2,40 Euro für einen Liter Super. Wer im April 2026 getankt hat, konnte den Betrag auf der Anzeige kaum glauben. Die Straße von Hormus ist seit Ende Februar gesperrt, der Irankrieg hat die Ölmärkte durchgeschüttelt, und an deutschen Zapfsäulen schlägt jeder Liter spürbar ins Geld. So weit die Empörung. Die Daten erzählen eine andere Geschichte.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer arbeitet im April 2026 etwa fünf Minuten für einen Liter Kraftstoff.
- In den letzten 35 Jahren schwankte dieser Wert zwischen drei und sechs Minuten — der aktuelle Wert liegt mitten im historischen Korridor.
- Selbst bei 2,40 Euro pro Liter Super bleibt die Belastung gemessen in Arbeitszeit unter den Werten der Jahre 2006 bis 2013.
- Geringverdiener, die auf das Auto angewiesen sind, trifft der Preisanstieg dennoch deutlich härter.
Das ifo Institut hat nachgerechnet. Die Ökonomen aus Dresden haben gemessen, wie viele Minuten ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in Deutschland arbeiten muss, um sich einen Liter Kraftstoff leisten zu können. Das Ergebnis: rund fünf Minuten. Im April 2026. Mitten in der Hormus-Krise.
Warum sich Tanken teurer anfühlt, als es rechnerisch ist
Der Blick auf die Zapfsäule ist ein emotionaler. 2,40 Euro pro Liter — das klingt nach Rekord. Und tatsächlich: Nominal sind die Spritpreise so hoch wie selten zuvor. Doch nominal heißt eben nur: in absoluten Zahlen. Der Preis sagt allein wenig aus, solange man ihn nicht ins Verhältnis zum Lohn setzt.
„Die Schließung der Straße von Hormus erhöhte zwar die Preise, die Belastung für den durchschnittlichen Arbeitnehmer in Deutschland fällt im historischen Vergleich aber dennoch nicht ungewöhnlich hoch aus“, sagt Marcel Thum, Leiter der ifo Niederlassung Dresden.
Was Thum damit meint: Die Nettolöhne in Deutschland sind seit 1991 stetig gestiegen. Dieser Lohnanstieg fängt den Preissprung an der Tankstelle ab. In relativen Größen — also gemessen daran, wie lange du für einen Liter arbeiten musst — hat sich überraschend wenig bewegt.
Seit 1991 schwankt die Arbeitszeit pro Liter kaum
Die Grundlage der ifo-Berechnung ist simpel, aber aufschlussreich. Die Ökonomen haben die Spritpreise ins Verhältnis zu den Nettolöhnen und dem Arbeitsvolumen aller Arbeitnehmer gesetzt — über einen Zeitraum von 35 Jahren, auf Basis der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Für 2026 haben sie einen Lohnanstieg von zwei Prozent unterstellt, weil offizielle Daten noch fehlen.
Das Ergebnis: Zwischen drei und sechs Minuten Arbeitszeit pro Liter schwankt der Wert seit 1991. Sechs Minuten waren es in den teuersten Phasen — zwischen 2006 und 2013, als der Ölpreis mehrfach über 100 Dollar pro Barrel kletterte. Aktuell liegen wir bei rund fünf Minuten für Benzin.
„Selbst bei Spritpreisen von 240 Cent pro Liter Super oder 250 Cent pro Liter Diesel liegt die benötigte Arbeitszeit meist unter den Werten der Jahre 2006 bis 2013″, sagt Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter der ifo Niederlassung Dresden.
Heißt: Wer heute über den Benzinpreis klagt, hätte vor 15 Jahren noch lauter klagen müssen. Hat aber kaum jemand, weil der absolute Preis damals optisch harmloser wirkte.
Die Hormus-Krise als Preistreiber — und warum die Panik trotzdem überzogen ist
Ende Februar 2026 griffen die USA und Israel den Iran an. Die iranischen Behörden sperrten daraufhin die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Seehandelsrouten der Welt. Die Folge: Ölpreise schossen nach oben, Benzin und Diesel erreichten an deutschen Tankstellen ein Zwei-Jahres-Hoch.
Die geopolitische Lage ist real, die wirtschaftlichen Auswirkungen sind spürbar. Trotzdem zeigt die ifo-Berechnung, dass die Belastung im historischen Rahmen bleibt. Der Grund: Der Lohnanstieg der vergangenen Jahrzehnte wirkt wie ein Puffer. Was an der Zapfsäule teurer geworden ist, wurde auf dem Lohnzettel zum Teil kompensiert.
Das heißt ausdrücklich nicht, dass alles in Ordnung ist. Es heißt, dass die öffentliche Debatte über Spritpreise zu stark auf absolute Zahlen fixiert ist und den Kontext der Kaufkraftentwicklung ignoriert.
Für wen die Rechnung trotzdem nicht aufgeht
Die ifo-Berechnung arbeitet mit Durchschnittslöhnen. Genau da liegt das Problem. Wer den Durchschnitt betrachtet, übersieht die Ränder.
„Natürlich stellen die hohen Spritpreise vor allem für Haushalte mit niedrigem Einkommen, die auf das Auto angewiesen sind, eine stärkere Belastung dar“, sagt Thum. Wer im ländlichen Raum lebt, keine ÖPNV-Anbindung hat und jeden Tag 40 Kilometer zur Arbeit pendelt, für den sind fünf Minuten pro Liter eine abstrakte Zahl. Die konkrete Belastung liegt bei 40 bis 60 Euro Mehrkosten im Monat, bei einem Verbrauch von 100 Litern.
Mobilitäts- und Steuerdaten zeigen: Wer mehr verdient, fährt mehr. Ein höheres Einkommen geht mit einem höheren Kraftstoffverbrauch einher. Pauschale Entlastungen wie Tankrabatte wirken deshalb regressiv, sie helfen denen am meisten, die es am wenigsten brauchen.
Gut zu wissen: „Pauschale Entlastungen wie Tankrabatte kommen in gleichem Maße Haushalten mit mittlerem und hohem Verbrauch zugute. Gleichzeitig fallen Steuerausfälle an, die die Allgemeinheit tragen muss“, so Thum. Wer viel fährt, profitiert stärker, unabhängig davon, ob er es finanziell nötig hat.
Was die Zahl über die deutsche Lohnentwicklung verrät
Die Löhne in Deutschland sind zwar gestiegen — aber sie mussten steigen, um die steigenden Lebenshaltungskosten aufzufangen.
Wer die Spritpreis-Debatte isoliert führt, verkennt den größeren Zusammenhang. Mieten, Lebensmittel, Energie — in vielen Bereichen sind die Preise schneller gestiegen als die Löhne. Dass der Liter Benzin gemessen in Arbeitszeit stabil geblieben ist, bedeutet also vor allem eines: Die Lohnentwicklung hat in diesem einen Bereich gerade so Schritt gehalten.
Für Geringverdiener reicht das trotzdem hinten und vorne nicht. Ihre Löhne sind prozentual weniger gestiegen, ihre Fixkosten machen einen größeren Anteil am Einkommen aus, und ihre Möglichkeit, auf öffentliche Verkehrsmittel auszuweichen, hängt auch vom Wohnort ab.
Steigende Spritpreise treffen Arbeitnehmer unterschiedlich hart
Fünf Minuten Arbeitszeit pro Liter Benzin — das liegt im historischen Normalbereich, trotz Hormus-Krise, trotz Rekordpreisen an der Zapfsäule. Die Lohnentwicklung der letzten Jahrzehnte federt den Preisanstieg ab, zumindest im Durchschnitt.
Aber der Durchschnitt ist eben genau das: ein statistischer Mittelwert, der die Realität von Millionen Pendlern mit kleinem Einkommen nicht abbildet. Die politische Frage ist deshalb weniger, ob Sprit zu teuer ist. Die Frage ist, für wen.
Nachgefragt: Wie stark treffen dich aktuellen Spritpreise? Hat sich dein Mobilitätsverhalten in den letzten Monaten verändert?

Der kompakte Überblick zur modernen Arbeitswelt. Karriere, Leadership, KI & Fachkräftemangel – klar, relevant, direkt ins Postfach.





