Psychische Krankheiten wie Depressionen oder Angststörungen sind in der westlichen Gesellschaft weiter verbreitet, als Sie vielleicht denken. Mehr als zehn Prozent der Deutschen leiden eigener Aussage zufolge unter chronischen Depressionen. Nur spricht eben fast niemand darüber. Anders handhabt die US-Amerikanerin Madalyn Rose Parker den Umgang mit ihrer Krankheit. Sie nahm sich nun offiziell zwei Tage frei – wegen psychischer Probleme. Die Antwort ihres Chefs veröffentlichte sie kurzerhand über das soziale Netzwerk Twitter und schockierte damit das Internet.

Anzeige
Frau ist psychisch erkrankt und leidet unter Depressionen
Bildnachweis: © detailblick-foto – Fotolia.com

Inhalt
1. Es wird Zeit, die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen zu beenden
2. Jeder zehnte Deutsche leidet unter chronischen Depressionen
3. Der Arbeitsplatz der Zukunft braucht wieder mehr Menschlichkeit

Es wird Zeit, die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen zu beenden

Aber lassen Sie uns am Anfang der Geschichte beginnen:

„Liebes Team,
ich nehme mir heute und morgen frei, um mich auf meine mentale Gesundheit zu fokussieren. Ich werde hoffentlich nächste Woche wieder mit frischer Energie und zu 100 Prozent zurück sein.“

Diese kurzen Worte sendete Madalyn Rose Parker ihrem Chef via E-Mail. Die angestellte Entwicklerin geht seit vielen Jahren offen mit ihren chronischen Depressionen um. Ihre Beiträge in Magazinen sowie ihre Tweets erfreuen sich stets großer Beliebtheit. Schließlich traut sie sich, auszusprechen, was niemand anderes zu sagen wagt. Wieso? Weil eine psychische Erkrankung bis heute als Stigma wahrgenommen wird. Ein Thema, mit welchem wir uns bereits in folgendem Artikel auseinandergesetzt haben:

Lese-Tipp: „Psychotherapie – Ein Stigma, das Karrieren ruiniert

Aus diesem Grund halten viele Betroffene von psychischen Erkrankungen ihre Probleme geheim – privat, vor allem aber im Beruf. Klischees und Vorurteile rund um das Thema sind in der Gesellschaft weit verbreitet. So auch unter den Entscheidungsträgern in Unternehmen. Wer es wagt, seine Krankheit laut auszusprechen, setzt damit eventuell seine Karriere aufs Spiel. Davon lässt Madalyn Rose Parker sich offensichtlich nicht abschrecken, was nicht nur die Internet-Community, sondern auch ihren CEO höchstpersönlich beeindruckt. Seine Antwort geht um die Welt:

Mehr als 40.000 Likes und 13.000 Retweets zählt die E-Mail-Konversation mittlerweile auf der sozialen Plattform Twitter. In über 425 Kommentaren drücken die Leser ihre Bewunderung für den Mut der an Depressionen erkrankten Frau und die vorbildliche Reaktion ihres Chefs aus. Es sind Zeilen, welche die Internet-Community schockieren – aber auf eine positive Art und Weise:

„Hey Madalyn,
ich möchte mich persönlich dafür bedanken, dass Du E-Mails wie diese schickst. Sie dienen mir jedes Mal als Erinnerung, wie wichtig es ist, Krankheitstage auch für die mentale Gesundheit einzusetzen. Unglaublich, dass dies nicht in allen Unternehmen bereits zum Standard gehört. Du gehst mit gutem Beispiel voran und hilfst uns dabei, die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen zu beenden, sodass wir alle am Arbeitsplatz einfach wir selbst sein können.“

Es ist ein Weckruf zur richtigen Zeit, der um die Welt geht: Wir müssen an der Akzeptanz psychischer Krankheiten arbeiten. Jetzt. Weltweit. Im privaten und beruflichen Kontext. Wir brauchen mehr CEOs wie Ben Congleton.

Jeder zehnte Deutsche leidet unter chronischen Depressionen

Wie wichtig Vorbilder à la Madalyn Rose Parker oder Ben Congleton wirklich sind, macht uns ein Blick auf aktuelle Statistiken deutlich: Laut Umfragedaten der europäischen Statistikbehörde Eurostat litten im Jahr 2014 eigener Aussage zufolge 10,6 Prozent der Deutschen an chronischen Depressionen. Tendenz steigend. Betroffen sind im gesamteuropäischen Durchschnitt etwas mehr Frauen (8,8 Prozent) als Männer (5,3 Prozent).

Infografik: Chronische Depressionen in Europa | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Depressionen als Krankheit sind so alt wie die Menschheit selbst. Schon vor vielen Jahrhunderten beschäftigten sich Dichter, Denker, Autoren, Musiker und Künstler jeder Art mit dem „Weltschmerz“. Ob sie in ihrer Zahl tatsächlich zunimmt oder sich einfach die Aufklärung verbessert hat, sodass die Krankheit häufiger erkannt und behandelt wird, sei einmal dahingestellt. Fakt ist einfach: Depressionen und weitere psychische Erkrankungen wie Angststörungen sind keine Einzelfälle, sondern ein Massenphänomen. Wieso also handhaben nicht mehr Unternehmen den offenen Umgang mit psychischen Beschwerden wie der Software-Hersteller Olark unter CEO Ben Congleton?

Der Arbeitsplatz der Zukunft braucht wieder mehr Menschlichkeit

Während ganz Twitter von der Reaktion des CEOs schockiert scheint, schreibt er selbst auf Medium:

„Wir schreiben das Jahr 2017. Ich kann nicht glauben, dass es immer noch so kontrovers ist, über die mentale Gesundheit am Arbeitsplatz zu sprechen. Schließlich nimmt einer von sechs Amerikanern verschreibungspflichtige Psychopharmaka ein.“

Doch bislang scheint in der westlichen Kultur kein Platz für psychische Erkrankungen zu sein. Sie werden immer noch als Schwäche ausgelegt und können im Berufsleben zur Diskriminierung und Benachteiligung führen. Dies hat Scham und Schweigen auf der Seite der Betroffenen zur Folge. Wenn es ihnen schlecht geht, erfinden sie Ausreden oder schieben eine akzeptiertere körperliche Erkrankung für ihre Krankschreibung vor. Es erfordert nach wie vor eine Menge Mut, mit psychischen Problemen wie einer Depression so offen umzugehen wie Madalyn Rose Parker. Doch auch sie musste sich zu diesem Schritt erst überwinden.

Ihre Krankheit verheimlichen zu müssen, ist für Betroffene nicht nur unglaublich anstrengend, sondern nagt auf Dauer auch am Selbstwertgefühl. Ihnen wird ständig gespiegelt, sie seien nicht in Ordnung und müssten in eine Rolle schlüpfen. Aus diesem Grund braucht es mehr mutige Vorbilder wie Madalyn Rose Parker, welche den offenen Umgang mit ihrer psychischen Erkrankung pflegen und dadurch eine Diskussion im Unternehmen sowie darüber hinaus anstoßen. Ihr Vorgehen führte zum Erfolg und der Arbeitgeber Olark überarbeitete seinen firmeninternen Regelungen im Umgang mit Krankheitstagen für die mentale Gesundheit. CEO Ben Congleton schreibt:

„As executives, we lead organizations made up of people who’ve come together to make an impact. Our job is to empower and motivate our teams to maximize the impact of our organization for our customers, our employees, our shareholders, and the world. At Olark our mission is to make business human, and from these comments it’s clear that not all leaders see the opportunity to increase impact by focusing on the humans that make up their organization.“ (Quelle: Medium.com)

Er gibt zudem konkrete Handlungsanweisungen im Umgang mit psychischen Erkrankungen für CEOs und Führungskräfte aus aller Welt:

  • Drücken Sie jedem Individuum im Team Ihre Dankbarkeit und Wertschätzung aus, und zwar regelmäßig. Beginnen Sie noch diese Woche!
  • Analysieren Sie den Einfluss Ihrer Unternehmenswerte auf den Umgang mit psychischen Erkrankungen und entwerfen Sie ein zukunftsgerichtetes Konzept, um Ihren betroffenen Angestellten ein Gefühl der Sicherheit und Toleranz zu vermitteln.
  • Kreieren Sie eine Atmosphäre der Unterstützung und durchbrechen Sie das Stigma bewusst, um für die gesamte Belegschaft mit gutem Beispiel voranzugehen.

Er ist sich sicher: Die Auswirkungen auf die Arbeitsatmosphäre und die mentale Gesundheit der Betroffenen werden enorm sein. Allein das Abfallen von Scham oder Druck zur Heimlichtuerei kann die gesundheitliche Situation der Mitarbeiter erheblich verbessern. Sie werden zudem positive Effekte auf Ihre Mitarbeitergewinnung und -bindung beobachten. Stichwort: Employer Branding. In Zeiten des fortschreitenden Fachkräftemangels sind neue Richtlinien im Umgang mit dem Massenphänomen „psychische Erkrankung“ daher in Zukunft unumgänglich.

Oder was denken Sie? Haben Sie selbst schon einmal als Betroffener oder Außenstehender Erfahrungen mit dem Stigma „psychische Krankheit“ gemacht? Kennen Sie ähnliche Positivbeispiele für den Umgang mit dem Thema in Unternehmen? Welche Änderungen würden Sie sich in Zukunft wünschen? Für wie realistisch halten Sie ein flächendeckendes Umdenken? Vielen Dank für Ihren Kommentar!