Frank Rechsteiner ist Inhaber der Hype Group, die auf Executive Recruiting und Strategieberatung für IT-Unternehmen spezialisiert ist. Zuvor hatte er langjährige Führungspositionen bei internationalen IT-Anbietern inne. Mit regelmäßigen Umfragen und Studien ermittelt er Trends im Arbeits- und Bewerbermarkt in der IT-Branche. Darüber hinaus schreibt er als Autor für den Springer Gabler-Verlag, neben dem eingangs erwähnten Buch „Kulturbasiertes IT-Recruiting“ zum Beispiel auch das Essential „Erfolgreiches IT-Recruiting trotz Fachkräftemangel“. Heute verrät er uns im exklusiven Interview, was es mit dem „kulturbasierten Recruiting“ auf sich hat, vor welchen Herausforderungen speziell die IT-Branche derzeit steht und weshalb Headhunter nicht die passende Lösung sind.

Frank Rechsteiner ist Inhaber der Hype Group, die auf Recruiting und Strategieberatung für IT-Unternehmen spezialisiert ist.
Foto: Frank Rechsteiner

Arbeits-Abc: Guten Tag Herr Rechsteiner. Vielen Dank, dass Sie sich zu diesem Interview bereit erklärt haben. Skizzieren Sie unseren Lesern doch eingangs kurz Ihren Werdegang: Wie kam es zu Ihrer Spezialisierung auf die Personal- und Strategieberatung für IT-Unternehmen?

Frank Rechsteiner: Ich habe 15 Jahre als IT & Unternehmensberater bei SAP Partner Unternehmen in verschiedenen Rollen gearbeitet. Danach habe ich die Hype Group mit folgenden Zielen gegründet:

  1. Executive Personalvermittlung von IT & SAP Führungspersönlichkeiten
  2. HR Strategieberatung für SAP und IT Partner

Ich kenne das Geschäft der IT Unternehmen und somit Ihre speziellen Herausforderungen aus eigener Erfahrung. Aus diesem Grunde biete ich heute eine Gesamtdienstleistung speziell für diese Unternehmen an.

Arbeits-Abc: Was hat es mit dem Begriff des „kulturbasierten Recruitings“ auf sich? Würden Sie uns dieses kurz erläutern?

Frank Rechsteiner: Da möchte ich ein wenig ausholen und mit der These starten: Wie kommen Sie von Ihrer gelebten Unternehmenskultur zum authentischen Recruiting? Das ist meiner Meinung nach die entscheidende Frage, die sich heute und in den kommenden Jahren Unternehmen stellen werden, um neue passende Mitarbeiter zu finden und Ihre vorhandenen zu halten. Wie komme ich zu dieser Aussage? In den letzten Jahren habe ich beobachtet und in vielen Gesprächen mit Geschäftsführern und Kandidaten festgestellt, dass erfolgreiches und nachhaltiges Recruiting bei Unternehmen stattfindet, die a) ein klares Unternehmensprofil und -kultur nach außen darstellen und b) keine Versprechungen an Kandidaten im Recruiting Prozess machen, die sie später nicht halten können oder werden. Sobald Unternehmen aufhören, sich besser darzustellen als Sie tatsächlich sind, um neue Mitarbeiter zu gewinnen, und sich stattdessen ihrer Ist- und gelebten Kultur bewusst werden, umso eher haben sie die Chance, die zu Ihrem Unternehmen passenden Mitarbeiter zu gewinnen – im “Cultural-Fit”-Sinne. Nur wer weiß, was ihn ausmacht, kann feststellen beziehungsweise bewerten, welcher Kandidat zu ihm passt. Auf dieser Basis habe ich das Modell des „kulturbasierten Recruitings“ entworfen.

Arbeits-Abc: Vor welcher Problematik stehen IT-Arbeitgeber Ihrer Meinung nach denn derzeit, sodass ein Umdenken im Recruiting überhaupt notwendig ist?

Frank Rechsteiner: IT – Arbeitgeber stehen meiner Meinung nach vor drei Hauptherausforderungen im Recruiting:

  1. Aus einem arbeitgeberorientierten Recruiting Markt ist ein Arbeitnehmermarkt geworden! Das heißt im Klartext, dass sich IT-Experten und Führungspersönlichkeiten ihren neuen Arbeitgeber aussuchen können. Die Unternehmen und somit Ihre Recruiting Abteilungen rekrutieren aber noch aus einer Sicht des Arbeitgebermarkts und somit haben Sie heute oft große Probleme, das passende Personal zu finden. Sobald HR- und Recruiting Abteilungen diese Chance verstehen, werden sie ihre Kandidaten und ihre Vorgehensweise komplett verändern.
  2. Die passenden Mitarbeiter im Sinne von „Cultural Fit“ zu finden! Früher wurden mit dem Fokus „Skills“ Mitarbeiter analysiert, gewählt und danach eingestellt. Heute stehen Sie als Unternehmen vor der Herausforderung, dass Ihre Fachabteilungen Kandidaten bevorzugen, die im Sinne der Kultur zu Ihnen passen. Fehlende Skills lassen sich sehr einfach und schnell trainieren – jedoch ist eine nicht passende kulturelle Prägung ein „No-Go“. Die Erfahrung der letzten Jahre und der herrschende Fachkräftemangel haben genau diesen Trend bestätigt.
  3. Wie sieht unsere gelebte Unternehmenskultur aus – wie erzeuge ich ein klares Profil? Wenn Sie die kulturell passenden Mitarbeiter finden möchten, dann sollten Sie auch wissen, wie Ihre gelebte „IST-Kultur“ in den einzelnen Fachabteilungs-Teams aussieht. Bisher sind die meisten HR-Manager davon ausgegangen, dass die Wunschkultur – meist von Unternehmensleitung vorgegeben – der Realität entspricht, jedoch liegt hierin ein großer Denkfehler. Fragen Sie mal Ihre Berater und Business-Mitarbeiter, die werden Ihnen genau erzählen, dass Ihre gelebte Unternehmenskultur anders gestaltet ist. Auf dieser Basis möchten Sie dann ein ehrliches und authentisches Profil für Ihre kommenden Bewerber und Kandidaten aufbauen.

Arbeits-Abc: Warum sind diese Unternehmenskultur sowie das Personalmanagement Ihrer Meinung nach der Schlüssel zu erfolgreichem Recruiting?

Frank Rechsteiner: Damit qualifizierte Mitarbeiter gewonnen und langfristig gehalten werden können, dürfen sie von den Arbeitgebern keine Mogelpackungen erhalten. Klar und deutlich muss nach außen kommuniziert werden, welcher Kultur das Unternehmen verpflichtet ist. Manchmal müssen Arbeitgeber auch eine neue Kultur entwerfen. Dabei gibt es zwar keine Quick-Wins, doch die Vorteile sind nachhaltig. Denn nur mit einer transparenten IST-Kultur ist ein erfolgreiches und authentisches Recruiting möglich.

Arbeits-Abc: Was gibt es an „herkömmlichen“ Methoden zur Personalgewinnung und -bindung denn auszusetzen?

Frank Rechsteiner: Letztendlich nichts, sofern diese für Sie und Ihr Unternehmen erfolgreich sind und funktionieren. Sollte dies nicht der Fall sein, dann dürfen Sie sich Gedanken machen, welche neuen Methoden zur Ihrem Unternehmen und Ihrer Kultur passen. Bitte rennen Sie nicht jedem Trend hinterher. Es ist sehr wichtig, dass Sie in Abhängigkeit Ihrer Zielgruppe einen Mix aus Methoden entwickeln, die zu Ihnen passen. Copy and Paste führt sicherlich nicht zum Ziel, da bin ich mir sicher. Ihre Recruiting-Strategie spiegelt Ihre Unternehmens-DNA wieder.

Arbeits-Abc: Greifen deshalb so viele IT-Arbeitgeber momentan auf Headhunter zurück und warum halten Sie diesen Schritt nicht für sinnvoll?

Frank Rechsteiner: Viele Unternehmen greifen aus reiner Verzweiflung auf Headhunter zurück, da sie ihren aktuellen Personalbedarf selbst nicht mehr decken können. Auf bekannten Karriereplattformen bekommen sie fast keinen Rücklauf mehr und über Stellenanzeigen brauchen wir uns auch nicht mehr zu unterhalten. Meiner Meinung nach müssen Sie in der Zusammenarbeit mit Headhuntern folgende Regel anwenden: „Wer nicht 90 Prozent seines Personalbedarfs selbst decken kann, hat ein echtes Recruiting Problem“. Kurzfristig werden Ihnen Headhunter vielleicht helfen, jedoch langfristig löst das nicht Ihr Kernproblem.

Arbeits-Abc: Für wie wichtig halten Sie angesichts dieser aktuellen Entwicklung das Employer Branding?

Frank Rechsteiner: Prinzipiell halte ich den Employer-Branding-Ansatz vom Kern her für hervorragend. Das heißt als Unternehmen schärfe ich mein Unternehmensprofil so klar und präzise, dass meine Brand unverwechselbar ist. Sollte Ihre Brand in Abstimmung mit Ihrer Unternehmenskultur stehen, dann agieren Sie automatisch ehrlich und authentisch – das muss das Ziel sein. Jedoch haben mir in den letzten Jahren Kandidaten und Unternehmen davon berichtet, dass die Unternehmen sich nach außen viel besser darstellen, als sie im Kern tatsächlich sind. So zeigt meine Beobachtung, dass neu eingestellte SAP-Spezialisten immer wieder aus allen Wolken fallen, wenn sie schon nach kurzer Zeit erfahren, was sich hinter dem „kollegialen Arbeitsklima“ und den „spannenden Kundenprojekten“ in Wahrheit verbirgt. Sie fühlen sich zurecht belogen und suchen nach einer Möglichkeit, das Unternehmen schnellstmöglich wieder zu verlassen. Meiner Meinung nach sollte im Employer Branding keine Werbung gemacht werden, sondern sich die interne Unternehmensrealität darstellen. Sollte Ihnen diese nicht gefallen, dann dürfen Sie als Unternehmen beginnen, an Ihrem Kern zu arbeiten.

Arbeits-Abc: Wo liegen dabei in der IT-Branche die Schwierigkeiten? Weshalb haben so viele Unternehmen Probleme mit der Entwicklung einer attraktiven Arbeitgebermarke?

Frank Rechsteiner: Meiner Meinung nach gehen die IT-Unternehmen diese Herausforderung einfach von der falschen Seite an. Aktuell versuchen die Unternehmen darzustellen, welch gute Projekte sie haben und wie gut das Team ist – so weit so gut. Doch viel interessanter für die neuen Mitarbeiter beziehungsweise Bewerber ist es doch, einen ganz konkreten Einblick in das Tagesgeschäft zu erhalten – wie sieht die Welt im „Real Life“ aus? Jeder Bewerber geht beim Wechsel ein gewisses Risiko ein. Das gilt es von Anfang an zu minimieren. Ich kann mich hier nur wiederholen: Unternehmen müssen beginnen, sich ihrer gelebten Unternehmenskultur bewusst zu werden, um danach in der Lage zu sein, eine neue Wunschkultur zu definieren und dann einen Deltaabgleich zu machen sowie ihre Recruiting-Aussagen und -Versprechen danach auszurichten. Nur dann werden sie authentisch! Es besteht eine klare Korrelation zwischen der gelebten Unternehmenskultur und einem erfolgreichen sowie authentischen Recruiting. Dies bestätigen meine Firmenbeispiele im Buch.

Arbeits-Abc: Inwiefern kann Ihr „Sechs-Punkte-Plan“ beziehungsweise Ihre „Hype-Strategie“ an dieser Stelle helfen?

Frank Rechsteiner: Die „Hype-Strategie“ versetzt Firmen und Leser in die Lage, zu verstehen, was ihre Mitarbeiter wirklich wollen. Nur, wenn sie die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe verstehen, können sie ihre Kommunikation und ihre Handlungen danach ausrichten. Des Weiteren habe ich Firmen interviewt, die diesen Prozess schon durchlaufen und sehr gute Erfahrungen damit gemacht haben. Somit versetze ich den Leser in die Lage, von diesen Erfahrungen zu profitieren.

Arbeits-Abc: Welche Vorteile bringt diese Strategie sowohl für Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer mit sich?

Frank Rechsteiner: Für die Arbeitgeber entstehen folgende Vorteile:

  • Aufbau einer klaren und somit unverwechselbaren Marke
  • Erkennen seiner gelebten Unternehmenskultur für einen „Cultural-Fit“-Abgleich
  • Erkennen der tatsächlichen Mitarbeiterbedürfnisse
  • Ausrichtung der Recruiting Kommunikation auf Ihre Zielgruppe

Für Arbeitnehmer entstehen zudem folgende Vorteile:

  • Finden und Identifizieren eines passenden Arbeitgebers mit klarem Profil
  • Auflösung der „Blackbox“: Was erwartet mich tatsächlich beim Wechsel?
  • Ein Arbeitgeber, der mir ein Umfeld bietet, das mich vollständig befriedigt und auf meine Bedürfnisse eingeht.

Arbeits-Abc: Lassen sich personelle Fehlentscheidungen dadurch reduzieren und wieso ist das überhaupt wichtig?

Frank Rechsteiner: Die ganze HR Welt redet seit Jahren Monaten vom „Cultural Fit“. Das heißt, es werden Mitarbeiter gesucht, die von ihren Werten und Zielen zu Ihnen als Unternehmen passen. Da ist doch von zentraler Bedeutung, dass Sie als Unternehmen erstmal verstehen, wofür Sie stehen und welche Werte für Sie wichtig sind. Ich rede nicht von den definierten Vision & Mission Statements der Geschäftsführung, sondern dies muss von den Mitarbeitern gemacht werden. Das ist der entscheidenden Punkt, denn Kultur lässt sich nicht verordnen! Danach werden sich die personellen Fehlentscheidungen nachweislich reduzieren lassen.

Arbeits-Abc: Inwiefern haben Startups in dieser Hinsicht vielen etablierten Unternehmen etwas voraus?

Frank Rechsteiner: Weil Startups von Anfang an ein klares Profil haben und jedem Bewerber ist klar, auf was er sich dabei einlässt. Jedoch sind die Werte und Ziele ganz klar zu erkennen. Schauen Sie sich einfach die Gründer an und Sie wissen, welche Werte wichtig für das Unternehmen sind.

Arbeits-Abc: Was können sich IT-Arbeitgeber von diesen abschauen? Welche Erkenntnisse sollten sie auf ihr Employer Branding anwenden?

Frank Rechsteiner: Hinsichtlich klarer Werte, Ziele und Profile können sich die Unternehmen einiges abschauen! Jedoch weise ich darauf hin, dass eine Kopie der Recruiting Prozesse und Employer Branding Strategie scheitern wird. Sie müssen als Unternehmen für sich definieren: Für was stehen wir ein? Wie möchte ich wahrgenommen werden? Um ein kulturbasiertes und authentisches Recruiting aufzubauen, gibt es kein Best Practice, sondern Sie stellen Ihre eigene DNA dem Markt zur Schau. Jedes Unternehmen hat eine DNA und eine Kultur.

Arbeits-Abc: Würden Sie die Kernpunkte Ihrer „Hype-Strategie“ abschließend noch einmal kurz zusammenfassen?

Frank Rechsteiner: Die Hype Strategie teilt Ihnen mit, was Ihre Mitarbeiter beziehungsweise Bewerber wirklich wollen und zukünftig von Ihnen erwarten.

  1. Geben Sie Ihren Mitarbeitern größtmögliche Eigenverantwortung!
  2. Kommunizieren Sie ehrlich und direkt!
  3. Setzen Sie Ihre Mitarbeiter nach ihren individuellen Stärken und Vorlieben ein!
  4. Machen Sie deutlich, wofür Ihr Unternehmen steht!
  5. Unterstützen Sie Ihre Mitarbeiter bei der Selbstverwirklichung!
  6. Weg mit Bürokratie und Hierarchie!

Wenn Sie diese sechs Punkte umsetzen, dann schaffen Sie die Rahmenbedingungen, damit Ihre Mitarbeiter und Bewerber optimal arbeiten und somit Höchstleistungen erbringen. Sie werden mit Leistung und Vertrauen von Ihren Mitarbeiters dafür belohnt.

Arbeits-Abc: Was genau bedeutet jetzt also „kulturbasiertes“ IT-Recruiting?

Frank Rechsteiner: Aufbau eines authentischen und ehrlichen Recruitings auf Basis Ihrer gelebten Unternehmenskultur.

Arbeits-Abc: Inwiefern kann Ihr Buch „Kulturbasiertes IT-Recruiting“ den IT-Arbeitgebern weiterhelfen?

Frank Rechsteiner: Es zeigt den Lesern auf Basis von konkreten Unternehmensbeispielen, was ihre Mitarbeiter wirklich wollen und wie sie ein authentisches und ehrliches Recruiting auf Basis ihrer gelebten Unternehmenskultur aufbauen.

Arbeits-Abc: Wie können Interessierte Sie erreichen, wenn diese eine persönliche Beratung wünschen?

Frank Rechsteiner: Am besten per E-Mail: info@hypeonline.de

„Kulturbasiertes IT-Recruiting: Warum Headhunter für Ihr Unternehmen überflüssig sind.“
Foto: Frank Rechsteiner/Springer Gabler

Frank Rechsteiner ist Inhaber der Hype Group, die auf Recruiting und Strategieberatung für IT-Unternehmen spezialisiert ist. Seine Thesen sind aus seinem Buch „Kulturbasiertes IT-Recruiting: Warum Headhunter für Ihr Unternehmen überflüssig sind.“ abgeleitet, das bei Springer Gabler erschienen ist. Das 116-seitige Taschenbuch kann für 24,99 Euro unter www.springer.com/de/book oder im Buchhandel unter ISBN 978-3-662-54679-6 bezogen werden.