Ich sehe das bei mir selbst im Einzelhandel: Ich mag meinen Job. Wenn es brennt, im Weihnachtsgeschäft oder bei Personalnot, dann bin ich eine der Ersten, die sagt: „Komm, wir ziehen das jetzt durch!“ In solchen Momenten würde ich auch 13 Stunden arbeiten, denn ich stehe loyal zu meinen Kollegen und zum Unternehmen. Aber genau hier liegt die Gefahr: Ohne den gesetzlichen Riegel würden wir uns permanent selbst verheizen.

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Das Aus für den Acht-Stunden-Tag?

Derzeit setzt das Arbeitszeitgesetz in § 3 Arbeitnehmern enge Tagesgrenzen: acht Stunden Arbeit pro Tag, in Ausnahmefällen zehn, vorausgesetzt, der Sechs-Monats-Durchschnitt liegt bei acht Stunden. Daneben gilt eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden. Genau diese Tagesregel soll fallen.

Auch Unternehmer stehen mit dem Rücken zur Wand

Schau dir auch die andere Seite an: Viele Unternehmer stehen mit dem Rücken zur Wand. Energiekosten und Ladenmieten explodieren, dazu wächst der bürokratische Aufwand weiter. Viele Arbeitgeber sagen offen: „Wir können die hohen Personalkosten kaum noch tragen, gleichzeitig reichen unsere Löhne kaum zum Leben.“

Den wirtschaftlichen Druck dann einfach mal nach unten durchzureichen kann nicht die Lösung sein. Wenn Betriebe ihre Personaldecke immer dünner schaben, um zu überleben, geht das auf den Rücken der verbliebenen Belegschaft. Statt neue Leute einzustellen oder ihre Mitarbeiter besser zu bezahlen, reizen Arbeitgeber die Arbeitszeit ihrer ausgedünnten Belegschaft immer weiter aus. Sie entscheiden sich bewusst gegen mehr Personal, um Kosten zu drücken.

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Vom eigenen Antrieb zur Erwartung des Chefs

Ich merke es selbst: Ohne strikte Pausen und Höchstarbeitszeiten würde ich mich weniger zurückhalten. Du willst dein Ziel erreichen. Du willst beweisen, dass auf dich Verlass ist. Dieser innere Antrieb sitzt tief.

Doch sagt der Gesetzgeber jetzt „Macht ruhig 73 Stunden“, fällt der gesetzliche Riegel. „Erheblich längere Wochenarbeitszeiten“ wären möglich, rechnet HSI-Forscher Dr. Laurens Brandt vor. Im Extremfall 73,5 Stunden – sechs Tage à 12,25 Stunden. Die EU-Richtlinie schreibt nur einen Ruhetag pro Woche vor. Der Rest liegt im Spielraum des Gesetzes.

Was heute mein eigener Antrieb ist, erwartet morgen der Chef.

Die Familie als Kollateralschaden

Denk das mal zu Ende: Wie soll das mit der Familie funktionieren? Ich erlebe das jetzt schon als logistischen Drahtseilakt. Mein Kindergarten bietet maximal 9 Stunden Betreuung (was schon eine Zumutung ist, aber das ist ein anderes Thema). Schon das reicht kaum, selbst wenn ich mich mit meinem Partner abstimme.

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Stell dir vor, beide Partner arbeiten in Branchen mit solchen Öffnungszeiten oder Flexibilitäts-Forderungen. Wer holt dann die Kinder ab? Wer ist für die Familie da? Was die Politik hier als „Lösung“ verkauft, geht am Leben von Eltern vorbei. Wer am Personal spart, schiebt die Verantwortung auf die Schultern derer, die ohnehin schon am Limit sind.

Die Rechnung hinter den 73,5 Stunden

Wie kommt man überhaupt auf diesen Wert? Das Hugo-Sinzheimer-Institut (HSI) hat durchgerechnet, was passiert, wenn das neue Gesetz bis zum Äußersten ausgereizt wird. Die Rechnung sieht so aus:

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  • Der 24-Stunden-Tag: Das Gesetz schreibt zwingend 11 Stunden Ruhezeit zwischen zwei Schichten vor.
  • Maximale Anwesenheit: Damit darfst du maximal 13 Stunden pro Tag im Betrieb sein.
  • Die Pause: Ab 9 Stunden Arbeit ist eine 45-Minuten-Pause Pflicht.
  • Reine Arbeitszeit: 13 Stunden Anwesenheit minus 45 Minuten Pause ergeben 12 Stunden und 15 Minuten Arbeit pro Tag.
  • Die 6-Tage-Woche: 12 Stunden und 15 Minuten mal 6 Werktage (Montag bis Samstag) ergeben 73,5 Stunden.

Über einen längeren Zeitraum müsste der Schnitt zwar weiter bei 48 Stunden pro Woche liegen. In einzelnen Wochen wären 73,5 Stunden Arbeit jedoch gesetzlich gedeckt.

Arbeitnehmer brauchen Schutz

Diese Pläne machen mir Sorgen, denn ich arbeite gerne. Der 8-Stunden-Tag wurde 1918 unter dem Druck der Novemberrevolution erkämpft und gilt seit über 100 Jahren als Eckpfeiler des deutschen Arbeitsschutzes. Genau diesen Eckpfeiler will die Koalition jetzt kippen. Der Arbeitgeber und das Gesetz stehen in der Pflicht, auf uns Arbeitnehmer aufzupassen, auch vor unserem eigenen Ehrgeiz.

73,5 Stunden Arbeit für die wenigen, die noch da sind, löst die Probleme der Wirtschaft nicht. Das zerstört die Gesundheit der Leute und ihre Familien gleich mit. Schon ab der achten bis neunten Arbeitsstunde steigt das Unfallrisiko deutlich an, das belegen Studien der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (100 Jahre Achstundentag in Deutschland). Politik, Unternehmer und Arbeitnehmer müssen gemeinsam Wege finden, Arbeit so zu organisieren, dass sie in vernünftiger Zeit machbar bleibt. Alles andere ist ein Rückschritt und der trifft am Ende uns alle.

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