Ein deutlicher Trend zeichnet sich ab: Immer öfter gehen Berufstätige wieder zur Uni. Daraus ergibt sich nicht nur eine Herausforderung für die Spätstudenten, sondern auch die Hochschulen müssen sich darauf einstellen.

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Gehören Sie auch zu den Menschen, die ihren alten Traum von einem Studium nicht an den Nagel gehängt haben? Manch einer musste wie Sie dieses Ziel wiederholt verschieben und Jahr um Jahr in einem Job verharren, der ihn eigentlich unterforderte. Die Gründe dafür sind unterschiedlich, aber oft liegt es daran, dass früh eine Familiengründung erfolgte und Geld verdienen angesagt war.

Zunehmend geben sich Arbeitnehmer in Deutschland mit Ende 30 einen Ruck, sagen sich: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ und nehmen endlich das Studium auf, das ihnen schon in jungen Jahren vorgeschwebt hat – oder ein ganz anderes. Lutz Hoffmann unterrichtet an der FOM Hochschule für Oekonomie und Management und beschäftigt sich mit Studierenden, die die 40 bereits überschritten haben. Nach seiner Einschätzung befindet sich die Entwicklung noch ganz am Anfang. Er rechnet damit, dass sich der Trend, mit über 40 ein Studium zu beginnen, erheblich verstärken wird.

Auf diese Weise könnten ältere Arbeitnehmer wieder mehr gefragt sein in den Unternehmen, zumal diese über die demografische Entwicklung und Probleme bei der Rekrutierung von Nachwuchsfachkräften klagen. Auf berufsbegleitenden Hochschulen beträgt der Anteil der über 40-jährigen Studenten zurzeit etwa ein Prozent, schätzt Lutz Hoffmann. Er geht davon aus, dass diese Quote in den nächsten Jahren um ca. fünf bis zehn Prozent steigen wird.

Ältere Studenten sind hoch motiviert…

… aber auf eine andere Art als ihre 20 Jahre jüngeren Kommilitonen, die gerade das Abitur in der Tasche haben. Wer im reiferen Alter studiert, schielt weniger auf die Karriere als auf die Bildungschancen, die ihm das Studium eröffnet. Entsprechend groß ist der Wissenshunger, der sich in grundsätzlichen Fragen und dem Bedürfnis, Zusammenhänge zu verstehen, ausdrückt. Das kann FOM-Professor Lutz Hoffmann ebenfalls bestätigen, der außerdem festgestellt hat, dass den an Jahren älteren Semestern wichtig ist, das neue Wissen in ihren Alltag zu integrieren.

Darauf sollten sich die Dozenten an den Hochschulen natürlich einstellen, mancher Lehrkörper wird umdenken müssen. Aber auch für die Spätstudierenden verläuft das Studium nicht ohne Anstrengung – schon allein deshalb, weil ihnen die heutzutage gefragten Lerntechniken nicht geläufig sind. Mancher staunt über das Talent der jungen Kommilitonen zum Auswendiglernen, andere stellen erhebliche Defizite bei ihren Mathematikkenntnissen fest und müssen eifrig „nachsitzen“.

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Erweiterung des Hochschulservice gefordert

Die neue Gruppe von Studierenden macht eine Neusortierung des Service-Angebotes an den Hochschulen erforderlich, betont Katharina Mahrt. Sie gehört dem Vorstand des FZS (Freier Zusammenschluss der Studentinnenschaften in Deutschland) an und steht auf dem Standpunkt, dass „Lehrende und Verwaltung sich vom klassischen Bild des Studierenden, welcher sich ausschließlich dem Studium widmen kann und keine weiteren Verpflichtungen wie Erwerbstätigkeit oder Familie hat, lösen und lernen müssen, mit mehr Verständnis auf die individuellen Lebensumstände der Studierenden besser einzugehen.“ Schöner kann man es wohl kaum sagen. ?

Es sei wünschenswert, dass lebenslanges Lernen der Selbstverwirklichung diene und die Wissbegierde stille, nicht etwa „der Anpassung an den sogenannten Markt“. Studenten ab 40 können Kurse belegen, um ihre Kenntnisse in Problemfächern wie Mathe oder Fremdsprachen zu verbessern. Viele Hochschulen haben Nachholbedarf hinsichtlich ihres Informationsangebotes, sagt Lutz Hoffmann, der zudem gesonderte Info-Veranstaltungen für die Zielgruppe „40plus“ fordert. Wie beispielsweise die Goethe-Universität in Frankfurt am Main: Dort werden Interessenten auf der Hotline für Studienberatung auf das Sonderprogramm „Studieren im dritten Lebensalter“ verwiesen. Dieses fasst verschiedene Fachbereiche in einzelnen Veranstaltungen zusammen, bietet jedoch keinen Studienabschluss.

Altersbeschränkungen und Bafög

Für alle Bewerber gelten – unabhängig von ihrem Lebensalter – dieselben Zugangsbeschränkungen. Es gibt laut Studienberatung der Goethe-Uni keine offizielle Altersgrenze. Es könne aber bei Bewerbern von über 60 Jahren vorkommen, dass sich die Hochschule nach deren Motivation für ein Studium erkundigt.

Beim Bafög (Bundesausbildungsförderungsgesetz) hingegen existiert eine festgeschriebene Altersgrenze. Diese liegt bei 35 Jahren, und wer älter ist, hat keinen Anspruch auf eine finanzielle Förderung. Diese Grenze soll nach oben verlegt werden, verlangt beispielsweise Achim Meyer auf der Heyde. Der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerkes verweist darauf, dass dieses bereits seit Längerem eine Bafög-Nivellierung fordere, weil es nicht sein könne, „dass Ältere zum Sozialfall werden, weil sie aus der Bafög-Förderung fallen“.

Arbeitgeber begrüßen den Trend

Sowohl bei der Politik als auch in der Wirtschaft findet die Entwicklung, im höheren Alter zu studieren, ein positives Echo. Schließlich wird seit Jahren von den Arbeitsmarktforschern ein einschneidender Fachkräftemangel angekündigt. Auch CDU-Bundesbildungsministerin Johanna Wanka gehört zu den Befürworterinnen und sagt:

Lebenslanges Lernen lohnt sich für Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

Deutschland könne nur davon profitieren, wenn es weit über dem EU-Durchschnitt liege im Hinblick auf die Weiterbildung – welche wiederum als „Schlüssel für die Innovationsfähigkeit von Unternehmen“ zu betrachten sei.

Matthias Jaroch, Sprecher des Deutschen Hochschulverbandes, hat ebenfalls nichts gegen Studenten über 40 einzuwenden. Allerdings müssten die Hochschulen auch die Möglichkeit erhalten, diesem Trend mit einem breiteren Service-Angebot und zusätzlichem Personal zu begegnen. Die derzeitige Situation an deutschen Hochschulen sieht nämlich so aus, dass auf 63 Studenten ein Dozent entfällt. Mit einer solchen Relation ist bei einer Umstellung auf noch mehr ältere Studenten kein Blumentopf zu gewinnen.

Zusatzinfos:

1. Wer neben dem Job studiert, sollte zehn bis zwanzig Wochenstunden einplanen – etwa neun davon für Vorlesungen, z. B. freitags und samstags. Der Rest geht fürs selbstständige Büffeln drauf.

2. Zu klären ist, ob Sie als Spätstudent dieses zusätzliche Pensum auf die Reihe kriegen. Das hängt entscheidend von Ihrer familiären, finanziellen, gesundheitlichen und zeitlichen Situation ab.

3. Nicht außer Acht zu lassen ist die Frage, ob Ihnen das Studium wirklich Freude macht. Wer ausschließlich seinen Ehrgeiz befriedigen möchte, gibt vielleicht vorzeitig auf.

4. Bisher sind die Info-Portale für berufsbegleitende Studiengänge im Internet alles andere als ausreichend. Deshalb müssen Sie als Interessent selbst recherchieren und gezielt die Hochschulen ansprechen, die in die engere Wahl kommen.

5. Sie messen die Qualität einer Lehranstalt daran, ob diese Methodenseminare zu Recherche und Informationsselektion anbietet. Bei den Zusatzangeboten für ältere Studenten sollten auch Mentoring-Programme sowie Auffrischungskurse für Mathematik und Fremdsprachen nicht fehlen.

Wer von Euch kann aus eigener Erfahrung zu- oder abraten, mit über 40 zu studieren?