In vielen Unternehmen wird mit New-Work-Phrasen jongliert, dass selbst mancher Artist neidisch würde – doch die Realität für Mitarbeitende sieht oft ganz anders aus.

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New Work: Mehr als Homeoffice und Hipster-Büros?

Der Begriff New Work ist in aller Munde. Auf Karriereseiten prangt er wie ein Qualitätssiegel: Hier ist alles anders, besser, menschlicher. Tschaka! Die Message dahinter: Wer bei uns arbeitet, ist nicht nur Teil eines Unternehmens, sondern Teil einer Bewegung. Doch was bedeutet New Work wirklich?

Ursprünglich stammt der Begriff vom österreichisch-US-amerikanischen Sozialphilosophen Frithjof Bergmann. Für ihn ging es nicht um Start-up-Atmosphäre oder oberflächliche Wohlfühlelemente, sondern um eine radikale Umkehrung von Arbeit: Während in der Vergangenheit die zu erledigende Aufgabe das Ziel war und der Mensch das dafür nötige Werkzeug, sollte die Neue Arbeit diesen Zustand umkehren. Nicht wir sollten der Arbeit dienen, sondern die Arbeit sollte uns dienen. Arbeit sollte zu „Arbeit, die man wirklich, wirklich will“ werden – ein bewusst und ernsthaft gewählter Ausdruck von Selbstbestimmung, Kreativität und echter Sinnhaftigkeit, der das individuelle menschliche Bedürfnis ins Zentrum rückt.

Was daraus geworden ist? In vielen Fällen ein Image-Booster für Arbeitgeber. Ein Nebel aus schönen Worten, der oft mehr verschleiert als offenlegt.

Wenn moderne Führung sich nur modern anhört

Es ist kein Zufall, dass bestimmte Chef-Sätze sich wie Mantras durch Meetingräume ziehen. Sie geben sich nahbar, freundlich, inspirierend – und kaschieren dabei klassische Machtstrukturen, übergriffige Erwartungen oder schlicht leere Versprechungen.

Der Arbeitstag

Welche Jobs haben Zukunft? Wo knirscht’s zwischen Boomern und Gen Z? Wie verändern KI und Fachkräftemangel unser Berufsleben? „Der Arbeitstag“ ist der Newsletter mit allem, was die moderne Arbeitswelt bewegt. Klar, kompakt und direkt ins Postfach.


Die Gefahr: Diese Sprache lullt ein. Wer als Mitarbeitender ständig hört, wie sehr er geschätzt, gebraucht, gesehen wird, stellt seltener Fragen oder äußert gar Kritk. Doch schöne Worte reichen nicht aus, um ein gutes Arbeitsumfeld zu schaffen.

Bei diesen Sieben New-Work-Phrasen solltest du hellhörig werden

  1. „Wir sind eine Familie“
    Familien stehen füreinander ein, oft bedingungslos – denn Blut ist dicker als Wasser. Wird dieses Prinzip auf den Job übertragen, wird’s heikel: Plötzlich wird ein Jobwechsel zum Vertrauensbruch, und wer bleibt, schluckt Loyalität wie ein Beruhigungsmittel.
  2. „Hier darf man mitgestalten“
    Solange du nichts Grundlegendes ändern willst. Die Verantwortung ist deine, die Entscheidung bleibt Chef-Sache.
  3. „Fehler sind Lernchancen“
    Bis sie teuer werden. Oder öffentlich. Oder unbequem. Dann ist es plötzlich doch ein Problem – deins.
  4. „Wir leben flache Hierarchien“
    Alle dürfen mitreden, aber niemand soll möglichst widersprechen. Entscheidungen treffen weiterhin die, die früher „Chef“ hießen – heute nennen sie sich „Coach“ oder „Mentor“..
  5. „Das ist kein Job – das ist eine Mission“
    Wer sich missioniert fühlt, opfert schnell Freizeit, Gesundheit und persönliche Grenzen. Die große Vision wird zur Rechtfertigung für ständige Verfügbarkeit.
  6. „Du kannst hier alles erreichen“
    Ja, aber wie? Ohne Karrierepfad, ohne Förderung, ohne konkrete Weiterbildungsangebote bleibt das ein Luftschloss. Träume groß, aber bleib bitte realistisch.
  7. „Hier zählt nur deine Leistung“
    Doch solange Entscheidungsgewalt und Gehalt an Rollen hängen, bleibt das Leistungsprinzip bloße Rhetorik.

Erschöpfung versteckt sich hinter dem Lächeln

Und dann kommst du motiviert ins Unternehmen, willst dich einbringen, endlich was bewegen oder bist einfach froh, einen Job gefunden zu haben, der endlich mal passt. Am Anfang wirkt auch alles offen: nette Gespräche, große Worte, viel Raum für Ideen. Aber dann stellst du fest – du darfst zwar Vorschläge machen, aber wirklich aufgegriffen wird davon kaum etwas.

Stattdessen trägst du plötzlich Verantwortung für Dinge, die du weder entschieden noch beeinflusst hast. Projekte, die von oben vorgegeben wurden, landen bei dir, ganz selbstverständlich. Und wenn etwas nicht rund läuft, heißt es schnell: Warum hast du das nicht gesehen? Warum hast du nicht früher Bescheid gesagt? Mitreden darfst du nicht, aber den Kopf hinhalten – gerne.

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Ahh, aber du machst weiter. Hängst dich rein, regelst, balancierst. Du weiß längst, wie der Hase hier läuft. Du lächelst, funktionierst, spielst mit. Und natürlich willst du nicht die Person sein, die aneckt und nicht ins Team passt. Also schluckst du. Immer ein bisschen mehr. Bis du irgendwann gar nicht mehr weißt, wofür du dich hier eigentlich so ins Zeug legst.

Redest du dir das nur ein – oder geht’s anderen auch so?

Ach, und falls du dich gerade fragst, ob du überempfindlich bist – nein, bist du nicht. Wer sich Tag für Tag reinhängt, darf auch mal genauer hinhören. Versprechen sind schnell gemacht. Und manchmal bleibt von all den großen Worten überraschend wenig übrig. Wenn dir etwas seltsam vorkommt – frag nach. Wie ist das eigentlich gemeint mit der „Mitgestaltung“? Was genau darfst du mitgestalten? Wer Fragen stellt, läuft nicht blind mit.

Und ja, manchmal hilft’s auch, sich umzuhören. Ob andere ähnliche Erlebnisse haben. Ob Kollegen auch dieses diffuse Gefühl in der Magengrube kennen. Wenn du da nicht allein bist, wird vieles klarer. 

New Work bitte auch liefern

New Work ist kein Deko-Konzept für Büros mit Bällebad. Es geht nicht darum, wie modern ein Unternehmen nach außen wirkt, sondern darum, wie Arbeitgeber und Mitarbeitende im Joballtag miteinander umgehen. Wer als Arbeitgeber große Worte wählt, muss auch entsprechende Taten liefern. Alles andere bleibt Fassade. Und wie wir wissen, bröckeln Fassaden früher oder später.

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