Es sollte eine sachliche Notiz an die Kundschaft sein, doch die darauf enthaltenen Informationen brachten einem Friseursalon in Zwickau jetzt einen nationalen Shitstorm ein. Die harte Verdacht lautet: Der neue Friseur driskriminiere Frauen aufgrund seines religiösen Hintergrundes. Eine Welle der Empörung geht durch Deutschland und löst eine heftige Debatte zum Thema Geschlechterdiskriminierung, Religion und Flüchtlingskrise aus. Es scheint willkommenes Futter für die ohnehin erhitzten Gemüter unserer verunsicherten Gesellschaft zu sein. Dabei handelt es sich lediglich um ein handschriftliches Plakat, für welches der Friseursalon eine scheinbar vernünftige Erklärung hat.

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Inhalt
1. „Sehr geehrte Kundschaft…“, so beginnt das skandalöse Plakat
2. Gefundenes Fressen für die Internet-Community
3. Kulturelles Missverständnis als Zeichen für die Überforderung mit der Flüchtlingskrise?

„Sehr geehrte Kundschaft…“, so beginnt das skandalöse Plakat

Ein Plakat am Eingang eines Friseursalons Klier ist eigentlich nichts Ungewöhnliches. In der Regel wird darin auf die Suche nach Mitarbeitern verwiesen oder auf veränderte Öffnungszeiten in der Ferienabwesenheit. Doch der Wortlaut dieses Plakates hat den Leser so verärgert, dass er es kurzerhand fotografiert und ins Internet gestellt hat – mit verheerenden Folgen.

„Sehr geehrte Kundschaft,

aus personalbedingten Gründen bedienen wir vom 10.07.-15.07.2017 ab 16 Uhr keine Damenkunden. In diesem Zeitraum haben wir einen syrischen Herrenfriseur im Salon, der ausschließlich nur Herren bedient.

Vielen Dank für Ihr Verständnis“

(Anm. d. Red.: Rechtschreibfehler wurden verbessert)

Es waren diese Worte, welche an der Tür prangten und deutschlandweit eine Welle der Empörung auslösten. Bedient der syrische Herrenfriseur aus religiösen oder kulturellen Gründen keine Damen? Handelt es sich um eine offensichtliche und schamlos zur Schau getragene Diskriminierung der weiblichen Kundinnen des Salons? Keinesfalls, rechtfertigt sich dieser nun öffentlich. Es handele sich lediglich um einen speziell für Herren ausgebildeten Friseur, der deshalb aus Gründen der fehlenden Qualifikation keine Damen bedienen könne, so die durchaus nachvollziehbare Begründung des Salonbetreibers.

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Doch ein fader Nachgeschmack bleibt: Wieso ist es überhaupt notwendig, die syrische Herkunft des Friseurs zu erwähnen? Wieso gab es dann keine weniger verfängliche Formulierung à la:

„Da wir ab 16 Uhr nur noch einen Herren-, nicht aber einen Damenfriseur im Haus haben, können wir vom 10.07.-15.07.2017 Damenkunden leider nur bis 16 Uhr bedienen.“

Die Erwähnung der syrischen Herkunft sei aus Stolz auf die Vorbildfunktion der Firma geschehen, habe jedoch leider zu zahlreichen Missverständnissen geführt, erläutert die Stellungnahme von Klier weiter. Klingt glaubwürdig, ist es für PR-Experten auch. Schließlich wurde im Aushang explizit darauf hingeweisen, dass es sich um einen Herrenfriseur handelt.

Gefundenes Fressen für die Internet-Community

Für manche das eine völlig logische Schlussfolgerung und der Shitstorm löst in ihnen nichts als Belustigung aus:

Mit dem im Aushang erbetenen Verständnis kann der Friseursalon aber leider nicht bei allen rechnen. Stattdessen ist er nun damit beschäftigt, den Imageschaden nach dem Shitstorm in Grenzen zu halten. Doch während sich die einen über den Aushang selbst beschweren, empören sich andere über die Hetze. Dass die schlichte Kombination der Worte „syrisch“, „Damen“ und „Herren“ eine solche Welle der Empörung auslöst, ist für sie völlig übertrieben. Nicht wenige der Reaktionen auf Twitter, Facebook & Co waren weit unter der Gürtellinie, weshalb wir sie an dieser Stelle nicht wiedergeben. Sollte da also statt der Frage, wieso der Friseursalon seine Plakate in Zukunft geschickter formulieren sollte, nicht eher jene nach den Problemen unserer Gesellschaft im Raum stehen? Danach, wie eine simple Notiz eine solche Welle an Hass freisetzen kann?

Kulturelles Missverständnis als Zeichen für die Überforderung mit der Flüchtlingskrise?

Es sei eine Diskriminierung an sich, dass Friseure in Syrien nur zum Herren- oder Damenfriseur ausgebildet werden. Diese Geschlechtertrennung sei in Deutschland nicht üblich, heißt es aus dem Lager der Kritiker. Aber sollten nicht genau an dieser Stelle Toleranz und kulturelles Verständnis einsetzen? Zudem gibt es auch in Deutschland mittlerweile immer mehr auf Herren spezialisierte Friseure, sogar ganze Friseursalons. Wieso? Weil eine spezialisierte Fachkraft auf ihrem Gebiet meist besser ist als ein Allrounder. So lautet die logische Schlussfolgerung. Zudem ist es gewiss nicht unsere Aufgabe, die Ausbildungsmethoden für Friseure in Syrien an den Pranger zu stellen. Stattdessen sollten wir einmal einen kritischen Blick auf uns selbst werfen, das Thema Flüchtlingspolitik, Integration und Toleranz. Vielleicht war der Shitstorm schlussendlich dafür gut, den Fokus der Politiker auf die unterschwellig brodelnden Konflikte im eigenen Land zu lenken.

Stattdessen geht die Hetze weiter – gegen den Salonbetreiber, der Immigranten einstellt, gegen den bislang unbekannten Mitarbeiter, der das Hinweisschild geschrieben hat, gegen die Marke Klier insgesamt und gegen alle Politiker, Unternehmen, Magazine und Seiten in sozialen Netzwerken, die das Thema aufgreifen. Wie so oft im Internet, steckt da vielleicht auch einfach nur Langeweile, Angst oder eine persönliche Unzufriedenheit der „zutiefst empörten“ User dahinter.

Oder was denken Sie?