Gender-Pay-Gap, zu wenig Frauen in den Führungsetagen, Kinder als das Aus für die Karriere – die Ungleichheit der Geschlechter in der westlichen Arbeitswelt ist in aller Munde und schmückt als Thema viele unserer Artikel. Über die Gründe der Benachteiligung der weiblichen Riege ließ sich bislang aber immer nur spekulieren. Neueste Erkenntnisse lassen jetzt vermuten: Die Darstellung der Frauen in Führungspositionen durch die Medien könnte einen beachtlichen Anteil dazu beitragen.

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Inhalt
1. Gleichberechtigung in den Führungsetagen? Fehlanzeige!
2. 6 + 1 Gründe für die Benachteiligung des weiblichen Geschlechts
3. Die Medien kennen keine Gnade: Das Dilemma um Frauen in Führungspositionen
4. Das Privatleben weiblicher Führungskräfte scheint interessanter
5. Unternehmenskrise? Die Frau ist schuld!
6. Exkurs: Die meinungsbildende Funktion der Medien
7. Jede Medaille hat zwei Seiten: Das „schwache Geschlecht“ genießt mehr Nachsicht
8. Fazit: Deutschland befindet sich auf einem guten – aber steinigen – Weg

Gleichberechtigung in den Führungsetagen? Fehlanzeige!

Rund 27,7 Prozent der Führungskräfte in Deutschland waren im Jahr 2010 weiblich – Tendenz steigend. Im internationalen Vergleich handelt es sich hierbei um exzellente Zahlen: Der europäische Durchschnitt liegt bei rund 12,6 Prozent, in den USA sind es 16,3 Prozent (Quelle: Derstandard.at).

Statistik: Anteil von Frauen an Führungskräften in Deutschland 1996 und 2010 | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Aber gut ist an dieser Stelle eben nicht gut genug: Laut Statistischem Bundesamt verdienen Frauen immer noch durchschnittlich 21 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen in vergleichbarer Position. Und hier sieht die Prognose weniger rosig aus: In den letzten zehn Jahren war hier nur eine schleppende Verbesserung von knapp zwei Prozentpunkten zu beobachten (Quelle: Statistisches Bundesamt). Von Gleichberechtigung in den Führungsetagen kann also noch lange nicht die Rede sein und Deutschland sollte sich auf seiner Vorreiterrolle mit den 27,7 Prozent Frauenanteil in den Führungsetagen keinesfalls ausruhen.

6 + 1 Gründe für die Benachteiligung des weiblichen Geschlechts

Ein 50:50-Verhältnis werden wir allerdings erst erreichen, wenn wir die Gründe für die Ungleichheit in den Führungsetagen zu verstehen beginnen. An dieser Stelle geistern nämlich allerhand Spekulationen durch die Gesellschaft, welche sich laut einer auf Statista veröffentlichten Umfrage in fünf mögliche Ursachen bündeln lassen:

  1. Männerdominierte Entscheidungsgremien
  2. Schlechtes Selbstmarketing der Frauen
  3. Kinder als das Aus für die Karriere
  4. Schlechte Vernetzung
  5. Unternehmen haben Vorzüge der Diversity noch nicht erkannt
  6. Ausbleibende Förderung von Frauen

Statistik: Warum gibt es Ihrer Meinung nach in Deutschland so wenig Frauen in Führungspositionen? | Statista
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Nun veröffentlichte die GLOBALSTRATEGYGROUP allerdings den diesjährigen Gender Report (Stand 2016) und wirft damit eine völlig neue These in den Raum: Die Ungleichheit von Frauen in der Arbeitswelt könnte (teilweise) durch deren negative Darstellung in den Medien hervorgerufen werden. Nehmen wir diesen möglichen siebten Grund daher einmal genauer unter die Lupe!

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Die Medien kennen keine Gnade: Das Dilemma um Frauen in Führungspositionen

Zwar handelt es sich um eine US-amerikanische und nicht repräsentative Studie, doch gibt sie wichtige Hinweise in eine völlig neue Richtung: Könnte es sein, dass Frauen in Führungspositionen durch Medien negativer dargestellt werden als ihre männlichen Pendants und dass dies wiederum die Ungleichheit der Geschlechter weiter anheizt? Sprache ist schließlich ein mächtiges Werkzeug.

Der schönste Kunstgriff des menschlichen Geistes,
die Erfindung von Begriffen, ist die Quelle fast all seiner Irrtümer.
(Antoine Comte de Rivarol)

Tatsächlich konnte die Rockefeller Foundation in ihrem Gender Report Unterschiede in der Berichterstattung über die Männer beziehungsweise Frauen an der Spitze der Fortune 500 Unternehmen ausmachen – wo Frauen übrigens einen Anteil von gerade einmal vier Prozent besitzen. Dies beginnt bereits bei den kleinen aber feinen Differenzen in der Wortwahl:

Medienberichte über männliche CEOs verwenden bevorzugt die Wörter „Erfahrung“, „bewährt“ oder „Business“. Frauen hingegen werden eher mit „Wachstum“, „Strategie“ und „Wissen“ in Verbindung gebracht.

Diese Unterschiede in der Berichterstattung der Medien bezüglich Frauen in Führungspositionen mögen auf den ersten Blick zwar verwunderlich sein, lassen aber noch keine Negativität erkennen. Die tatsächliche Benachteiligung des weiblichen Geschlechtes in Medienberichten offenbart sich erst auf den zweiten Blick…

Das Privatleben weiblicher Führungskräfte scheint interessanter

…denn der Gender Report konnte ebenfalls ausmachen, dass bei weiblichen CEOs deutlich häufiger über ihr Privatleben berichtet wird als bei ihren männlichen Kollegen. Rund 16 Prozent aller im Rahmen der Studie untersuchten Medienberichte handelten vom Privat- und Familienleben der weiblichen Führungskraft. Nur rund acht Prozent hingegen berücksichtigten das Privatleben als Aspekt bei männlichen Führungspersonen. Bei ihnen wird der Fokus vor allem auf ihre Herkunft, ihren Lebenslauf sowie ihr Sozialleben oder ihre privaten Zukunftspläne gelegt. Und bei Frauen? Natürlich: Auf ihre Familie sowie Kinder.

In 78 Prozent der untersuchten Medienberichte über das Privatleben weiblicher CEOs Unternehmen wurden ihre Familie beziehungsweise Kinder erwähnt – bei Männern in derselben Position wurden keine (!) solche Berichte gefunden.

Für die Öffentlichkeit scheint es also tatsächlich von Interesse zu sein, ob eine Frau Karriere mit Kindern vereinen kann und wenn ja, wie das funktioniert. Handelt es sich bei den weiblichen CEOS um kinderlose Frauen? Wenn nicht, wie managen sie den Spagat zwischen Nachwuchs und Unternehmensführung? Welche Rolle spielt ihr Ehepartner hierbei? Aspekte, die bei weiblichen Führungskräften offensichtlich häufig und gerne öffentlich diskutiert werden. Kind und Karriere – geht das überhaupt? Ein Thema, das die Medien zu beschäftigen scheint, wie in folgendem ARD-Beitrag:

Unternehmenskrise? Die Frau ist schuld!

Kind und Karriere – das ist und bleibt eine echte Herausforderung für ambitionierte Frauen. Oft und gerne werden das Familien- oder Privatleben deshalb auch als Gründe für das „Versagen“ weiblicher Führungskräfte herangezogen. Besonders erschreckend war nämlich folgendes Ergebnis des Gender Reports:

In 80 Prozent der Medienberichte wird einem weiblichen CEO die Schuld an einer Unternehmenskrise zugesprochen. Nur 31 Prozent der männlichen CEOs müssen sich allerdings rechtfertigen, wenn es in ihrem Betrieb einmal nicht läuft wie gewünscht.

Frauen werden in der Berichterstattung der Medien also tatsächlich negativer sowie kritischer dargestellt als ihre männlichen Kollegen und als CEO schneller zur Verantwortung gezogen, wenn sich eine Unternehmenskrise abzeichnet. Das ist Ungleichheit, wie sie im Buche steht!

Exkurs: Die meinungsbildende Funktion der Medien

Aber warum ist es eigentlich überhaupt so wichtig, was die Medien berichten beziehungsweise wie sie weibliche Führungskräfte darstellen? Kann sich nicht jeder Mensch seine eigene Meinung bilden? Leider nicht: Julia T. Wood arbeitete in ihrer Studie „Gendered Media: The Influence of Media on Views of Gender“ heraus, dass Medien die bedeutendste meinungsbildende Macht in der Gesellschaft sind. Das heißt: Medien tragen den größten Anteil dazu bei, wie die Geschlechterrollen öffentlich wahrgenommen werden – völlig unabhängig davon, ob es sich um eine realistische, übertriebene oder von Stereotypen geprägte Sichtweise handelt. Sie fasst die Art und Weise der Geschlechterdarstellung in den Medien in drei wesentlichen Auffälligkeiten zusammen:

  1. Frauen sind in den Medien deutlich unterrepräsentiert, was den Eindruck erweckt, die Welt sei (immer noch) männerdominiert und das männliche sei das stärkere sowie mächtigere Geschlecht, während Frauen „unsichtbar“ und „schwach“ bis hin zu „unwichtig“ seien.
  2. Die Darstellung sowohl der Männer als auch Frauen ist stark von Stereotypen geprägt und hat sich in den meisten Kulturen seit vielen Jahren kaum bis überhaupt nicht weiterentwickelt.
  3. Auch die Beziehungen zwischen Männern und Frauen werden in den Medien größtenteils klischeehaft präsentiert und Gewalt gegenüber Frauen wird erschreckend häufig verharmlost.

Gerade diese Stereotypen werden nun also weiblichen Führungskräften zum Verhängnis, wie eine weitere Studie der Forschungsinstitution „Catalyst“ beweist: Geschlechterspezifische Stereotypen erschweren Frauen den Aufstieg im Berufsleben und können unüberwindbare gläserne Barrieren zur Folge haben. Der gefährliche Mechanismus der Stereotypen in den Medien läuft dabei wie folgt ab:

  • Die Medien präsentieren Frauen zum Beispiel als weniger problemlösungsorientiert als Männer.
  • Die Gesellschaft und damit auch die Entscheidungsträger im Unternehmen adaptieren diesen Stereotyp.
  • Da der Mensch allerdings nur selten nachvollziehen kann, woher er diese Stereotypen hat, glaubt er, sie würden auf Fakten oder objektiven Beobachtungen beruhen.
  • Demnach wird bei der Beförderung – um bei dem Beispiel zu bleiben – der wichtige Aspekt „Problemlösungskompetenz“ eher den männlichen Anwärtern zugesprochen und die Entscheidung fällt mit großer Wahrscheinlichkeit gegen eine Frau aus.
  • Zudem neigen Menschen dazu, Informationen, die ihren Stereotypen entsprechen, eher wahrzunehmen, abzuspeichern und als glaubhaft zu bewerten. Beobachten sie also fortan entsprechende Verhaltensweisen bei Frauen – egal, ob in einer Führungsposition oder nicht – verstärkt sich das ohnehin abgespeicherte Klischee, während gegensätzliche Verhaltensweisen oder Kompetenzen häufig unbemerkt bleiben.
  • Daraus ergibt sich der widersprüchliche Mechanismus: Je mehr Menschen mit Frauen in Führungspositionen in Berührung kommen, umso stärker wird in der Regel ihr Denken in Stereotypen. Vorurteile werden also nicht abgebaut, sondern sogar noch verstärkt.
  • Es handelt sich bei der von den Medien ausgehenden Verbreitung von geschlechterspezifischen Stereotypen daher um einen sich selbst verstärkenden Kreislauf, der anschließend nur schwer wieder unterbrochen werden kann.
  • Wichtig ist dabei, dass Sie wissen: Dieser gesamte Prozess läuft bei allen Beteiligten unbewusst ab!
  • Und die traurige Schlussfolgerung lautet: Früher oder später glauben selbst die Frauen oftmals die durch die Medien verbreiteten Stereotypen, was dazu führt, dass sie schlichtweg weniger Selbstbewusstsein haben, sich eine Führungsposition gar nicht erst zutrauen und sich deswegen von Vornherein mit weniger zufriedengeben oder eben doch „nur“ die Mutterrolle wählen.

Stoppen können diesen Kreislauf also schlussendlich nur die Meinungsbilder der Gesellschaft und das sind eben zum großen Teil die Medien!

„Die neuen Medien bringen viele neue Möglichkeiten,
aber auch viele neue Dummheiten mit sich.“
Ernst Ferstl

Jede Medaille hat zwei Seiten: Das „schwache Geschlecht“ genießt mehr Nachsicht

Die Überzeugung, Männer seien das starke und mächtige, Frauen hingegen das schwächere Geschlecht, ist ein Mythos, welchen wir bereits im Artikel „Kampf der Geschlechter: Macht Arbeit nur Frauen krank?“ widerlegt haben. Dennoch hält sich das Vorurteil hartnäckig und bringt laut dem aktuellen Gender Report zumindest einen Vorteil mit sich: Die Gesellschaft bringt für Fehler bei weiblichen CEOs mehr Verständnis auf als bei ihren männlichen Pendants. Bei einer Unternehmenskrise müssen rund 31 Prozent der männlichen CEOs um ihren Job fürchten, bei den Damen sind es nur 27 Prozent.

Fazit: Deutschland befindet sich auf einem guten – aber steinigen – Weg

Im Bereich der Gleichberechtigung der Geschlechter nimmt Deutschland eine Vorreiterrolle ein. Bestes Beispiel ist das erst Anfang des Jahres 2016 verabschiedete „Gesetz über die Mitwirkung des Bundes an der Besetzung von Gremien“:

㤠1 Ziel des Gesetzes
Ziel des Gesetzes ist die paritätische Vertretung von Frauen und Männern in Gremien, soweit der Bund Mitglieder für diese bestimmen kann.“
(Quelle: BGremBG)

Doch es ist nicht die Zeit, um sich auf den Lorbeeren auszuruhen, denn alles an allem ist der Weg zur Gleichberechtigung in den Führungsetagen noch weit und er wird nur funktionieren, wenn die Medien ihre von Stereotypen geprägte Berichterstattung korrigieren und dadurch die Geschlechterrollen in der öffentlichen Wahrnehmung weiterentwickeln – so lautet unser Resümee des Gender Reports der Rockefeller Foundation.

Können Sie uns beipflichten? Welche Unterschiede in der Berichterstattung über Männer und Frauen in Führungspositionen können Sie wahrnehmen? Befinden wir uns Ihrer Meinung nach auf einem guten Weg in Richtung Gleichberechtigung oder nicht? Wieso? Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme an der Diskussion in den Kommentaren!