Der Gedanke, jahrzehntelang durchzupowern, um sich dann mit 67 endlich den Traum vom Leben zu erfüllen, wirkt auf viele junge Menschen wie ein schlechter Deal. Immer mehr Arbeitnehmer, vor allem aus der Generation Z, entscheiden sich stattdessen für Micro Retirements – bewusste Auszeiten, die über das Berufsleben verteilt genommen werden.

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Mal sind es drei Monate Südamerika, mal ein halbes Jahr im Van durch Europa oder einfach ein Sommer lang Zeit für sich. Doch ist das wirklich ein realistisches Modell für alle – oder nur ein gut vermarkteter Lifestyle für Privilegierte?

Was bedeutet Micro Retirement überhaupt?

Micro Retirements sind deutlich mehr als ein verlängerter Urlaub. Sie stehen für ein neues Verständnis von Lebensqualität und beruflichem Selbstwert. Die Idee: Nicht alles auf später verschieben, sondern zwischendurch auftanken, entdecken, raus aus der Routine. Oft sind es selbstfinanzierte Pausen, manchmal ermöglicht durch ein Sabbatical oder die bewusste Kündigung. Im Gegensatz zur klassischen Karriereleiter, bei der „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ gilt, sind Micro Retirements ein Plädoyer für Lebensabschnitte mit Sinn.

Wie groß ist der Wunsch nach Auszeiten?

Der Wunsch danach ist längst keine Nische mehr. Laut einer XING-Studie aus dem Jahre 2017 haben 10,1 Prozent der Deutschen bereits eine längere Auszeit genommen, weitere 21 Prozent können sich das vorstellen. Besonders bei den Jüngeren ist die Sehnsucht nach Luft zum Atmen groß: 43 Prozent der 18- bis 24-Jährigen haben ein Sabbatical gemacht oder planen eines. 

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Der Haken? Die Realität hinkt der Hoffnung nach mehr freier Lebenszeit hinterher. Obwohl ein Viertel der deutschen Unternehmen Sabbaticals grundsätzlich ermöglicht, nutzt weniger als ein Prozent der Mitarbeitenden diese Option. Die durchschnittliche Dauer liegt bei rund drei Monaten, wobei der Median nur 60 Tage beträgt.

Noch deutlicher wird die soziale Schieflage beim Blick auf die finanziellen Möglichkeiten: Im Jahr 2024 konnten sich laut Statistischem Bundesamt 21 Prozent der Menschen in Deutschland nicht einmal eine einwöchige Urlaubsreise leisten – das entspricht 17,4 Millionen Personen.

Besonders betroffen: Alleinerziehende (38 %) und Alleinlebende (29 %). Selbst in Haushalten mit zwei Erwachsenen und mehreren Kindern reicht das Geld oft nicht für eine kurze Auszeit. Die Idee eines mehrmonatigen Micro Retirements? Für viele unvorstellbar. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit sogar noch unter dem EU-Durchschnitt von 27 Prozent – ein schwacher Trost.

Generation Z als Taktgeber: Leben statt schuften

Treiber des Trends „Micro Retirements“ bleibt dennoch die Generation Z. Ihre Vorstellung von Arbeit unterscheidet sich grundlegend von der ihrer Vorgängergenerationen. Der Job ist nicht mehr Lebensmittelpunkt, sondern Mittel zum Zweck – um zu leben, nicht zu leiden. Viele junge Menschen wären sogar bereit, für mehr Freizeit weniger zu verdienen. Was zählt, ist ein Arbeitsleben, das Platz lässt für mentale Gesundheit, persönliche Entwicklung und genügend Erholung.

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Dieses Mindset kommt nicht von ungefähr: Beschäftigte unter 30 Jahren waren 2022 im Schnitt 19 Kalendertage krankgemeldet – viele davon wegen psychischer Erkrankungen. Zukunftsangst, Dauerstress und die permanente Erreichbarkeit hinterlassen Spuren.

„Zukunftsängste, Leistungsdruck und eine permanente Erreichbarkeit können zu hohen Belastungen führen“, sagt Vorstandsmitglied Sabine Deutscher von der AOK Rheinland/Hamburg.

Wer kann sich Micro Retirements überhaupt leisten?

Micro Retirements sind daher aktuell eher ein Konzept für Menschen mit entsprechenden finanziellen Rücklagen, gefragten Qualifikationen und Arbeitgebern, die diese Form der Flexibilität unterstützen. Ob sich das Modell als New Normal etabliert, hängt davon ab, ob Unternehmen Auszeiten als Teil einer gesunden Arbeitskultur integrieren wollen und können – und ob berufliche Pausen nicht zu einem existenziellen Risiko werden. Denn solange schon ein einfacher Sommerurlaub für viele unerreichbar bleibt, bleibt der Mini-Ruhestand ein Privileg der Besserverdienenden.

Arbeitgeber sind gut beraten, Micro Retirements nicht als Hirngespinst, Modeerscheinung oder Ausdruck von Faulheit abzutun. Vielmehr sollten sie darin eine Chance sehen: neue Talente zu gewinnen und bestehende Mitarbeitende langfristig gesund, motiviert und loyal im Unternehmen zu halten. Unternehmen, die Flexibilität ermöglichen, punkten im War for Talents, gerade bei der jungen Generation. Das gilt zumindest dort, wo Arbeit tatsächlich neu gedacht wird und nicht bloß neue Etiketten auf alte Machtverhältnisse geklebt werden.

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Für Mitarbeitende wiederum gilt: Wer die Möglichkeit hat, sollte sie gut vorbereiten, klug kommunizieren und sich bewusst fragen, was die Auszeit bringen soll. Denn Micro Retirements sind keine Garantie für Glück und Erfüllung im Leben, aber vielleicht ein Anfang, Arbeit und Leben neu zu denken.


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