Erst die Pandemie, jetzt Inflation und Energiekrise: Viele Menschen können sich derzeit kein neues Auto leisten oder müssen auf Restaurantbesuche verzichten. Oliver Noelting lebt freiwillig ohne Luxus. Macht seine Art zu leben tatsächlich glücklich?

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Warum schränkt er sich so ein? «Ich habe gar kein Gefühl von Verzicht oder Einschränkung», betont der schlaksige Software-Entwickler bei einem Treffen in einem Café am Stadtwald Eilenriede. «Sparen ist nicht das Hauptziel. Ich will ein möglichst erfülltes Leben führen.» Konkret bedeutet dies: Zeit für gemeinsame Erlebnisse mit Familie und Freunden statt langer Bürotage, Dinge selber machen statt sich berieseln zu lassen. Sein Ziel: Mit 40 Jahren so viel Geld zurückgelegt zu haben, dass er theoretisch in Rente gehen könnte.

Website bietet Einblicke in den Alltag

Einblicke in seinen Alltag gibt Noelting seit Ende 2015 im Internet auf www.frugalisten.de. Die Bezeichnung Frugalisten entwickelte er 2013 gemeinsam mit seinem Kumpel in einer Studenten-WG in Bremen, es sollte ein Wort sein, das nicht nach Frührente, invalide oder arbeitslos klingt. Sie seien beide Fans von Pete Adeney alias Mr. Money Mustache gewesen, erzählt Noelting. Er ist der bekannteste Vertreter der amerikanischen Fire-Bewegung. Fire steht für «financial independence, retire early», übersetzt «frühe Rente durch finanzielle Unabhängigkeit». Inzwischen gibt es unter deutschsprachigen Finanz-Influencern einige, die sich selbst als Frugalisten bezeichnen und teils auch Anlagetipps geben.

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Seine Webseite sei werbefrei und nicht-kommerziell, betont Noelting. Hier werden keine ETF zur Geldanlage angepriesen, vielmehr zeigt der Skateboard-Fan zum Beispiel seine neue, jetzt 69 Quadratmeter große Wohnung. 2016 schilderte er, wie er es schafft, monatlich nur 100 Euro für Lebensmittel auszugeben. Inzwischen sind es allerdings 191 Euro, wie er sagt. Einmal im Monat überträgt Noelting seine Ein- und Ausgaben in ein digitales Haushaltsbuch, eine «finanzielle Achtsamkeitsübung» nennt er das.

Verzicht auf Statussymbole

«Seit neun Jahren schreibe ich jeden Cent auf, den ich ausgebe», sagt der 1,87 Meter große Brillenträger, während er beim Verlassen des Cafés schnell den Preis für seinen Cappuccino mit Hafermilch in sein altes Smartphone tippt – 30 Euro hat er letztes Jahr für das Gerät aus dem Jahr 2016 ausgegeben. «Ich will ein Gammel-Handy haben, das ein bisschen langsamer ist.» So werde er nicht durch Apps abgelenkt und müsse auch keine Angst haben, dass sein Smartphone kaputt gehe. Der Verzicht auf jegliche Art von Status-Symbolen verschafft Noelting Freiheit.

Zurzeit ist er in Elternzeit, um sich gemeinsam mit seiner Freundin Joana um das vier Monate alte Baby und die dreijährige Tochter zu kümmern. Zuvor arbeitete er wöchentlich 24 Stunden als angestellter Software-Entwickler und maximal 5 Stunden freiberuflich. Von seinem monatlichen Netto-Einkommen in Höhe von 2300 Euro legte er etwa 1200 Euro zurück. Sein Vermögen ist inzwischen auf rund 190.000 Euro angewachsen. Schon mit 40 Jahren finanziell unabhängig zu sein, ist nicht mehr sein Hauptziel. Denn: «Jetzt sind die Kinder klein und süß, da will ich möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen.»

Trendforscher sehen Tendenz

Der Trendforscher Eike Wenzel hat bereits 2012 in dem Buch «Wie wir morgen leben werden» Frugalisten als eine Gruppe beschrieben. Allerdings definierte er sie anders als Noelting als Menschen mit geringen finanziellen Mitteln, die Wert auf Nachhaltigkeit legen. Derzeit gebe es in unserer Gesellschaft eine sehr starke Tendenz, unabhängig zu werden, sagt der Gründer des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) in Heidelberg. Das sei bis an den rechten Rand zu beobachten. Seit der weltweiten Finanzkrise 2008 sieht der Wissenschaftler ein wachsendes Misstrauen in die klassischen Institutionen gepaart mit dem starken Wunsch nach Freiheit.

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Bei Frugalisten wie Noelting kommen nach Wenzels Einschätzung mehrere Tendenzen der jungen Generation zusammen: das Ende der industriellen Arbeitsgesellschaft, der Trend zur Selbstoptimierung und die Hinwendung zur Familie. Auch die Überlegung, dass es mehr als Materielles gebe, und Spiritualität spielten eine Rolle.

«Plunder macht nicht glücklich»

Aus Sicht von Oliver Noelting war vor allem das Web 2.0 ein Motor für die Frugalismus-Bewegung, also die Möglichkeit, über Youtube und soziale Medien seine eigene Lebensweise zu präsentieren und Gleichgesinnte zu suchen und sich mit ihnen auszutauschen. Der Blogger sieht auch in der griechischen Philosophie, vor allem bei den Stoikern, Elemente des Frugalismus. Lebensfreude sei nicht durch Produkte und Dienstleistungen zu erkaufen. «Mich macht der ganze Plunder nicht glücklich», sagt er.

Für Noelting ist Frugalismus die ideale Lebensform in Zeiten von Pandemie, Inflation und Energiekrise. «Natürlich merken wir auch, dass alles teurer wird. Aber durch unsere Lebensweise ist am Ende des Monats immer noch Geld da, das wir sparen können.»

Die Lebensphilosophie sei die richtige, um in Zeiten von Klimakrise, Krieg und Energiekrise gut zurecht zu kommen, meint auch Florian Wagner. «Im ersten Jahr als angestellter Ingenieur 2018 habe ich gemerkt, dass ich mit jeder Gehaltserhöhung mehr ausgebe, aber dadurch nicht glücklicher bin», sagt der 35-Jährige aus Stuttgart. Dann habe er die Frugalismus-Bewegung entdeckt, seine Ausgaben hinterfragt, sein Leben geändert. 2019 erschien sein Buch «Rente mit 40». Inzwischen verdient Wagner, der die Internetseite www.geldschnurrbart.de betreibt, sein Geld nach eigenen Angaben ausschließlich online.

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Bildnachweis: Foto: Moritz Frankenberg/dpa