Wer im Meeting als Leader wahrgenommen wird, hängt laut einer Studie der Binghamton University von einem einzigen Faktor ab: Redezeit. Intelligenz spielt keine Rolle. Persönlichkeit auch nicht. Wer am meisten spricht, führt – zumindest in den Augen des Teams.

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Nicht immer geht es in Konferenzräumen um die Sache. Während man über Budgets oder Strategien spricht, sortiert sich das Team im Stillen: Wer gibt die Richtung vor, wer trottet nur hinterher? Dass dieser Eindruck kaum etwas mit Fachwissen zu tun hat, bezeichnen Forscher als den Babble-Effekt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Wer in Meetings mehr spricht, wird vom Team häufiger als Führungspersönlichkeit wahrgenommen – unabhängig von Intelligenz, Persönlichkeit oder tatsächlicher Kompetenz.
  • Der Babble-Effekt beschreibt, dass die Menge der Redezeit wichtiger ist als die Qualität der Beiträge.
  • Dieser Effekt kann zu falsch platzierten Führungskräften führen, da ruhige Denker oft übersehen werden.

Was ist die Babble-Hypothese?

„Babble“ bedeutet auf Englisch so viel wie „Geplapper“ – der Name ist Programm. Die dahinterstehende These ist simpel: In Gruppen entscheidet nicht die Qualität der Redebeiträge darüber, ob jemand als Leader wahrgenommen wird. Sondern schlicht deren Menge.

Formuliert wurde die Babble-Hypothese ursprünglich von Forscher Eugene Raudsepp in den 1990er-Jahren. Die Idee war provokant, aber ohne belastbare Datenbasis. Das änderte sich 2020.

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Was die Forschung zeigt

Ein Forscherteam um Neil G. MacLaren und Francis J. Yammarino von der Binghamton University testete die Hypothese systematisch und fand: Die Redezeit einer Person in Gruppen hat einen direkten, positiven Effekt darauf, wie sehr sie als Führungspersönlichkeit wahrgenommen wird. Und das Entscheidende: Der Effekt bleibt bestehen, selbst wenn man Intelligenz, Persönlichkeit und Geschlecht herausrechnet.

Anders gesagt: Es spielt keine Rolle, wie klug du bist. Es spielt keine Rolle, ob du Introvert oder Extrovert bist. Es spielt keine Rolle, was du sagst. Wer mehr spricht, führt – zumindest in der Wahrnehmung der anderen.

Schon gewusst: 2025 wurde der Effekt in einer weiteren Studie mit 38 Teams und über 190 Teilnehmerinnen und Teilnehmern repliziert. Die Forscher untersuchten dabei auch den Einfluss von Geschlecht und fanden, dass der Babble-Effekt bei Frauen und Männern gleichermaßen auftritt. Die gesellschaftliche Bewertung fällt jedoch unterschiedlich aus: Wer viel spricht, wirkt männlich-dominant und damit (immer noch) führungsnah.

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Warum unser Gehirn Redezeit mit Leadership verknüpft

Früher war alles ganz einfach: Wer am lautesten brüllte, hatte das Sagen. Präsenz bot Schutz, Dominanz gab der Gruppe Sicherheit. Auch wenn wir heute in ergonomischen Stühlen statt in Höhlen sitzen, greift dieses alte Muster noch immer. Wer den Raum akustisch füllt, wird unbewusst sofort als Orientierungspunkt wahrgenommen.

Lese-Tipp: Showdown im Konferenzraum: Viele Meetings sind eine reine Machtdemonstration

Redezeit wirkt deshalb als sozialer Statusmarker. Wer viel spricht, zeigt: Ich traue mir zu, hier gehört zu werden. Ich beanspruche Raum. Das lesen andere als Selbstsicherheit – und Selbstsicherheit gilt als Führungsqualität. Der Organisationspsychologe Tomas Chamorro-Premuzic beschreibt in seinen Arbeiten genau dieses Muster: Wir verwechseln Selbstdarstellung mit Kompetenz. Charisma mit Urteilsvermögen. Lautstärke mit Stärke. Gruppen tappen kollektiv in diese Falle und weil alle dasselbe wahrnehmen, hinterfragt es niemand.

Wer im Meeting den Raum akustisch füllt, wird instinktiv als Leader wahrgenommen – egal wie dünn der Inhalt ist. (Fred Eichwald)

Das eigentliche Problem: Babble-Leader in Führungspositionen

Wenn Geplapper zum Gütesiegel wird, schieben wir genau die Falschen nach vorne. Wer jeden Satz erst im Kopf prüft, präzise abwägt und nur spricht, wenn er wirklich etwas beizutragen hat, verliert das Rennen gegen die Dauerbeschallung. Die ruhigen Strategen gehen im Lärm derer unter, die zwar viel sagen, aber oft wenig bewegen.

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Dabei schaden dominante Vielredner nachweislich der gesamten Gruppe.

Eine im Fachmagazin Science veröffentlichte Untersuchung mit 192 Teams belegt: Die klügsten Gruppen waren nicht die mit den schlauesten Einzelköpfen Entscheidend für die sogenannte „kollektive Intelligenz“ eines Teams ist vielmehr eine gleichmäßige Verteilung der Redeanteile Sobald wenige Personen das Gespräch dominieren, sinkt die Leistung des gesamten Teams drastisch.

Übrigens: Wer in einer Gruppe als Leader gilt, bestimmt die Gruppe und die Gruppe schaut auf Verhalten, nicht auf Substanz. Das bedeutet: Meetings dienen nicht nur dem Projektaustausch. Sie sind soziale Bühnen, auf denen Hierarchien entstehen und verfestigt werden, ohne dass die Beteiligten es steuern oder auch nur bemerken. Wenn der Babble-Effekt also ungemanagt bleibt, landen die falschen Menschen in Führungsrollen.

Was das für dich bedeutet – als Mitarbeiter und als Führungskraft

Wer in Meetings eher zuhört und abwägt, bevor er spricht, tut das meist aus gutem Grund. Das Problem: Was die Kollegen sehen, ist schlicht Stille. Und Schweigen wird in einer Gruppe fast immer als Desinteresse oder Einfallslosigkeit ausgelegt. Was also tun?

  1. Früh im Meeting sprechen. Der erste Redebeitrag setzt den Anker. Wer gleich zu Beginn etwas sagt – und sei es nur eine kurze Einschätzung zur Lage – ist für die anderen ab diesem Moment präsent.
  2. Häufigkeit vor Länge. Mehrere kurze, klare Beiträge hinterlassen mehr Eindruck als ein ausführliches Statement kurz vor Schluss, das die meisten schon im Kopf nicht mehr aufnehmen.
  3. Widersprechen ist erlaubt. Wer allem zustimmt, fällt nicht auf. Ein klar formulierter Einwand, eine andere Perspektive, eine kritische Nachfrage – das sind die Momente, in denen andere anfangen, jemanden als Führungspersönlichkeit wahrzunehmen.

Für Führungskräfte, die Teams begleiten oder einzelne Talent erkennen wollen, gilt das Gegenteil: Wer im Meeting viel spricht, ist nicht automatisch der oder die Beste für Führungsverantwortung. Gute Führung bedeutet, auch die stillen Stimmen zu hören und aktiv Raum dafür zu schaffen.

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Nachgefragt: Hast du Kollegen, die im Meeting viel sprechen, aber wenig sagen und trotzdem als Sprachrohr des Teams zumindest wahrgenommen werden? Was glaubst du: Hilft mehr Redezeit wirklich weiter, oder schadet sie langfristig dem eigenen Ruf?

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