Früh übt sich? Bloß nicht. Wer im Kindergarten schon Geige spielt, mit sieben Programmieren kann und als Zwölfjährige ihr erstes Startup gründet, hat laut einer umfassenden Studie eher schlechte Chancen, später zur Weltklasse zu gehören. Überraschend? Vielleicht. Befreiend? Absolut. Denn was Olympiasieger, Nobelpreisträger und Schachgenies tatsächlich eint, ist keine glanzvolle Kindheit, sondern eine vielseitige, experimentierfreudige.

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Genie mit fünf – gescheitert mit fünfzehn

Die Forschenden um Professor Güllich haben sich über 34.000 Lebensläufe von Hochleistern aus Wissenschaft, Sport, Musik und Schach angeschaut – und festgestellt:

Herausragende Leistung im Erwachsenenalter entsteht selten durch frühe Spezialisierung.

Im Gegenteil: Die Spitzenleute von morgen waren als Kinder meist Durchschnitt. Während ihre Altersgenossen sich auf eine Disziplin eingeschossen haben, probierten sie vieles aus – scheiterten, wechselten, fingen neu an. Diese breite, multidisziplinäre Erfahrung bildet laut Studie die eigentliche Grundlage für außergewöhnliche Erfolge.

Der Wochenplan vieler Kinder liest sich wie ein Hochleistungsprogramm

Sport, Musikunterricht, Sprachkurse, Nachhilfe – oft drei oder vier Tage die Woche. Was Eltern als Förderung verstehen, lässt wenig Raum für das, was Kindheit eigentlich ausmacht: selbstbestimmtes Ausprobieren, Langeweile, Neugier. Die wertvollsten Erfahrungen entstehen doch nicht in stickigen Kursräumen, sondern auf dem Weg dahin.

Wirklich prägend wird es, wenn Kinder erleben, dass sie Herausforderungen allein bewältigen können. Wenn niemand vorgibt, wie es geht. Wenn etwas schiefgeht und sie trotzdem weitermachen. Das ist keine neue Bildungsphilosophie, sondern Alltag. Oder besser gesagt: Es wäre schön, wenn es wieder einer wäre. 

Der Arbeitstag

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Mehr Spätzünder als Wunderkinder

Während das Ballettwunderkind womöglich mit 16 an Leistungsdruck zerbricht, wechselt der „nichts-halbes-nichts-ganzes“-Typ aus der Schulzeit dreimal das Studienfach, gründet mit 30 ein Tech-Unternehmen – und erhält mit 45 den Deutschen Zukunftspreis. Klischee? Vielleicht. Aber statistisch naheliegender als die klassische Frühkarriere.

Die Lebensläufe später Hochleister ähneln daher eher einem Puzzle als einem Zeitstrahl. Kein früher Hype, kein gerader Kurs – dafür Phasen der Suche, Richtungswechsel, Leerläufe. Und manchmal einfach: Leben.

Was in Karrierekreisen lange als Zickzackkurs galt oder gar als Job-Hopping verschrien wurde, entpuppt sich rückblickend als Weg mit Weitblick – und hat längst einen Namen: Late Bloomer. Dahinter steckt mehr als Nachzügler-Romantik. Es ist eine Investition in Tiefe, Frustrationstoleranz und Problemlösungskompetenz.

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Karriere auf Umwegen – bitte ja!

Auch auf dem Arbeitsmarkt zeigt sich: Viele Unternehmen bevorzugen Bewerber mit geradlinigen Lebensläufen und früher Spezialisierung. Wer aber ausschließlich auf Frühstarter setzt, übersieht ein enormes Potenzial: Quereinsteiger, Vielinteressierte, Spätentwickler. Menschen, die gelernt haben, mit Unsicherheit umzugehen und sich immer wieder neu auszurichten.

Gerade sie bringen doch Kompetenzen mit, die in komplexen und schnelllebigen Arbeitswelten so dringend gebraucht werden: Anpassungsfähigkeit, Perspektivwechsel, Eigenverantwortung. Sie haben erfahren, dass Erfolg nicht linear verläuft – und entwickeln daraus ein anderes Verständnis von Führung, Problemlösung und Teamarbeit. Für Unternehmen lohnt sich daher ein Blick abseits der Standardkarrieren. 

Nicht falsch verstehen: Fördern kann sinnvoll sein. Nur: So, wie wir’s gerade machen, eben nicht. Wer schon früh alles zu festzurrt, lässt wenig Raum für Neugier, Entfaltung und Entwicklung. 

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