Menschen, die ein Debattiertraining absolvierten, entwickelten mehr Durchsetzungsvermögen und traten später häufiger als Führungspersönlichkeiten hervor. In einem Experiment mit Beschäftigten eines US-Unternehmens zeigte sich sogar ein Zusammenhang mit dem tatsächlichen Aufstieg auf der Karriereleiter.
Wer sich zu Wort meldet, wird eher als Führungskraft wahrgenommen
Für ihre Studie untersuchten Forscher des Massachusetts Institute of Technology gemeinsam mit Wissenschaftlern der Washington University in St. Louis und der University of Maryland in zwei Experimenten, ob Debattiertraining die Entwicklung von Führungskompetenzen beeinflussen kann.
Im ersten Experiment nahmen 471 Beschäftigte eines Fortune-100-Unternehmens teil. Sie wurden per Zufall entweder einem neunwöchigen Debattiertraining zugeteilt oder erhielten kein entsprechendes Training.
Die Teilnehmer lernten dabei unter anderem, Argumente strukturiert aufzubauen, Gegenargumente aufzugreifen, Fragen zu stellen und die eigene Position überzeugend zu vertreten. Auch Stimme, Tempo und die Konzentration auf die wesentlichen Punkte spielten eine Rolle.
18 Monate später untersuchten die Forscher, wie sich die berufliche Position der Teilnehmer entwickelt hatte. Das Ergebnis: 38,8 Prozent der Beschäftigten aus der Trainingsgruppe waren auf eine höhere Führungsebene aufgestiegen. In der Kontrollgruppe waren es 27,1 Prozent. Das entspricht einem Unterschied von knapp 12 Prozentpunkten.
Die Forscher führen diesen Effekt vor allem auf eine Veränderung des Durchsetzungsvermögens zurück. Wer das Training absolviert hatte, zeigte anschließend mehr Bereitschaft, die eigene Position zu vertreten. Genau diese Veränderung hing wiederum mit dem Aufstieg auf eine höhere Führungsebene zusammen.
Durchsetzungsvermögen bedeutet nicht, lauter zu sein
Das Ergebnis lässt sich leicht missverstehen. Die Studie sagt nicht, dass Menschen Karriere machen, weil sie besonders forsch auftreten oder andere in Diskussionen über den Mund fahren.
Durchsetzungsvermögen wird in der Forschung vielmehr als Kommunikationsstil verstanden, bei dem Menschen ihre Gedanken, Bedürfnisse und Standpunkte klar äußern und gleichzeitig den Respekt vor anderen wahren.
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Wer in einer Besprechung eine andere Meinung vertritt, etwas gezielt hinterfragt oder für die eigene Idee einsteht, kann also durchaus durchsetzungsstark auftreten, ohne aggressiv zu sein. Genau diese Unterscheidung ist für die Studie wichtig. Debattieren soll Menschen offenbar dabei helfen, einen Mittelweg zwischen passivem Verhalten und aggressivem Auftreten zu finden.
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Warum Debattieren dabei helfen kann
Beim Debattieren geht es darum, eine Position zu formulieren und sie auch dann zu vertreten, wenn jemand anderer Meinung ist. Das zwingt dazu, Gedanken zu strukturieren und auf Einwände zu reagieren.
Hinzu kommt: Debatten sind zeitlich begrenzt. Wer seine Argumente in kurzer Zeit überzeugend vermitteln möchte, muss sich auf die entscheidenden Punkte konzentrieren. Auch Sprechtempo, Betonung und eine klare Ausdrucksweise spielen eine Rolle.
Die Forscher vermuten deshalb mehrere Mechanismen, durch die Debattiertraining das Durchsetzungsvermögen stärken kann. Menschen verlassen ihre Komfortzone, üben den Umgang mit Widerspruch und lernen, ihre Position auch in einer kontroversen Situation klar zu vertreten.
Das kann im Arbeitsalltag einen Unterschied machen. Denn wie wir in vielen Artikel zum Thema Aufstieg schon geschrieben haben, garantiert fachliche Leistung allein noch nicht, dass jemand als Führungspersönlichkeit wahrgenommen wird.
Ein zweites Experiment bestätigt den Zusammenhang
Die Wissenschaftler wollten allerdings ausschließen, dass sich die Ergebnisse lediglich dadurch erklären lassen, dass Menschen durch irgendeine Form von Training selbstbewusster werden.
Deshalb führten sie ein zweites Experiment mit 975 Studierenden durch. Die Teilnehmer wurden zufällig drei Gruppen zugeteilt:
- einer Debattiergruppe,
- einer Gruppe mit einem Training ohne Debattenbezug
- und einer Gruppe ohne Training.
Anschließend nahmen die Studierenden an Gruppenaktivitäten teil, in denen keine Führungsperson vorgegeben war. Die Forscher untersuchten, wer sich dabei als Führungspersönlichkeit herauskristallisierte.
Auch hier zeigten die Teilnehmer des Debattiertrainings mehr Durchsetzungsvermögen und wurden häufiger als Führungspersönlichkeiten wahrgenommen. Die Auswertung stützte zudem die Annahme, dass das gesteigerte Durchsetzungsvermögen einen wesentlichen Teil des Effekts erklärt.
Interessant ist dabei der Vergleich mit der anderen Trainingsgruppe. Dadurch konnten die Forscher besser unterscheiden, ob tatsächlich das Debattiertraining eine Rolle spielte oder ob bereits irgendeine Weiterbildung ausreicht, um das Verhalten der Teilnehmer zu verändern.
Die Studie hat eine wichtige Einschränkung
So eindeutig das Ergebnis zunächst klingt: Es lässt sich nicht ohne Weiteres auf alle Arbeitnehmer und Unternehmen übertragen.
Das erste Experiment fand in einem einzigen US-Unternehmen statt. Die Teilnehmer wurden zudem über die asiatische Mitarbeiterorganisation des Unternehmens rekrutiert. Das zweite Experiment war breiter angelegt und umfasste Menschen mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen.
Die Forscher fanden dort keine signifikanten Unterschiede in der Wirkung des Debattiertrainings zwischen Männern und Frauen, zwischen in den USA und außerhalb der USA Geborenen sowie zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen. Das spricht dafür, dass der beobachtete Effekt nicht auf eine einzige dieser Gruppen beschränkt war.
Trotzdem bleibt der kulturelle Kontext relevant. Die Forscher betonen selbst, dass Durchsetzungsvermögen insbesondere in US-amerikanischen Organisationen als wichtige Führungseigenschaft gilt.
Wer gut führen will, muss nicht der Lauteste sein
Genau hier wird die Studie auch für Unternehmen interessant. Denn sie zeigt nicht, dass besonders durchsetzungsstarke Menschen automatisch die besseren Führungskräfte sind.
Die Forscher unterscheiden ausdrücklich zwischen dem Entstehen von Führung und der Wirksamkeit von Führung. Ihre Experimente untersuchen, wer eher als Führungspersönlichkeit hervortritt oder in einem Unternehmen auf eine höhere Führungsebene gelangt. Ob diese Menschen anschließend auch besonders gute Führungskräfte sind, beantwortet die Studie nicht.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Ein Mitarbeiter, der in Meetings schnell das Wort ergreift und seine Position überzeugend vertritt, kann leichter als Führungspersönlichkeit auffallen. Ein anderer, der besonders gut zuhört, kooperativ handelt und unterschiedliche Perspektiven zusammenführt, kann für ein Team trotzdem die bessere Führungskraft sein.
Was Beschäftigte daraus lernen können
Für Beschäftigte liefert die Studie dennoch einen interessanten Hinweis: Wer beruflich aufsteigen möchte, sollte nicht darauf vertrauen, dass die eigene Leistung automatisch sichtbar wird.
Es kann sich lohnen, die eigene Meinung klar zu formulieren, Fragen zu stellen und auch bei Gegenwind für die eigene Position einzustehen. Debattiertraining könnte dabei eine Möglichkeit sein, genau diese Fähigkeiten systematisch zu erlernen.
Für Unternehmen liegt die Schlussfolgerung allerdings an einer anderen Stelle. Sie sollten bei der Auswahl künftiger Führungskräfte nicht ausschließlich darauf achten, wer besonders präsent und durchsetzungsstark auftritt.
Die Studie zeigt damit vor allem eines: Wer führen will, muss nicht der Lauteste sein. Er sollte aber in der Lage sein, seine Position klar und selbstbewusst zu vertreten.

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