Dass Arbeit krank machen kann, ist längst bewiesen. Es sind aber nicht nur die Arbeitsinhalte oder das Betriebsklima, sondern auch die reine Arbeitsdauer, welche für Angestellte oder Selbstständige zur Belastung werden können. Wissenschaftler fanden nun heraus, dass vor allem Frauen unter zu vielen Arbeits- oder Überstunden leiden. Doch woher kommt dieser Unterschied zwischen den Geschlechtern?

1. Überstunden machen vor allem Frauen krank
2. Überstunden gehören auch in Deutschland zum guten Ton
3. Sind Männer also tatsächlich das stärkere Geschlecht?
4. Psychische Krankheiten bei Müttern nehmen rasend schnell zu
5. Was können Sie gegen die Doppel- oder Dreifachbelastung tun?
6. Liebe Frauen und Männer: Schrauben Sie Ihre Erwartungen zurück

Überstunden machen vor allem Frauen krank

Männer gelten gemeinhin als das stärkere Geschlecht. Diese Theorie scheint nun eine US-amerikanische Studie zu untermauern. Wissenschaftler an der Ohio State University fanden nämlich kürzlich heraus, dass schwere chronische Erkrankungen vor allem bei Frauen unmittelbar mit der Arbeitszeit zusammenhängen.

Die genauen Ergebnisse der im „Journal of Occupational and Evironmental Medicine“ veröffentlichten Studie sehen wie folgt aus:

  • Frauen, die mehr als 50 Stunden pro Woche arbeiten, haben ein deutlich höheres Risiko für chronische Krankheiten.
  • Zu diesen Erkrankungen zählen beispielsweise chronische Lungenkrankheiten, Krebs, Diabetes, hoher Blutdruck, Arthritis, Herzerkrankungen oder auch psychische Leiden, wie Depressionen.
  • Bei Frauen mit einer Wochenarbeitszeit von über 60 Stunden verdreifacht sich das Risiko für Arthritis, Herz-, Diabetes- und Krebserkrankungen.
  • Männer hingegen, bleiben trotz 40 bis 50 Wochenarbeitsstunden gesund, verzeichnen sogar ein sinkendes Risiko für Herzerkrankungen, Lungenkrankheiten oder Depressionen. Lediglich das Risiko für Arthritis steigt ab 40 Arbeitsstunden pro Woche leicht an.

Überstunden gehören auch in Deutschland zum guten Ton

Selbst, wenn diese Studie in den USA erstellt wurde, lässt sie sich eins zu eins auf Deutschland übertragen. Auch hierzulande gehören Überstunden trotz strenger Regelungen in großer Zahl zum Arbeitsalltag. Allein im Jahr 2014 machten die Deutschen insgesamt 1867,9 Millionen Überstunden. Knapp über eine Milliarde davon sogar unbezahlt.

Infografik: Deutsche machten 2014 über 1 Milliarde unbezahlte Überstunden | Statista
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Bei diesen Zahlen ist es wenig verwunderlich, dass für immer mehr Arbeitnehmer Überstunden zum Kündigungsgrund Nummer eins werden, vor allem in der noch jungen Generation Y.

Infografik: Junge Deutsche sehen vor allem Überstunden als Problem | Statista
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Sind Männer also tatsächlich das stärkere Geschlecht?

Auf den ersten Blick scheint das Fazit dieser Studie klar: Männer werden ihrem Ruf als das stärkere Geschlecht gerecht und kommen mit mehr Arbeit und Überstunden psychisch und physisch besser klar. Das ist allerdings – wenn überhaupt – laut Experten nur die halbe Wahrheit.

Während Mann in unserer Gesellschaft nämlich häufig „nur“ arbeitet, sind viele Frauen einer Doppel- oder sogar Dreifachbelastung ausgesetzt. Neben der Arbeit, kümmern sie sich nämlich noch um die Kindererziehung, Hausarbeit und immer mehr Frauen pflegen zeitweise sogar noch einen oder mehrere Angehörige.

Spätestens seit dem Pflegeneuausrichtungsgesetz stellt die häusliche Pflege eine unverzichtbare Säule des deutschen Pflegesystems dar. Dies wird sich in Zukunft sowohl durch den demographischen Wandel als auch den Fachkräftemangel bei professionellem Pflegepersonal weiter verstärken.

Statistik: Entwicklung der Anzahl von Pflegebedürftigen in Deutschland nach Geschlecht in den Jahren von 2005 bis 2030 (in Millionen) | Statista
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Zuletzt ändert sich durch die fortschreitende Emanzipation auch das Frauenbild in unserer Gesellschaft grundlegend: Auch, wenn der Verdienst des Mannes für die gesamte Familie völlig ausreichen würde, möchten immer mehr Frauen trotzdem zumindest in Teilzeit eine eigene Karriere haben. Gleichzeitig erhalten sie sich dadurch eine gewisse Unabhängigkeit von ihrem Lebens- oder Ehepartner, was in den Zeiten der steigenden Scheidungsraten nicht unbedingt ein Fehler ist. Je mehr eine Frau arbeitet und dadurch natürlich auch Rentenbeiträge bezahlt, umso geringer ist außerdem ihr Risiko der Altersarmut. Gründe, die dafür sprechen, auch als Mutter oder Pflegende arbeiten zu gehen, gibt es also viele. Doch angesichts dieser Doppel- oder Dreifachbelastung erscheint die Studie in einem gänzlich anderen Licht. Sind dann nicht vielleicht eher die Frauen das stärkere Geschlecht? Eine Antwort darauf wird und muss es nicht geben. Viel wichtiger ist, dass Sie für sich selbst – egal, ob Mann oder Frau – herausfinden, wo Ihre individuellen Leistungsgrenzen liegen und dass Sie diese akzeptieren lernen. Gegebenenfalls bedeutet dies, die Wochenarbeitszeit herunterzufahren, Überstunden zu reduzieren oder sich eventuell sogar dem Entweder-oder zu stellen. Tun Sie das nicht, setzen Sie dadurch vor allem als Frau ihre psychische und physische Gesundheit aufs Spiel.

Psychische Krankheiten bei Müttern nehmen rasend schnell zu

Erschreckend ist vor allem, wie schnell dieser Prozess voranschreitet. Allein zwischen 2004 und 2012 ist die Zahl der registrierten Mütter mit psychischen Erkrankungen um ein Drittel gestiegen. 

Experten machen dafür vor allem die Doppelbelastung sowie den wachsenden Zeitdruck und die mangelnde Anerkennung im Beruf verantwortlich. Tatsächlich werden Mütter in vielen Unternehmen nämlich nicht ernst genommen und die Geburt ihrer Kinder bedeutet das gleichzeitige aus ihrer Karriere. Jede zweite Frau gab in einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung an, dass sie ihre Karrierewünsche aufgrund ihrer Familie oder der Doppelbelastung in Kombination mit dem Beruf schon mindestens einmal ändern musste. „Nur“ Mutter zu sein, kommt aber dennoch für viele Frauen nicht infrage oder ist vor allem bei Alleinerziehenden aus finanzieller Sicht nicht immer möglich. Hauptsächlich bei folgenden psychischen Erkrankungen steigen die Zahlen der betroffenen Mütter in erschreckendem Tempo an:

Was können Sie gegen die Doppel- oder Dreifachbelastung tun?

Wer also nicht dazu bereit ist, entweder Mutter beziehungsweise Pflegerin oder berufstätig zu sein, hat eigentlich nur eine Wahl: Sie müssen lernen, so gut wie möglich Aufgaben abzulehnen oder zumindest zu delegieren. Ein „Nein“ kann dabei wahre Wunder bewirken. Viele Frauen haben Schwierigkeiten damit, Aufgaben zu delegieren. Die Folge: Sie versuchen alles selbst und dann auch noch zur absoluten Perfektion zu erledigen. Diese neue Geisteshaltung mag auch durch die „Power-Frau“ geprägt sein, welche uns Hollywood in modernen TV-Serien oder Blockbustern als realistisch verkaufen möchte. Die gute Nachricht lautet aber:

Eine solche immer gut gelaunte, stets perfekt gestylte, niemals erschöpfte und absolut erfolgreiche Power-Frau, die tagsüber im Beruf durchstartet, sich davor und danach liebevoll um ihre Kinder kümmert, die perfekte Ehe führt und am Feierabend dann auch noch mit ihren ebenfalls perfekt aussehenden Freundinnen die Bars unsicher macht, gibt es nicht.

Und sollte sie es doch irgendwo geben, so ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch sie nach fünf, zehn oder 15 Jahren im Burnout landet.

Liebe Frauen und Männer: Schrauben Sie Ihre Erwartungen zurück

Machen Sie sich also frei von diesen überzogenen Erwartungen an sich selbst und stoppen Sie die stetige Selbstoptimierung zugunsten eines realistischen Blickes auf ihr Leben:

  • Welche Aufgaben gilt es zu meistern?
  • Welche Tätigkeiten könnten Sie delegieren?
  • Müssen Sie wirklich immer 100 Prozent geben oder reichen vielleicht auch 80?

Außerdem gilt es eine absolute Grundsatzfrage zu klären: Wenn Kinder und Karriere sich ohnehin auszuschließen scheinen, ist dann nicht vielleicht doch das Entweder-oder die bessere Entscheidung? Allerdings sind auch die Männer an der Situation nicht unbedingt unschuldig. Der Soziologe Hans-Peter Blossfeld kritisiert nämlich, dass Männer den Emanzipationsgedanken nicht mittragen und dadurch keine ausreichende Unterstützung für ihre Frauen sind. Häufig ist ihnen die Doppelbelastung ihrer Partnerin nicht einmal bewusst. Sie folgen dem altmodischen Gedanken: „Ich bringe genug Geld nach Hause, also bin ich ein guter (Ehe-) Partner und Vater!“ Auf gut Deutsch bedeutet das, dass ihre Frau sich eben um den Rest kümmern soll, sprich Hausarbeit, Kindererziehung und eventuell die Pflege von Angehörigen.

Daher hier der Aufruf: Liebe Männer, machen Sie Ihre Augen auf und finden Sie eine faire Rollenverteilung, auch wenn diese vielleicht nicht dem traditionellen Vorbild entspricht. Vielleicht haben Sie ja eine solche auch bereits gefunden. Wenn ja, wie sieht sie aus?

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