. Viele Menschen werten es beispielsweise als ein Zeichen von Ehrlichkeit, wenn jemand nicht damit hinterm Berg hält. Wer den Mut zum Coming-out hat, lässt sich auch sonst nicht ins Bockshorn jagen, könnte eine weitere Folgerung sein.

Wen es interessiert – es gibt ein breites Netzwerk zum Thema GLBT (Gay, Lesbian, Bisexual und Transgender) im Wirtschaftleben. Schauen Sie mal unter Völklinger Kreis, Wirtschaftsweiber oder Amigas. Firmen-Stammtische oder unter „Milk“ – das ist die erste Karrieremesse speziell für homosexuelle Männer und Frauen.